Mittwoch, 13. September 2017

Schreibwerkstatt in Hamburg-Altona: Neuer Kurs ab dem 17. Oktober 2017



Am 17.Okober 2017 beginnt ein neuer Kursabschnitt 1 der Schreibwerkstatt "Das Textprojekt".

Der Kursabschnitt 1 "Von der Idee zum ersten Entwurf" wendet sich an Schreibanfänger und Schreibende, die ihre handwerklichen Fertigkeiten verbessern wollen.

Inhaltlich beschäftigt sich der erste Kursabschnitt vor allem mit dem Entwurf lebendiger Charaktere, der Gestaltung glaubwürdiger, aufregender Konflikte, dem Handlungsaufbau sowie allgemeinen dramaturgischen und handwerklichen Problemen und Erzähltechniken.

Die Unterrichtseinheiten werden begleitet von Hausaufgaben, in denen die Teilnehmer die erlernten Techniken ausprobieren können - gerne auch im Rahmen eigener, bereits bestehender Projekte. Die so entstandenen Texte werden in der Gruppe besprochen.

Die Themen im Einzelnen:

• Schreibmotivationen
• Authentizität und Fiktion
• Schreibmethoden
• Literarische Themen
• Charaktere: Protagonist und Antagonist
• Charakterisierung
• Charaktertiefe
• Konflikte und ihre Entwicklung
• Konfrontationen
• Entwurf des Handlungsverlaufs
• Dramaturgische Architektur literarischer Texte: Szenen, Spiegelungen, Schwellen
• Plot und Gegenplot
• Spannungsbögen
• Das Setting: Zeit und Ort der Handlung
• Schauplätze
• Der Anfang
• Schreibhemmungen

Ort: Atelierhaus Breite Straße 70
Kursdauer: 2 Monate (8 x 2 Stunden)
Teilnahmegebühr: 140,- €
Zeit: Dienstags 19:30 - 21:30
Bei großer Nachfrage kann ein weiterer Kurs (Mo.) eingerichtet werden.

ANMELDUNG am besten per E-Mail: thomas.piesbergen (at) gmx.de
oder telefonisch unter: 040-400 808

Donnerstag, 7. September 2017

Let the circle be unbroken - Eröffnungsrede zur Ausstellung "Maria Fisahn: Großer Roter Fleck - Tanz der Teilchen in den Feldern" von Dr. Thomas Piesbergen

Die Ausstellung "Großer Roter Fleck - Tanz der Teilchen in den Feldern" von Maria Fisahn im Einstellungsraum e.V. findet statt im Rahmen des Jahresthemas Drehmoment, September 2017

Membran, Maria Fisahn, 2017

Zu den ältesten künstlich geschaffenen Objekten der Vorgeschichte gehören, neben den „Choppern“, den Vorläufern der Faustkeile, die sogenannten Sphäroide. Dabei handelt es sich um Steine von etwa 3 bis 7 cm Durchmesser, die eine nahezu runde Form aufweisen.
Sie werden heute in der Regel als Schlagsteine interpretiert, die dazu dienten, andere Werkzeuge zuzurichten, doch in manchen Fällen bestehen sie aus Materialien, wie z.B. Löss, die eine Verwendung als Werkzeug sehr unwahrscheinlich machen.
Die Archäologin Marie E.P. König sah in ihnen den ersten Versuch, das Numinose, die dem Menschen gegenüberstehende unsichtbare Kraft, in einem manifest gewordenen Begriff zu objektivieren. Nach ihrer Interpretation stellt die Kugel den ersten Elemantargedanken der menschlichen Kultur dar, die erste konkret gewordene ideelle Äußerung, in der alle Beobachtungen und die daraus abgeleiteten Vorstellungen in einem diffusen Begriff zusammengefasst werden konnten: ein erster Ausdruck der Erfahrung universeller Einheit.

Dieser im Kreis ausgedrückten kosmologischen Einheit aller Erscheinungen begegnen wir auch in den Weltkonzepten und Raumordnungsprinzipien der wenigen noch dokumentierten hierarchielosen Gesellschaften wieder, wie z.B. bei den philippinischen Aeta oder den Buschmännern der Kalahari. Ihre bescheidenen Hütten, ihre Dörfer, ihre Tänze, ihre Vorstellung der Welt und die Zyklen des Lebens haben alle die Form des unsegmetierten Kreises.

In der griechischen, ägyptischen und germanischen Mythologie sowie in der Alchimie erscheint der Kreis als Ouruboros, die Weltenschlange, die sich selbst in den Schanz beißt und mit ihrem Leib nicht nur den ganzen Kosmos umschließt, sondern auch die zyklische Natur der Zeit repräsentiert, also ein Symbol für die Raumzeit und damit für die uns vorstellbare Existenz schlechthin ist.

Eine ähnlich universelle Bedeutung kommt dem Kreis auch in der japanischen Kaligraphie zu, in der das Zeichen Enzo für den Gegenwärtigen Moment steht, für die Erleuchtung, das Universum und die Leere, die großen synonymen Begriffe zen-buddhistischer Welterfahrung.

Man kann also das Kreissymbol durchaus berechtigt als die Urform einer „Theorie of Everything“, verstehen, einen Vorläufer der großen vereinheitlichenden Weltformel, die eines der maßgeblichen Ziele der modernen Physik ist.

Wenden wir uns der Erscheinungswelt physikalischer Forschungsfelder zu, vor allem denen  der Mikro- und der Makrosphäre, begegnen uns auch dort Kreis und Kugel als formale Grundprinzipien:
Die Wahrscheinlichkeitswolken der Elementarteilchen sind kugelförmig, ihre Bewegungen im atomaren Zusammenhang beschreiben Ringbahnen, alle kosmischen Körper, Sterne, Planeten, Schwarze Löcher oder Quasare haben Kugel-, Ring- oder Kreisgestalt. Und auch in der Mesosphäre, in der wir sonst vor allem mit den vielgestaltigen Phänomenen der Emergenz konfrontiert sind, begegnen uns überall Kugel und Kreis als universelle Form- und Bewegungsprinzipien.
Besonders gut wird das Streben zum Kreis deutlich in der Bildung von Ringen auf der Wasseroberfläche: Egal welche Form ein Objekt hat, das man ins Wasser wirft: die von ihm ausgehenden Wellen sind immer ringförmig.

Dennoch leben wir in einer Welt, in der die Symmetrie der uranfänglichen Einheit so viel zahllose Male gebrochen worden ist, daß sie uns in dem Bereich der Mesosphäre als ein fortwährendes, sich nur unzureichend selbst organisierendes Chaos erscheint.
Denn selbst wenn unser Universum, dessen kleinste und größte Erscheinungen Kugelform haben, sich selbst, ausgehend von einem überall zu verortenden Zentrum, in Form einer n-dimensionalen Kugel ausbreitet und sogar unsere Raumzeit nach einem Modell von Stephen Hawking einer Kugel entspricht, bringt es in unserem Wahrnehmungsabschnitt Myriaden unterschiedlichster Formen und Erscheinungen hervor, die wir seit Anbeginn der Kultur mehr oder weniger verzweifelt versuchen in eine uns verständlich Ordnung zu bringen.

Derzeitiger Endpunkt dieser Bemühungen ist die bereits erwähnte Suche nach einer universellen, vereinheitlichenden Weltformel.
Am Anfang dieser Suche werden mit großer Sicherheit Rituale gestanden haben, in denen sich der Mensch seiner Zugehörigkeit zum Kreis des kosmologischen Ganzen, zum All versichert hat, oder, nach den ersten Symmetriebrüchen im Laufe der Entwicklung kosmologischer Konzepte, der Versuch, die verloren gegangene ursprüngliche Einheit wieder herzustellen, den Weltkreis wieder zu schließen.

Ein Instrument, das dazu weltweit Verwendung gefunden hat, ist die Schamanentrommel, eine schlichte runde Rahmentrommel die von sehr unterschiedlicher Größe sein kann. Sie gilt einerseits selbst als Abbild der kosmischen Ordnung, die sich in der Regel kreisförmig um die Sonne oder den Weltenbaum legt, andererseits ist sie, bzw. ihre Schwingung, das Reittier des Schamanen, auf dem er die ehemals mit der menschlichen Sphäre verbundenen, nun aber davon geschiedenen Regionen der Geister und Götter erreichen kann, um entstandenes Ungleichgewicht zwischen den Sphären wieder herzustellen.

Gleichzeitig erlauben die Schwingungen, die von der Trommelmembran ausgehen und mit der sie auf die Körper der Anwesenden einwirkt, die Überwindung der Individuation. Die Gemeinsame Erfahrung von Schwingung und Rhythmus öffnet einen kollektiven Erfahrungsraum. Die Geschichte dieser auf körperlichem Weg erreichten Überwindung der Vereinzelung des Menschen reicht von den gemeinsamen Tänzen hierarchieloser Gesellschaften aus der Frühzeit der Hominiden bis hin zu Phänomenen wie der Loveparade mit ihren entsprechenden massenpsychologischen Dynamiken.
Musik, Rhythmus und Tanz sind imstande, das Gefühl transpersonaler Einheit auszulösen und damit die vereinende Erfahrung einer universellen menschlichen Bedingtheit.

Das vereinende Moment, ob bei rituellen Tänzen der Altsteinzeit, bei militärischer Marschmusik oder in neuzeitlichen Diskotheken, sind die Effekte von Schwingungen.
Diesen Schwingungen begegnen wir ebenfalls wieder auf der Suche nach der großen vereinheitlichenden Theorie der Physik. Die Stringtheorie z.B. postuliert, stark vereinfacht dargestellt, daß der Materie eindimensionale Saiten zugrunde liegen, deren Vibrationen alle Erscheinungen unserer materiellen Welt hervorbringen.
Auch die nichtlokalen Quanteneffekte lassen sich nach der Stringtheorie durch die Eigenschaft von Schwingungen erklären.

Wenn auf einer Geigensaite ein A angestrichen wird, beginnt es nicht am einen Ende der Saite wandert bis zum anderen fort, sondern die Saite schwingt auf ihrer ganzen Länge in der Frequenz des Kammertons. Durch diese Eigenschaft wiederum werden Paradoxien überwunden, die ausgelöst werden durch die Limitierung menschlicher Vernunft auf ein linear raumzeitliches Ursache/Wirkungs-Denken.
Dinge, die auf der beobachtbaren Oberfläche der Welt nach unserem linearen Verständnis eigentlich keine Wechselwirkung miteinander haben dürften, werden beide von ein und demselben Phänomen ausgelöst, einer schwingenden Superstring, und korrelieren deshalb miteinander.

Alle bisher genannten universellen Phänomene finden in den Arbeiten von Maria Fisahn ihre Entsprechungen.

Der große rote Fleck des Jupiters

Schon der Titel der Ausstellung: „Großer Roter Fleck - Tanz der Teilchen in den Feldern“ verweist sowohl auf die Dimensionen planetarischen Ausmaßes, speziell auf den Jupiter und seinen gewaltigen roten Fleck, einen Wirbelsturm, der die doppelte Größe der Erde hat, als auch auf die Teilchen der subatomaren Ebene; er verweist auf den Mikro- und den Makrokosmos.
Die Hängung der Membranen ruft ebenfalls die Assoziation mit Planeten wach. Auch die darauf aufgebrachten Farbspuren lassen an kosmische Phänomene denken, wie interstellare Nebel und ähnliche Erscheinungen. Gleichzeitig ähneln sie stark den Spuren, die zerfallende Elemtarteilchen  wie Baryonen oder Neutrinos auf Photoplatten hinterlassen.

Bereits auf dieser augenscheinlichen Ebene begegnet uns die grundlegende Opposition von der ursprünglichen Symmetrie des Kreises und dem scheinbar unentwirrbaren Chaos unserer Welt.

Doch wie kommen die bunten Spuren, in denen wir unsere mesosphärische Wirklichkeit gespiegelt sehen können, überhaupt zustande? Mit dieser Frage wird ein Prozess in den Blickwinkel gerückt, der essentieller Bestandteil des Werkkomplexes ist.

Die Materialien, mit denen Maria Fisahn arbeitet sind zunächst die bereits genannten Membrane, die in der Art von Schamanentrommeln auf kreisförmige Rahmen gespannt werden. Darauf werden verschiedene Samen und Kerne ausgebracht. Ihre symbolische Bedeutung liegt auf der Hand: sie verkörpern das noch ruhende Potenzial, die anfänglich noch ungebrochene Symmetrie, aus der etwas Vielgestaltiges, sich Wandelndes, Emergentes hervorgehen wird.
Durch rhythmisches Trommeln wird die Membran in Schwingungen versetzt, wodurch die Kerne wiederum in ihrer Form entsprechende Bewegung versetzt werden. Sie beginnen, über die Membran zu wandern, zu tanzen und sich um sich selbst zu drehen.
Vorher jedoch, um ihre Bewegungsspuren aufzuzeichnen, werden sie mit farbigen Pigmenten eingestäubt.

Durch dieses Vorgehen wird uns auf verschiedenen Ebenen vor Augen geführt, wie aus einem einzigen, allen Entitäten zugrunde liegenden Impuls, in diesem Fall dem monotonen Trommelrhythmus, eine chaotisch anmutende Vielzahl von Erscheinungen hervorgehen kann.
Die Kerne und Samen entwickeln durch ihre Form zwar mitunter ähnliche Bewegungsmuster, doch jeder Einzelne weicht davon ab soweit es nötig ist, um seine Bewegung von denen der anderen zu unterscheiden. So sehen wir sie ungeordnet und eigenwillig durcheinander tanzen, wie auf einem Ameisenhaufen, wohl wissend, daß hinter dem vordergründigen undurchschaubaren Chaos der Ameisen eine strenge, minimalistische Grundordnung steckt, so wie auch das Chaos der tanzenden Teilchen von den gleichförmigen und eintönigen Schwingungen hervorgebracht wird; so wie auch die nach Regeln und Grundkonstanten geordnete Welt der Menschen aus der Ferne wie ein absurdes Durcheinander anmuten muß.

Doch neben dieser abstrakten Ebene erleben wir den Verweis auf ein vereinendes ursächliches Prinzip auch auf einer unmittelbaren sinnlichen Ebene:
Wie in einem schamanistischen Ritual erleben wir die Wirkung des monotonen Trommelns auf unseren Körper und können, dadurch fokussiert, uns der transpersonalen Erfahrung öffnen, die uns der gemeinsam erlebte Rhythmus anbietet.

Gleichzeitig erleben wir bei der Betrachtung der tanzenden Teilchen eine psychologische Übertragung menschlicher Impulse: Unwillkürlich nehmen wir die Dattelkerne, Kichererbsen oder Linsen wahr, als wären es kleine, eigenwillige Tiere, die nach einem unterstellten Willen handeln oder etwas erdulden. Die menschliche Natur ist so beschaffen, daß sie anthropomorphisiert, und so sehen wir uns selbst in den tanzenden Teilchen  gespiegelt und fühlen uns mit ihnen verbunden.

Dieses vorbewußte Gefühl einer Verbindung, verstärkt durch die Wirkung des hypnotischen Trommelrhythmus, kann sogar soweit gehen, daß sich Erfahrungsräume öffnen, in denen unsere linearen Wahrnehmungsroutinen suspendiert werden, und das Gefühl dafür verloren geht, ob man einem Kern mit den Augen folgt oder ihn dadurch nicht vielleicht sogar lenkt. Hier fügt der Logos schnell die Fußnote des beobachterabhängigen Universums ein, das sich seit den Forschungen des Quantenphysikers Erwin Schrödinger als Erklärung für das Zustandekommen der Wirklichkeit als relevante Alternative anbietet.

Und tatsächlich gib es diese Interaktion zwischen dem Betrachter und dem Geschehen auf der Membran - allerdings auf ganz anderen Wegen. So haben z.B. Wärme und Luftfeuchtigkeit einen großen Einfluß auf die Eigenschaften der Pigmente und damit auf die Bewegung der Kerne. Diese Aspekte werden ihrerseits beeinflußt durch die Menge des anwesenden Publikums, durch die Nähe der Beobachter oder durch Luftbewegungen, die von ihnen ausgelöst werden.

Wir erleben also im Vollzug des ritualisierten künstlerischen Prozesses eine seltsame Durchdringung von Ursache und Wirkung, von dem Gefühl für eine zugrundeliegende Einheit und einer damit scheinbar unvereinbaren Diversität, von Eigensinn und Gemeinschaft, und werden  uns dadurch dem durch alle Zeiten wirkenden Grundimpuls des Menschen bewußt, das empfundene Geworfensein in eine chaotische Wirklichkeit überwinden zu wollen; den geahnten Verlust einer vormaligen universellen Einheit wieder gut zu machen, und die erste, vereinende Ursache aller Erscheinungen zu suchen, sei es in Form einer Unio Mystica, sei es in Form der großen vereinheitlichenden Theorie der modernen Physik.

Das Ziel der Suche und das Bedürfnis nach einem Verständnis der menschlichen Bedingtheit ist seit Anbeginn der Menschheit dasselbe geblieben. Das einzige, was sich fortwährend verändert hat, sind unsere Mittel, danach zu suchen.

ⓒ Thomas Piesbergen / VGWort, September 2017








Mittwoch, 6. September 2017

Schreibwerkstatt in Hamburg-Altona: Neuer Kurs ab dem 17. Oktober 2017






Am 17.Okober 2017 beginnt ein neuer Kursabschnitt 1 der Schreibwerkstatt "Das Textprojekt".

Der Kursabschnitt 1 "Von der Idee zum ersten Entwurf" wendet sich an Schreibanfänger und Schreibende, die ihre handwerklichen Fertigkeiten verbessern wollen.

Inhaltlich beschäftigt sich der erste Kursabschnitt vor allem mit dem Entwurf lebendiger Charaktere, der Gestaltung glaubwürdiger, aufregender Konflikte, dem Handlungsaufbau sowie allgemeinen dramaturgischen und handwerklichen Problemen und Erzähltechniken.

Die Unterrichtseinheiten werden begleitet von Hausaufgaben, in denen die Teilnehmer die erlernten Techniken ausprobieren können - gerne auch im Rahmen eigener, bereits bestehender Projekte. Die so entstandenen Texte werden in der Gruppe besprochen.

Die Themen im Einzelnen:

• Schreibmotivationen
• Authentizität und Fiktion
• Schreibmethoden
• Literarische Themen
• Charaktere: Protagonist und Antagonist
• Charakterisierung
• Charaktertiefe
• Konflikte und ihre Entwicklung
• Konfrontationen
• Entwurf des Handlungsverlaufs
• Dramaturgische Architektur literarischer Texte: Szenen, Spiegelungen, Schwellen
• Plot und Gegenplot
• Spannungsbögen
• Das Setting: Zeit und Ort der Handlung
• Schauplätze
• Der Anfang
• Schreibhemmungen

Ort: Atelierhaus Breite Straße 70
Kursdauer: 2 Monate (8 x 2 Stunden)
Teilnahmegebühr: 140,- €
Zeit: Dienstags 19:30 - 21:30
Bei großer Nachfrage kann ein weiterer Kurs (Mo.) eingerichtet werden.

ANMELDUNG am besten per E-Mail: thomas.piesbergen (at) gmx.de
oder telefonisch unter: 040-400 808

Sonntag, 23. Juli 2017

Der Akteur im Archiv - Eröffnungsrede zur Ausstellung „Arne Lösekann - arch_IV“ im Rathaus Schenefeld von Dr. Thomas Piesbergen

Die Ausstellung "arch_IV" von Arne Lösekann wurde ermöglicht durch den Kunstkreis Schenefeld im Rathaus Schenefeld, Juli/August 2017


Unsere Gesellschaft sowie unsere subjektive Realität definieren sich durch die Art und Weise, wie innerhalb ihres Wirkungsbereichs einzelne Ereignisse und Aspekte miteinander verknüpft sind; durch ein Bezugssystem, das den verknüpften Elementen Bedeutung zuweist. Diese Bezugs- und Bedeutungssysteme lassen eine jeweilig spezifische Struktur entstehen, die wir auf phylogenetischer Ebene als unsere Kultur begreifen, auf ontogenetischer Ebene als unser Selbst, unsere Identität.

In einem Zitat der buddhistischen Überlieferung heißt es, wir wären die Summe all dessen, was wir gedacht haben. Hier wird der gleiche Gedanke zu Ausdruck gebracht, doch kaum merklich durch etwas Entscheidendes ergänzt: durch die Tätigkeit des Denkens, durch eine Handlung.
Denn natürlich ist der Mensch nicht nur eine assoziative Struktur und die Kultur nicht nur eine Ansammlung von Bedeutungsmustern. Beide nehmen erst Gestalt an durch akute Handlung.

In seinem theoretischen Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ unterschied Jean Paul Sartre zwischen bloßen Gegenständen und Menschen, in dem er den Gegenständen ein „An-sich-sein“ zubilligte, den Menschen hingegen ein „Für-sich-sein“. Dieses menschliche „Für-sich-sein“ definierte er zunächst recht paradox als „das, was es nicht ist und nicht das, was es ist.“

Was er damit ausdrücken wollte ist der Umstand, daß der Mensch nicht aufgehen kann in dem, was er aus der Vergangenheit in sein gegenwärtiges Dasein getragen hat, also in der Sammlung dessen, was er erlebt und in Zusammenhang gebracht hat. Mensch zu sein bedeutet einen Bruch in der fugenlosen Existenz, denn der Mensch hat keine ihn konstituierende Essenz wie die Dinge. Er muß sich sein Wesen durch Handlung erst erwerben. Der Mensch muß sich in jedem Augenblick neu entscheiden und sein zukünftiges Leben entwerfen. Erst dieser Akt der Handlung in die Zukunft hinein macht ihn zum Menschen, erst darin kann er aufgehen.

Doch wer ist es denn, der in der Gegenwart auf dem Fundament all dessen, was er gedacht hat, agiert? Ist es überhaupt möglich, daß die Summe all dessen, was wir gedacht haben, in der Gegenwart präsent ist und zum Wirken gebracht werden kann? Oder sind es immer nur einzelne Bewegungen in dem Bezugssystem unserer Erinnerungen, die sich auf unsere Handlungen und damit auf unsere Wirklichkeit und gegenwärtige Identität auswirken?

Der tschechische Schriftsteller Karel Capek schrieb 1934 in seinem Roman Ein gewöhnliches Leben:
„Wie viele Lebensgeschichten sind es nun: vier, fünf, acht. Acht Leben, die mein Leben bilden; und ich weiß, wenn ich mehr Zeit und einen klaren Kopf hätte, fände ich noch eine ganze Reihe, völlig zusammenhangslose, solche, die nur einmal existierten und nur einen Augenblick währten (…)
Das Leben eines Menschen ist eine Menge verschiedener möglicher Leben, von denen nur eins, oder einige verwirklicht werden, während die anderen sich nur spärlich, nur für eine Weile oder überhaupt nicht offenbaren. So ungefähr stelle ich mir die Geschichte eines jeden Menschen vor.“

Aufgrund ähnlicher Überlegungen bezeichnete der portugiesische Dichter Fernando Pessoa das menschliche Sein als eine Kolonie verschiedener Selbste, und Michel Montaigne bemerkte in seinen Essays, es gebe zwischen uns und uns selbst eben so viele Unterschiede, wie zwischen uns und den anderen.

Für das Alltagsleben der meisten Menschen haben diese Überlegungen nur eine geringe Bedeutung, da sie sich meist in Kontexten bewegen, in denen Aufgaben und Betätigungsfelder von außen an sie herangetragen und gewisse Entscheidungen und Ergebnisse von ihnen erwartet werden. Dadurch, daß ihr Umfeld vorgegeben ist und ihre Handlungen und Entscheidungen nur in einem klar abgegrenzten Rahmen stattfinden können, sind etliche Parameter ihrer Identität festgelegt und nur unter erheblichen Mühen und Verwerfungen zu ändern.

Für den Künstler allerdings ist die Frage nach den Entscheidungen und Handlungen, mit denen er sich sein Wesen und seine Identität erwirbt, stets akut und essentiell, denn mit jedem abgeschlossenen Projekt stellt sich ihm die Frage von neuem: Was gilt es jetzt zu tun und wer werde ich sein? Welche Emanation der Kolonie meines Selbsts tritt in dem nächsten Projekt hervor?
Denn wenn sich unser Selbst durch das „Für-sich-sein“ Sartres definiert, treten unsere Persönlichkeit und Identität in unseren Entscheidungen zutage, durch das, was wir tun und wie wir es tun; im Falle des Künstlers also durch seine Kunst. In ihr manifestieren sich seine Wahrnehmungs-routinen, seine Haltung gegenüber der Welt, sein Selbstbild, seine Motive und seine Gestaltungsabsichten.

Auch auf einer anderen Ebene ist die Frage nach der temporären Identität für den Künstler relevanter als für die meisten anderen Menschen. Denn während sich jene lediglich mit erinnerten, verschwommenen und changierenden Bildern auseinandersetzen und sich daraus eine Vorstellung ihrer Vergangenheit und ihrer Identität auf der Folie der Gegenwart machen, die zu steter, unmerklicher Wandlung fähig ist, sind Künstler mit ihrem Werk konfrontiert, in dem vergangene, temporäre Selbste eine konkrete und unwandelbare Gestalt angenommen haben.

Aus diesem Grund beschäftigen sich Künstler nur selten intensiv mit ihrem Gesamtwerk, da es sie vor die Aufgabe stellt, ihr gegenwärtiges Selbst stets mit einem temporären vergangenen Selbst abzugleichen und sie dadurch den nötigen freien Denkraum verlieren, neue Projekte zu entwickeln und veränderte oder neue Versionen ihrer Persönlichkeit in Erscheinung treten zu lassen. Dementsprechend befolgen sie meist Sartres Forderung, das Vergangene zu negieren und sich selbst in eine mögliche Zukunft hinein zu entwerfen.

In seiner Ausstellung „arch_IV“ versucht Arne Lösekann hingegen sich genau dieser Aufgabe des Abgleichs zu stellen und in einen aktiven und schöpferischen Dialog mit diesen vergangenen Emanationen seines künstlerischen Selbst zu treten.

Arne Lösekann, Installationsansicht Arch_IV, Rathaus Schenefeld, 2017

Doch um überhaupt in einen solchen Handlungsprozess einzusteigen, ist es notwendig, sich ein Archiv zu schaffen, das ein Agieren erlaubt. Das erfordert bereits nach jeder abgeschlossenen Installation die Entscheidung, welche Elemente nötig sind, um die Installation zu einem späteren Zeitpunkt nachvollziehbar zu machen. Denn im Gegensatz zu Bildern, deren Bedeutung in der Regel immanent und vom Kontext unabhängig ist, sind Installationen immer abhängig von den spezifischen Gegebenheiten des Ausstellungszusammenhangs.

In ihnen kommen Haptik, Gerüche und Geräusche zum tragen, sie interagieren mit dem Betrachter und dem Raum und haben mitunter zeitliche Aspekte, in vielen Fällen sind sie sogar nur für einen speziellen Ort oder einen bestimmten Zusammenhang entwickelt worden, ohne den sie nicht zu entschlüsseln sind.

Zuerst muß also eine Auswahl stattfinden: Welche Elemente sind imstande, den ganzen Installationskomplex in der Vorstellung eines Betrachters wieder zum Leben zu erwecken? Welche Elemente transportieren das Konzept, die Idee am schlüssigstens?
In dem Moment, in dem die Auswahl getroffen wird, tritt die Installation in eine nächste Phase und ordnet sich der Logik eines nächsten, übergeordneten Werkprozesses unter, nämlich dem Werden eines Archivs, das nicht nur die Funktion des Aufbewahrens erfüllen soll, sondern als Ausgangsmaterial für das weitere künstlerische Handeln gedacht ist. Es soll die archivierten Fragmente bereithalten, es soll dem Künstler auch angesichts seines vergangenen Werks die Möglichkeit geben, sich selbst nicht zum Betrachter zu degradieren, sondern Akteur zu bleiben.

Arne Lösekann, Performance zu Arch_IV, Rathaus Schenefeld, 2017

Es ist inzwischen hinlänglich bekannt, daß unsere Erinnerungen keinesfalls so verläßlich sind, wie wir gerne glauben möchten. Wir reduzieren sie, wir füllen die Lücken zwischen den Fragmenten, wir glätten sie, in dem wir sie in unseren Nacherzählungen glaubwürdiger machen, wir verdrängen die unbequemen Ereignisse, wir begründen irrationale Entscheidungen im Nachhinein, wir rechtfertigen uns, und wir machen Fehler, vertauschen Gesichter, Orte, Zeiten.
Diese nicht-intentionellen und oft unerwünschten Charakteristika unseres Erinnerungsvermögens, mit denen wir sehr großzügig die Vergangenheit überformen und neu ordnen, versucht Arne Lösekann ganz gezielt und bewußt auf den Umgang mit seinem künstlerischen Oeuvre zu übertragen, um sich einen Handlungsspielraum zu schaffen.

So wie wir einzelne Erinnerungen und Eindrücke einer akuten Gegenwart miteinander in Verbindung bringen, um darin vielleicht einen roten Faden unseres Selbsts zu entdecken oder wenigstens vereinzelte Überein-stimmungen und Entsprechungen, so nähert sich Arne Lösekann seinen archivierten Installationen.

Arne Lösekann, Performance zu Arch_IV, Rathaus Schenefeld, 2017

Er wählt intuitiv einzelne Komplexe aus, die vergangene künstlerische Emanationen seines Selbst repräsentieren, und beginnt mit ihnen zu agieren, beginnt, sie spontan in Zusammenhang zu bringen mit anderen Komplexen, oder er isoliert jeweils einzelne Elemente auf der Suche nach neuen möglichen Zusammenhängen, die Aufschluß darüber geben können, wer er damals gewesen ist, oder darüber, welche Bewegungen sich über seine akuten Handlungen an den Objekten in die Zukunft fortsetzen könnten und, wie Sartre es fordert, ihm ermöglichen, sich selbst, ein mögliches Selbst, in die Zukunft hinein zu entwerfen.

Dieser Arbeit an der subjektiven Vergangenheit und künstlerischen Identität stellt er in einer Reihe von Transferdrucken die Auseinander-setzung mit einer Vergangenheit entgegen, zu der er nur mittelbaren Zugang hat.

Dort wo sonst die Portraits der ehemaligen Bürgermeister von Schenefeld zu sehen sind, hängen Transferdrucke historischer Fotografien auf Glasplatten. Sie stammen aus der Zeit von 1910 bis 1950 und zeigen Alltagsmotive aus dem Hamburger Stadtteil Barmbek. Im Rahmen seines Projektes „Zeitgeister“ ging Arne Lösekann immer wieder mit diesen Bildern um und sah schließlich die Notwendigkeit, daß auch dieses Handeln an den Bildern in einen zweiten Werkprozess überführt werden müsse.

Arne Lösekann, Zeitgeist_Fetzen, 2017


Historische Photographien werden von uns in der Regel als dokumentarisch gewertet, als authentisch. Doch was sagen sie uns tatsächlich, wie viel der Information, die sie möglicherweise transportieren, ist für uns überhaupt entschlüsselbar? Denn wenn ein erlebtes und erinnertes Bezugssystem fehlt, wie kann es möglich sein, sie in unsere Vorstellung der Vergangenheit einzufügen, einer Vergangenheit, die sich ohne Bruch aus den von uns durchlebten Regionen fortsetzt in die Zeiten vor unserer Geburt, vor der Geburt unserer Eltern und so fort bis sie schließlich in den Nebeln der Vorgeschichte nicht mehr zu fassen ist?

Das einzige, was uns bleibt, ist der Versuch, sie mit dem Ausschnitt der Wirklichkeit, den wir erfahren haben, in Zusammenhang zu setzen, auf dieser Basis neu zu konstruieren, oder sie in Narrationen einzubetten, deren Grundmuster uns als universell gelten. Diese Assoziationen und Überschreibungen der phantomhaften und erodierenden Bilder seiner „Zeitgeister“-Serie hat Arne Lösekann mit einem roten Permanentmarker und roter Latexfarbe aufgebracht.
Die Wahl der Farbe und die formale Erscheinung der Kommentare, die an Korrekturen am Rande von Klassenarbeiten erinnern, machen ein weiteres mal die unüberbrückbare Kluft zwischen unserer erlebten Gegenwart und der nur noch geisterhaft zu erahnenden Vergangenheit deutlich.

Gleichzeitig versinnbildlichen sie das Bedürfnis des Menschen, sich auch mit einer ihm entrückten Wirklichkeit, mit einer ihm fernen Zeit in Bezug zu setzen, sich durch die Haltung, die man ihr gegenüber einnimmt, und durch ein Nachspüren möglicher historischer Bewegungen, die bis in die von uns erlebte Gegenwart hinein wirken, die eigene Identität im Strom der Zeit besser verorten und umreissen zu können.

Und schließlich setzen sich diese roten Kommentare und Notizen fort auf den Fenstern des Ausstellungsraums und machen deutlich: Selbst diese Gegenwart wird sich uns irgendwann entziehen und versinken in einer nur noch mittelbar zu rekonstruierenden Vergangenheit. Selbst diese Gegenwart kann von uns nie derart durchdrungen werden, daß wir nicht doch möglicherweise die entscheidenden Ereignisse und Zusammenhänge übersehen und sie stattdessen mit nur subjektiv relevanten Bedeutungen und imaginierten Narrationen überschreiben.

Arne Lösekann, Künstler und Ausstellungsansicht Arch_IV, Rathaus Schenefeld, 2017

Doch gleichgültig, ob wir in das Archiv der subjektiven Erinnerungen eintauchen oder uns mit einer vermeintlich objektiven Vergangenheit beschäftigen, beide werden erst lebendig und erlangen für uns erst Bedeutung, wenn wir sie in die Gegenwart unserer akuten Handlung einbeziehen, genauso, wie wir erst zu unserem Wesen finden und unsere Identität erschaffen, in dem wir Bewegungen aus der Vergangenheit aufgreifen, sie abwägen, uns zu ihnen in Bezug setzen, und anhand ihrer unser Selbst in eine mögliche Zukunft projizieren.

ⓒ Thomas Piesbergen / VG Wort, Juli 2017





Mittwoch, 19. Juli 2017

23.7.17 Vernissage: "Arne Lösekann - arch_IV - Installationen" mit einer Einführungsrede von Dr. Thomas Piesbergen




Der Kunstkreis Schenefeld präsentiert im Ratssaal des Schenefelder Rathauses eine performative Installation und Transferdrucke des Hamburger Künstlers Arne Lösekann.


Ich freue mich, in das Werk mit einer Rede einführen zu dürfen.

Arne Lösekann [arch_IV]
Sonntag, den 23.7.2016 / 11:00
 
Rathaus Schenefeld
Holstenplatz 3-5
22869 Schenefeld