Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an.
März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3
Oktober-Dezember: Kursabschnitt 1 / Januar-Februar: Kursabschnitt 2
Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de
DERZEIT KEINE KURSE WEGEN CORONA-PANDEMIE

Sonntag, 15. März 2020

Veranstaltungstip für Mutige: 19.3.2020 - Garage 13 in der Mathilde

LITERARISCHES ERLEBNISSCHAUMBAD

Die Garage 13 ist ein Hamburger Autorenkollektiv - beheimatet in HH-Bahrenfeld und hervorgegangen aus einem Kurs der Schreibwerkstatt "Das Textprojekt". 

Seit 2017 produzieren die Fünf unter anderem Kurzgeschichten mit Reizworten und Genrezugehörigkeit. Nachdem sich einige Reizwortgeschichten angesammelt hatten, veröffentlichte die G13 Ende 2018/ Anfang 2019 einen Band mit 35 Kurzgeschichten.

Donnerstag   19.03.2020 - 20:15 Uhr
Mathilde Bar Ottensen, Kleine Rainstraße 11



Donnerstag, 5. März 2020

Mit Sprit zum Spirit - Eröffnungsrede von Dr. Thomas Piesbergen zur Ausstellung „Klaus Becker - Das Diamantene Fahrzeug“

"Bedingt abhängiges Entstehen", Klaus Becker, 2020


Das diesjährige Jahresthema des Einstellungsraums lautet „Sprit und Spirit“. Beide Worte sind abgeleitet aus dem lateinischen Verb „spirare“, was „hauchen“ oder „atmen“ bedeutet, und beide sind vielfach eng miteinander verknüpft. Dennoch führen die verschiedenen Bedeutungen im heutigen Sprachgebrauch in stark voneinander abweichende Zusammenhänge, worin sich schließlich eine Eigenart des westlichen Denkens enthüllt.

Zunächst entwickelte sich aus dem Verb „spirare“ der Substantiv „Spiritus“, also der Lebensgeist. Diese Übertragung des Atems auf den Geist geht allerdings auf ältere Wurzeln zurück. In der Tora tauchen gleich drei bedeutungsgleiche Wörter auf: „ru´ach“, „neschama“ und „nefesch“. Alle bedeuten ursprünglich „Atem“ und alle bezeichnen die sog. Vitalseele oder Körperseele. Entsprechungen zu „ru´ach“ finden wir im Ugaritischen „rh“, das „Wind“ oder „Duft“ bedeutet, im Phönizischen steht das gleiche Wort für „Geist“.
Das hebräische „nefesch“ wiederum geht auf das akkadische „napaschu“ zurück, das „Aufatmen“ und „weit werden“ bedeutet.
Der Zusammenhang zu dem Lebensatem, mit dem Gott den aus Erde geformten Menschen belebte, in dem er ihm den Geist durch die Nase einblies, liegt in dem genannten levantinisch-altorientalischen Kontext auf der Hand, und setzte sich so von den altorientalischen Sprachen über das Griechische „pneuma“ und Lateinische „spiritus“ bis in unsere modernen Sprachen fort.

Nachdem sich im 15. Jhd. die Technik des Destillierens von Alkohol in Europa verbreitet hatte, wurde im 16. Jhd. die Bedeutung des Begriffs Spiritus auf den Weingeist erweitert, die „Körperseele“ des Weines, die, einmal extrahiert, dessen Essenz darstellt. Erst nach dieser begrifflichen Verknüpfung trat neben die spirituelle Bedeutung des Wortes die profane, und neben den Spiritus Sanktus trat schließlich der Brennspiritus bzw. verkürzt der Sprit, ob in der Schnapsflasche oder schließlich im Tank.

Hier beginnt sich nun die bereits erwähnte Eigenheit der westlichen Denkungsart zu zeigen. Denn solange der Geist als Alkohol in einem kirchlichen Kontext erscheint, z.B. als Messwein oder als von Mönchen getragene Brautradition, wird er geduldet oder sogar als geheiligt wahrgenommen. Sobald er aber nur in profanem Zusammenhang genossen wird, wird ihm schnell zugeschrieben, ein Machwerk des Teufels zu sein, wie es in vielen religiösen Gemeinschaften noch immer üblich ist.
Schließlich haben wir in dem Sprit als Treibstoff für motorgetriebene Fahrzeuge eine endgültig geistlose Profanisierung vorliegen: Der Fetisch des Benzinmotors und das Erdöl als Blut einer durch und durch materialistischen Weltordnung.

Stellen wir also Sprit und Spirit in der westlichen Denktradition heute nebeneinander, sehen wir eine Opposition von Geist und Spiritualität auf der einen Seite, auf der anderen die profane Materie und die von Pragmatismus getragene Wissenschaft.

Diese westliche Trennung der Welt in zwei Sphären, die auf gar keinen Fall zu verwechseln ist mit der östlichen Yin und Yang-Dualität, geht nach Joseph Campbell auf eine Vereinnahmung der alten, aus dem Tropengürtel stammenden organisch-vegetabilen Mythen durch die heroischen Mythen der indo-arischen Jäger aus den Steppen zurück.
Er schreibt: „In den älteren Mythen und Riten der Mutter waren die hellen und dunkleren Aspekte des bunt gemischten Lebensganzen gleichermaßen und gemeinsam geehrt worden, wohingegen in den späteren, männlich bestimmten, patriarchalen Mythen alles, was gut und edel ist, den neuen, heroischen Herrengöttern zugesprochen wurde, womit den ursprünglichen Naturmächten nur die Dunkelheit als Wesensmerkmal übrigblieb - und die wurde jetzt auch noch moralisch negativ bewertet.“

Diese grundlegende, patriarchale Trennung von Hell und Dunkel, von Gut und Böse fand im Osten jedoch nicht statt. Als illustrierendes Schlaglicht sei die indische Göttin Kali genannt, die sowohl die große, gebährende Muttergottheit ist, wie auch die mit Leichenteilen geschmückte Verschlingerin. Sie ist Shakti, die Gemahlin, und Kalima, die Mutter des Shiva, und gemeinsam mit ihm gebar sie das Universum, so wie sie auch alles, was darin vergeht, wieder in sich aufnehmen wird.
Und so wie das Helle und das Dunkle in Kali vereint sind, so sind diese beiden Antagonismen auch in allem Irdischen anwesend und wirksam, wie es am deutlichsten in dem bereits genannten Denksystem des Taoismus mit seiner Yin und Yang-Dualität beschrieben wird.

Im westlichen mythologischen Komplex hingegen, der den Nahen Osten bis Persien einschließt, hat sich in der unvereinbaren Opposition von Gut und Böse die menschliche Welt zu einem profanen Tertium Quid herausgebildet. Sie ist nur noch das Schlachtfeld, auf dem sich Gut und Böse gegenüberstehen, wie wir es exemplarisch im Kampf zwischen Ahura Mazda und Ahriman in der zoroastristischen Mythologie sehen, die sich in der Opposition von Gott und Teufel in der Bibel wiederfindet.
 
Im selben Schritt hat sich aber auch eine Trennung zwischen dem göttlichen Schöpfer und seiner Schöpfung vollzogen. Die schöpfende, hervorbringende Kraft, die erste Ursache, ist der Welt nicht mehr inhärent, wie in den östlichen Vorstellungen, sondern ist von ihr getrennt. Ursache und Wirkung sind voneinander geschieden, wie auch die schöpfende Einheit und die geschaffene Vielheit unvereinbar geworden sind. Demzufolge ist das Göttliche in der Regel auch nicht durch unmittelbare profane Welterfahrung zu erkennen, wie in den östlichen Religionen, sondern durch das Befolgen der heiligen Gesetze, die der heroische, patriarchalische Gott den Menschen gegeben hat.
Diese Vorstellung von dem Einen und dem Anderen ist vielleicht der zentralste Wesenszug der westlichen Denktradition. Er hat mathematisch seinen essentiellsten Ausdruck in dem Entweder-Oder der Boole´schen Algebra gefunden, psychologisch und philosophisch in der Opposition von Subjekt und Objekt, von Geist und Welt.

Genau mit dieser Opposition und ihrer Überwindung beschäftigt sich Klaus Becker auf vielgestaltige Weise in seinem Werk, vor allem aber mit seinen Polyedern.
Sie entstehen, ausgehend von einem Würfel, durch eine schrittweise tangentiale Annäherung an die Inkugel, also einen gedachten Körper mit unendlich vielen Symmetrieachsen, die sich alle in dessen Mittelpunkt schneiden. Die Inkugel berührt jeweils den Mittelpunkt jeder Würfelfläche. Um zu einem nächsten Polyeder zu gelangen, der sich der Inkugel einen Schritt weiter nähert, werden die Ecken des Würfels so abgeschnitten, daß die neu entstandenen Flächen, die rechtwinklig zur Symmetrieachse stehen, die gedachte Inkugel wiederum in ihrem Mittelpunkt schneiden.

Stellt man das Zustandekommen der einzelnen Schnitte mit ihren Bezugslinien zweidimensional dar, entsteht ein komplexes Muster, das an Fahrradspeichen oder ein Mandala denken läßt, und das unmißverständlich verdeutlicht: die äußere Form ist abhängig von dem gedachten Konzept des Inneren, von dem Mittelpunkt und seinen Symmetrieachsen. Die gegenüberliegenden Pole, an denen die Symmetrieachsen aus dem Körper austreten, und von denen es auf einer Kugel mathematisch betrachtet unendlich viel geben kann, werden, obwohl in Opposition befindlich, durch denselben Mittelpunkt definiert. Die Vielheit geht aus der Einheit hervor und die Einheit, der Mittelpunkt, wird wiederum durch die Vielheit konstituiert. Einheit und Vielheit bedingen einander.

Dem Spannungsfeld zwischen Vielheit und Einheit geht Klaus Becker auch in dem geistigen Erkenntnisprozess nach. Denn so, wie wir die Inkugel in das Polygon aus Stein hineindenken und aus einem Punkt die zahlreichen Flächen ableiten, so sind wir angesichts der uferlosen Vielgestalt der Welt unablässig bestrebt, vereinheitlichende Kategorien zu bilden, die wir der Vielzahl der Erscheinungen zugrunde legen.
Diese Denkoperation brachte das Weltmodell Platons mit seinen verursachenden Urbildern hervor, und ist genauso in unseren Modellen von Genetik und Evolution  allgegenwärtig. Wir wissen, daß wir alle aus einer einzigen Zelle hervorgegangen sind, die ihrerseits durch Zellteilung die ehrfurchtgebietende Vielzahl unterschiedlicher Körperzellen hervorgebracht hat, so wie auch für die Menschen gerne das Erbe einer einzigen prähistorischen Mutter postuliert wird, in der sich die entscheidende genetische Mutation ereignet hat, aus der schließlich alle Hominiden hervorgegangen sein sollen.

Dieser Prozess wiederholt sich in unserer kognitiven Annäherung an die Welt. Wir sehen Vielheit, bilden aber daraus Einheiten. Wenn wir einen Baum sehen, wissen wir, es gibt keinen zweiten Baum, der diesem einen gleicht. Jedes Wachstum bringt eine einzigartige Form hervor, dennoch ordnen wir das individuelle Gewächs der vereinheitlichenden Kategorie „Baum“ zu, ganz gleich, ob es eine Bonsai-Kiefer oder eine gewaltige Rotbuche ist.

Unser Bewußtsein oszilliert also zwischen der Vielheit und der Einheit. Durch Deduktion gelangen wir von der vereinheitlichten Idee zu der vielgestaltigen Wirklichkeit der Einzelfälle und leiten aus ihrer Diversität durch Induktion wiederum die vereinheitlichende Idee ab.
In der Wissenschaft und Philosophie bleiben es zwei strikt voneinander geschiedene Denkoperationen, selbst wenn sich in unserem Wahrnehmungskontinuum beide Vektoren der Rezeption ununterbrochen durchdringen, d.h. in unserem akuten Erleben sind sie nicht mehr durch ein Entweder/Oder voneinander getrennt.

Dieser Prozess der Spaltung der Einheit und deren Rekonstruktion, den unser westlich geprägter Geist vornimmt, findet in Klaus Beckers Werk in seinen sog. Denkzeichnungen seinen Ausdruck, in denen er gedankliche Operationen und Phänomene visualisiert. Beherrschend in diesen Zeichnungen ist das Dreieck, das die Bewegung vom Einen zum Vielen und umgekehrt repräsentiert, und gleichzeitig als Richtungspfeil der rezeptiven Vektoren gedeutet werden kann, also als Induktion und Deduktion. Eine Struktur von besonderer Bedeutung ist dabei Beckers sog. „Oszilliar“, das die Schwingung der Wahrnehmung zwischen Einheit und Vielheit sowie deren gegenseitige Durchdringung darstellt.

Behalten wir diese Idee des Oszillierens im Kopf, und machen einen Schritt zurück zu der im Westen vollzogenen Trennung von Schöpfer und Schöpfung, betreten wir den Raum des Diskurses über Ursache und Wirkung.

Ihre unabdingbare, lineare Verknüpfung ist lange Zeit das absolute Paradigma der westlichen Wissenschaft und Logik gewesen, bis es schließlich vor etwa hundert Jahren durch die Quantenphysik mit ihren „spooky actions at a distance“ zu einem erschütternden Paradigmenwechsel gekommen ist, dessen Konsequenzen wir bis heute nur sehr zögerlich und widerstrebend in unsere Denkgewohnheiten einlassen mögen, da sie ihnen grundlegend widersprechen.

Denn in der Welt der Quanten gibt es Wechselwirkungen zwischen einzelnen Teilchen, die ohne zeitliche Verzögerung und ohne Austausch von Energie stattfinden. Indem aber die Ereignisse nicht in ein davor und danach geordnet werden können, sie also zugleich geschehen, wird das zeitlich lineare Denken in Ursache-Wirkungs-Verkettungen ad absurdum geführt, und damit natürlich auch die Idee der vergöttlichten Ersten Ursache, die wir in eine unerreichbare Ferne jenseits von Raum und Zeit verlegt haben.

Diese Verschränkung können wir uns ebenfalls als ein Oszillieren vorstellen, als eine unabdingbare und unmittelbare Wechselwirkung zwischen Ereignissen, die unsere Denktradition, geprägt von der Vorstellung eines schöpfenden Gottes jenseits der Welt, in die lineare Abfolge von Ursache und Wirkung ordnet.

Im östlichen Denken, in dessen Kern sich die Abspaltung der Ersten Ursache von der verursachten Schöpfung niemals vollzogen hat, tritt die Idee vom inhärenten und überzeitlich Göttlichen vor allem in den entwicklungsgeschichtlich fortgeschrittensten Ableitungen des mütterlich-zyklischen Weltbildes in einer klar ausdifferenzierten Form wieder zu Tage, wie z.B. in den Traditionen des Zen-Buddhismus und des tibetischen Vajrayana-Buddhismus, auf den sich Klaus Becker mit dem Ausstellungstitel „Das Diamantene Fahrzeug“ ausdrücklich bezieht.

Das buddhistische Konzept, in dem Ursache und Wirkung aufgelöst werden, wird „bedingt abhängiges Entstehen“ genannt, wie auch der Name der zentralen Skulpturengruppe der Ausstellung lautet, und findet in der buddhistischen Ikonographie seinen Ausdruck in der sog. „Blumengirlande“, dem Keim des So-Gekommenen. Alles was ist koexistiert, nicht nur im räumlichen, sondern auch im zeitlichen Sinn, und bringt sich gegenseitig hervor.
So schrieb Junjiro Takakusu in seinen Essentials of Buddhist Philosophy: „Eigen, wie sie sind, und getrennt, wie die Zeit sie erscheinen läßt, sind alle Wesen doch zu einer Einheit zusammengeschlossen.“

So konstituieren sich Gegensatzpaare über die zeitliche Linearität hinaus und können ihre sie auszeichnende Charakteristik erst durch das Postulat des Gegenteils erhalten. Ohne Nordpol gibt es keinen Südpol, ohne Plus kein Minus, ohne Vorher kein Nachher. So heißt es ebenfalls bei Takakusu: „Wenn eines Innen wird, wird das andere Außen sein - und umgekehrt.“
Es gibt also keine zeitlich getrennte Abfolge von Ursache und Wirkung, sondern nur ein unmitelbar verschränktes, korrelierendes Jetzt, das alle Erscheinungen umschließt. Die Ursache bedingt die Wirkung, genauso wie die Wirkung die Ursache bedingt.

Dieser Gedanke liegt den Skulpturen zugrunden, die aus Polyedern und einer entsprechenden Abwicklungen aus Metall zusammengesetzt sind. Die abgewickelte metallene Schale weist auf die Oberflächen des Körpers hin, kann aber ebenso als verursachend für den Körper gelesen werden, so wie der Körper als verursachend für die Abwicklung gelesen werden kann. Weder das eine, noch das andere steht am Anfang.

Die Welt oszilliert zwischen diesen beiden Polen, von denen es aber unendlich viele geben kann, vergleichbar mit dem Spin der Elementarteilchen, die sich solange um unendlich viele Achsen drehen, bis sie beobachtet werden und sich um die Achse drehen, die wir durch unsere Beobachtung bestimmt haben. Eine willkürlich konstruierte Polarität, wie auch das Innen und Außen, von dem Bodhidharma, der Begründer der Zen-Tradition sagt:

„Die Wirklichkeit hat weder ein Inneres
noch ein Äußeres
noch ein Zentrum.“

Die uns unvereinbar scheinenden Polaritäten zwischen Geist und Welt, zwischen Logik und Intuition, zwischen Wissenschaft und Spiritualität, zwischen Sprit und Spirit, sind lediglich von uns konstruierte Gegensatzpaare, willkürlich getrennte Aspekte einer unteilbaren Ganzheit.

Die vom westlichen Denken errichtete Barriere zwischen eigentlich untrennbar zueinander gehörenden Bereichen des einen „bunt durcheinander gemischten Lebensganzen“, wie Joseph Campbell sich ausdrückt, das Paradigma der Trennung von Sprit und Spirit, hat Klaus Becker auch mit seiner Arbeitsweise überwunden.

Denn auch wenn er sich thematisch vor allem mit der spirituellen Perspektive auf die Wirklichkeit beschäftigt, die im westlichen Zusammenhang in die dunkle, irrationale Sphäre verdrängt worden ist, nähert er sich seinem Thema mit Mitteln, die der komplementären Sphäre des Logos entspringen, eine Haltung und Arbeitsweise, die im westlichen Denken nur Mystikern und Dichtern zugebilligt wurde, wie Novalis, der in seinen Fragmenten schrieb „Das höchste Leben ist Mathematik“ und „Reine Mathematik ist Religion“.

So gelangt Klaus Becker schließlich, um bei der einleitenden metaphorischen Belegung der Begriffe zu bleiben, mit Sprit zum Spirit.

ⓒ Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, März 2020

Donnerstag, 6. Februar 2020

Das Gold jenseits der Grenze - Eröffnungsrede zur Austellung "Elke Suhr - Die Sache mit dem Gold" von Dr.Thomas Piesbergen

Die Ausstellung "Die Sache mit dem Gold" von Elke Suhr findet statt im Einstellungsraum e.V. im Rahmen des Jahresthemas 2020: Sprit oder Spirit

Ausstellungsansicht, Elke Suhr "Die Sache mit dem Gold", Einstellungsraum e.V. 2020
 

Als Francisco Pizarro im Jahr 1531 mit kaum mehr als 170 Soldaten in das Reich des Inkas Atahualpa kam, brachte er nicht nur zahlreiche Krankheiten mit, die maßgeblich dazu beitrugen das damals größte Weltreich in kürzester Zeit auszulöschen, sondern auch eine vollkommen andere, mindestens ebenso zerstörerische Auffassung von einem seltenen Rohstoff: dem Gold.

Während das Gold für die Spanier nichts anderes war, als ein Mittel zur ökonomischen Sicherung und Ausweitung weltlicher Macht, hatte es für die indigenen Völker Südamerikas ausschließlich eine spirituelle Dimension.
Während das Silber dem Menschen und der Erde zugeordnet war, gehörte das Gold zu der Sphäre des Himmels und der Götter. Es war nicht Symbol des Heiligen, sondern es selbst war heilig. In der Anthropologie nennt man diesen Effekt eine mythische Identifikation. Für die Inkas war es entsprechend völlig unvorstellbar, das Gold im Sinne materiellen Reichtums zu besitzen. Genauso unvorstellbar wie es z.B. für die Spanier war, daß die Könige der Muisca bei ihrem Amtsantritt große Mengen an Gold in einem See versenkten, anstatt es in ihren Schatzkammern zu horten.

Verfolgt man jedoch die Spur des Goldes in der Kulturgeschichte der Alten Welt, gelangt man bald zu der Einsicht, daß die Vorstellung der Conquistadoren ähnliche Wurzeln hatten, wie die der südamerikanischen Völker. Denn auch in Europa und Asien kann das Gold auf eine lange Tradition der Assoziierung mit dem Heiligen zurückblicken.

Die ältesten Goldartefakte der Menschheit stammen von dem spätneolithischen Gräberfeld von Warna in Bulgarien um etwa 4500 v. Chr., und zwar aus dem Grab eines Mannes, den man wohl als Priesterfürsten ansprechen kann. Sie bestehen aus Armreifen, Knöpfen, runden Schmuckplatten, einem Zepter und vor allem einer markanten, mehr als handtellergroßen Goldscheibe. In der folgenden Bronzezeit sind scheiben- und kegelförmige Goldobjekte bereits über ganz Mitteleuropa verbreitet, wie die bekannten Goldhüte und Goldkegel oder die Scheibe des berühmten Sonnenwagens von Trundholm. Es liegt nahe, diese Goldscheiben als Repräsentationen einer vergöttlichten Sonne zu interpretieren.

Auch in dem altorientalischen Kulturkomplex mit seinem starken Bezug auf die Gestirne war das Gold explizit das Element der Sonne und Symbol des Sonnengottes Šamaš, dargestellt durch die geflügelte Sonnenscheibe, die genauso im alten Ägypten für den Sonnengott Ra steht und im Reich der Hethiter für den „Sonnengott des Himmels“.
Wann immer Gold in den archäologischen Befunden der frühen Kulturen auftaucht, geschieht es mit einem symbolischen Bezug auf die Sonne und einem ausgeprägt rituellen und religiösen Kontext.

Doch steht das Gold nicht nur für den Glanz der gottgleichen Sonne. In zahllosen Mythen wird es auch herangezogen, um den Glanz des Paradieses zu vermitteln.

Noch heute ist uns die antike Vorstellung eines Goldenen Zeitalters geläufig, in dem die Menschen noch in völligem Einklang mit sich selbst und der Natur lebten. Hesiod berichtet von einem ersten goldenen Menschengeschlecht, das sorglos in einem paradiesischen Zustand unter der Herrschaft des Kronos/Saturn lebte und die Angst vor dem Tod nicht kannte. Es wurde abgelöst von einem silbernen Geschlecht, dann von einem aus Bronze, das wiederum von einem heroischen und schließlich von dem heutigen, dem eisernen Geschlecht abgelöst wurde, wobei die Lebensdauer und die geistigen Fähigkeiten von Stufe zu Stufe abnahmen.

Aus dem christlichen Zusammenhang, der Offenbarung des Johannes, kennen wir wiederum die Vorstellung des Neuen Jerusalems, einer Stadt aus Gold und Edelsteinen, in der die Menschen in der Anwesenheit Gottes leben werden. Diese Vorstellung entspricht erstaunlich genau der buddhistischen Vision des Buddhalandes des Amithaba-Buddha, der auch als Sonnenbuddha oder Buddha des Unermeßlichen Glanzes verehrt wird. Die Hindus nennen das erlösende Paradies Uttarakuru, das Juwelenland, das bewässert wird von Seen mit goldenen Lotosblumen.

Auch in der jüdischen Kaballa ist das Gold mit dem Heiligsten assoziiert: zwei der Sefiroth des Lebensbaumes sind damit gekennzeichnet: die Sefirah Tiphereth, die das Gold, die Sonne, die Schönheit und Erzengel Michael, den Stellvertreter Gottes, repräsentiert, sowie die Sefirah Kether, die für die goldene Krone steht, den Uranfang, die Zahl 1 und den Erzengel Metatron, das Angesicht Gottes.
Das Kether als goldener Uranfang wiederum korrespondiert mit dem goldenen Ei des Brahma, das in den Veden als Ursprung aller Erscheinungen bezeichnet wird.

Doch schon in den hieratischen Stadtstaaten Mesopotamiens und signifikant in den altorientalischen Großreichen ist zu beobachten, wie das Heilige und die weltliche Macht sich überschneiden und die Symbole des einen auf das andere übergehen. So ließ sich der hethitische Großkönig z.B. mit dem Titel „Meine Sonne“ anreden und die geflügelte Sonne wurde zur Herrschaftsinsignie. Gleichzeitig wurden die Gesetze, die seinen Herrscheranspruch untermauerten, auf goldene Tafeln geschrieben. Das Gold wurde also auch zum Kennzeichen der weltlichen, politischen Macht eines göttlich legitimierten Herrschers. Die mythologische Identifikation des Goldes mit dem Göttlichen wurde aufgeweicht.

Diese schleichende Trennung spiritueller und weltlicher Bedeutung, die in der neuen Welt nie stattgefunden hat, nahm in der Alten Welt wahrscheinlich ihren Anfang in der Zeit der ersten chalkolithischen Stadtstaaten, und sie scheint offensichtlich unumkehrbar zu sein. Das Gold war nun nicht mehr nur mit dem Numinosen verknüpft, sondern auch mit der weltlichen Sphäre, mit rein materieller Macht, und es kann demzufolge auch in die Irre locken, wie im Alten Testament mit der Anbetung des goldenen Kalbes belegt ist. Hier ist die mythische Identifikation aufgehoben und ihre Mechanismen sind durchschaut: Das Gold ist nicht mehr an sich heilig, sondern es ist nur noch Symbol des Heiligen und kann deshalb auch mißbraucht werden, um Heiligkeit zu behaupten. Auf diesem Weg wird es zum Mittel ökonomisch errungener Machterhaltung.
Im 6. Jhd. wurde schließlich die letzte Schwelle zur Ökonomisierung überwunden, in dem der lydische König Kroisos Gold zu einheitlichen Münzen prägen ließ. Dieses zu Geld gewordene Gold war nur noch mit der währungsstiftenden ökonomisch-politischen Macht des Königs verknüpft.

Da die drei Aspekte der Macht, die politische, die ökonomische und religiöse Macht, jedoch bis in die Neuzeit eng miteinander verknüpft blieben, blieb auch die ideelle Bedeutung des Goldes weitgehend unberührt - und ist es bis heute. Reliquien, heilige Ikonen, Kuppeln von Kirchen, Moscheen und Stupas werden vergoldet, ebenso Kruzifixe, Buddhafiguren, Altäre. Auch der Hirtenstab und der Fischerring des Papstes sind aus Gold.
Das Gold symbolisiert nach wie vor das Angestrebte, das hehre Ziel, den metaphorischen Olymp. Entsprechend der Rangfolge, die Hesiod vorgab, streben Sportler nach Bronze, Silber und Gold. In der Wirtschaft werden bislang unübertroffene Verfahren als „Goldstandard“ bezeichnet und wer eine goldene Kreditkarte sein eigen nennt, muß sich über seine Kreditwürdigkeit keine Sorgen machen.

Doch das lichte Gold hat sich auch als spiritueller Topos erhalten. So ist z.B. das Ziel des Opus Magnum der Alchimie die Herstellung von Gold, bzw. des Steins der Weisen, mittels dessen sich andere Materialien zu Gold transmutieren lassen.
Daß dieser materielle Prozess als eine Metapher der seelischen Läuterung im Sinne der Hermetischen Tradition begriffen werden muß, wird bereits in den ältesten alchimistischen Schriften der Antike bekräftigt, so bei Zosimos von Panopolis aus dem 3 Jhd. n. Chr. Die vierte Stufe dieser von ihm beschriebenen seelischen Läuterung wird als Rubedo, die „Rötung“, bezeichnet, also die Umwandlung in rotes Gold. Für Gustav Meyrink bedeutet diese Zielvorstellung der Alchimie die Vereinigung des Menschen mit Gott, so wir sie im Neuen Jerusalem oder dem Land des Buddha Amithaba verwirklicht sehen.

C.G. Jung griff diese spirituelle Deutung des Opus Magnum für seine Psychoanalytische Methode auf. Er setzt das „Rubedo“ dem Selbst gleich und sah in dem Prozess der Individuation eine „Transmutation der Seele“. In der darauf basierenden psychoanalytischen Literatur taucht immer wieder der Begriff „Gold der Seele“ auf, der Schatz der im Archetypus des Schattens verborgen ist und gehoben werden muß.
An diesem Punkt fällt die Wissenschaft von der Seele mit den verschiedensten „inneren Wegen“ und mystischen Praktiken zusammen, die sich mit dem Numinosen nicht in einem elysischen Jenseits vereinigen wollen, sondern die darauf abzielen, das Göttliche in uns selbst freizulegen, mit ihm eins zu werden, ganz so wie Goethe in den Zahmen Xenien schreibt:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
die Sonne könnt es nie erblicken.
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
wie könnt uns Göttliches entzücken?

Die sich uns dergestalt offenbarende universelle symbolische Bedeutung des Goldes, die durch alle Zeiten und Räume wirksam ist, läßt sich wohl auf seine physikalischen Eigenschaften zurückführen.
Am augenscheinlichsten ist zunächst sein Glanz, den der Mensch nicht nur mit dem Licht der Sonne verbindet, sondern auch mit dem überirdischen Glanz mystischer Visionen; dann ist sicherlich die Eigenschaft des Goldes, nicht zu korrodieren, von Bedeutung. Weder verbindet es sich mit anderen Elementen, noch nimmt es Schaden, wenn es durch das Feuer geht. Diese Eigenschaften bieten sich an, um ihm die Attribute der Ewigkeit und der Treue zuzuschreiben, die wir z.B. in der Symbolik des goldenen Eherings repräsentiert finden.

Bevor ich mich von diesen verschiedenen Gedanken über das Gold der aktuellen Ausstellung von Elke Suhr zuwende, möchte ich noch kurz auf zwei weitere Aspekte hinweisen, die in den ausgestellten Arbeiten eine entscheidende Rolle spielen:

Zunächst sei auf einen Effekt hingewiesen, den das Gold durch all die genannten Eigenschaften und ihm zugeschriebenen Attribute zeitigt:
Es teilt die Welt auf in ein erstrebenswertes „Woanders“, eine Zeit oder einen Ort, wo es in Überfülle auftritt, und ein durch seine Abwesenheit als mangelhaft gekennzeichnetes „Hier und Jetzt“, das es zu überwinden gilt. Der Ist-Zustand ist ein abgetrenntes Leben im Schatten und im Mangel, fern des Numinosen. Der angestrebte, goldene Zustand, ob in unseren Schatten verborgen oder in einem fernen Jenseits, ob wahrhaftig oder trügerisch, ist getaucht in goldenes Licht und ist gekennzeichnet durch Überfülle und die Vereinigung mit dem Göttlichen. Dazwischen jedoch liegt eine Grenze.

Ein anderes, immer wieder kehrendes Element in den Arbeiten von Elke Suhr ist das Raster, das man, durch seine Assoziation mit dem Gold, und durch seine Verortung jenseits der Grenze, als dem Numinosen zugehörig lesen kann.
Denn das Reich des Göttlichen ist nicht nur weltweit repräsentiert durch den goldenen Schein, seine Reinheit und Ewigkeit, sondern auch durch die ewige göttliche Ordnung.

Im alten Ägypten bezeichnete man sie als „Ma´at“, in Sumer als „Me“. In beiden Fällen teilte sie sich dem Menschen in Form einer strengen mathematischen Ordnung mit. Aus diesem Zusammenhang floß die Zahlenmystik in den jüdisch-christlichen Kontext ein, um schließlich in der Kabbalah ihre elaborierteste Form zu finden. So lesen wir bei Isidor von Sevilla (560 - 636 n.Chr.): Die Bedeutung der Zahlen ist nicht zu verachten. An vielen Stellen in den heiligen Schriften wird nämlich deutlich, welch großes Geheimnis sie enthalten. Denn nicht umsonst heißt es in den Lobpreisungen Gottes: »Du hast alles nach Maß und Zahl und Gewicht gemacht.«
Von der mythogenetischen Zone des Alten Orients verbreitete sich das Konzept einer heiligen, ewigen Ordnung bald durch umfangreichen Kulturtransfer nach Osten und gelangte mit den vedischen Texten unter dem Begriff „Rita“ nach Indien. Daraus ging wiederum das Konzept des „Dharma“ hervor, wie wir es im Hinduismus und Buddhismus kennen, gebildet aus dem Verbalstamm „dhri“, der halten und stützen bedeutet. Die östlichste Form der strengen Weltordnung stellen schließlich die Hexagramme des I-Ging im taoistischen China dar, die erlauben, alle Naturerscheinungen als bloßes Chiffre zu lesen, als binär ausdifferenzierte Erscheinungen des Tao.

Diese drei Elemente: das Gold, die Grenze und die ewig währende Ordnung tauchen in allen Arbeiten Elke Suhrs in verschiedener Gewichtung auf. Und fast immer werden sie verbunden durch das Motiv des Aufstiegs, einer Bewegung, die von dem Wunsch motiviert ist, die Grenze zu überschreiten und in die Gefilde der numinosen Ordnung, der Einheit und des goldenen Glanzes vorzudringen.


Elke Suhr, O.T., 2020

Eines der Gemälde zeigt einen Turm aus Kuben, die aus einem blauen Grund in eine obere, goldene Sphäre streben. Darin sieht man flüchtige Kreuze, die Skizze eines Rasters, eher eine Projektion der vermuteten Ordnung, die von den Kuben imitiert wird. Doch der Turm, in dem wir vielleicht auch den Turmbau zu Babel sehen können, ist weit von der Ordnung des skizzierten Rasters entfernt. Seine Basis scheint bereits in einen chaotischen Zerfallsprozess übergegangen zu sein.


Elke Suhr, "Die Sache mit dem Gold", 2020

Auf einem anderen Bild sehen wir die Kuben wie isolierte Gefängniszellen im Wasser. Auch hier wird das Raster nachvollzogen, als Gitter, das die eingesperrten Figuren beim Blick in die Höhe wahrnehmen können. Die Bewegung aufwärts wird aufgegriffen durch leiterartige Masten, die aus den Kammern hinauf ragen. Über dem Horizont darüber, erhaben und makellos, erhebt sich ein goldenes Raster. Daß dieses Raster dem ganzen imaginären Bildraum zugrunde liegt und ihn gewissermaßen trägt, können wir in dem blauen Hintergrund der unteren Bildhälfte erahnen: wie durch bewegtes Wasser schimmert das Raster hervor, so wie der Mensch in der diesseitigen Welt manchmal wähnt, eine göttliche Ordnung hervor scheinen zu sehen.

Elke Suhr, "Ende der Landschaft", 2020

Ein weiteres Bild zeigt eine menschliche Figur, der der Aufstieg zur universellen Ordnung fast gelungen ist. Während ihr Unterleib noch in einem krummen und fahrig zusammen geschusterten Gitter stecken geblieben ist, kann sie ihren Kopf zu dem perfekten Raster darüber erheben. Der schauende Kopf selbst ist, im Gegensatz zu dem Körper, leer, geläutert.


Der Oberrheinische Meister, "Paradiesgärtlein", Spätgotik

Eine kleine Installation, inspiriert von dem Frankfurter Paradiesgärtlein des spätgotischen Oberrheinischen Meisters bringt die Aspekte des goldenen Paradieses, der Sonnensymbolik, der Grenze und der Ordnung zusammen. Wir sehen eine organisch oder flammend geformte Mauer um die sich die Uräusschlange gelegt hat, in der ägyptischen Mythologie das Auge Res und zugleich Trägerin der Sonnenscheibe. In ihrem Mund trägt sie ein goldenes Ei, zentrales Symbol des hinduistisch-brahmanischen Schöpfungsmythos.
Geschützt von der Mauer sehen wir kleine bedruckte Säckchen, gefüllt mit Salz, dem „weißen Gold“ Mitteleuropas, das bei den Römern und Griechen als Geschenk der Götter galt und bis ins Mittelalter als Zahlungsmittel diente, wovon noch heute der Begriff Salär zeugt, oder das englische Salary. Die kleinen Säckchen werden angeleuchtet von einer Taschenlampe, die als die unmittelbare Anwesenheit des numinosen Lichtes gelesen werden kann.
Die Schrift auf den Säckchen wiederum verweist auf das Buch, das die Maria im spätgotischen Paradiesgärtlein in Händen hält und das wir sicherlich als Bibel deuten können. In größerem Zusammenhang können wir es als stellvertretend für heilige Schriften im Allgemeinen begreifen. Den heiligen Schriften der großen Religionen ist wiederum zu eigen, daß in ihnen nicht nur vordergründig die Gesetze und damit die Ordnung für menschliches Verhalten vermittelt werden; es ist auch üblich, wie bereits erwähnt, ihnen eine zahlensymbolisch begründete Struktur zuzuschreiben, also den Nachvollzug der mathematisch göttlichen Ordnung.
Das vierte Element, die Grenze, die die beleuchteten Salzsäckchen umgibt, scheint in diesem Ensemble allerdings weniger eine zu überwindende Barriere zu sein, sondern vielmehr eine Schutzmauer, die einen Ort der Fülle, des Lichts und Erkenntnis zu behüten scheint.


Elke Suhr, Austellungsansicht "Die Sache mit dem Gold", Einstellungsraum e.V., 2020

Zwei weitere Arbeiten nutzen den metaphorischen Komplex von Gold und Aufstieg bzw. Überwindung der Grenze zur Einheit auf einer sehr persönlichen, psychologischen Ebene, die dem Umgang C.G. Jungs mit der Materie nahekommt.

Da sehen wir einen Spiegel in goldenem Rahmen, auf dessen Oberfläche, der Grenze zwischen Dieseits und Jenseits, das Wort „Schuld“ in Spiegelschrift geschrieben steht. Daneben hockt ein kleiner vergoldeter Vogel, ein schon in der Vorgeschichte geläufiges Symbol für die Seele. Hier wird der Rahmen zu einem goldenen Tor, der Blick in den Spiegel jedoch wird zu dem Blick auf einen abgespaltenen Doppelgänger, der uns mit der erratischen Schuldzuweisung den Blick auf unser vollständiges Selbst verstellt, aus dem wir das Gold der Seele zu heben erhoffen. Ein psychologische Vexierspiel, das eher individuell und subjektiv erfahren als vermeintlich objektiv gedeutet werden sollte.

Und schließlich begegnet uns im Keller die Verarbeitung eines Kindheitstraumas der Künstlerin in Aquarell, die Erinnerung an eine Bombennacht im Zweiten Weltkrieg, in der sie allein im Keller eines brennenden Hauses ausharren mußte, bis sie schließlich von ihrer Großmutter durch Finsternis und Rauch hinauf geführt wurde.
Hier begegnet uns der Aufstieg aus dem Schatten und dem Mangel des Ist-Zustandes in ein erlösendes Licht als erschütternde Realität. Das Licht erscheint jedoch als Zwienatur: es ist nicht nur die Antithese der Dunkelheit, sondern erscheint auch als zerstörerisches Feuer, das im Kontext des Aufstieges vielleicht als Fegefeuer gelesen werden kann, als das Feuer des Läuterungsberges, als eine Grenze anderer Art. Denn die Martern der Seele, die sie im Purgatorium erlebt, werden belohnt mit dem Aufstieg in das himmlische Paradies.

Und so möchte ich schließen mit der Vision der Himmelsleiter von Dante Alighieri wie er sie in dem Abschnitt „Das Himmlische Paradies“, einundzwanzigster Gesang, in der Göttlichen Komödie beschreibt.

Im Sternenspiegel, der die Welt umwandert
und jenes guten Herrschers Namen trägt *,
der alles Böse unter sich erstickte,
sah ich in goldner, lichtdurchwirkter Farbe
sich eine Leiter nach der Höhe recken,
so fernhin, daß mein Blick ihr nicht mehr folgte.
Und niedersteigen auf den Sprossen sah ich
so viele Lichter, daß ich dachte, alles
was glänzt im Himmel, strömte hier herab.
Übers.: Karl Vossler

*(gemeint ist Saturn, der gleichgesetzt wird mit Kronos, dem Herrscher des Goldenen Zeitalters und Vorgänger von Zeus)


ⓒ Dr. Thomas Piesbergen / VG Wort, Februar 2020

Donnerstag, 9. Januar 2020

Schreibwerkstatt in Hamburg-Altona: Neuer Kurs ab dem 2. März 2020

Am 2. März 2020 beginnt ein neuer Kursabschnitt 1 der Schreibwerkstatt "Das Textprojekt".

Der Kursabschnitt 1 "Von der Idee zum ersten Entwurf" wendet sich an Schreibanfänger und Schreibende, die ihre handwerklichen Fertigkeiten verbessern wollen.

Inhaltlich beschäftigt sich der Kurs vor allem mit literarischen Grundkonflikten, mit der Gestaltung lebendiger Charaktere und dem Entwurf überzeugender und packender Handlungsverläufe und deren Struktur sowie allgemeinen dramaturgischen und handwerklichen Problemen.

Die Unterrichtseinheiten werden begleitet von Hausaufgaben, in denen die Teilnehmer die erlernten Techniken ausprobieren können - gerne auch im Rahmen bereits bestehender Schreibvorhaben. Die so entstandenen Texte werden in der Gruppe besprochen.

Die Themen im Einzelnen:

• Schreibmotivationen
• Authentizität und Fiktion
• Schreibmethoden
• Literarische Themen
• Charaktere: Protagonist und Antagonist
• Charakterisierung
• Charaktertiefe und Transformation
• Konflikte und ihre Entwicklung
• Konfrontationen
• Entwurf des Handlungsverlaufs
• Spannungskurven
• Struktur: Szenen, Schwellen, Spiegelungen, Motive
• Mechanismen der Eskalation
• Plot und Gegenplot
• Spannungsbögen
• Das Setting
• Schauplätze
• Schreibhemmungen

Ort: Atelierhaus Breite Straße 70
Kursdauer: 2 Monate (8 x 2 Stunden)
Teilnahmegebühr: 200,- € / ermäßigt 140,- €
Zeit: Montags 19:30 - 21:30


ANMELDUNG per E-Mail: thomas.piesbergen (at) gmx.de


Sonntag, 22. Dezember 2019

Neue Veröffentlichung - "Auf oder Davon" von Dr. Thomas Piesbergen in: "Aufbruch: Kunst und Spiritualität"

In dem sehr schönen Kunstband Kunst und Spiritualität ist, neben Beiträgen von Dr. Gunter Friedrich, Sabine Franke, Wolfgang Schmidt-Franke und Karin Weber, das Essay Auf oder Davon von Dr. Thomas Piesbergen nachzulesen.


LECTORIUM ROSICRUCIANUM (Hg.)
Aufbruch: Kunst + Spritualität / Departure: Art + Spirituality

deutsch/englisch
1. Auflage 2019, 96 Seiten 
mit zahlreichen farb. Abb., 
Hardcover mit Fadenheftung, 24 x 28 cm

ISBN: 978-3-7455-1075-1


Zu bestellen unter folgendem Link: (KLICK)