Mittwoch, 2. Mai 2012

Neue Veröffentlichung: Autos fahren keine Treppen

Positionen von 14 KünstlerInnen

Mit Texten von Thomas Piesbergen, Johannes Schröder, Gunnar  F. Gerlach u.a.

Hg.: Einstellungsraum e.V.
Hyperzine-Verlag
ISBN 978-3-938218-56-3
10,- €

Montag, 23. April 2012

Entscheidung am Pilatus Creek

Drehbuch für einen fiktiven Kurzwestern

Personen:
Friedensrichter Jay Hoover (Lee Marvin)
Sein alter Vorarbeiter Archibald Gabriel (John Wayne)


Jay Hoover sitzt auf einem Schaukelstuhl auf der Veranda. Die Sonne steht schon tief im Westen, doch das weite Tal unterhalb der Ranch flimmert noch immer in der Hitze. Mit knotigen Fingern poliert er einen alten Karabiner. Auf dem kleinen Tisch vor ihm stehen ein Kännchen Waffenöl, eine Flasche Schnaps, ein Glas und eine Schachtel Patronen. Gelegentlich unterbricht Jay Hoover seine Arbeit. Er schlägt nach einer Bremse auf dem sonnenverbrannten Nacken. Er trinkt. Er läßt den Blick über die ausgeglühte Landschaft schweifen. Dann wendet er sich wieder der Waffe zu. Ohne Hast. Mit großer Sorgfalt.

Man hört Hufschlag, das Schnauben eines Pferdes. Jay Hoover legt die Hand auf den Abzug des Gewehrs. Auf der Treppe der Veranda erscheint Archibald Gabriel, der Schritt hüftlahm, die Schultern vom Alter gebeugt, aber noch immer kräftig. Das helle Hemd ist fleckig braun von Staub und Schweiß. Er legt die Finger kurz an die Krempe des ehemals weißen Hutes und senkt den Kopf. Jay Hoover spuckt aus, bedeutet ihm mit einem Knurren und einem Kopfnicken, sich zu setzten. Dann fährt er fort, die Waffe zu reinigen.

Gabriel zieht sich einen Schemel an den Tisch und betrachtet Hoover mit kummervoller Miene. „Du weißt, daß sie ihn haben.“
Jay Hoover hebt den Blick und kneift die Augen zusammen. Dann klappt er das Verschlußgehäuse des Karabiners auf und poliert schweigend den Ladehebel.
„Es ist nicht mehr lang bis Sonnenuntergang. Dann werden sie ihn zum Pilatus Creek bringen. Die Männer werden ungeduldig. Sie fragen sich, wann du etwas unternehmen wirst.“
„So. Tun sie das?“ Hoover schenkt das Glas voll, schiebt es zu Gabriel hinüber und nimmt selbst einen Schluck aus der Flasche.
Gabriel betrachtet mit traurigem Blick, wie sich das Licht der Abendsonne in der klaren Flüssigkeit bricht, doch er rührt das Glas nicht an. „Er ist dein Sohn! Meinst du nicht, er hat seine Lektion gelernt? Er hat genug gelitten.“
„Mein Sohn!“ Hoover schiebt die Flasche von sich und kaut jedes weitere Wort durch, als wäre es bitter und faserig. „Er hat das Gesetz gekannt. Mein Gesetz. Und er hat es gebrochen.“
„Jesse ist noch jung.“
Jay Hoover schnauft abfällig. „Aber alt genug, um das, was ich ihm zu geben habe, mit Füßen zu treten! Das war kein jugendlicher Leichtsinn, Gabriel. Er hat es getan weil er arrogant und anmaßend ist. Er hat es getan, weil er nicht den Mumm hat, mir ins Gesicht zu spucken!“
„Ich kann verstehen, daß du gekränkt bist. Aber es ist das Vorrecht der Jugend, über die Stränge zu schlagen.“
Hoover beugt sich vor und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. „Ist es auch das Vorrecht der Jugend, zu zerstören, was andere aufgebaut haben?“
Gabriel lehnt sich zurück. „Ich erinnere mich an einen jungen Mann. Er hat vor vielen Jahren seine Herde durch die Wüste geführt. Auch er wollte sich keinem fremden Gesetz beugen. Und als er endlich gute Weidegründe gefunden hatte, hat er sich seine eigenen Gesetze gemacht. War das nicht auch stur und eigensinnig?“
„Ich war wohl stur, aber nicht anmaßend! Und ich habe nicht die Werke anderer zerstört. Tatkräftig bin ich gewesen. All das hier habe ich aus dem Nichts erschaffen! Das ist mein Land. Meine Gesetze haben es zum Blühen gebracht.“
Jay Hoover nimmt einen tiefen Zug aus der Flasche. Dann schlägt er das Verschlußgehäuse der Waffe zu. „Ich bin das Land! Und ich bin das Gesetz! Wenn er sich meinem Gesetz nicht beugt, dann versündigt er sich gegen mich, Gabriel!“
Der weiße Bart Jay Hoovers zittert vor Anspannung, die buschigen Augenbrauen sträuben sich.
Gabriel legt Jay Hoover besänftigend die Hand auf den Arm. „Versteh doch. Er wollte dir nur beweisen, daß er genauso hartnäckig ein Ziel verfolgen kann, wie du.“
Jay Hoover schnaubt und senkt den Blick. Nach einer Weile nimmt er wieder den öligen Lappen zur Hand und poliert den Lauf der Flinte. Dann fragt er leise: „Haben sie ihm schlimm zugesetzt?“
Gabriel verzieht das Gesicht. „Übel. Einer der Jungs ist unten gewesen und hat gesehen, wie sie ihn bis aufs Blut gepeitscht haben.“
„Und wie hat er sich gehalten?“
Gabriel neigt den Kopf zur Seite und zögert.
„Hat er gewimmert und gewinselt, wie ein Weib?“
„Nein.“
Jay Hoover funkelt seinen Vorarbeiter argwöhnisch an. „Spuck es aus. Was hat er gesagt?“
Gabriel wendet den Blick dem Sonnenuntergang zu. „Er hat gesagt, du hättest ihn verlassen.“
Jay Hoovers Gesicht versteinert. „War das alles?“
„Nein.“
„Los, Raus mit der Sprache.“ Hoovers Stimme klingt tonlos und fern, wie ein Kratzen auf einem Stein. „Was hat er noch gesagt.“
Gabriel nimmt den Hut vom Kopf, streicht sich über das Haar und schaut zu Boden. „Er hat ihnen vergeben.“
Mit einem kalten, brüchigen Lachen läßt sich Hoover zurück in den Schaukelstuhl sinken. 
Gabriel sieht ihn ernst an. „Manche der Männer glauben, er hat recht. Sie sind müde geworden. Sie wünschen sich, daß der Krieg endlich aufhört.“
Hoover wirft herausfordernd den Kopf zurück. „Soll ich etwa auch auf dem Boden herumkriechen und um Vergebung winseln?
„Aber verstehst Du denn nicht, was er tun wollte?“
„Alles was er getan hat ist, daß er sich von diesen gesetzlosen Hunden hat demütigen lassen. Der neue Bund! Blanker Unsinn ist das!“ Hoover spuckt verächtlich aus. „Schande hat er über sich und über mich gebracht. Er hat sein Erbe mit Füßen getreten.“
„Sei doch nachsichtig.“
Jay Hoovers Gesicht zieht sich zusammen wie um einen Zahnschmerz. „Geh doch hin! Geh runter zum Pilatus Creek und sieh dir die Schlinge an, die sie für ihn geknüpft haben. Dann siehst du, wohin Vergebung und Nachsicht führen! Auge um Auge! Das ist das Gesetz!“
„Und nur weil er versucht hat, deinen Krieg auf seine Weise zu beenden, willst du es zulassen, daß sie ihn lynchen?“ Gabriel schaut Hoover eindringlich an, doch Hoover weicht dem Blick aus. „Begreif doch! Sie haben es nicht auf ihn abgesehen. Sie wollen dich damit treffen. Bei Sonnenuntergang wird er an deiner Stelle sterben.“
Hoover starrt auf die Waffe, die noch immer auf seinen Knien liegt. Seine Stimme hat alle Schärfe  verloren. Sie klingt nun müde und alt. „Ich habe ihn nicht zum Pilatus Creek geschickt. Er wollte es so haben. Er hat das Gesetz gebrochen und nun trägt er die Konsequenzen.“
Er hebt sich mühsam aus dem Stuhl und macht einige unschlüssige Schritte über die Veranda. Die Glut der untergehenden Sonne umflutet seine Silhouette.
Gabriel tritt neben ihn. Er weist mit der Hand auf eine Staubwolke, die sich vom Horizont abhebt. „Sie haben sich auf den Weg gemacht. Noch bleibt uns genug Zeit, um vor ihnen am Pilatus Creek zu sein.“
Hoover schirmt die Augen mit der Hand. „Er hätte es doch wissen müssen. Mit diesen Hunden ist kein Frieden zu machen! Und dabei ist er doch mein Sohn. Ich kann nicht begreifen, wie er auf solche Dummheiten verfallen ist.“
„Dein Pferd ist gesattelt und ein gutes Dutzend Männer wartet nur darauf, mit Dir zu reiten.“
Jay Hoover seufzt tief auf.
Gabriel legt ihm die Hand auf die Schulter. „Du bist der einzige, der ihm den Hals aus der Schlinge ziehen kann.“
Hoover blinzelt nach Westen zum Pilatus Creek über dem der letzte Rest Sonne in roten Schlieren zerläuft. Fast spricht er nur zu sich selbst. „Ja, Ich bin der einzige, der es kann.“
Dann kehrt er zum Tisch zurück, greift nach den Patronen und beginnt die Waffe zu laden.
Gabriel bleibt am Rand der Veranda stehen, wendet sich um und betrachtet die Ranch. „Vielleicht hättest du damals heiraten sollen. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn du Mary und Jesse damals zu dir genommen hättest.“
Hoover hält inne. „Sie war ein loses Stück! Sonst hätte sie sich niemals mit mir eingelassen!“
Gabriel schmunzelt und schüttelt den Kopf. „Aber Jesse hätte es sicher gut getan.“
Hoover lacht bitter auf. „Oh, ja! Das hätte es. Ich hätte ihn zu einem richtigen Mann gemacht!“
 „Das hättest du, darauf würde ich meine Stiefel verwetten!“
„Aber Joe Carpenter, dieser elende Schwächling!“ Jay Hoover schüttelt die geballte Faust. „Er hat ihn klein gemacht mit seinem Gewinsel!  Er ist nichts anderes, als ein Schaf, das mit der Herde läuft und den Kopf hinhält, wenn es soweit ist! Zu gut, um sich die Hände in einem ehrlichen Kampf schmutzig zu machen! Und nichts anderes hat er Jesse gelehrt! Wie ein Schaf den Kopf hinzuhalten!“
„Aber immerhin war er für sie da, all die Jahre. Es hätte auch anders kommen können. Aber jetzt  vergiß die alten Geschichten! Beeil dich! Die Zeit wird knapp!“
„Ja, er war für sie da. Vor allem für Mary, nicht wahr? Ich kann mir schon vorstellen, was er ihr eingeflüstert hat. Und sich selbst hat er aufgespielt, wie ein Heiliger! Und jetzt? Nun bin ich wieder am Zug, der erbarmungslose Alte, der kein anderes Gesetz kennt, als das des Blutes! Er hat den Jungen verdorben mit seiner Weichlichkeit, und Mary hat er mit seinen Lügen über mich zu seiner Magd gemacht! Ich kann mir schon vorstellen, was er ihr erzählen wird. Sieh nur!, wird er sagen, der gute Junge hat versucht Frieden zu machen, und was tut der Alte? Er ertränkt die Hoffnung auf Frieden in Blut! So wie er es immer getan hat! Das wird Joe ihr erzählen. Und du sagst mir, ich soll die alten Geschichten vergessen...“
In seiner Wut langt Hoover erneut nach der Flasche. Der alte Vorarbeiter greift ihm in den Arm. „Die Sonne geht unter! Wir müssen uns beeilen! Verdammt, es ist dein Sohn!“
Hoover macht sich mit einer herrischen Geste frei und trinkt. Dann stellt er die Flasche langsam zurück und spuckt aus. „Mein Sohn! Ja, so hatte ich es immer gewollt.“
Er stützt sich müde mit beiden Fäusten auf den Tisch und bleibt mit gesenktem Kopf stehen. Sein Gesicht liegt im Schatten.
Man hört unruhiges Scharren von Hufen. Am Rande der Veranda erscheinen mehrere Cowboys, die Pferde am Zügel, und schauen fragend zu Archibald Gabriel herüber. Gabriel sieht sie gequält an, das Gesicht zerknautscht wie ein alter Handschuh. Er macht eine abwartende Geste und zuckt kaum merklich mit den Schultern. Die Schatten der fernen Hügel schieben sich langsam über die Veranda und schlucken die letzten blutigen Tropfen des Sonnenuntergangs.

Jay Hoover richtet sich wieder auf. Er geht mit ruhigem Schritt um den Tisch herum und läßt sich in den Schaukelstuhl zurücksinken. Er öffnet die Patronenschachtel und schiebt eine Kugel nach der nächsten in den Lauf. Ohne Hast. Mit Sorgfalt.
Gabriel nimmt sich den Hut vom Kopf und knetet die Krempe mit beiden Händen. „Jay, die Sonne ist untergegangen! Wenn sie Pilatus Creek erreicht haben...“
„Ja. Es bleibt nicht mehr viel Zeit.“
„Dann unternimm endlich etwas!“
Gabriel würde den Alten am liebsten bei den Schultern packen, doch er wagt sich keinen Schritt näher.
Jay Hoover schiebt die letzte Patrone in den Lauf. Er atmet tief durch. Mit schwerer Hand legt er den Karabiner auf den Tisch und schiebt ihn langsam von sich. Archibald Gabriel wendet sich mit verzweifelter Miene zu den wartenden Cowboys, hebt die Schultern, schüttelt den Kopf. Man hört den Korken in der Flasche quietschen. Jay Hoover schenkt sich das Glas randvoll und lehnt sich zurück.
„Jay…“
Die Stimme von Gabriel ist zu einem eindringlichen Flüstern abgesunken. Der Schaukelstuhl quietscht monoton in der schnell hereinbrechenden Dunkelheit. Gabriel deckt eine Hand vor die Augen. Er schluchzt leise auf.

In der Ferne hört man eine Totenglocke.

Gabriel wendet sich von Hoover ab und setzt seinen Hut auf. „Nun haben sie Jesse gelyncht.“
Hoovers Stimme raschelt wie brüchiges Papier. „Ich weiß, Gabriel.“
Dann rückt er den Stuhl vom Tisch ab. Er greift nach dem Karabiner und lädt ihn durch. „Laß die Männer aufsitzen, Gabriel. Sie sollen Gewehre und Schaufeln mitnehmen. Wir reiten zum Pilatus Creek und holen meinen Jungen.“

Pferdehufe donnern durch die Dunkelheit und entfernen sich langsam. Eine Staubwolke steigt unter dem jungen Mond auf. Die Kamera schwenkt über die Ranch und hinaus auf die weite Landschaft. In der Ferne zerreissen erste Schüsse die nächtliche Stille. Abspann.

Dienstag, 17. April 2012

Eine 18. Strategie gegen Schreibhemmungen: Mut zum Trash

Steckt man trotz aller Tricks, Anstrengungen und Versuche (siehe http://textprojekt.blogspot.de/2011/01/17-strategien-gegen-schreibhemmungen.html)  hoffnungslos in dem Text, in den Figuren, in dem Konflikt fest, kann es manchmal befreiend sein, die Ernsthaftigkeit des eigenen Anspruchs zu durchbrechen. Es gibt zahllose Autoren, die sich mit trivialen Klischees und Genre-Versatzstücken durch ihre Handlungsabläufe retten. Warum sich nicht einfach mal daran probieren?

Was würde passieren, wenn sich die Figuren plötzlich in einem Schundroman wiederfänden? In einem Geiseldrama? In einer Ufo-Entführung? Wenn man sie plötzlich des Mordes verdächtige? Wenn sie durch außerirdischen Schleim zu einem Monster oder Superhelden mutierten? Einen Mord begingen? Nach Las Vegas führen, alles verspielten und im Suff eine Stripperin heirateten - die sich als ihre Schwester entpuppt? In eine Verschwörung von Nazis / Freimaurern / Satanisten / Untoten / Gralshütern gerieten? Unerwarteter Retter bei einem Zugunglück würden? Sich unsterblich in eine blutjunge Nonne verliebten? Eine sagenhafte Erbschaft machten? Der einzig mögliche Organspender für ein krebskrankes Kind in Timbuktu wären? Herausfänden, daß ihr Vater (oder ihre Mutter!) der wahre Mörder von John F. Kennedy ist?

Wenn man einmal die engen Geleise verläßt und sich auf ein anarchisches Spiel mit dem Text einläßt, kann es sein, daß sich plötzlich ganz neue - auch weniger extravagante - Optionen eröffnen, z. B. in Form einer überraschenden Wendung. Mitunter können diese Exkursionen abgewandelt und auf eine angemessene Weise in den Handlungsverlauf eingefügt werden.
Selbst wenn sie nicht unmittelbar verwertbar sind, regen solche  Tête-à-Têtes mit Trash- und Genre-Versatzstücken in jedem Fall die Vorstellungskraft an und erinnern daran, daß der Handlungsspielraum, den man als Autor hat, im Prinzip unbegrenzt ist. So kann man das gedankliche Korsett sprengen, in das man sich selbst oft unbewußt gezwängt hat, und brachliegende kreative Reserven mobilisieren.

(Mit Dank an A. Kohlschmidt)

Montag, 2. April 2012

Schreibwerkstatt in Hamburg: Neuer Kurs ab Mai 2012

Am Dienstag, den 8. Mai 2012 beginnt ein neuer Kurs des Textprojekts.

Abschnitt 2 - Die Textarbeit: Eine Geschichte wird lebendig
Neueinsteiger und Schreibanfänger sind ausdrücklich willkommen!

Die im Kurs erarbeiteten Themen werden jeweils in Hausaufgaben ausprobiert und später gemeinsam gesprochen. Sie können innerhalb eigener, größerer Projekte oder in Form unabhängiger Fragmente umgesetzt werden.

Aus dem Kursinhalt:
- der richtige Einsatz verschiedener Textarten
- Beschreibungen
- akute Handlung
- Szenendramaturgie
- Dialogdramaturgie
- der richtige Umgang mit verschiedenen Perspektiven
- Rückblenden
- Überleitungen
- Erzähltempo
- Chronologie
- Resonanz
- Sinnlichkeit und Originalität
etc.

Leitung: Dr. phil Thomas Piesbergen
Ort: Atelierhaus Breite Straße 70
Zeit: jeweils Dienstags 19:30 - 21:30
Kursbeitrag: 120,- €
Dauer: 8 x 2 Stunden
Gruppengröße: max. 10 Teilnehmer

Anmeldung und Kontakt:  Siehe E-Flyer



Montag, 27. Februar 2012

Netzwerke aus Papier

Einführungsrede zu der Ausstellung "NETZE, LEITERN, TRICHTER, RÖHREN" von Prof. Jürgen Heckmanns im Einstellungsraum e.V. zum Jahresthema "Schalten und Walten"


Im alltäglichen Sprachgebrauch verstehen wir unter dem Begriff „Schalten“ das Starten oder Regeln eines Prozesses oder einer Maschine. Mit „Walten“ bezeichnen wir noch allgemeiner das generelle Einwirken auf Strukturen oder Prozesse.
In beiden Fällen verbindet man die Begriffe mit dem Wirken in einer vertikalen Hierarchie. Eine Instanz oder Autorität übt ihre Macht aus, um Dinge nach ihrem Willen in Bewegung zu setzen oder zu gestalten. Diese Form der Machtausübung findet man auch bei der Interaktion Mensch-Maschine. Der Mensch schaltet Maschinen, Lampen oder Computer an, damit sie eine Aufgabe für ihn erfüllen. Die angeschalteten Apparate sind dem Menschen zu Diensten.
Auch die Machthabenden in sozio-politischen Kontexten schalten und walten, im schlimmsten Fall „nach Belieben“. Zwischen ihnen und den Menschen, über die sie herrschen, besteht ein dramatisches Ungleichgewicht der Macht. Die sozio-ökonomischen und kulturellen Systeme mit ihren Hierarchien, die sich in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Wirklichkeit etabliert haben, basieren auf diesem Ungleichgewicht. Allein die Tatsache, daß Macht ausgeübt werden kann, bedeutet eine Gliederung der Wirklichkeit in ein hierarchisches Oben und Unten.
Ohne daß wir uns dessen bewußt sind, sind auch unsere Bild- und Objektwelten meist durch analoge hierarchische Strukturen oder Regelsysteme geordnet. 
Betrachtet man jedoch die Netze von Jürgen Heckmanns, sucht man diese Regelsysteme vergeblich, die üblicherweise unsere visuelle Umwelt beherrschen. Es gibt kein herrisches Oben, kein duldendes oder tragendes Unten, es gibt keine Diktatur der Symmetrie, es gibt keine Fluchtpunkte oder Achsen zur Orientierung, es gibt keine zwingenden Begrenzungen.
Offenbar scheinen die filigranen, netzartigen Gebilde frei zu sein von herkömmlichen hierarchischen Regelprozessen, die man mit den Begriffen des Schaltens und Waltens in Verbindung bringt. 
Was in der Tat fehlt, ist eine einseitige Ausübung von Macht - doch an Regelprozessen fehlt es keinesfalls. Bloß wirken sie auf eine Art und Weise, die zwar natürlich ist, an die wir aber durch unsere soziale und politische Prägung nicht mehr gewöhnt sind. Wir begegnen den Begriffen des Schaltens und Waltens im Gewand der Verschaltung und der Selbstverwaltung. 
Um diese Begrifflichkeiten im Bezug auf Heckmanns Installationen besser zu verstehen, müssen wir uns ihrem Entstehungsprozess zuwenden.
Am Anfang des Arbeitsprozesses stehen nur die Elemente „Stege“ und „zerknülltes Papier“, die von leichter Hand zu einer ersten dreidimensionalen Struktur zusammengefügt werden. In diesem Stadium hat die Gestaltungsabsicht des Künstlers noch die Oberhand. Doch ist die erste „Urzelle“ zusammengefügt, löst sich die hierarchische Situation auf und nur das vom Künstler initiierte Prinzip des Wachstums bleibt als gestaltgebende Konstante übrig. Denn nun tritt das Objekt selbst mit dem Künstler in Dialog und legt ihm die Richtung und Form seines eigenen Wachstums nahe. An die Stelle eines diktatorischen Gestaltungswillens, der gezielt eine spezifische, effektvolle Form hervorbringen will, tritt ein Spiel mit dem Zufall. Das geknüllte Papier mit seiner Eigenspannung, die flexiblen Stege, die Schwerkraft und der Künstler sind zu einem System geworden, das sich durch dynamische Rückkoppelung selbst „verschaltet und verwaltet“. Auf diese Weise wächst das Netzwerk aus sich selbst heraus. 
Wie ein Kind, das sich im Spiel seinen Weg in die Wirklichkeit ertastet, folgt Jürgen Heckmanns im Schaffensprozess den Wegen, die ihm Papier und Stege nahelegen und er realisiert sie. So läßt er Netzwerke entstehen, die, obwohl von Menschenhand geschaffen, nicht dem Gestaltungswillen des Menschen unterworfen sind. Sie sind keinem autokratischen Schöpfer ausgeliefert. 
(Dieser Prozess ist aber nicht zu verwechseln mit der Vorgehensweise der Ecriture Automatique und ähnlichen „automatischen“ Konzepten des Kunstschaffens, in denen lediglich die Kontrolle an das Unterbewußtsein abgegeben wird, der Mensch dennoch alleiniger Gestalter und Schöpfer bleibt!)
Genauso wenig, wie Jürgen Heckmanns seinen Gebilden eine Idee, und damit eine spezifische Form aufzwingt, genauso wenig zwingen die Installationen dem Betrachter eine einzig mögliche Deutung, eine spezifische Perspektive auf oder provozieren eine bestimmte Reaktion. 
Diese Arbeit zu tun, also einen Blickpunkt zu wählen, die Objekte für sich wirksam zu machen und zu deuten, wird dem Betrachter ganz und gar selbst anvertraut. Er selbst muß aktiv werden, um die Installationen und Objekte zum Leben zu erwecken, sie bedeutsam zu machen. Er tritt ihnen als Gleichberechtigter gegenüber und wird, wie zuvor im Werkprozess der Künstler, ein Teil des Netzwerkes, ein Teil des Systems.
Eine einzige deutliche symbolische Geste läßt Jürgen Heckmanns jedoch zu: Die Leiter, die in ihrer Eleganz und Fragilität an die Leitern von Hochseil- und Trapezartisten erinnert. 
In nahezu allen Mythen und Religionen finden wir die Leiter als Symbol für den Aufstieg in eine Sphäre der Geister oder Götter, also in eine Sphäre, in der die Idee die bloße Physis transzendiert hat. In der Bibel finden wir eine Entsprechung in der Himmelsleiter des Jakob. Besonders im asiatischen Schamanismus ist dieser Aufstieg meist unmittelbar mit der Aufgabe verbunden, ein verlorenes Gleichgeweicht wiederherzustellen und damit Mißstände in der Welt der Menschen zu beheben. Der Aufstieg ist also immer verbunden mit der Aufgabe, tätig zu werden. 
Die Leitern Jürgen Heckmanns können also Aufforderung verstanden werden, sich im Geiste in die papierene Struktur hineinzubegeben, um mit ihr zu spielen, ihrem Tanz zu folgen, sie mit Bedeutung, Ideen und Bildern aufzuladen. 

Das Baumaterial dieser Struktur, mit der sich der Betrachter nun in einem Dialog befindet, ist weißes, unbedrucktes Papier. Manchenteils sind es unbedruckte Zeitungsbögen. Es ist ein Material, das fast schon eine archetypische Bedeutung als Träger von Ideen gewonnen hat. Wir gehen täglich mit Papier um und kleiden unsere Welt damit aus - mit Zeitungen, Bildern, Büchern,  Briefen,  Fahrscheinen, Kontoausdrucken etc. Fast könnte man sagen: noch besteht ein großer Teil unserer Wirklichkeit aus Papier. Doch die Eigenschaft, Träger von Ideen zu sein, vermittelt uns nicht nur das beschriebene, bedruckte  oder bemalte Blatt. Auch das leere Blatt tut es! In ihm begegnen wir dem Horror vacui der darin begründet ist, daß dem Menschen Leerstellen nahezu unerträglich sind. Das weiße Papier schreit förmlich danach, gefüllt zu werden. Es fordert dem Menschen Ideen ab. 
Ein anderer wichtiger Aspekt des Materials ist seine Verfügbarkeit, die in unserem industrialisierten Gesellschaftskontext jederzeit gewährleistet ist. Papier hat nichts Prätentiöses oder Erhabenes. 
Und zerknüllt man es gar, gilt es nach unserem kulturellen Verständnis als umgewertet, bzw. abgewertet von einem profanen, nützlichen Alltagsding zu Müll. Es gibt kaum etwas, das weniger Wert hat, als zerknülltes Papier!
So nähert sich der Betrachter den Objekten auch nicht geblendet oder voller Ehrfurcht, sondern  ohne Berührungsängste, vielleicht mit Verwunderung, bestenfalls mit Neugier. 
Genauso ist auch die Aufforderung an den Betrachter, sich auf einen Dialog mit den Objekten einzulassen, keinesfalls als ein unbedingt tiefes, ernstes und intellektuell anspruchsvolles Unterfangen zu verstehen. Diese Aufforderung ist bewußt niedrigschwellig gehalten und ganz und gar spielerisch gemeint. 
Wie man in Wolken Bilder und Gestalten hineinlesen kann, so können sich auch in den luftigen Netzwerken aus weißem Papier nahezu alle Imaginationen des Betrachters einnisten und wachsen. In ihnen können Vogelschwärme entstehen, menschliche Gliedmaßen und Figuren, neurale Zellstrukturen mit ihren Axonen, Dendriten und Synapsen oder architektonische Komplexe. Nur die Vorstellungskräfte der Betrachter setzen die Grenzen. So werden die Netzwerke auf dem Umweg der Wahrnehmung des Betrachters ganzheitlich, universell und deuten stets über sich selbst hinaus. Sie bergen in sich das Potenzial, die ganze Welt in sich aufzunehmen, sie zu umspannen. 
Doch Jürgen Heckmanns verzichtet nicht nur auf die Deutungshoheit seiner Kunst und gibt sie bedingungslos an den Betrachter weiter. Er verzichtet nicht nur darauf, auf den Betrachter mit einer gezielt erschaffenen, konsistenten Form einzuwirken. Er verzichtet auch darauf, seine Objekte vor Veränderung und Einwirkungen von außen zu schützen. 
Sobald die Arbeit an ihnen beendet ist, werden sie nicht nur zum Spielball der Imagination des Betrachters, sondern sind sie auch allen anderen möglichen Einwirkungen von außen unterworfen. Das wechselnde Licht spielt auf dem anfänglich neutralen Material und gibt ihm je nach Tageszeit oder Ampelphase farbliche Nuancen und Tönungen. Es bewirkt zudem, daß die Netzwerke als Schatten ihre räumliche Begrenztheit transzendieren und sich auf den Wänden und über den Fußboden fortsetzen, vielleicht sogar aus dem Raum hinausgreifen. 
Luftbewegungen, Luftfeuchtigkeit, Berührungen und Schwerkraft bewirken Veränderungen der Form der Strukturen. Die Objekte geraten in Schwingung, sinken in sich zusammen, Teile brechen oder knicken ab; dadurch entstehen immer wieder neue Bewegungen und Gesten. Langfristig verändert sich schließlich die Farbe des Papiers durch Lichteinwirkung. Die Objekte sind  der Zeit ausgesetzt. Der Alterungsprozeß ist unabdingbarer Teil von ihnen.
Man könnte diese Interaktion mit der Umwelt als eine „Verschaltung“ der Objekte mit der sie umgebenden Wirklichkeit bezeichnen. Dieser offene Dialog, geht soweit, daß die Besucher mitunter dazu ermutigt werden, selbst zu intervenieren und Objekte, die in sich zusammengebrochen sind, nach eigenen Vorstellungen wieder zusammen zu bauen. So ist zum Beispiel die Art der Installation von Heckmanns Röhren und Trichtern oft so gestaltet, daß sie den Eindruck vermittelt, sie wäre unfertig. Einzelne Elemente stehen als Baumaterial bereit, andere liegen wie abgefallen am Boden und warten darauf, wieder angebracht zu werden.
Hier ist die hierarchische Struktur, die kreative „Befehlskette“: Künstler -› Kunstwerk -› Betrachter endgültig zerschlagen. Der Künstler wird selbst zum Betrachter der Entwicklung, die sein Werk nimmt, nachdem er es „freigesetzt“ hat.
Bündelt man all diese Aspekte des Werkes von Jürgen Heckmanns wird deutlich, daß es zutiefst human, ganzheitlich und vor allem demokratisch ist. 
Die gegenwärtige Situation unserer Gesellschaft ist durch kaum etwas mehr gekennzeichnet, als durch die Diktatur der Finanzmärkte und ihrer Erfüllungsgehilfen, die derart schalten und walten, daß einem davon ganz schwindelig wird. 
Andererseits kann man beobachten, wie ein autokratisches System nach dem nächsten versagt und in sich zusammenbricht. Überall auf der Welt wird mit neuen ideologie- und hierarchiefreien Formen der politischen Opposition experimentiert - seien es die Grassroots-Aktivisten, die Occupy-Bewegung,  Flashmobs, Tauschringe, der Arabische Frühling etc. 
In so einer Zeit, in der sich Konflikte und Umwälzungen von bisher ungeahnten Ausmaßen ankündigen, in der die Strukturen der Macht grundsätzlich in Frage gestellt werden, ist es von großer Bedeutung, daß auch die Kunst den Menschen immer wieder daran erinnert, daß es möglich ist, sich ohne Machtwillen auf ein offenes, gleichberechtigtes und lustvolles Spiel mit einer ganzheitlichen Wirklichkeit einzulassen; mit einer Wirklichkeit, die zu gestalten er dasselbe Recht hat, wie jeder andere auch!
Dr. Thomas J. Piesbergen, 1.März 2012