Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an.
März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3
Oktober-Dezember: Kursabschnitt 1 / Januar-Februar: Kursabschnitt 2
Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de


Dienstag, 15. September 2020

Neuer Kurs der Schreibwerkstatt: Modul 1 ab dem 19.10.2020

 Am 19. Oktober 2020 beginnt ein neuer Kursabschnitt 1 der Schreibwerkstatt "Das Textprojekt".

Der Kursabschnitt 1 "Von der Idee zum ersten Entwurf" wendet sich an Schreibanfänger und Schreibende, die ihre handwerklichen Fertigkeiten verbessern wollen.

Inhaltlich beschäftigt sich der Kurs vor allem mit literarischen Grundkonflikten, mit der Gestaltung lebendiger Charaktere und dem Entwurf überzeugender und packender Handlungsverläufe und deren Struktur sowie allgemeinen dramaturgischen und handwerklichen Problemen.

Die Unterrichtseinheiten werden begleitet von Hausaufgaben, in denen die Teilnehmer die erlernten Techniken ausprobieren können - gerne auch im Rahmen bereits bestehender Schreibvorhaben. Die so entstandenen Texte werden in der Gruppe besprochen.

Die Themen im Einzelnen:

• Schreibmotivationen
• Authentizität und Fiktion
• Schreibmethoden
• Literarische Themen
• Charaktere: Protagonist und Antagonist
• Charakterisierung
• Charaktertiefe und Transformation
• Konflikte und ihre Entwicklung
• Konfrontationen
• Entwurf des Handlungsverlaufs
• Spannungskurven
• Struktur: Szenen, Schwellen, Spiegelungen, Motive
• Mechanismen der Eskalation
• Plot und Gegenplot
• Spannungsbögen
• Das Setting
• Schauplätze
• Schreibhemmungen

Ort: Atelierhaus Breite Straße 70
Kursdauer: 2 Monate (8 x 2 Stunden)
Teilnahmegebühr: 200,- € / ermäßigt 140,- €
Zeit: Montags 19:30 - 21:30

SOLLTE DER KURS WEGEN EINES ERNEUTEN CORONA-LOCKDOWNS ABGEBROCHEN WERDEN MÜSSEN, WERDEN DEN TEILNEHMERN DIE NOCH AUSSTEHENDEN STUNDEN GUTGESCHRIEBEN UND ZUM NÄCHST MÖGLICHEN ZEITPUNKT NACHGEHOLT.


ANMELDUNG per E-Mail: thomas.piesbergen (at) gmx.de

 


 

Donnerstag, 10. September 2020

Die Triade der Erkenntnis - Dr. Thomas Piesbergen zur Ausstellung "Gefüge unserer Welt" von Manfred Eichhorn

Die Ausstellung "Gefüge unserer Welt" von Manfred Eichhorn findet im September 2020 im Einstellungsraum e.V. im Rahmen des Jahresthemas "Sprit und Spirit" statt.
Manfred Eichhorn "Gefüge unserer Welt" Digitalcollage 2020

Wenn wir der Welt mit all ihren Erscheinungen gegenüber stehen, ist es ein Ding der Unmöglichkeit, sie in allen Aspekten, mit allem was darin ist, vom Virus bis zum Schwarzen Loch, von der Biochemie bis zur religiösen Ekstase, vom Haiku bis zur postmodernen Philosophie in toto auch nur zu erahnen. Die Welt erscheint uns uferlos und unergründlich.

Um dieses Problem einer umfassenden Beschreibung des Universums zu umschiffen, entstand schon in der Antike eine Unterteilung der Welt in drei unterschiedliche Skalen: den Mikrokosmos und den Makrokosmos, also die Welt des winzig Kleinen und die Welt des Riesengroßen, und dazwischenliegend, die Welt des Menschen, der Mesokosmos.
Von dem Mikro- und dem Makrokosmos heißt es aber in den meisten Vorstellungen von der Antike bis zur Gegenwart, sie seien ein Spiegel des jeweils anderen, wie es z.B. Leibniz seinen Monaden zuschrieb; oder sie berührten sich schließlich sogar, womit der Kreis der Existenz wieder zu einer Einheit zusammengeführt wäre.
Für die Sphären der Extreme galt, daß sie beherrscht werden von wenigen, statischen Gesetzmäßigkeiten, und daß sie den ewig gleichen Zyklen folgten. Der Bereich des Menschen jedoch gilt noch heute als unübersichtlich, vielgestaltig, dem ewigen Wandel unterworfen und ephemer.

Dieses sog. triadische Denken taucht im Lauf der Kulturgeschichte in den verschiedensten Variationen auf. Im Christentum kennen wir die Triade als die Heilige Dreieinigkeit, in der der Vater für den Makrokosmos steht, der Heilige Geist als das Innewohnende, also als Mikrokosmos gedacht werden kann, und der als Mensch geborene Sohn schließlich den Mesokosmos versinnbildlicht.
In der Alchimie gibt es zwar einerseits den Dualismus von dem mikrokosmischen Menschen, der dem makrokosmischen Universum entspricht, gleichzeitig aber die Triade von Natur, Menschenwelt und dem Reich Gottes, die in einer hierarchischen Abfolge stehen. In der Dialektik stellt sich die Triade als Spannungsfeld zwischen These und Antithese dar, aus denen der Mesokosmos der Synthese hervorgeht.

Vor allem in der evolutionären Erkenntnistheorie ist der Begriff des Mesokosmos seit einigen Jahrzehnten unverzichtbar geworden. Hier bezeichnet er den Wirklichkeitsausschnitt, an den unsere kognitiven Strukturen angepasst sind, und bezieht sich damit wieder auf die antike Triade einer Aufteilung des euklidischen Raums.

Doch kann das Denkschema einer Dreiteilung auch hilfreich sein im Rahmen eines Erkenntnismodells, das die Triade nicht als Skalierung des Raums begreift, sondern als Gegenüberstellung verschiedener phänomenologischer Sphären. Das mikrokosmische Extrem könnte hier die radikal subjektive und einmalige Erfahrung des Individuums mit der zunächst namenlosen, rätselhaften und unüberschaubaren Vielgestaltigkeit der Wirklichkeit bilden.
Ihm gegenüber stünde die empirische, kollektive und deshalb makrokosmische Analyse und Beschreibung derselben. Auf der einen Seite stünde also die akute Begegnung mit der Welt, auf der anderen Seite ihr abstraktes Modell; auf der einen das spontane Erleben des Einzelnen, auf der anderen die Summe der Erfahrung Aller.

Die changierende Mesosphäre bildet in diesem Denkmodell die Zone, in der sich diese beiden Sphären im alltäglichen Erfahrungsraum des Einzelnen durchdringen. Es ließe sich wie folgt verbildlichen: die unmittelbaren Begegnung mit der Welt liefert dieser mesokosmischen Zone die Substanz, ihre Gestalt und Ordnung aber ist geprägt von einem Ensemble von Konventionen, die aus der kollektiv entwickelten Beschreibung der Welt abgeleitet sind. Zudem prägen diese Konventionen die Art und Weise, wie das Individuum Erfahrungen aufnimmt, filtert und einordnet.

Rückwirkend werden in diesem Mesokosmos die kollektiven Erklärungsmodelle der Welt überprüft und gegebenenfalls korrigiert, wenn die subjektiven Erfahrungen, also die Impulse aus dem Namenlosen, in zu starkem Widerspruch mit dem auf sie angewandten Ordnungssystem stehen.
Im Sinne der Dialektik ist der so verstandene Mesokosmos der Bereich, in dem unsere jeweilig erlebte kulturelle Realität in der Schnittmenge der abstrakten Modelle des Makrokosmos und der subjektiven Erlebnisse des Mikrokosmos synthetisiert wird.

Für den Mikrokosmos in diesem Modell kann gelten, daß er seit der Menschwerdung nahezu unverändert geblieben ist. Die unmittelbare Begegnung mit der Wirklichkeit, mit Leben, Tod und Kosmos, mit dem Sein an sich, löst wohl noch immer das gleiche ehrfürchtige und sprachlose Erschauern in uns aus, wie vor 100.000 Jahren. Und  was Lao Tse vom Tao geschrieben hat, gilt noch heute: „Der Name, den man nennen kann, ist nicht der ewige Name. Jenseits des Nennbaren liegt der Anfang der Welt.“
Doch die Makrosphäre der kollektiven Erkenntnis wuchert etwa seit der Mitte des 17. Jhd. exponentiell. Die Flut der Fachliteratur ist unüberschaubar, ebenso wie die unablässig neu begründeten Forschungsfelder. Und während die Zahl der aktiven Wissenschaftler zwischen 1850 und 1950 noch von 1. Mio auf 10 Mio. gestiegen ist, wuchs sie allein zwischen 1950 und 2000 von 10 Mio. auf 100 Mio. an (Marx und Gramm, 2002)

Bis zur Renaissance galt, daß es einem rundum gebildeten Menschen, einem sog. uomo universale, möglich sei, alles verfügbare Wissen der Menschheit zu überblicken. Heute ist es nur noch möglich als hochspezialisierter Wissenschaftler in einem winzigen Ausschnitt so gut orientiert zu sein, daß man dort weiteren Erkenntnisgewinn erzielen kann. Zudem gilt, ein halbes Jahrtausend nach der Renaissance, daß die neuen wissenschaftlichen Modelle der Wirklichkeit derart komplex sind, daß sie sich dem Verständnis des Menschen nahezu vollständig entziehen und nur noch über Umwege nachvollziehbar sind:
In der Mathematik wird mit Dutzenden von Dimensionen jenseits des euklidischen Raums operiert, die Astronomie bewegt sich in Zeiträumen und Größenverhältnissen, die man zwar benennen, aber sich unmöglich vorstellen kann, und in der Teilchenphysik werden unerklärliche Phänomene beobachtet, die Theorien zeitigen, in denen gemutmaßt wird, daß entweder die Zeit eigentlich nicht existent sei, sondern nur sekundär aus einem gequantelten Raum hervorgehe, oder umgekehrt der Raum emergent sei und erst aus der Zeit entstünde. Werner Heisenberg wiederum wird zugeschrieben, er hätte von der Quantenphysik gesagt, wer sich mit ihr beschäftigt hätte und nicht verrückt geworden sei, hätte sie nicht verstanden.

Derzeit befinden wir uns also an einem Punkt, an dem nicht nur unsere unmittelbare subjektive Erfahrung der Welt nach wie vor unbenennbar bleibt. Auch die abstrakten Weltbeschreibungen ziehen sich in das Unbenennbare zurück - und zwar soweit, daß vor einigen Jahren ein andauernder Dialog zwischen den Spezialisten der subjektiven und der empirischen Welterfahrung begonnen hat, namentlich zwischen praktizierenden Buddhisten und theoretischen Physikern. Gleichzeitig beziehen sich die Protagonisten der Quantenschleifengravitation wieder auf die mystisch anmutenden Ideen der Vorsokratiker.

Zwar ist die Übereinstimmung von Mikro- und Makrokosmos nach klassischer Definition seit der Formulierung der Quantenphysik endgültig ad acta gelegt, da die Welt des Subatomaren nicht den Gesetzen der klassischen Physik folgt, die im räumlichen Makrokosmos hingegen ungebrochen gelten, begreift man aber die Termini in dem oben skizzierten erkenntnisphänomenologischen Zusammenhang, so ist festzustellen, daß sich die beiden Extreme doch wieder entsprechen. Denn in den Beschreibungen, die zwei eigentlich entgegengesetzte Erkenntnisprozesse, der individuelle und der kollektive, hervorgebracht haben, können wir heute wieder die gleichen Grundzüge, die gleichen Weltentwürfe erkennen. Die Idee einer Einheit allen Seins, der Begriff der Ganzheitlichkeit, ist heute in der Wissenschaft präsenter und relevanter denn je, und was den Alchimisten der Stein der Weisen war, ist den Wissenschaftlern von heute die alles vereinigende Weltformel.

Der Ort, an dem sich diese Synthese bildet, kann wiederum nur die mesokosmische Zone des Menschen sein, mit seinen beschränkten kognitiven Strukturen, seiner Unschärfe, seiner mangelnden Stringenz, seiner unlogischen Intuition, seinen unterbewußten Strömungen, seiner Poesie.
Nicht von ungefähr zeigt sich gerade in der Physik, daß es nicht immer nur die methodischen Vorgehensweisen sind, die die großen Entwicklungssprünge hervorbringen, sondern oftmals losgelöste Eingebungen, in denen sich Unbenanntes unabhängig von unserem intentionellen Verstand formiert. So beschrieb Werner Heisenberg den Moment, in dem ihm bei einem Nachtspaziergang auf Helgoland der Durchbruch zur Entwicklung der Quantenphysik gelang, als einen Zustand des „Sich-Treiben-Lassens“.
Die großen Entdeckungen Einsteins hatte er nicht einer erbarmungslosen und exakten Logik zu verdanken, sondern seiner enormen Fähigkeit des visualisierten Denkens. Die entsprechenden Berechnungen delegierte er anschließend an leistungsfähige Mathematiker.

Tatsächlich hat die Welt der Physik über erstaunliche Zeiträume mit rein spekulativen Modellen gelebt, die der Intuition und der Phantasie zu verdanken gewesen sind. Das Atom als kleinste Einheit der Materie war seit Leukipp und Demokrit hypothetischer Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Überlegungen, doch wurde seine faktische Existenz erst 1905 von Albert Einstein nachgewiesen. Die Idee eines schwarzen Loches wurde bereits 1783 vom Astronomen John Michell ersonnen und von Albert Einstein und Karl Schwarzschild 1915/16 anhand der allgemeinen Relativitätstheorie präzise ausformuliert. Ihre tatsächliche Existenz konnte allerdings erst in den Jahren 2016 und 2017 endgültig belegt werden, anhand der Messung von vorher ebenfalls nur hypothetischen Gravitationswellen und schließlich durch die bildgebenden Verfahren eines Radioteleskops.

Überspitzt könnte man daraus ableiten, ein guter Teil der Physik spiele sich in der Sphäre der Science Fiction ab: Es werden Modelle entworfen, mit denen sich die Wirklichkeit zwar beschreiben läßt, deren Validität aber erst noch bewiesen werden muß. Die Wissenschaft operiert also oft in einer hypothetischen Wirklichkeit, die lediglich möglich sein könnte, sich ab er auch als falsch heraus stellen kann. Ganz zurecht wies deshalb der polnische Arzt, Philosoph und Science Fiction-Autor Stanislaw Lem der Science Fiction eine maßgebliche Bedeutung auf dem Feld der Futurologie zu: Theoretisch wären alle technischen Extrapolationen, die sich der Mensch ausdenken kann, so utopisch sie auch anmuteten, irgendwann tatsächlich  umsetzbar.

Es ist deshalb kaum verwunderlich, daß wir heute von zahllosen Gegenständen umgeben sind, auf die wir einfach nur lange warten mußten, da wir sie aus den Visionen der Science Fiction schon längst kannten. Unterseeboote und Mondraketen sind uns seit Jules Verne vertraut. Bildschirmtelefone findet man bereits auf Sammelbildchen der 1920er Jahre. Seit genauso langer Zeit begleiten uns die von Karel Capek erdachten Roboter. Doris Day schlug sich bereits 1966 mit einem autonomen Staubsauger in dem Prototypen eines Smarthomes herum, und auf dem Raumschiff Enterprise gehörten Tablet-PCs und Sprachgesteuerte Computer schon in den 1980er Jahren zur Standardausrüstung.
Zwar behandelt die Science Fiction stets die Probleme einer möglichen technischen Entwicklung und will uns darauf vorbereiten, gleichzeitig vermittelt sie aber auch eine ungeheure Neugier auf die Zukunft und die Erkenntnisse, die sie bringen mag.

Manfred Eichhorn, Three Loop 1, 2020

Diese Neugier ist eine wichtige Motivation im Werkprozess Manfred Eichhorns und sie zieht ihn immer wieder an einen Ort, an dem die Grenzen der Wissenschaft Schritt für Schritt erweitert werden, an dem versucht wird, die phantastische Welt der Hypothesen im Experiment zu belegen, an dem z.B. nach Teilchen gesucht wird, die bislang nur in den Köpfen der theoretischen Physiker Gestalt angenommen haben: Es ist das DESY, das Deutsche Elektronen-Synchrotron.
Die Forschung, die dort stattfindet, ereignet sich in zweifacher Hinsicht in Extrembereichen. Die zu erforschenden Teilchen bilden die unterste Grenze des Mikrokosmos, oder sie geistern, sofern sie hypothetischer Natur sind, sogar jenseits dessen herum, was als empirisch verifizierte Wirklichkeit gelten darf. Gleichzeitig spielt sich die Forschung in dem bereits dargestellten makrokosmischen Extrembereich eines phänomenologischen Erkenntnismodells ab, dem Bereich der abstrakten, kollektiv gebildeten Modelle, die die Antithese des sinnlichen Erlebnisses darstellen, und deren Inhalt, so Heisenberg, selbst die Forschenden über die Grenzen ihres Vorstellungsvermögens zwingt, und der formal dem Uneingeweihten nur noch als unentwirrbarer Salat von Zahlen, Buchstaben und Operatoren erscheint.

Manfred Eichhorn, Dreischleifen 2, 2020

Gefangen in unserem kognitiv eingeschränkten Mesokosmos bleibt uns nur die Faszination, der Glaube an die Zuverlässigkeit des wissenschaftlichen Apparats und die Hoffnung auf eine damit gewonnene Zukunft.
In den Arbeiten Eichhorns tritt vor allem diese Faszination hervor, die die Begegnung mit dem „Unbenennbaren“ hervorruft, in dessen Regionen sich die empirischen Weltmodelle in den letzten hundert Jahren vorgewagt haben.

Dem Diktum folgend, der Makrokosmos sei im Mikrokosmos gespiegelt, begegnet Eichhorn dieser Welt maximal abstrahierter Modelle mit der gleichen Offenheit, die eigentlich nur die radikal subjektive Begegnung mit der Wirklichkeit, also den  Mikrokosmos des phänomenologischen Erkenntnishorizonts auszeichnet. Und mit einer daraus sich konsequent ergebenden und bewußt eingesetzten Unbedarftheit, versucht er den Dingen, die sich in dem undurchdringlichen Dickicht der Formeln verbergen, nach den Gesetzen des menschlichen Mesokosmos, also vor allem intuitiv, eine Gestalt zu geben.

Manfred Eichhorn, Dreischleifen 4, 2020

Zwischen den verheißungsvollen und ebenso verwirrenden Formeln tauchen Kreise auf - der kulturhistorisch belegte Urausdruck für die empfundene Einheit allen Seins. Erste Beziehungen zwischen ihnen entstehen, Verbindungslinien werden gezogen, und bilden symbolische Beziehungsgefüge, die stark an alchimistische Modelle erinnern, oder an andere protowissenschaftliche Darstellungen vergangener Jahrhunderte.
Und immer wieder taucht die Triade auf: mal in Form dreier Kreise, in deren Spannungsfeld sich die Zahlenkolonnen gruppieren, mal als Dreiecke, die sich über das Gewirr der Formeln legen. Sie können gelesen werden als Verweise auf die drei euklidischen Dimensionen unserer menschlichen Lebenswirklichkeit oder als die drei Eckdaten der Triangulation, mit deren Hilfe wir unsere Welt vermessen.

Manfred Eichhorn, Neue Berechnungen 1, 2020

Als Überlagerung des radikal subjektiven und des abstrakt kollektiven Weges der Erkenntnis kann auch die Wahl des Maluntergrunds einiger Arbeiten im Kontrast zu dem darauf Abgebildeten gelesen werden: Statt makelloser, neuer Leinwände benutzte Manfred Eichhorn für einige Bilder alte Lappen, die dunkle Spuren von aufgewischtem Leinöl aufweisen. In diesen absichtslos entstandenen, unförmigen Flecken tritt uns das noch Namenlose, Chaotische, Ungestaltete entgegen, dem wir unmittelbar und sinnlich begegnen, das Objekt der radikal subjektiven Erfahrung. Darüber legt sich das Ringen mit der vorgefundenen Wirklichkeit und der Versuch, sie zu vermessen und in die abstrakten Regionen der Modelle zu überführen.
Um auf ein bereits verwendetes Bild zurück zu greifen: die Substanz der Arbeiten stammt aus dem subjektiv und unmitttelbar wahrgenommenen Mikro- und Makrokosmos der Erkenntnis, ihre Form und Ordnung aber erhalten sie aber von den intuitiven, konfigurierenden Prozessen des Mesokosmos.

Manfred Eichhorn, Neue Berechnungen 2, 2020

In den großformatigen digitalen Collagen stellt Manfred Eichhorn vorgefundene Strukturen aus der Pflanzenwelt den von ihm imaginierten „organischen Architekturen“ gegenüber. Die Objekte scheinen ineinander über zu gehen, einander zu durchdringen oder auseinander hervorzugehen. Hier tritt das Hypothetische, das Fiktive klar zutage, das aber immer das Potenzial in sich trägt, in einer unbestimmten Zukunft realisiert zu werden und auf dem Wege, auf der Basis der wissenschaftlichen Abstraktion und deren Extrapolation im intuitiv-kreativen Mesokosmos, schließlich in der faktischen, sinnlichen, subjektiv erfahrbaren Wirklichkeit Gestalt anzunehmen.

Manfred Eichhorn, Me, 2020

Und so zeigt sich in Manfred Eichhorns Werkkomplex „Gefüge unserer Welt“ der Versuch, wenn schon nicht die ganze Welt abzubilden, so doch wenigstens unsere subjektiven und kollektiven Bemühungen diese in ihrer Totalität zu erfassen; in einem Mesokosmos, dessen Integrationsvermögen in seiner Fähigkeit zur intuitiven Visualisierung liegt, die uns, trotz aller kognitiven Beschränkungen, vielleicht doch tiefere und komplexere Einblicke in die Wirklichkeit erlaubt, als uns die evolutionäre Erkenntnistheorie zugesteht.

© Dr. phil. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, September 2020


Donnerstag, 13. August 2020

Kohlenstoff, Flimmerhärchen und die Evolution der Sinne - Dr. Thomas Piesbergen zur Ausstellung „Rauschen“ von Monika Schröder

 Die Ausstellung „Rauschen“ von Monika Schröder wird gezeigt im Einstellungsraum e.V. im Rahmen des Jahresthemas „Sprit und Spirit“, Hamburg, August 2020

Monika Schröder: Rotation, 2020 - Foto: Claus Sautter

Vor etwa 400 Millionen Jahren, nach der Ordovizischen Eiszeit, als der C02-Gehalt der Erdatmosphäre noch etwa zehnmal so hoch war, und die Durchschnittstemperatur etwa 6 Grad mehr als heute betrug, erlebten die höheren Mikroorganismen in den Weltmeeren einen vorher nie da gewesenen Boom.

Bis zum Silur und frühen Devon waren es vor allem die Bakterienkolonien der Stromatolithen, die für die Bindung des Kohlenstoffs aus der Luft verantwortlich waren. Diese Funktion übernahmen nun komplexere ein- und mehrzellige Eukaryoten wie zunächst die Rugosa, später ab etwa 250 Mio. v.u.Z. die Korallen, und vor allem das Phyto- und Zooplankton, das sich in den oberen Wasserschichten in einem nie da gewesenem Ausmaß vermehrte und eine unüberschaubare Zahl skurriler Erscheinungsformen hervorbrachte.

Starben diese Algen und Kleinstlebewesen ab, sanken sie zum sauerstoffarmen Grund der Ozeane und bildeten mächtige Schichten von Biomasse. Da sie sich dort aufgrund des Sauerstoffmangels nicht zersetzten, wandelten sie sich in kohlenstoffreichen Faulschlamm um, der unter weiteren Sedimentschichten begraben wurde. Unter dem entstehenden Druck wurde das organische Material immer mehr verdichtet und bildete schließlich langkettige Kohlenstoffverbindungen, die von organischen Lösungsmitteln nicht mehr zu lösen sind. Es entstanden die sog. Kerogene.
Die ansteigende, durch den Druck entstandene Wärme trieb bei Temperaturen über 60°C zunächst das Methan aus. Bis etwa 120°C verflüssigten sich die Kerogene zu Erdöl, bei noch höheren Temperaturen wandelten sie sich in Erdgas um.

Während die Bakterien der frühesten Erdzeitalter zunächst eine Atmosphäre schufen, die komplexeres Leben überhaupt möglich machte, und dabei gigantische Massen von Kalk- und Sedimentgestein aufschichteten, waren es die unvorstellbaren Massen des ein- und mehrzelligen Planktons, die über Hundertmillionen von Jahren durch die Bindung von Kohlenstoff ein Klima schufen, das die Erde zu einem Lebensraum machte, der eine ungeheuere Vielfalt höheren Lebens hervorbrachte - nach neuesten Schätzungen gegenwärtig etwa 8,7 Millionen Arten, zu denen auch unsere Spezies, der Homo Sapiens gehört.

Betrachtet man die Evolution der Lebensformen, kann man sie auch als eine Evolution der Sinne begreifen.

Am Anfang standen wahrscheinlich einfache Photorezeptoren wie die Phytochrome, mit denen bereits Cyanobakterien, die sog. Blaualgen, ausgestattet sind. Durch die Fähigkeit Licht zu registrieren, waren erstmals aktive Reaktionen auf die Umwelt möglich, um die bestmöglichen Bedingungen für Ernährung und Vermehrung zu nutzen.
Vor etwa 1,8 Milliarden Jahren tauchten die ersten Eukaryoten auf, also Lebewesen, die einen regulären Zellkern und eine komplexe Struktur aufweisen. Sie waren erstmals mit Cilien ausgestattet, den sogenannten Flimmerhärchen oder Geißeln. Die Cilien ermöglichten einerseits eine Fortbewegung, andererseits konnten sie als Rezeptoren für Berührungen oder Gerüche dienen. Diese Erweiterung der Wahrnehmungsfähigkeit durch Ertasten und Wittern der Umwelt, war ein gewaltiger Entwicklungssprung, der die Operationsmöglichkeiten der frühen Eukaryoten maßgeblich erweiterte, und ihnen schließlich eine Vormachtstellung bei der Besiedlung der Meere sicherte, die im späten Devon und Karbon ihren Höhepunkt erreichte.

Monika Schröder, Rotation, Ausstellungsansicht, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder

Zwar entwickelten sich auch die motorischen Möglichkeiten der immer komplexer werdenden Lebewesen, doch die Entwicklung der Sinne, zu denen sich schließlich, in Form spezialisierter Sinneszellen, auch der komplexere Gesichtssinn und die auditive Wahrnehmung gesellten, waren die entscheidenden Faktoren evolutionären Fortschritts. Je umfassender die Umwelt wahrgenommen wurde und je komplexer diese Informationen verknüpft werden konnten, desto überlebensfähiger war der jeweilige Organismus.
Als das am weitesten entwickelte Sinnesorgan kann aus dieser Perspektive das Gehirn gelten, allen voran das menschliche Gehirn, das zu vielschichtigenRepräsentationen der Außenwelt sowie der Selbstwahrnehmung fähig ist und damit eine selbstreflexive Innenwelt geschaffen hat: ein Bewußtsein - einen umfassenden Realitätsinn.

Monika Schröder, Rotation, Ausstellungsansicht, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder
An der Aufgabe der Sinne hat sich allerdings nichts geändert: sowohl die primitiven Sinne der einfachen Protozoen sowie die komplexeren Sinneszellen der Eukaryoten bis hin zu der Erkenntnisfähigkeit des Menschen dienen einer sinnlichen Erforschung der Umwelt und der Orientierung darin, um das eigene Überleben und die Homöostase, also das ideale organische Gleichgewicht, zu sichern.

Dieser Handlungsimpuls führte unter anderem den Frühmenschen Homo Erectus vor ungefähr 1 - 1,5 Mio. Jahren zur Beherrschung des Feuers, eine Fertigkeit, die den vielleicht wichtigsten Entwicklungsschritt in der Menschwerdung darstellt, denn sie gilt als der wirkmächtigste Faktor bei der weiteren Entwicklung von Gehirn und Bewußtsein.

Durch das Garen der Nahrung wird weitaus mehr Energie zugänglich gemacht, als rohe Nahrung sie bietet. Dadurch konnte sich das Größenwachstum des Gehirns mit seinem enorm hohen Energieverbrauch fortsetzen. Andererseits mußten die Frühmenschen nicht mehr, wie zuvor, bis zu 8 Stunden mit Sammeln, Jagen und Kauen der Nahrung verbringen, sondern etwa nur noch die Hälfte der Zeit, wodurch sich ungekannte Handlungsfreiräume öffneten.
Auch setzte die Dunkelheit dem menschlichen Tun kein natürliches Ende mehr. Anstatt zu schlafen, versammelten sich die Menschen nun abends am Feuer und entwickelten in einem noch nie dagewesenen Maße ihre kommunikativen Fähigkeiten und erste mündliche Traditionen: Sie tauschten Erfahrungen aus und es entstanden die ersten mythische Narrationen, um die Erscheinungen der Welt und die Conditio Humana zu erklären.

Monika Schröder, Vernissage "Rauschen" unter Corona-Beschränkungen, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder
Dem Homo Sapiens gelang es rund 1 Mio. Jahre später, die fossilen Lagerstätten des gebundenen Kohlenstoffs, die die frühen Eukaryoten gebildet hatten, zu erschließen. Im Jungpaläolithikum, um 12.000 v. Chr. wurde nur das oberflächlich austretende Bitumen nachweislich als Mittel zum Abdichten von Booten genutzt. Aber schon in den frühen Hochkulturen Mesopotamiens ist es als Brennstoff für Lampen nachgewiesen. Mit Hilfe des Feuers brach der Mensch, wenn auch zunächst nur in sehr bescheidenem Umfang, aus dem nachhaltigen Kohlenstoffkreislauf der Biosphäre aus.

Während Steinkohle in China und Mitteleuropa schon seit dem 13. Jhd. in überschaubaren Kontingenten, ab dem 17. Jhd. dann in immer größerem Maße als Brennstoff abgebaut wurde, erlebte das Erdöl erst seit 1859 mit den Bohrungen von George Bissel und Edwin Drake in Pennsylvania seinen kometenhaften Aufstieg. Es löste in Form von Petroleum rasch den Walrat als Lampenöl ab. Mit der Entwicklung des Verbrennungsmotors wurde die Dynamik des Erdölhandels schließlich zu dem maßgeblichen Vektor von Weltwirtschaft und - politik.

Derselbe Urimpuls des Lebens, der im Erdaltertum zur Evolution und Vermehrung der Mirkoorganismen führte, ist derselbe wie der, der heute in uns wirkt und in der jüngeren Geschichte dazu geführt hat, daß wir den fossil gebundenen Kohlenstoff wieder freisetzen und damit die von den frühen Eukaryoten in hunderten von Millionen Jahren geschaffenen Lebensbedingungen wieder zerstören: Es ist dies der Impuls, die Wirklichkeit so umfassend wie möglich wahrzunehmen, um anschließend so auf sie einzuwirken, daß wir homöostatische Bedingungen für uns schaffen können, in denen wir uns so schmerzfrei und bequem wie möglich ernähren und vermehren können. Und dazu bedienen wir uns, nach wie vor, des mächtigsten Werkzeugs und des effektivsten kulturellen Katalysators, den sich der Mensch jemals nutzbar gemacht hat: des Feuers.

Paradoxerweise liegt aber gerade in diesem Impuls, der uns in die gegenwärtige Krise geführt hat, auch die einzige Möglichkeit, dem kollektiven Selbst- und Massenmord, den der anthropogene Klimawandel bewirkt, Einhalt zu gebieten. Denn mit der Evolution der Erkenntnisfähigkeit und Selbsterkenntnis des Menschen ist ihm auch die Fähigkeit zu eigen geworden, in seiner Innenwelt ein Modell der Innenwelt anderer Menschen und Wesen zu schaffen: Spiegelneuronen ermöglichen uns, die Empfindungen und Emotionen anderer Menschen nachzuvollziehen und darauf empathisch zu reagieren, so wie uns die entwicklungspsychologisch übergeordnete „Theory of Mind“ ermöglicht, uns in die Gedankenwelt und auf den Erkenntnisstand anderer zu versetzen.

Und schließlich hat der Mensch, dem genannten Impuls folgend, die Evolution seiner Sinne selbst in die Hand genommen und sie um die Prothese der digitalen Netzwerke erweitert, die ihm nun ermöglichen, mit Menschen auf der ganzen Welt in Verbindung zu treten und Vorgänge auf der ganzen Welt zu verfolgen. Er hat begonnen, als jüngsten Schritt in seiner Evolution, ein globales Bewußtsein auszubilden, das ihm ermöglicht, durch empathisches und vernunftgeleitetes Handeln so zu agieren, daß nicht nur eine kurzfristige, individuelle Homöostase erreicht wird, sondern auch eine globale und nachhaltige Homöostase angestrebt werden kann, von der schließlich auch sein individuelles Wohlergehen und Überleben abhängt.

Wenn wir also nicht auf einer bereits überkommenen Entwicklungsstufe verharren wollen, bietet uns die stetig voranschreitende Evolution der Sinne, unser sich weitendes Bewußtsein für die Außenwelt, die Möglichkeit, die zerstörerischen Aspekte unseres Handelns zu erkennen, zu antizipieren, zu korrigieren und die angerichteten Schäden wenigstens teilweise zu heilen.

Ein Werkstoff, auf den Monika Schröder immer wieder zurückgreift, da er auch im Zusammenhang des Heilens eine große Rolle spielt, ist der Gips. Während sie ihn bei ihren sog. „Taktilos“ tatsächlich noch benutzte, um gebrochene Hölzer wieder zusammenzufügen, bleibt dieser Aspekt in ihrer neuen Werkserie, den „Rotationen“, als subtile Konnotation bestehen.

Monika Schröder, Rotation, Ausstellungsansicht, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder
Aus feinen Drahtnetzen, kleinen Streifen von Gipsbinden und zarten Latexmembranen hat sie filigrane, durchlässige, fast schwerelose Objekte geschaffen, deren Formen mitunter stark an Wimperntierchen erinnern, an Eukaryoten, deren Oberfläche mit einer Vielzahl von Flimmerhärchen bedeckt ist. Manche von ihnen schweben im Raum, wodurch die Anmutung von Plankton verstärkt wird. Doch im Gegensatz zu den Mikroorganismen, deren Körper um ihren Verdauungsapparat aufgebaut ist, sind die Objekte von Monika Schröder körperlos. Sie sind reduziert auf das Drahtgespinnst ihrer Außenhülle mit den hautartigen Latexpartien und den Cilien aus Gipsbinden, die vorsichtig in die Umgebung ausgreifen, als wollten sie sie abtasten. Sie stehen für eine Schnittstelle mit der Außenwelt, eine behutsame, physische Kontaktaufnahme, und wecken in uns das Gefühl für den Prozess des sich Einfühlens, des Betastens und Erfahrens der Umwelt. Dergestalt drängen sie sich als Metapher sinnlicher und empathischer Wahrnehmung auf.

Monika Schröder, Rotation, Ausstellungsansicht, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder
Gleichzeitig vermitteln sie den Eindruck großer Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit, manche scheinen auch schon von Auflösungserscheinungen gezeichnet zu sein. Tatsächlich wirkt die globale Erwärmung, zumal die Erwärmung der Ozeane, die wir hervorrufen, indem wir fossilen Kohlenstoff freisetzen, zuerst auf die Mikroorganismen, die entweder durch den entstehenden Sauerstoffmangel absterben, oder als von Cyaniobakterien ausgelöste Algenpest, die alle anderen höheren Organismen bedroht.

Die Vernichtung der vermeintlich schwächsten Kreaturen wird auch von einer weiteren bewußten Materialwahl aufgegriffen: Monika Schröder verwendet neben Gips  und Drahtnetzen mit Wabenstruktur bevorzugt Bienenwachs und thematisiert damit das für uns sichtbarere und in seinen Konsequenzen konkretere anthropogene Sterben der Bienen und Insekten.

Monika Schröder, Rotation, Ausstellungsansicht, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder
Eine weiteres Objekt, zu sehen im Keller des Einstellungsraums, erinnert stark an das hohle Kalkskelett einer Koralle. Gleichzeitig hat es auch die Anmutung eines gebeugten, menschlichen Torsos. Seine schneeweiße, durchbrochene Oberfläche ist gespickt mit den Enden schwarzer Kabelbinder aus Plastik, die sowohl als Stacheln, wie auch als Tasthärchen gelesen werden können. Darauf wird in Intervallen ein loderndes Feuer projiziert.

Monika Schröder, Rotation, Ausstellungsansicht, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder
Hier prallen die antagonistischen Kräfte am plastischsten aufeinander und ihre gegenseitige Abhängigkeit wird am deutlichsten: Es durchdringen sich die Korallen, die noch heute gewaltige Mengen an Kohlenstoff aus der Atmosphäre binden könnten, mit dem gebeugten, menschlichen Körper und der unbändigen Kraft des Feuers, die für uns Segen und Fluch in einem ist. Die Borsten aus Plastik, selbst ein Produkt der Petrochemie, vereinen die ambivalenten Anmutungen von Tasthaaren oder drohend aufgerichteten Stacheln, von Kontaktaufnahme und Aggression. Der Wechsel von den Phasen, in denen das Objekt rot-orange flackert, zu denen, die seine blendend weiße Oberfläche entblößen, ruft Assoziationen mit der Algenbleiche hervor, die derzeit weltweit Korallenriffe bedroht und ebenfalls menschlichen Einwirkungen anzulasten ist.
Und dann sind da ein weiteres mal die Borsten oder Härchen, die sowohl an Abwehr denken lassen, wie an tastende Fühler oder Antennen, die in die Welt hinaus gesreckt sind.

Setzt man diese komplexen Zusammenhänge von Form, Material und projizierter Bildebene in den Kontext des Jahresthemas „Sprit und Spirit“, ließe sich der ausgestellte Werkkomplex auf folgende Weise lesen:

Daß unser Antrieb zum Handeln sich nicht darauf beschränkten sollte, sich der von uns in Gang gesetzten Dynamik der fossilen Energiewirtschaft unterzuordnen, die sich als überkommener Irrweg der Evolution erwiesen hat, als Enantiodromie, also als ein Aspekt, der vorübergehend einen Vorteil geboten hat, sich aber schließlich in sein Gegenteil umkehrt.

Monika Schröder, Rotation, Ausstellungsansicht, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder
Vielmehr sollte der „Sprit“ unserer Kultur die Dynamik unserer Erkenntnisprozesse sein, so wie es der Evolution organischen Lebens schon immer zu Eigen gewesen ist.

Unser „Spirit“, unser empathisches Bewußtsein, dessen Grenzen sich immer mehr öffnen, darf sich dem nächsten Entwicklungsschritt, einem globalen Bewußtsein und einer daraus resultierenden globalen Verantwortung nicht verschließen, denn nur dieses Bewußtsein wird es uns ermöglichen, uns auch weiterhin dem Zustand der Homöostase anzunähern, der nur erreicht werden kann, wenn wir ihn nicht auf unsere Spezies beschränken, sondern ihn für alles Leben auf diesem Planeten als relevant erachten; wenn unsere Empathie nicht nur Freunden, Verwandten, Gesinnungsgenossen oder Landsleuten gilt, sondern jedem Lebewesen der 8,7 Millionen Spezies, bis hin zum Plankton in den Weltmeeren, dem wir dadurch hoffentlich noch die Chance geben, uns ein zweites mal Bedingungen zum Überleben zu schaffen.

Monika Schröder,  Vernissage "Rauschen" unter Corona-Beschränkungen, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder

Hinweise zur inhaltlichen Vertiefung:
• www.oekosystem-erde.de/html/geschichte_erdoel.html
• Stefanie Groll et.al., Kohleatlas, Heinrich Böll Stiftung, 2015
• Madeleine Böhme, Wie wir Menschen wurden, 2019
• Wilfried Westheide et.al. (Hrsg.), Spezielle Zoologie. Teil 1: Einzeller und Wirbellose Tiere.

© Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, August 2020

Samstag, 25. Juli 2020

Neues Literatur Magazin Queer*Welten sucht Beiträge

Die ehemalige Teilnehmerin des TEXTPROJEKTS Lena Richter ist nach einigen erfolgreichen Veröffentlichungen unter die Herausgeber gegangen: zusammen mit Judith Vogt und Kathrin Dodenhoeft gibt sie Queer*Welten heraus, ein Magazin, das sich vierteljährlich der queeren Seite von SF und Fantasy widmet.

Dafür suchen Sie stets nach neuen Beiträgen, die sich in phantastischen Zusammenhängen mit marginalisierten Lebensentwürfen, feministischen Themen und diversen gender-relevanten Aspekten beschäftigen.

Alle weiteren Informationen findet Ihr unter folgendem Link:
https://queerwelten.de/wir-suchen-dich/


Dienstag, 5. Mai 2020

Die unsichtbaren Götter - Dr. Thomas Piesbergen zu der Ausstellung „Fosylcanruun“ von Bernhard Schwank

Die Ausstellung "Fosylcanruun" von Bernhard Schwank findet im Rahmen des Jahresthemas "Sprit und Spirit" im Einstellungsraum e.V. statt. Aufgrund der aktuellen Beschränkungen ist sie als Schaufensterpräsentation zu sehen.

Bernhard Schwank "Fosylcanruun", Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V. Mai 2020 

Auf unserem Planeten gibt es abertausende von Ethnien, deren Gesellschaftsstrukturen, Sprachen, Ideologien und kosmologischen Konzepte unterschiedlicher kaum sein könnten. Eines jedoch teilen die meisten von Ihnen, unabhängig wie weit voneinander entfernt sie leben und wie unterschiedlich ihre  kulturelle Genese auch gewesen sein mochte: Ihre Eigenbezeichnungen bedeuten fast immer in wörtlicher Übersetzung „Mensch“, während ihre Fremdbezeichnungen und die Bezeichnungen, mit denen sie selbst Zugehörige anderer Ethnien bedenken, meist ausdrücklich negative Konnotationen haben. 
Die Eigenbezeichnung „Inuit“ bedeutet ebenso „Mensch“ wie „Diné“, der eigentliche Name der Navajo. Die Navajo bezeichnen andere Menschen als „Anaa´i“, was sowohl „Fremder“ als auch „Feind“ bedeutet. Die Selbstbezeichnung „Hmong“, eine Ethnie im Goldenen Dreieck, lautet übersetzt „freie Menschen“, während sie von ihren Nachbarn als „Miao“, als Barbaren bezeichnet werden. Buschleute nennen sich selbst „Khoikhoi“, die „wahren Menschen“ oder „Kwe“, was ebenfalls „Mensch“ heißt, während sie von anderen Gruppen als „San“ bezeichnet werden, was gleichbedeutend ist mit „Fremder“ und „Bandit“. Die Tuareg, die von den Arabern „Tawariq“, das „von Gott verlassene Volk“ genannt werden, nennen sich selbst, je nach Herkunft, Imajeghen, Imuhagh oder Imushagh, was jeweils „Mensch freier Abstammung“ bedeutet. Auch die Eigennamen der sibirischen Nenzen und Nganasanen bedeuten jeweils „Mensch“. Ihre russisch-sprachigen Nachbarn nennen sie jedoch „Samojeden“, die „Selbstverzehrer“, also Kannibalen.

Diese wenigen Beispiele verschiedenster Provenienz sollen genügen, um die Haltung zu verdeutlichen, die Menschengruppen in der Regel bei der Beurteilung der eigenen und fremder Kulturen an den Tag legen. Die eigene Kultur stellt dabei den Normzustand dar, das „wahre“ Menschsein, alle Zugehörigen anderer Ethnien können also nur Verbrecher, von Gott Verlassene, Feinde oder Kannibalen sein. Die Besonderheiten der eigenen Kultur werden nicht gesehen, lediglich die davon abweichenden Merkmale bei anderen beobachtet, verschmäht, bespöttelt oder stigmatisiert. Die eigene kulturelle Praxis bleibt unser blinder Fleck, der Standpunkt, von dem aus wir andere beurteilen, der aber selbst unsichtbar bleibt.

Die Legitimation, die wir in der sogenannten westlichen, aufgeklärten Kultur dafür heranziehen, unterscheidet sich auf den ersten Blick sehr von den ahistorischen und historischen Traditionen. Während die ahistorischen Kulturen davon ausgehen, daß ihre mythische Ordnung die allgemeingültige Ordnung einer zyklischen, unwandelbaren Welt darstellt, deren Teil sie sind, nur sie also durch ihre Riten den Erhalt der Welt gewährleisten können, denken und handeln die meisten großen historischen Religionen teleologisch, also zielgerichtet in einer linearen Welt, an deren Ende ein Himmelreich steht, um dessen Verwirklichung sie mit den „irrgläubigen“ und „rückständigen Heiden“ konkurrieren. Aus dieser Vorstellung einer linearen Entwicklung, die zuerst zu immer mehr Gottesnähe und schließlich aber zu Erkenntnisgewinn und dadurch zur fortschreitenden Verwirklichung des Menschen führt, ging schließlich über die Etappen der Renaissance und der Aufklärung ein Konzept der Welt als geschichtlicher Prozess hervor, der am Ende alle mythologischen und transzendenten Erklärungen negiert.

Das Primat der Vernunft, das wissenschaftliche Denk- und Weltmodell, das nach unseren Vorstellungen am Ende einer „Evolution“ der menschlichen Kultur stehen muß, erhebt sich über alle anderen Kulturen, die ihre Überlegenheit „nur“ mythologisch, also irrational legitimieren. Der rationale, nicht von Mythen und Religionen verblendete Mensch erhebt sich über den „noch“ irrationalen Menschen, der die Welt nicht vernünftig, also „objektiv“ betrachten kann. 
Doch gerade in dem der Mensch der „westlichen Zivilisation“ sich selbst von einer irrationalen, mythisierenden kognitiven Verzerrung freispricht, fällt es ihm um so schwerer, den sog. Bias seiner eigenen Weltwahrnehmung zu erkennen. Denn natürlich ist nur die abendländische Zivilisation der Ort, an dem sich der „wahrhaft freie Mensch“ entfalten kann, weshalb nur sein Blick der wahrhaftige, rationale und objektive sein kann. Hier fällt das Muster der Selbstwahrnehmung unserer vorgeblich rationalen Zivilisation also wieder mit dem der archaischen Kulturen zusammen.

Gleichzeitig ist aber aus dem mythischen Erbe die Aufforderung „Erkenne Dich Selbst“ durch unsere Kulturgeschichte gegangen und hat schließlich über die metaphysische Philosophie auch Eingang in die Wissenschaft gefunden. 
Für den Kontext der ethnologischen Wissenschaftsgeschichte kann Jonathan Swift mit den „Feldstudien“ Gullivers als literarischer Pionier der Bemühungen gelten, den fremden Blick auf uns selbst nachzuvollziehen. In China hat Li Ju-Tschen 1827 mit seinem Roman „Im Land der Frauen“ ebenfalls den Blick auf die eigene kulturelle Praxis im Spiegel einer fiktiven Ethnie gerichtet. Ebenfalls ein prominentes Beispiel dieser Perspektivumkehr ist das Buch „Papalagi“ (1920) von Erich Scheurmann, in dem ein Südseehäuptling von seiner Reise zu den grotesken Europäern berichtet. Neuere Beispiele sind „Traumatische Tropen“ und „Traurige Insulaner“, in denen der Ethnologe Nigel Barley zuerst von seinem am Bias gescheiterten Versuch einer Feldforschung berichtet, anschließend von seinem ethnologischen Blick auf die seltsamen Engländer.

In der ethnologischen Wissenschaft hat diese Gedankenlinie der Selbstreflexion und Perspektivumkehr schließlich zu der Aufarbeitung der eigenen Geschichte geführt, vor allem vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte; so kommt es z.B., daß das Museum für Völkerkunde in Hamburg, das etwas sperrig umbenannt worden ist in „Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt“, in manchen Räumen seiner klassischen Sammlungen die Geschichte ihres Zustandekommens, die Biographien seiner vergessenen Mitarbeiterinnen oder aus Unsicherheit über den eigenen Standpunkt auch einfach mal gar nichts ausstellt.

All diese Versuche, durch Perspektivverschiebung oder -umkehr einen Blick auf den eigenen blinden Fleck zu erhaschen und unsere eigene kulturelle Praxis tatsächlich „objektiv“ wahrzunehmen, enthüllen, wie es tatsächlich um unsere eigene, vorgebliche Rationalität bestellt ist. Denn auch in der aufgeklärten, wissenschaftsgläubigen westlichen Zivilisation treffen Menschen ihre Entscheidungen fast immer irrational und ihrem sozio-kulturellen Habitus entsprechend.

Prof. Hermann Knoflacher arbeitete auf diesem Feld beispielhaft über die Irrationalität des Autofahrens, für das jeder Automobilist zahllose, völlig vernünftige und nachvollziehbare Gründe angeben könnte - solange er sich innerhalb der Konventionen unserer etablierten Alltagsrealität bewegt. Tatsächlich aber treiben ihn fast ausschließlich archaische Mechanismen an sein Lenkrad, in einer Welt, die konstant im Sinne der Automobilität, nicht im Sinne der Menschen, also eigentlich irrational, umgestaltet wird.

Der Begriff des Auto-Fetischismus ist inzwischen weit verbreitet. Er bezeichnet im Volksmund aber nicht mehr als eine besondere Begeisterung für das Automobil. In der ethnologischen  Religionsforschung hingegen bezeichnet der Begriff des Fetischismus den Glauben an übernatürliche Geister oder Mächte, die sich an bestimmte Gegenstände binden und in ihnen verehrt werden. Indem man einem solchen Gegenstand Opfer und Geschenke bringt, erhöht man die hilfreiche Macht des an ihn gebundenen Geistes, man lädt sozusagen seine übernatürliche Batterie auf, damit er wieder in unserem Sinne magisch auf unsere Umwelt einwirkt, was ohne weiteres als Metapher für das Verhältnis der meisten Autofahrer zu ihrem Wagen dienen kann. Denn die Funktionen, die Automobile erfüllen, gehen deutlich über die reine Fortbewegung hinaus. Sie sollen vielmehr tief in unsere gesellschaftlichen und persönlichen Beziehungen hinein wirken und uns als Verkörperung hilfreicher Mächte dienlich sein.

Bernhard Schwank "Fosylcanruun", Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V. Mai 2020
Der Künstler Bernhard Schwank beschäftigt sich in seinem langfristigen Projekt „Die ethNokonstruktivistische Sammlung“ schon seit langer Zeit mit der Inversion der ethnologischen Perspektive und überträgt unsere Alltagsroutinen aus ihrem rationalistischen, linearen Zusammenhang in eine hypothetische, nicht-lineare Kultur. Was wäre, wenn unsere kulturelle Entwicklung, trotz wissenschaftlicher Fortschritte, niemals ihre archaische, mythologische und zyklische, also ahistorische Struktur verlassen hätte? 

Im Stil einer klassisch musealen Präsentationen zeigt Schwank Objekte, die unsere „normalen“ Handlungen transformiert zu heiligen Ritualen in einer zyklischen, mythisch geordneten Realität erscheinen lassen. Durch diese Verschiebung und Überzeichnung gelingt es, das volle Ausmaß der Irrationalität unseres Alltags freizulegen. Denn selbst wenn wir vorgeben zu wissen, daß unsere kollektive Wirklichkeit linear voranschreitet, handeln doch die meisten von uns so, als könne man den derzeitigen Status Quo bis in alle Ewigkeiten erhalten, als gäbe es keine linearen, unumkehrbaren historischen Prozesse, als könne man wider besseres Wissen immer so weiter machen wie bisher - eine Einstellung, die nicht nur offenkundig irrational ist, sondern die zudem auch die Grundzüge einer zyklischen Weltvorstellung aufweist, nicht die einer linearen, worin sich die Schizophrenität unseres kulturellen Selbstverständnisses offenbart.

Dem Jahresthema des Einstellungsraums „Sprit und Spirit“ entsprechend hat Bernhard Schwank sich in seinem aktuellen Werkkomplex vor allem auf die Aspekte der Automobilität und der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen konzentriert. 
Es werden Objekte gezeigt, die während der fiktiven „Fosylcanruun“-Zeremonie genutzt werden. Diese Zeremonie, die von den fiktiven, archaischen Völker Europas praktiziert wird, dient, ähnlich wie der nordamerikanische „Potlach“, dem sozialen und ökonomischen Austausch und Ausgleich sowie der Verehrung der „Fossilen Ahnen“. 

Bernhard Schwank "Fosylcanruun", Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V. Mai 2020
Dabei spielen die sog. „Libomi“-Figuren oder Ölgeister eine besondere Rolle. Durch sie wird der Beschleunigungsgott Libomi heraufbeschworen, der den Menschen in Form des Geschwindigkeitsrauschs transzendente Erlebnisse ermöglicht. 
Besonders auffällig ist eine aus einem Baumstumpf modellierte Libomi-Figur, aus deren Wurzelausläufern rot lackierte, phallische Tankpistolen hervor wuchern. Hier wird einerseits exemplarisch der irrationale Kult-Charakter des Autofahrens und seiner Begleiterscheinungen hervorgehoben sowie seine Assoziation mit männlicher Potenz, andererseits liefert diese Libomi-Figur  durch die formelle Präsenz des Materials - nämlich Holz - einen gegenläufigen Subtext: 
Es werden keine Objekte ausgestellt, die eine akute Beschleunigung und Freisetzung von CO2 hervorrufen, sondern Objekte, die diese Beschleunigung nur in Form eines mystisch-rituellen Erlebnisses hervorrufen sollen, gleichzeitig aber Kohlenstoff binden, nicht freisetzen. So hat Bernhard Schwank ausgerechnet, daß das CO2, das in den Ausstellungsstücken gebunden ist, umgerechnet etwa der Ausstoß wäre, den er auf einer Strecke von 1300 km mit dem Auto freigesetzt hätte.

Bernhard Schwank, Suprema-Ideogramm "Alte weisse Männer" 
Bernhard Schwank, Suprema-Ideogramm, "Throwaway"

Die Suprema-Ideogramm-Tafeln, die sich der Ästhetik zeitgenössischer Piktogramme bedienen, aber komplexere, gesellschaftliche Zusammenhänge verbildlichen sollen, nutzen wiederum die Unmittelbarkeit, mit der in archaischen Gesellschaften die konzipierte Struktur und die akute Praxis zueinander stehen. Während in unserer vorgeblich aufgeklärten und rationalen Zivilisation stetig die wahren Absichten und Beweggründe gesellschaftlicher Akteure beschönigt, verschleiert oder geleugnet werden, und maßgebliche wirtschaftliche und politische Motive wie die Habsucht und Machtgier offiziell nicht zu existieren scheinen, gibt es in zyklisch denkenden Gesellschaften diese Trennung oder sogar den Widerspruch zwischen dem Faktischen und dessen öffentlicher Präsentation nicht. In diesem Sinne werden auf den Tafeln unverblümt ökonomische und soziale Tatbestände in Ideogrammen gebündelt, die weder die Obszönität noch die Albernheit oder Naivität scheuen. Wir werden Zeugen der sexualisierten Gewaltphantasien der „Alten weissen Männer“. Wir werden hingewiesen auf Produkte aus Mineralöl, die von vornherein für den Mülleimer hergestellt werden, wie ein großer Teil der schnelllebigen, sinnfreien Trendartikel aus Plastik, gerne als Werbegeschenke verwendet, die in dem vorliegenden Zusammenhang jedoch nicht euphemisiert als „Giveaways“, sondern unbeschönigt als „Throwaways“ bezeichnet werden. Und wir erkennen die hierarchischen Systeme wieder, die die Kontrolle fossiler Energiequellen als legitimen Grund für Kriege anführen. 

Bernhard Schwank, Suprema Ideogramm, "No Blood for Oil"

In dem uns Bernhard Schwank unsere eigene Gesellschaft im Spiegel einer fiktiven archaisch-zyklischen Kultur vorführt, hat er nicht nur einen markant eigenständigen ästhetischen Weg gefunden. Er kann zudem höchst effektiv unsere durch den blinden Fleck versperrte Sicht auf die Irrationalität unserer Gesellschaft öffnen, gleichzeitig erschließt er uns die Aufrichtigkeit einer archaischen Denkstruktur, in der Ursachen und vorgebliche Gründe nicht auseinander driften, sondern eine ehrliche, wenn auch oft grausame Eindeutigkeit haben. Eine Eindeutigkeit die uns helfen kann, den Problemen, die uns tatsächlich bevorstehen, mit unverstelltem Blick zu begegnen.


Bernhard Schwank "Fosylcanruun", Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V. Mai 2020
© Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, Mai 2020