Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an.
März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3
Oktober-Dezember: Kursabschnitt 1 / Januar-Februar: Kursabschnitt 2
Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de
DERZEIT KEINE KURSE WEGEN CORONA-PANDEMIE

Samstag, 25. Juli 2020

Neues Literatur Magazin Queer*Welten sucht Beiträge

Die ehemalige Teilnehmerin des TEXTPROJEKTS Lena Richter ist nach einigen erfolgreichen Veröffentlichungen unter die Herausgeber gegangen: zusammen mit Judith Vogt und Kathrin Dodenhoeft gibt sie Queer*Welten heraus, ein Magazin, das sich vierteljährlich der queeren Seite von SF und Fantasy widmet.

Dafür suchen Sie stets nach neuen Beiträgen, die sich in phantastischen Zusammenhängen mit marginalisierten Lebensentwürfen, feministischen Themen und diversen gender-relevanten Aspekten beschäftigen.

Alle weiteren Informationen findet Ihr unter folgendem Link:
https://queerwelten.de/wir-suchen-dich/


Dienstag, 5. Mai 2020

Die unsichtbaren Götter - Dr. Thomas Piesbergen zu der Ausstellung „Fosylcanruun“ von Bernhard Schwank

Die Ausstellung "Fosylcanruun" von Bernhard Schwank findet im Rahmen des Jahresthemas "Sprit und Spirit" im Einstellungsraum e.V. statt. Aufgrund der aktuellen Beschränkungen ist sie als Schaufensterpräsentation zu sehen.

Bernhard Schwank "Fosylcanruun", Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V. Mai 2020 

Auf unserem Planeten gibt es abertausende von Ethnien, deren Gesellschaftsstrukturen, Sprachen, Ideologien und kosmologischen Konzepte unterschiedlicher kaum sein könnten. Eines jedoch teilen die meisten von Ihnen, unabhängig wie weit voneinander entfernt sie leben und wie unterschiedlich ihre  kulturelle Genese auch gewesen sein mochte: Ihre Eigenbezeichnungen bedeuten fast immer in wörtlicher Übersetzung „Mensch“, während ihre Fremdbezeichnungen und die Bezeichnungen, mit denen sie selbst Zugehörige anderer Ethnien bedenken, meist ausdrücklich negative Konnotationen haben. 
Die Eigenbezeichnung „Inuit“ bedeutet ebenso „Mensch“ wie „Diné“, der eigentliche Name der Navajo. Die Navajo bezeichnen andere Menschen als „Anaa´i“, was sowohl „Fremder“ als auch „Feind“ bedeutet. Die Selbstbezeichnung „Hmong“, eine Ethnie im Goldenen Dreieck, lautet übersetzt „freie Menschen“, während sie von ihren Nachbarn als „Miao“, als Barbaren bezeichnet werden. Buschleute nennen sich selbst „Khoikhoi“, die „wahren Menschen“ oder „Kwe“, was ebenfalls „Mensch“ heißt, während sie von anderen Gruppen als „San“ bezeichnet werden, was gleichbedeutend ist mit „Fremder“ und „Bandit“. Die Tuareg, die von den Arabern „Tawariq“, das „von Gott verlassene Volk“ genannt werden, nennen sich selbst, je nach Herkunft, Imajeghen, Imuhagh oder Imushagh, was jeweils „Mensch freier Abstammung“ bedeutet. Auch die Eigennamen der sibirischen Nenzen und Nganasanen bedeuten jeweils „Mensch“. Ihre russisch-sprachigen Nachbarn nennen sie jedoch „Samojeden“, die „Selbstverzehrer“, also Kannibalen.

Diese wenigen Beispiele verschiedenster Provenienz sollen genügen, um die Haltung zu verdeutlichen, die Menschengruppen in der Regel bei der Beurteilung der eigenen und fremder Kulturen an den Tag legen. Die eigene Kultur stellt dabei den Normzustand dar, das „wahre“ Menschsein, alle Zugehörigen anderer Ethnien können also nur Verbrecher, von Gott Verlassene, Feinde oder Kannibalen sein. Die Besonderheiten der eigenen Kultur werden nicht gesehen, lediglich die davon abweichenden Merkmale bei anderen beobachtet, verschmäht, bespöttelt oder stigmatisiert. Die eigene kulturelle Praxis bleibt unser blinder Fleck, der Standpunkt, von dem aus wir andere beurteilen, der aber selbst unsichtbar bleibt.

Die Legitimation, die wir in der sogenannten westlichen, aufgeklärten Kultur dafür heranziehen, unterscheidet sich auf den ersten Blick sehr von den ahistorischen und historischen Traditionen. Während die ahistorischen Kulturen davon ausgehen, daß ihre mythische Ordnung die allgemeingültige Ordnung einer zyklischen, unwandelbaren Welt darstellt, deren Teil sie sind, nur sie also durch ihre Riten den Erhalt der Welt gewährleisten können, denken und handeln die meisten großen historischen Religionen teleologisch, also zielgerichtet in einer linearen Welt, an deren Ende ein Himmelreich steht, um dessen Verwirklichung sie mit den „irrgläubigen“ und „rückständigen Heiden“ konkurrieren. Aus dieser Vorstellung einer linearen Entwicklung, die zuerst zu immer mehr Gottesnähe und schließlich aber zu Erkenntnisgewinn und dadurch zur fortschreitenden Verwirklichung des Menschen führt, ging schließlich über die Etappen der Renaissance und der Aufklärung ein Konzept der Welt als geschichtlicher Prozess hervor, der am Ende alle mythologischen und transzendenten Erklärungen negiert.

Das Primat der Vernunft, das wissenschaftliche Denk- und Weltmodell, das nach unseren Vorstellungen am Ende einer „Evolution“ der menschlichen Kultur stehen muß, erhebt sich über alle anderen Kulturen, die ihre Überlegenheit „nur“ mythologisch, also irrational legitimieren. Der rationale, nicht von Mythen und Religionen verblendete Mensch erhebt sich über den „noch“ irrationalen Menschen, der die Welt nicht vernünftig, also „objektiv“ betrachten kann. 
Doch gerade in dem der Mensch der „westlichen Zivilisation“ sich selbst von einer irrationalen, mythisierenden kognitiven Verzerrung freispricht, fällt es ihm um so schwerer, den sog. Bias seiner eigenen Weltwahrnehmung zu erkennen. Denn natürlich ist nur die abendländische Zivilisation der Ort, an dem sich der „wahrhaft freie Mensch“ entfalten kann, weshalb nur sein Blick der wahrhaftige, rationale und objektive sein kann. Hier fällt das Muster der Selbstwahrnehmung unserer vorgeblich rationalen Zivilisation also wieder mit dem der archaischen Kulturen zusammen.

Gleichzeitig ist aber aus dem mythischen Erbe die Aufforderung „Erkenne Dich Selbst“ durch unsere Kulturgeschichte gegangen und hat schließlich über die metaphysische Philosophie auch Eingang in die Wissenschaft gefunden. 
Für den Kontext der ethnologischen Wissenschaftsgeschichte kann Jonathan Swift mit den „Feldstudien“ Gullivers als literarischer Pionier der Bemühungen gelten, den fremden Blick auf uns selbst nachzuvollziehen. In China hat Li Ju-Tschen 1827 mit seinem Roman „Im Land der Frauen“ ebenfalls den Blick auf die eigene kulturelle Praxis im Spiegel einer fiktiven Ethnie gerichtet. Ebenfalls ein prominentes Beispiel dieser Perspektivumkehr ist das Buch „Papalagi“ (1920) von Erich Scheurmann, in dem ein Südseehäuptling von seiner Reise zu den grotesken Europäern berichtet. Neuere Beispiele sind „Traumatische Tropen“ und „Traurige Insulaner“, in denen der Ethnologe Nigel Barley zuerst von seinem am Bias gescheiterten Versuch einer Feldforschung berichtet, anschließend von seinem ethnologischen Blick auf die seltsamen Engländer.

In der ethnologischen Wissenschaft hat diese Gedankenlinie der Selbstreflexion und Perspektivumkehr schließlich zu der Aufarbeitung der eigenen Geschichte geführt, vor allem vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte; so kommt es z.B., daß das Museum für Völkerkunde in Hamburg, das etwas sperrig umbenannt worden ist in „Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt“, in manchen Räumen seiner klassischen Sammlungen die Geschichte ihres Zustandekommens, die Biographien seiner vergessenen Mitarbeiterinnen oder aus Unsicherheit über den eigenen Standpunkt auch einfach mal gar nichts ausstellt.

All diese Versuche, durch Perspektivverschiebung oder -umkehr einen Blick auf den eigenen blinden Fleck zu erhaschen und unsere eigene kulturelle Praxis tatsächlich „objektiv“ wahrzunehmen, enthüllen, wie es tatsächlich um unsere eigene, vorgebliche Rationalität bestellt ist. Denn auch in der aufgeklärten, wissenschaftsgläubigen westlichen Zivilisation treffen Menschen ihre Entscheidungen fast immer irrational und ihrem sozio-kulturellen Habitus entsprechend.

Prof. Hermann Knoflacher arbeitete auf diesem Feld beispielhaft über die Irrationalität des Autofahrens, für das jeder Automobilist zahllose, völlig vernünftige und nachvollziehbare Gründe angeben könnte - solange er sich innerhalb der Konventionen unserer etablierten Alltagsrealität bewegt. Tatsächlich aber treiben ihn fast ausschließlich archaische Mechanismen an sein Lenkrad, in einer Welt, die konstant im Sinne der Automobilität, nicht im Sinne der Menschen, also eigentlich irrational, umgestaltet wird.

Der Begriff des Auto-Fetischismus ist inzwischen weit verbreitet. Er bezeichnet im Volksmund aber nicht mehr als eine besondere Begeisterung für das Automobil. In der ethnologischen  Religionsforschung hingegen bezeichnet der Begriff des Fetischismus den Glauben an übernatürliche Geister oder Mächte, die sich an bestimmte Gegenstände binden und in ihnen verehrt werden. Indem man einem solchen Gegenstand Opfer und Geschenke bringt, erhöht man die hilfreiche Macht des an ihn gebundenen Geistes, man lädt sozusagen seine übernatürliche Batterie auf, damit er wieder in unserem Sinne magisch auf unsere Umwelt einwirkt, was ohne weiteres als Metapher für das Verhältnis der meisten Autofahrer zu ihrem Wagen dienen kann. Denn die Funktionen, die Automobile erfüllen, gehen deutlich über die reine Fortbewegung hinaus. Sie sollen vielmehr tief in unsere gesellschaftlichen und persönlichen Beziehungen hinein wirken und uns als Verkörperung hilfreicher Mächte dienlich sein.

Bernhard Schwank "Fosylcanruun", Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V. Mai 2020
Der Künstler Bernhard Schwank beschäftigt sich in seinem langfristigen Projekt „Die ethNokonstruktivistische Sammlung“ schon seit langer Zeit mit der Inversion der ethnologischen Perspektive und überträgt unsere Alltagsroutinen aus ihrem rationalistischen, linearen Zusammenhang in eine hypothetische, nicht-lineare Kultur. Was wäre, wenn unsere kulturelle Entwicklung, trotz wissenschaftlicher Fortschritte, niemals ihre archaische, mythologische und zyklische, also ahistorische Struktur verlassen hätte? 

Im Stil einer klassisch musealen Präsentationen zeigt Schwank Objekte, die unsere „normalen“ Handlungen transformiert zu heiligen Ritualen in einer zyklischen, mythisch geordneten Realität erscheinen lassen. Durch diese Verschiebung und Überzeichnung gelingt es, das volle Ausmaß der Irrationalität unseres Alltags freizulegen. Denn selbst wenn wir vorgeben zu wissen, daß unsere kollektive Wirklichkeit linear voranschreitet, handeln doch die meisten von uns so, als könne man den derzeitigen Status Quo bis in alle Ewigkeiten erhalten, als gäbe es keine linearen, unumkehrbaren historischen Prozesse, als könne man wider besseres Wissen immer so weiter machen wie bisher - eine Einstellung, die nicht nur offenkundig irrational ist, sondern die zudem auch die Grundzüge einer zyklischen Weltvorstellung aufweist, nicht die einer linearen, worin sich die Schizophrenität unseres kulturellen Selbstverständnisses offenbart.

Dem Jahresthema des Einstellungsraums „Sprit und Spirit“ entsprechend hat Bernhard Schwank sich in seinem aktuellen Werkkomplex vor allem auf die Aspekte der Automobilität und der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen konzentriert. 
Es werden Objekte gezeigt, die während der fiktiven „Fosylcanruun“-Zeremonie genutzt werden. Diese Zeremonie, die von den fiktiven, archaischen Völker Europas praktiziert wird, dient, ähnlich wie der nordamerikanische „Potlach“, dem sozialen und ökonomischen Austausch und Ausgleich sowie der Verehrung der „Fossilen Ahnen“. 

Bernhard Schwank "Fosylcanruun", Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V. Mai 2020
Dabei spielen die sog. „Libomi“-Figuren oder Ölgeister eine besondere Rolle. Durch sie wird der Beschleunigungsgott Libomi heraufbeschworen, der den Menschen in Form des Geschwindigkeitsrauschs transzendente Erlebnisse ermöglicht. 
Besonders auffällig ist eine aus einem Baumstumpf modellierte Libomi-Figur, aus deren Wurzelausläufern rot lackierte, phallische Tankpistolen hervor wuchern. Hier wird einerseits exemplarisch der irrationale Kult-Charakter des Autofahrens und seiner Begleiterscheinungen hervorgehoben sowie seine Assoziation mit männlicher Potenz, andererseits liefert diese Libomi-Figur  durch die formelle Präsenz des Materials - nämlich Holz - einen gegenläufigen Subtext: 
Es werden keine Objekte ausgestellt, die eine akute Beschleunigung und Freisetzung von CO2 hervorrufen, sondern Objekte, die diese Beschleunigung nur in Form eines mystisch-rituellen Erlebnisses hervorrufen sollen, gleichzeitig aber Kohlenstoff binden, nicht freisetzen. So hat Bernhard Schwank ausgerechnet, daß das CO2, das in den Ausstellungsstücken gebunden ist, umgerechnet etwa der Ausstoß wäre, den er auf einer Strecke von 1300 km mit dem Auto freigesetzt hätte.

Bernhard Schwank, Suprema-Ideogramm "Alte weisse Männer" 
Bernhard Schwank, Suprema-Ideogramm, "Throwaway"

Die Suprema-Ideogramm-Tafeln, die sich der Ästhetik zeitgenössischer Piktogramme bedienen, aber komplexere, gesellschaftliche Zusammenhänge verbildlichen sollen, nutzen wiederum die Unmittelbarkeit, mit der in archaischen Gesellschaften die konzipierte Struktur und die akute Praxis zueinander stehen. Während in unserer vorgeblich aufgeklärten und rationalen Zivilisation stetig die wahren Absichten und Beweggründe gesellschaftlicher Akteure beschönigt, verschleiert oder geleugnet werden, und maßgebliche wirtschaftliche und politische Motive wie die Habsucht und Machtgier offiziell nicht zu existieren scheinen, gibt es in zyklisch denkenden Gesellschaften diese Trennung oder sogar den Widerspruch zwischen dem Faktischen und dessen öffentlicher Präsentation nicht. In diesem Sinne werden auf den Tafeln unverblümt ökonomische und soziale Tatbestände in Ideogrammen gebündelt, die weder die Obszönität noch die Albernheit oder Naivität scheuen. Wir werden Zeugen der sexualisierten Gewaltphantasien der „Alten weissen Männer“. Wir werden hingewiesen auf Produkte aus Mineralöl, die von vornherein für den Mülleimer hergestellt werden, wie ein großer Teil der schnelllebigen, sinnfreien Trendartikel aus Plastik, gerne als Werbegeschenke verwendet, die in dem vorliegenden Zusammenhang jedoch nicht euphemisiert als „Giveaways“, sondern unbeschönigt als „Throwaways“ bezeichnet werden. Und wir erkennen die hierarchischen Systeme wieder, die die Kontrolle fossiler Energiequellen als legitimen Grund für Kriege anführen. 

Bernhard Schwank, Suprema Ideogramm, "No Blood for Oil"

In dem uns Bernhard Schwank unsere eigene Gesellschaft im Spiegel einer fiktiven archaisch-zyklischen Kultur vorführt, hat er nicht nur einen markant eigenständigen ästhetischen Weg gefunden. Er kann zudem höchst effektiv unsere durch den blinden Fleck versperrte Sicht auf die Irrationalität unserer Gesellschaft öffnen, gleichzeitig erschließt er uns die Aufrichtigkeit einer archaischen Denkstruktur, in der Ursachen und vorgebliche Gründe nicht auseinander driften, sondern eine ehrliche, wenn auch oft grausame Eindeutigkeit haben. Eine Eindeutigkeit die uns helfen kann, den Problemen, die uns tatsächlich bevorstehen, mit unverstelltem Blick zu begegnen.


Bernhard Schwank "Fosylcanruun", Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V. Mai 2020
© Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, Mai 2020


  

Mittwoch, 29. April 2020

Ins Blaue hinein - Dr. Thomas Piesbergen zum Werkkomplex "Continuum" von Sigrun Jakubaschke

Die Ausstellung "Continuum" von Sigrun Jakubaschke ist im Mai 2020 zu sehen in Hamburg in der Galerie W.  des Künstlers und Magiers Wittus Witt.


Spricht man von einer Fahrt ohne klares Ziel, nennt der Volksmund sie gerne eine „Fahrt ins Blaue“. Auch das „Reden ins Blaue“ ist eine Wendung, die bereits bei Immanuel Kant belegt ist. Heinrich von Kleist schreibt hingegen von einem Urteil, das „ins Blaue geschossen“ ist.
Immer gemeint ist damit ein Vorstoß in das Ungewisse, das Ungreifbare, gefaßt in der Metapher des Himmelsblaus oder dem Blau der Ferne. Beiden wird die Eigenschaft des Grenzenlosen zugeschrieben; die Bewegung ins Blaue umfaßt also auch immer die Transzendenz von bisher bestehenden Grenzen.

In der Frühzeit und Antike war der Himmel der Bereich absoluter Unerreichbarkeit, also lag es nah, daß in fast allen Kulturen der Himmel als die Sphäre der göttlichen Kräfte galt. Zudem zogen dort die Gestirne ihre Bahnen, in deren Bewegungsmustern und Zyklen die grundlegende Ordnung der Welt gewähnt wurde. Die Identifikation von Gottheiten und Gestirnen, die uns vor allem durch die griechischen und römischen Gottheiten geläufig ist, geht in unserem Kulturkreis zurück auf die altorientalischen Astralgottheiten. Und auch in mythogenetischen Zonen, die keine Planeten oder Sterne mit Gottheiten gleichsetzten, gab es immer eine Vergöttlichung von Sonne und Mond, deren Bahn zuerst den Himmel, dann die Unterwelt durchmaß, um aus ihr wiedergeboren zu werden.

Um in diesen vergangenen kulturellen Kontexten zu einer absoluten Erkenntnis und Gewissheit zu gelangen, war es also nötig, die Grenzen der profanen menschlichen Sphäre zu übertreten, und in das Unbekannte, das Jenseitige des blauen Himmels vorzudringen. In der Antike waren es die Mysterien, die die entsprechenden mentalen Techniken hüteten und so transzendente Erfahrungen möglich machten. In der Vorzeit hatten Schamanen diese Aufgabe.
Alle Ereignisse auf der menschlichen Ebene hatten eine Entsprechung auf der Ebene der Geister und Götter. Wenn man also Mißstände auf der mensschlichen Ebene beheben wollte, mußte der Schamane zum Himmel aufsteigen, um dort die Ursachen für die hiesigen Probleme zu beseitigen. Was ihm den Aufstieg ermöglichte war meist ein symbolischer Weltenbaum, der als axis mundi im Zentrum der Welt steht, dessen Wurzeln bis in die Unterwelt reichen und dessen Krone sich bis in die Sphäre der Götter erhebt. Diese Vorstellung war von Europa über Asien bis nach Nordamerika verbreitet. Als Stellvertreter für den Weltenbaum diente dem Schamanen oft der hölzerne Mittelpfosten seiner Hütte, oft auch ein großer, aufgepflanzter Ast oder tatsächlicher Baum davor.


Ein anderes Symbol, daß ebenfalls mit dem Ort des mystischen Aufstiegs entlang der Weltenachse assoziiert wird, ist das Labyrinth und die damit eng verbundene Spirale. Die sogenannten „Trojaburgen“ waren wenigstens von Finnland und Norwegen bis zum Weißen Meer in Russland und im Mittelmeer bis nach Sardinien und Kreta verbreitet. Man nimmt an, daß sie für rituelle, von Mysten abgeschrittene Prozessionen genutzt wurden. Trotz eines verwirrenden Wechsels der Richtung führte der Weg zwangsläufig in das Zentrum und anschließend wieder heraus, was meist interpretiert wird als Abstieg in das Totenreich und die anschließende Wiedergeburt, die, neben dem Aufstieg entlang der Weltachse, das zweite zentrale Motiv der Schamanenreise darstellt. 


Trifft diese Deutung zu, dienten die Labyrinthe also einem spirituellen Akt, der mit der Schamanenreise nahezu identisch ist: die Transzendenz und der Weg in himmlische oder unterweltliche Gefilde (die als zwei Aspekte desselben mythologischen Topos gelten können), sowie die Rückkehr aus dem Labyrinth als Wiedergeburt und Überwindung des Todes.



Im vorliegenden Werkkomplex von Sigrun Jakubaschke finden wir all diese Elemente wieder: das kosmische Blau des Himmels, mittels Schwarzlicht zu einer scheinbar aus sich selbst heraus leuchtenden, körperlosen Präsenz gesteigert, darin die Sterne und andere vom Himmel geholte Objekte, und sogar der Baum, aus dem die grell leuchtende axis mundi hervor ragt. Der Ausstellungsraum wird zu einem Ort, der zu vibrieren scheint unter dem Eindruck eines magischen, grenzüberwindenden Ereignisses, das gerade stattgefunden hat - oder noch immer im Gange ist.


Begleitende Arbeiten zur Rauminstallation zeigen Labyrinthe und Spiralen, die wie Paraphernalia schamanistischer Extasetechnik wirken, Hilfsmittel, um sich in einen Seelenzustand zu versetzen, der den Aufstieg ins Blaue, in die jenseitigen Bezirke der Wirklichkeit ermöglicht.


Ebenfalls blaue Zyanotypien mit eingestanzten Sternbildern können in diesem Ensemble als symbolische Orientierungshilfen in den höheren Sphären gelesen werden. Ein interessantes Detail: sie entsprechen in ihrer Machart einer antiken Vorstellung des Sternenhimmels, nach der die Sterne Öffnungen im Firmament seien, aus der das göttliche Licht des Paradieses strahle.


In der Ausstellung „Continuum“ von Sigrun Jakubaschke wird auf wunderbare Weise eine Gedanke realisiert, den der große Anthropologe Joseph Campbel kurz vor seinem Tod anregt hat: Er glaubte, daß in einer rationalistischen Welt, in der die Religionen und Mythen als Modelle der Weltdeutung ausgedient haben, es schließlich, wie zur Zeit der Höhlenmalerei, die Künstler sein werden, die den Menschen wieder Erfahrungen ermöglichen, mit denen sie ihre profane Weltsicht transzendieren können, und sie in ein Erfahrungskontinuum überführen, in dem das Magische und Spirituelle als große Metaphern der Welterfahrung erneut zugänglich sind.


ⓒ Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, April 2020

Sonntag, 5. April 2020

Die Faszination des Bösen - Gedanken zur Ausstellung "Sigrun Jakubaschke - Viren im Labor" von Dr. Thomas J. Piesbergen

Die Ausstellung „Viren im Labor“ von Prof. Sigrun Jakubaschke ist zu sehen im Einstellungsraum  e.V. im Rahmen des Jahresthemas "Sprit und Spirit"

Sigrun Jakubaschke, Viren im Labor, 2020


Im 4. Kapitel der Poetik von Aristoteles heißt es: „Denn von denselben Gegenständen, die wir mit Unlust betrachten, sehen wir besonders sorgfältig angefertigte Abbildungen mit Wohlgefallen an, wie z.B. die Formen von ganz widerwärtigen Tieren und selbst von Leichnamen.“ (nach Alfred Gudemann, 1921)
Diese Lust an dem Grotesken und Schrecklichen erklärte Aristoteles mit der generellen Freude an der Mimesis, also der Nachahmung, und der Eigenschaft des Menschen durch Nachahmung zu lernen. Nach Aristoteles besteht also der Reiz in der Nachahmung selber, ungeachtet des Gegenstandes, der nachgeahmt wird.

Über das Dramatische hingegen, das immer mit dem Bedrohlichen für Leib und Seele einhergeht, heißt es im 6. Kapitel der Poetik, es bewirke „durch die Erregung von Mitleid und Furcht die Reinigung (Katharsis) von derartigen Gemütsstimmungen“ (ebd.). Durch das Anteilnehmen an heftigen Affekten auf der Bühne wäre der Mensch dadurch also imstande, sich selbst von ihnen zu befreien, um geläutert und leidenschaftslos Entscheidungen zu fällen, die nunmehr von Moral und Vernunft geleitet sind.
Auch hier wird der Anziehungskraft, die solche erregenden Impulse wohlmöglich ausüben können, keine weitere Beachtung geschenkt.

Dieser antike Ansatz, der noch von Opitz und Lessing in dieser Form weitgehend für gültig erachtet worden ist, wurde in der Romantik, in der man das Schreckliche und Erregende als Faszinosum thematisierte, zu einer Perspektive erweitert, die über das „Wohlwollen“ angesichts besonders gelungener Nachbildungen, also die aristotelische Mimesis, weit hinaus geht.
Doch erst im Laufe des 20. Jhd.  hat das Schreckliche unter dem Einfluß der Tiefenpsychologie eine signifikante Umdeutung erfahren. Ihm wurde erstmals eine grundlegende und essentielle Bedeutung zugebilligt. Eine Beschäftigung mit den negativen Seiten der menschlichen Kultur und Seele wird seit Sigmund Freud sogar als notwendig erachtet, um sich über individuelle und kollektive menschliche Gegebenheiten Klarheit zu verschaffen; dieser Paradigmenwechsel, der unsere moderne Gesellschaft maßgeblich mit geformt hat, wurde vor allem von den Künsten schnell aufgegriffen und in seiner ganzen Tiefe ausgelotet.

In seinem experimentellen Roman „Meteor“ von 1934 schreibt Karel Capek, über die Arbeit des Schriftstellers reflektierend: „Die Phantasie an sich erscheint immoralisch und grausam wie ein Kind; sie gefällt sich in Schrecken und Lächerlichkeiten. (…) Ich versuche, die Literatur wegen ihrer Vorliebe für Tragik und Spott zu entschuldigen. Beides sind nämlich Umwege (…), um eine Illusion von der Wirklichkeit zu schaffen.(…) Mitgefühl und Gelächter sind lediglich Erschütterungen, mit denen wir die Ereignisse außerhalb von uns begleiten und kommentieren. Rufen sie wie auch immer diese Erschütterungen hervor, so erwecken sie zugleich den Eindruck, außerhalb von ihnen habe sich etwas Wirkliches abgespielt, desto wirklicher, je stärker dieser gefühlsmäßige Schlag ist.“
Die konkrete Zielsetzung des Schriftstellers sei es, so Capek, die „verknöcherte Seele des Lesers gehörig und unbarmherzig zu erschüttern.
Der Moment der Katharsis zielt bei Capek also in erster Linie nicht mehr darauf ab, den Rezipienten zu läutern und von Affekten zu befreien, sondern zunächst genau diese Affekte in ihm wachzurufen, um ihm das Gefühl zu geben, mit der menschlichen Wirklichkeit in Berührung zu kommen.

Auch Alberto Manguel sieht darin die Aufgabe der Literatur. In „Eine Stadt aus Worten“ von 2007 schreibt er: „Geschichten nähren unser Bewußtsein und können uns zu der Erkenntnis darüber führen, wenn schon nicht WER, so wenigstens DASS wir sind,…
Capek und Manguel postulieren also nicht die leidenschaftslose Vernunft als Ziel der Künste, sondern das Erlebnis des Lebendigseins durch emotionale Reize, die in all ihren Erscheinungsformen, den negativen wie positiven, integraler Bestandteil unseres Lebens sind.

Diese Perspektive wird auch von dem Kulturanthropologen Joseph Campbell gestützt, der durch seine Mythenforschung entscheidende Erkenntnisse über die Anfänge darstellender und erzählender Kunst gewonnen hat. Laut Campbell entstanden die ersten Mythen und Geschichten aus dem Bedürfnis heraus, problematische Lebensabschnitte und Krisen geistig so zu bearbeiten und zu vermitteln, daß es leichter fällt, sie zu überstehen. Vor allem geht es um Krisen, in denen sich in unserem Körper Dinge ereignen, die uns erschrecken: Pubertät, Liebe, Krankheit, Tod.
Diese Aspekte sollen als lebendiger Bestandteil des Lebens erfahrbar gemacht werden. Durch Geschichten und Bildern, in denen diese Krisen „nachgeahmt“ werden, soll der Mensch lernen, Dinge benennen zu können, mit ihnen umzugehen, und vor allem die Erfahrung des Lebendigseins machen, in dem er auch die negativen Ereignisse und Erschütterungen als sinngebend annimmt.

Im Umkehrschluß kann man daraus folgern, daß nicht nur der Künstler versucht, die verknöcherte Seele seines Rezipienten zu erschüttern, wie Capek es ausdrückt, sondern daß auch der Rezipient, geleitet von seinem Bedürfnis, sich lebendig zu fühlen, aktiv nach solchen Erschütterungen sucht.
Das scheinen die Statisktiken aus den Bereichen Film, Fernsehen und Literatur zu belegen. Während im Kino und den Streamingdiensten Thriller und Horrorfilme die ehemals dominierenden Genres Western, Action und Krimi ablösen, die sich ebenfalls schon mit den Feldern der Gewalt und der seelischen Abgründe beschäftigt haben, sind es auf dem Buchmarkt schon seit Jahren unverändert Krimis und Thriller, die zusammen fast zwei Drittel aller gelesenen Bücher ausmachen. Auch im Fernsehen dominiert der Krimi unangefochten.

Aber genauso wie uns erschreckende und aufwühlende Fiktionen anziehen und durch das kathartische Mitleiden ein Gefühl von Lebendigkeit vermitteln können, so tun es auch die Inhalte der medialen Welt. Denn auch die wirklichen Ereignisse dringen immer nur reduziert zu uns und werden durch die Reduktion, bewußt oder unbewußt, in narrative Strukturen überführt, mal als bloße Narrative, mal als vollständige Narrationen.
So ist es ein offenes Geheimnis, daß alle Medien von Katastrophen profitieren. Der 11. September 2001 ist eines der krassesten Beispiele dafür, wie die ganze Welt für Tage in eine Public Viewing Area verwandelt wurde. Auch die mediale Präsenz der Despoten der Weltgeschichte und der Tagespolitik illustriert dieses Phänomen sehr anschaulich. Denn selbst wenn man ihren Charakter und ihre Politik zutiefst ablehnen mag, haben sie als Medienfiguren, gefiltert durch mediale Reduktion, zweifellos einen hohen, wenn auch fragwürdigen Unterhaltungswert. Allein die zahllosen Dokumentationen über Hitler seien als Beleg angeführt.

Das Bedürfnis nach emotional erregenden Reizen hat auch die Entwicklung des Internets in eine Richtung getrieben, die vor 20 Jahren in kaum einer Prognose bedacht worden ist. Statt des Szenarios eines fruchtbaren Austauschs von wissenschaftlichen Fakten und Nachrichten ist ein Zustand eingetreten, in dem die weltweite digitale Vernetzung vor allem primitive Empfindungen und emotionale Bedürfnisse bedient. Wir versuchen über die „Social Media“ in Kontakt mit der Welt zu treten, ihr unser Wunsch-Selbst zu zeigen und es mittels „Like“-Streicheleinheiten von ihr bestätigen zu lassen.
Die Meinungsbildung, auf der anderen Seite, findet auf eben diesen Plattformen meist nicht durch objektive Information statt, sondern durch affektive Gruppenbildungen, befeuert von polarisierenden Narrativen, emotional aufgeladene Bilder, Shitstroms und entsprechende Gegenreaktionen. Die emotional aufgeladenen „Aufreger“ bestimmen online die Stimmung und die politischen Kommentare.

Gleichzeitig erleben wir in unseren postindustriellen Kontexten immer weniger öffentliche Gewalt und sind immer weniger akuten Gefahren ausgesetzt. Unser Leben ist zu einem meist ereignislosen Dahintreiben im Strom der technischen und sozio-ökonomischen Entwicklung geworden. Eugen Roth faßte die emotionale Erfahrung einer eintönigen Lebenswirklichkeit in seiner Lyriksammlung „Mensch und Unmensch“ sehr schön in einem kleinen Vers zusammen:

Der Mensch würd` sich zufrieden geben
damit, daß tragisch wird das Leben.
Das Schwierige liegt mehr an dem:
es wird auch fad und unbequem.

Wir leben also zusehends in einem faden und unbequemen Kontinuum, das uns die unmittelbar erfahrbaren Reize, die uns ein Gefühl von Lebendigkeit vermitteln könnten, vorenthält, während wir glauben, uns ohne weiteres in ein Leben voller Erschütterungen fügen zu können, wenn die zugefügten Verletzungen unserer Seele nur gestatten würden, zu wachsen und Größe zu beweisen. Doch diese tragische Größe bleibt eine Phantasie.

Zwar sind die „inneren“ Wege, die uns Achtsamkeit und Sensibilität lehren und uns so aus der zähen und bedeutungsarmen Alltäglichkeit führen könnten, oberflächlich bekannt, doch laufen sie all unseren kulturell sanktionierten Handlungsroutinen zuwider. 
Die „äußeren“ Auswege, die sich bieten, sind faktische Simulationen emotional aufrüttelnder Erlebnisse in gesichertem Rahmen, wie z.B. im Extremsport, beim Bungee-Jumping oder ähnlichen Freizeitbeschäftigungen, in denen der Körper unmittelbar einbezogen wird. Ein anderer Weg besteht in der die mißbräuchlichen Umdeutung von kulturell sanktionierten Handlungsoptionen, wie dem Ausleben von Macht- und Gewaltaffekten im Straßenverkehr. Der am häufigsten beschrittene Weg aber besteht eben in dem Konsum von „Nachahmungen“ emotional erschütternder Ereignisse.

Im letzten Fall sind unsere Spiegelneuronen von zentraler Bedeutung. Sie werden aktiv, wenn wir andere beobachten, und vermitteln uns das Gefühl, die beobachteten Handlungen selbst vollzogen  oder die beobachteten Emotionen selbst durchlebt zu haben. Nur aufgrund dieser bemerkenswerten Eigenschaft der Spiegelneuronen sind wir überhaupt erst in der Lage, Empathie und Mitgefühl für unsere Mitmenschen zu entwickeln, da wir uns in sie und ihren Gefühlshaushalt hineinversetzen können. Sie ermöglichen uns ein mittelbares, zwischenmenschliches und manchmal sogar ein zwischenkreatürliches Lebendigsein.

Die Attraktion, die das Schreckliche, Erregende oder Abstoßende ausübt, hat ihre Wurzeln also offenbar in unserem Bedürfnis, am eigenen Leben und einer gemeinsamen Erfahrung des  Lebendigseins teilzuhaben, von der wir uns in unseren gesellschaftlichen Gegebenheiten zusehends abgeschnitten fühlen. Und je mehr das der Fall ist, je „verknöcherter“ unsere Seelen geworden sind, desto stärker müssen die gefühlsmäßigen Schläge sein, um uns das Gefühl der Lebendigkeit zurück zu geben. Das Phänomen der Abstumpfung, das bei dieser Reaktionskette ganz sicher eine bedeutende Rolle spielt, sei an dieser Stelle ausgespart.

Wenden wir uns vor diesem gedanklichen Hintergrund der Installation von Sigrun Jakubaschke zu. Der Ausstellungsraum des Einstellungsraums ist, genau wie unsere Vorstellung, unsere Computer und die Medienlandschaft, bevölkert von Viren. Sie bestehen aus amorphen Körpern in grellbunten Farben und sind gespickt mit hölzernen Stacheln und gläsernen Splittern und Scherben. Einige liegen in Glasvitrinen, andere sind auf Stangen gespießt, die meisten aber sind vor und auf Spiegeln aufgestellt.

An einer Wand hängt ein Arbeits-Overall, der, gemeinsam mit dem Ausstellungstitel „Viren im Labor“ eine nicht erzählte Narration andeutet. Es geht nicht nur um die Zurschaustellung der Objekte, sondern es wird ein Interieur geschaffen, das einen Handlungsverlauf antriggert: Ein Labor, gerahmt ihm Schaufenster, in dem Krankheitserreger untersucht werden, vielleicht um einen Impfstoff zu entwickeln. Es deutet sich eine klassische, narrative Handlungsstruktur an.

Auch die Viren selbst sind weit davon entfernt, nur naturgetreue „Nachahmungen“ im aristotelischen Sinn zu sein. Vielmehr sind es überzeichnete, skulpturale „Illustrationen“ zum reduzierten Narrativ der Viren, die mit ihren grellen Farben und dem glitzernden Glas ein Blickfang sind, eine nach Aufmerksamkeit heischende Attraktion.
Die Scherben, mit denen sie gespickt sind, wirken zwiefältig: Berührte man sie, verletzte man sich - eine akute Gefahr, die von den messerscharfen Glaskanten ausgeht, gebändigt durch den narrativen, ästhetischen Rahmen. Zu der Faszination, die diese Bedrohung ausübt, tritt der Glanz, das Funkeln, dem Aldous Huxley in seinen „Pforten der Wahrnehmung“ (1954) zuschreibt, es sei, ausgehend von Juwelen, Edelsteinen, Gold und Glas, seit jeher das Vehikel der mystischen Erfahrung gewesen. In allen Weltreligion wird das Paradies als ein Ort des Juwelenglanzes und des darin aufleuchtenden Licht der Göttlichkeit beschrieben.

Joseph Campbell sieht in der mystischen Erfahrung wiederum den Inbegriff der Erfahrung des Lebendigseins, das Erlebnis der Verbundenheit mit allem Seienden.
Dieser Verknüpfung eingedenk, kann man die vordergründigen Objekte der Ausstellung lesen als eine Verbindung des Aufmerksamkeit erregenden Spektakels, der offenkundigen physischen Bedrohung und einer wahrhaftigen Erfahrung der Conditio Humana.

Doch auf dieser Bedeutungsebene verharrt die Installation nicht. Denn die Spiegel, die nicht nur die Unterlage der Viren bilden, sondern auch entlang der Wände des Ausstellungsraums aufgestellt sind, öffnen nicht nur den Blick, sondern auch eine Meta-Ebene.

Zunächst wird unsere Umwelt von ihnen eingefangen: der Himmel, die Häuser, die auf der B75 stoisch vorbei rasenden Autos, die ebenfalls Faszination und Bedrohung in sich vereinen - schließlich starben im vergangenen Jahr 3059 Menschen auf deutschen Straßen und etwa 1,35 Millionen weltweit. Alles wird in den Rahmen der Ausstellung gezogen und damit zu etwas transformiert, das wir mit weitaus größerer Aufmerksamkeit betrachten, als gingen wir im Alltag daran vorbei. Es wird Teil der Narration.

Und dann treten wir selbst ins Bild. Wir betrachten uns selbst als Betrachter innerhalb des Betrachteten, auch wir sind von der Installation gerahmt und unsere Rezeptionshaltung wird uns vor Augen geführt: unsere Lust an dem Spektakel, unsere Faszination angesichts der zur Schau gestellten Gefahr und schließlich unser Bedürfnis, durch den Glanz, das Funkeln und den Schmerz mit dem Lebendigen in Kontakt zu treten, selbst wahrhaft lebendig zu sein in einer Welt, die uns dieses Gefühl nicht mehr zubilligen möchte.

ⓒ Thomas J. Piesbergen / VG Wort, April 2020






Sonntag, 15. März 2020

Veranstaltungstip für Mutige: 19.3.2020 - Garage 13 in der Mathilde

LITERARISCHES ERLEBNISSCHAUMBAD

Die Garage 13 ist ein Hamburger Autorenkollektiv - beheimatet in HH-Bahrenfeld und hervorgegangen aus einem Kurs der Schreibwerkstatt "Das Textprojekt". 

Seit 2017 produzieren die Fünf unter anderem Kurzgeschichten mit Reizworten und Genrezugehörigkeit. Nachdem sich einige Reizwortgeschichten angesammelt hatten, veröffentlichte die G13 Ende 2018/ Anfang 2019 einen Band mit 35 Kurzgeschichten.

Donnerstag   19.03.2020 - 20:15 Uhr
Mathilde Bar Ottensen, Kleine Rainstraße 11



Donnerstag, 5. März 2020

Mit Sprit zum Spirit - Eröffnungsrede von Dr. Thomas Piesbergen zur Ausstellung „Klaus Becker - Das Diamantene Fahrzeug“

"Bedingt abhängiges Entstehen", Klaus Becker, 2020


Das diesjährige Jahresthema des Einstellungsraums lautet „Sprit und Spirit“. Beide Worte sind abgeleitet aus dem lateinischen Verb „spirare“, was „hauchen“ oder „atmen“ bedeutet, und beide sind vielfach eng miteinander verknüpft. Dennoch führen die verschiedenen Bedeutungen im heutigen Sprachgebrauch in stark voneinander abweichende Zusammenhänge, worin sich schließlich eine Eigenart des westlichen Denkens enthüllt.

Zunächst entwickelte sich aus dem Verb „spirare“ der Substantiv „Spiritus“, also der Lebensgeist. Diese Übertragung des Atems auf den Geist geht allerdings auf ältere Wurzeln zurück. In der Tora tauchen gleich drei bedeutungsgleiche Wörter auf: „ru´ach“, „neschama“ und „nefesch“. Alle bedeuten ursprünglich „Atem“ und alle bezeichnen die sog. Vitalseele oder Körperseele. Entsprechungen zu „ru´ach“ finden wir im Ugaritischen „rh“, das „Wind“ oder „Duft“ bedeutet, im Phönizischen steht das gleiche Wort für „Geist“.
Das hebräische „nefesch“ wiederum geht auf das akkadische „napaschu“ zurück, das „Aufatmen“ und „weit werden“ bedeutet.
Der Zusammenhang zu dem Lebensatem, mit dem Gott den aus Erde geformten Menschen belebte, in dem er ihm den Geist durch die Nase einblies, liegt in dem genannten levantinisch-altorientalischen Kontext auf der Hand, und setzte sich so von den altorientalischen Sprachen über das Griechische „pneuma“ und Lateinische „spiritus“ bis in unsere modernen Sprachen fort.

Nachdem sich im 15. Jhd. die Technik des Destillierens von Alkohol in Europa verbreitet hatte, wurde im 16. Jhd. die Bedeutung des Begriffs Spiritus auf den Weingeist erweitert, die „Körperseele“ des Weines, die, einmal extrahiert, dessen Essenz darstellt. Erst nach dieser begrifflichen Verknüpfung trat neben die spirituelle Bedeutung des Wortes die profane, und neben den Spiritus Sanktus trat schließlich der Brennspiritus bzw. verkürzt der Sprit, ob in der Schnapsflasche oder schließlich im Tank.

Hier beginnt sich nun die bereits erwähnte Eigenheit der westlichen Denkungsart zu zeigen. Denn solange der Geist als Alkohol in einem kirchlichen Kontext erscheint, z.B. als Messwein oder als von Mönchen getragene Brautradition, wird er geduldet oder sogar als geheiligt wahrgenommen. Sobald er aber nur in profanem Zusammenhang genossen wird, wird ihm schnell zugeschrieben, ein Machwerk des Teufels zu sein, wie es in vielen religiösen Gemeinschaften noch immer üblich ist.
Schließlich haben wir in dem Sprit als Treibstoff für motorgetriebene Fahrzeuge eine endgültig geistlose Profanisierung vorliegen: Der Fetisch des Benzinmotors und das Erdöl als Blut einer durch und durch materialistischen Weltordnung.

Stellen wir also Sprit und Spirit in der westlichen Denktradition heute nebeneinander, sehen wir eine Opposition von Geist und Spiritualität auf der einen Seite, auf der anderen die profane Materie und die von Pragmatismus getragene Wissenschaft.

Diese westliche Trennung der Welt in zwei Sphären, die auf gar keinen Fall zu verwechseln ist mit der östlichen Yin und Yang-Dualität, geht nach Joseph Campbell auf eine Vereinnahmung der alten, aus dem Tropengürtel stammenden organisch-vegetabilen Mythen durch die heroischen Mythen der indo-arischen Jäger aus den Steppen zurück.
Er schreibt: „In den älteren Mythen und Riten der Mutter waren die hellen und dunkleren Aspekte des bunt gemischten Lebensganzen gleichermaßen und gemeinsam geehrt worden, wohingegen in den späteren, männlich bestimmten, patriarchalen Mythen alles, was gut und edel ist, den neuen, heroischen Herrengöttern zugesprochen wurde, womit den ursprünglichen Naturmächten nur die Dunkelheit als Wesensmerkmal übrigblieb - und die wurde jetzt auch noch moralisch negativ bewertet.“

Diese grundlegende, patriarchale Trennung von Hell und Dunkel, von Gut und Böse fand im Osten jedoch nicht statt. Als illustrierendes Schlaglicht sei die indische Göttin Kali genannt, die sowohl die große, gebährende Muttergottheit ist, wie auch die mit Leichenteilen geschmückte Verschlingerin. Sie ist Shakti, die Gemahlin, und Kalima, die Mutter des Shiva, und gemeinsam mit ihm gebar sie das Universum, so wie sie auch alles, was darin vergeht, wieder in sich aufnehmen wird.
Und so wie das Helle und das Dunkle in Kali vereint sind, so sind diese beiden Antagonismen auch in allem Irdischen anwesend und wirksam, wie es am deutlichsten in dem bereits genannten Denksystem des Taoismus mit seiner Yin und Yang-Dualität beschrieben wird.

Im westlichen mythologischen Komplex hingegen, der den Nahen Osten bis Persien einschließt, hat sich in der unvereinbaren Opposition von Gut und Böse die menschliche Welt zu einem profanen Tertium Quid herausgebildet. Sie ist nur noch das Schlachtfeld, auf dem sich Gut und Böse gegenüberstehen, wie wir es exemplarisch im Kampf zwischen Ahura Mazda und Ahriman in der zoroastristischen Mythologie sehen, die sich in der Opposition von Gott und Teufel in der Bibel wiederfindet.
 
Im selben Schritt hat sich aber auch eine Trennung zwischen dem göttlichen Schöpfer und seiner Schöpfung vollzogen. Die schöpfende, hervorbringende Kraft, die erste Ursache, ist der Welt nicht mehr inhärent, wie in den östlichen Vorstellungen, sondern ist von ihr getrennt. Ursache und Wirkung sind voneinander geschieden, wie auch die schöpfende Einheit und die geschaffene Vielheit unvereinbar geworden sind. Demzufolge ist das Göttliche in der Regel auch nicht durch unmittelbare profane Welterfahrung zu erkennen, wie in den östlichen Religionen, sondern durch das Befolgen der heiligen Gesetze, die der heroische, patriarchalische Gott den Menschen gegeben hat.
Diese Vorstellung von dem Einen und dem Anderen ist vielleicht der zentralste Wesenszug der westlichen Denktradition. Er hat mathematisch seinen essentiellsten Ausdruck in dem Entweder-Oder der Boole´schen Algebra gefunden, psychologisch und philosophisch in der Opposition von Subjekt und Objekt, von Geist und Welt.

Genau mit dieser Opposition und ihrer Überwindung beschäftigt sich Klaus Becker auf vielgestaltige Weise in seinem Werk, vor allem aber mit seinen Polyedern.
Sie entstehen, ausgehend von einem Würfel, durch eine schrittweise tangentiale Annäherung an die Inkugel, also einen gedachten Körper mit unendlich vielen Symmetrieachsen, die sich alle in dessen Mittelpunkt schneiden. Die Inkugel berührt jeweils den Mittelpunkt jeder Würfelfläche. Um zu einem nächsten Polyeder zu gelangen, der sich der Inkugel einen Schritt weiter nähert, werden die Ecken des Würfels so abgeschnitten, daß die neu entstandenen Flächen, die rechtwinklig zur Symmetrieachse stehen, die gedachte Inkugel wiederum in ihrem Mittelpunkt schneiden.

Stellt man das Zustandekommen der einzelnen Schnitte mit ihren Bezugslinien zweidimensional dar, entsteht ein komplexes Muster, das an Fahrradspeichen oder ein Mandala denken läßt, und das unmißverständlich verdeutlicht: die äußere Form ist abhängig von dem gedachten Konzept des Inneren, von dem Mittelpunkt und seinen Symmetrieachsen. Die gegenüberliegenden Pole, an denen die Symmetrieachsen aus dem Körper austreten, und von denen es auf einer Kugel mathematisch betrachtet unendlich viel geben kann, werden, obwohl in Opposition befindlich, durch denselben Mittelpunkt definiert. Die Vielheit geht aus der Einheit hervor und die Einheit, der Mittelpunkt, wird wiederum durch die Vielheit konstituiert. Einheit und Vielheit bedingen einander.

Dem Spannungsfeld zwischen Vielheit und Einheit geht Klaus Becker auch in dem geistigen Erkenntnisprozess nach. Denn so, wie wir die Inkugel in das Polygon aus Stein hineindenken und aus einem Punkt die zahlreichen Flächen ableiten, so sind wir angesichts der uferlosen Vielgestalt der Welt unablässig bestrebt, vereinheitlichende Kategorien zu bilden, die wir der Vielzahl der Erscheinungen zugrunde legen.
Diese Denkoperation brachte das Weltmodell Platons mit seinen verursachenden Urbildern hervor, und ist genauso in unseren Modellen von Genetik und Evolution  allgegenwärtig. Wir wissen, daß wir alle aus einer einzigen Zelle hervorgegangen sind, die ihrerseits durch Zellteilung die ehrfurchtgebietende Vielzahl unterschiedlicher Körperzellen hervorgebracht hat, so wie auch für die Menschen gerne das Erbe einer einzigen prähistorischen Mutter postuliert wird, in der sich die entscheidende genetische Mutation ereignet hat, aus der schließlich alle Hominiden hervorgegangen sein sollen.

Dieser Prozess wiederholt sich in unserer kognitiven Annäherung an die Welt. Wir sehen Vielheit, bilden aber daraus Einheiten. Wenn wir einen Baum sehen, wissen wir, es gibt keinen zweiten Baum, der diesem einen gleicht. Jedes Wachstum bringt eine einzigartige Form hervor, dennoch ordnen wir das individuelle Gewächs der vereinheitlichenden Kategorie „Baum“ zu, ganz gleich, ob es eine Bonsai-Kiefer oder eine gewaltige Rotbuche ist.

Unser Bewußtsein oszilliert also zwischen der Vielheit und der Einheit. Durch Deduktion gelangen wir von der vereinheitlichten Idee zu der vielgestaltigen Wirklichkeit der Einzelfälle und leiten aus ihrer Diversität durch Induktion wiederum die vereinheitlichende Idee ab.
In der Wissenschaft und Philosophie bleiben es zwei strikt voneinander geschiedene Denkoperationen, selbst wenn sich in unserem Wahrnehmungskontinuum beide Vektoren der Rezeption ununterbrochen durchdringen, d.h. in unserem akuten Erleben sind sie nicht mehr durch ein Entweder/Oder voneinander getrennt.

Dieser Prozess der Spaltung der Einheit und deren Rekonstruktion, den unser westlich geprägter Geist vornimmt, findet in Klaus Beckers Werk in seinen sog. Denkzeichnungen seinen Ausdruck, in denen er gedankliche Operationen und Phänomene visualisiert. Beherrschend in diesen Zeichnungen ist das Dreieck, das die Bewegung vom Einen zum Vielen und umgekehrt repräsentiert, und gleichzeitig als Richtungspfeil der rezeptiven Vektoren gedeutet werden kann, also als Induktion und Deduktion. Eine Struktur von besonderer Bedeutung ist dabei Beckers sog. „Oszilliar“, das die Schwingung der Wahrnehmung zwischen Einheit und Vielheit sowie deren gegenseitige Durchdringung darstellt.

Behalten wir diese Idee des Oszillierens im Kopf, und machen einen Schritt zurück zu der im Westen vollzogenen Trennung von Schöpfer und Schöpfung, betreten wir den Raum des Diskurses über Ursache und Wirkung.

Ihre unabdingbare, lineare Verknüpfung ist lange Zeit das absolute Paradigma der westlichen Wissenschaft und Logik gewesen, bis es schließlich vor etwa hundert Jahren durch die Quantenphysik mit ihren „spooky actions at a distance“ zu einem erschütternden Paradigmenwechsel gekommen ist, dessen Konsequenzen wir bis heute nur sehr zögerlich und widerstrebend in unsere Denkgewohnheiten einlassen mögen, da sie ihnen grundlegend widersprechen.

Denn in der Welt der Quanten gibt es Wechselwirkungen zwischen einzelnen Teilchen, die ohne zeitliche Verzögerung und ohne Austausch von Energie stattfinden. Indem aber die Ereignisse nicht in ein davor und danach geordnet werden können, sie also zugleich geschehen, wird das zeitlich lineare Denken in Ursache-Wirkungs-Verkettungen ad absurdum geführt, und damit natürlich auch die Idee der vergöttlichten Ersten Ursache, die wir in eine unerreichbare Ferne jenseits von Raum und Zeit verlegt haben.

Diese Verschränkung können wir uns ebenfalls als ein Oszillieren vorstellen, als eine unabdingbare und unmittelbare Wechselwirkung zwischen Ereignissen, die unsere Denktradition, geprägt von der Vorstellung eines schöpfenden Gottes jenseits der Welt, in die lineare Abfolge von Ursache und Wirkung ordnet.

Im östlichen Denken, in dessen Kern sich die Abspaltung der Ersten Ursache von der verursachten Schöpfung niemals vollzogen hat, tritt die Idee vom inhärenten und überzeitlich Göttlichen vor allem in den entwicklungsgeschichtlich fortgeschrittensten Ableitungen des mütterlich-zyklischen Weltbildes in einer klar ausdifferenzierten Form wieder zu Tage, wie z.B. in den Traditionen des Zen-Buddhismus und des tibetischen Vajrayana-Buddhismus, auf den sich Klaus Becker mit dem Ausstellungstitel „Das Diamantene Fahrzeug“ ausdrücklich bezieht.

Das buddhistische Konzept, in dem Ursache und Wirkung aufgelöst werden, wird „bedingt abhängiges Entstehen“ genannt, wie auch der Name der zentralen Skulpturengruppe der Ausstellung lautet, und findet in der buddhistischen Ikonographie seinen Ausdruck in der sog. „Blumengirlande“, dem Keim des So-Gekommenen. Alles was ist koexistiert, nicht nur im räumlichen, sondern auch im zeitlichen Sinn, und bringt sich gegenseitig hervor.
So schrieb Junjiro Takakusu in seinen Essentials of Buddhist Philosophy: „Eigen, wie sie sind, und getrennt, wie die Zeit sie erscheinen läßt, sind alle Wesen doch zu einer Einheit zusammengeschlossen.“

So konstituieren sich Gegensatzpaare über die zeitliche Linearität hinaus und können ihre sie auszeichnende Charakteristik erst durch das Postulat des Gegenteils erhalten. Ohne Nordpol gibt es keinen Südpol, ohne Plus kein Minus, ohne Vorher kein Nachher. So heißt es ebenfalls bei Takakusu: „Wenn eines Innen wird, wird das andere Außen sein - und umgekehrt.“
Es gibt also keine zeitlich getrennte Abfolge von Ursache und Wirkung, sondern nur ein unmitelbar verschränktes, korrelierendes Jetzt, das alle Erscheinungen umschließt. Die Ursache bedingt die Wirkung, genauso wie die Wirkung die Ursache bedingt.

Dieser Gedanke liegt den Skulpturen zugrunden, die aus Polyedern und einer entsprechenden Abwicklungen aus Metall zusammengesetzt sind. Die abgewickelte metallene Schale weist auf die Oberflächen des Körpers hin, kann aber ebenso als verursachend für den Körper gelesen werden, so wie der Körper als verursachend für die Abwicklung gelesen werden kann. Weder das eine, noch das andere steht am Anfang.

Die Welt oszilliert zwischen diesen beiden Polen, von denen es aber unendlich viele geben kann, vergleichbar mit dem Spin der Elementarteilchen, die sich solange um unendlich viele Achsen drehen, bis sie beobachtet werden und sich um die Achse drehen, die wir durch unsere Beobachtung bestimmt haben. Eine willkürlich konstruierte Polarität, wie auch das Innen und Außen, von dem Bodhidharma, der Begründer der Zen-Tradition sagt:

„Die Wirklichkeit hat weder ein Inneres
noch ein Äußeres
noch ein Zentrum.“

Die uns unvereinbar scheinenden Polaritäten zwischen Geist und Welt, zwischen Logik und Intuition, zwischen Wissenschaft und Spiritualität, zwischen Sprit und Spirit, sind lediglich von uns konstruierte Gegensatzpaare, willkürlich getrennte Aspekte einer unteilbaren Ganzheit.

Die vom westlichen Denken errichtete Barriere zwischen eigentlich untrennbar zueinander gehörenden Bereichen des einen „bunt durcheinander gemischten Lebensganzen“, wie Joseph Campbell sich ausdrückt, das Paradigma der Trennung von Sprit und Spirit, hat Klaus Becker auch mit seiner Arbeitsweise überwunden.

Denn auch wenn er sich thematisch vor allem mit der spirituellen Perspektive auf die Wirklichkeit beschäftigt, die im westlichen Zusammenhang in die dunkle, irrationale Sphäre verdrängt worden ist, nähert er sich seinem Thema mit Mitteln, die der komplementären Sphäre des Logos entspringen, eine Haltung und Arbeitsweise, die im westlichen Denken nur Mystikern und Dichtern zugebilligt wurde, wie Novalis, der in seinen Fragmenten schrieb „Das höchste Leben ist Mathematik“ und „Reine Mathematik ist Religion“.

So gelangt Klaus Becker schließlich, um bei der einleitenden metaphorischen Belegung der Begriffe zu bleiben, mit Sprit zum Spirit.

ⓒ Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, März 2020

Donnerstag, 6. Februar 2020

Das Gold jenseits der Grenze - Eröffnungsrede zur Austellung "Elke Suhr - Die Sache mit dem Gold" von Dr.Thomas Piesbergen

Die Ausstellung "Die Sache mit dem Gold" von Elke Suhr findet statt im Einstellungsraum e.V. im Rahmen des Jahresthemas 2020: Sprit oder Spirit

Ausstellungsansicht, Elke Suhr "Die Sache mit dem Gold", Einstellungsraum e.V. 2020
 

Als Francisco Pizarro im Jahr 1531 mit kaum mehr als 170 Soldaten in das Reich des Inkas Atahualpa kam, brachte er nicht nur zahlreiche Krankheiten mit, die maßgeblich dazu beitrugen das damals größte Weltreich in kürzester Zeit auszulöschen, sondern auch eine vollkommen andere, mindestens ebenso zerstörerische Auffassung von einem seltenen Rohstoff: dem Gold.

Während das Gold für die Spanier nichts anderes war, als ein Mittel zur ökonomischen Sicherung und Ausweitung weltlicher Macht, hatte es für die indigenen Völker Südamerikas ausschließlich eine spirituelle Dimension.
Während das Silber dem Menschen und der Erde zugeordnet war, gehörte das Gold zu der Sphäre des Himmels und der Götter. Es war nicht Symbol des Heiligen, sondern es selbst war heilig. In der Anthropologie nennt man diesen Effekt eine mythische Identifikation. Für die Inkas war es entsprechend völlig unvorstellbar, das Gold im Sinne materiellen Reichtums zu besitzen. Genauso unvorstellbar wie es z.B. für die Spanier war, daß die Könige der Muisca bei ihrem Amtsantritt große Mengen an Gold in einem See versenkten, anstatt es in ihren Schatzkammern zu horten.

Verfolgt man jedoch die Spur des Goldes in der Kulturgeschichte der Alten Welt, gelangt man bald zu der Einsicht, daß die Vorstellung der Conquistadoren ähnliche Wurzeln hatten, wie die der südamerikanischen Völker. Denn auch in Europa und Asien kann das Gold auf eine lange Tradition der Assoziierung mit dem Heiligen zurückblicken.

Die ältesten Goldartefakte der Menschheit stammen von dem spätneolithischen Gräberfeld von Warna in Bulgarien um etwa 4500 v. Chr., und zwar aus dem Grab eines Mannes, den man wohl als Priesterfürsten ansprechen kann. Sie bestehen aus Armreifen, Knöpfen, runden Schmuckplatten, einem Zepter und vor allem einer markanten, mehr als handtellergroßen Goldscheibe. In der folgenden Bronzezeit sind scheiben- und kegelförmige Goldobjekte bereits über ganz Mitteleuropa verbreitet, wie die bekannten Goldhüte und Goldkegel oder die Scheibe des berühmten Sonnenwagens von Trundholm. Es liegt nahe, diese Goldscheiben als Repräsentationen einer vergöttlichten Sonne zu interpretieren.

Auch in dem altorientalischen Kulturkomplex mit seinem starken Bezug auf die Gestirne war das Gold explizit das Element der Sonne und Symbol des Sonnengottes Šamaš, dargestellt durch die geflügelte Sonnenscheibe, die genauso im alten Ägypten für den Sonnengott Ra steht und im Reich der Hethiter für den „Sonnengott des Himmels“.
Wann immer Gold in den archäologischen Befunden der frühen Kulturen auftaucht, geschieht es mit einem symbolischen Bezug auf die Sonne und einem ausgeprägt rituellen und religiösen Kontext.

Doch steht das Gold nicht nur für den Glanz der gottgleichen Sonne. In zahllosen Mythen wird es auch herangezogen, um den Glanz des Paradieses zu vermitteln.

Noch heute ist uns die antike Vorstellung eines Goldenen Zeitalters geläufig, in dem die Menschen noch in völligem Einklang mit sich selbst und der Natur lebten. Hesiod berichtet von einem ersten goldenen Menschengeschlecht, das sorglos in einem paradiesischen Zustand unter der Herrschaft des Kronos/Saturn lebte und die Angst vor dem Tod nicht kannte. Es wurde abgelöst von einem silbernen Geschlecht, dann von einem aus Bronze, das wiederum von einem heroischen und schließlich von dem heutigen, dem eisernen Geschlecht abgelöst wurde, wobei die Lebensdauer und die geistigen Fähigkeiten von Stufe zu Stufe abnahmen.

Aus dem christlichen Zusammenhang, der Offenbarung des Johannes, kennen wir wiederum die Vorstellung des Neuen Jerusalems, einer Stadt aus Gold und Edelsteinen, in der die Menschen in der Anwesenheit Gottes leben werden. Diese Vorstellung entspricht erstaunlich genau der buddhistischen Vision des Buddhalandes des Amithaba-Buddha, der auch als Sonnenbuddha oder Buddha des Unermeßlichen Glanzes verehrt wird. Die Hindus nennen das erlösende Paradies Uttarakuru, das Juwelenland, das bewässert wird von Seen mit goldenen Lotosblumen.

Auch in der jüdischen Kaballa ist das Gold mit dem Heiligsten assoziiert: zwei der Sefiroth des Lebensbaumes sind damit gekennzeichnet: die Sefirah Tiphereth, die das Gold, die Sonne, die Schönheit und Erzengel Michael, den Stellvertreter Gottes, repräsentiert, sowie die Sefirah Kether, die für die goldene Krone steht, den Uranfang, die Zahl 1 und den Erzengel Metatron, das Angesicht Gottes.
Das Kether als goldener Uranfang wiederum korrespondiert mit dem goldenen Ei des Brahma, das in den Veden als Ursprung aller Erscheinungen bezeichnet wird.

Doch schon in den hieratischen Stadtstaaten Mesopotamiens und signifikant in den altorientalischen Großreichen ist zu beobachten, wie das Heilige und die weltliche Macht sich überschneiden und die Symbole des einen auf das andere übergehen. So ließ sich der hethitische Großkönig z.B. mit dem Titel „Meine Sonne“ anreden und die geflügelte Sonne wurde zur Herrschaftsinsignie. Gleichzeitig wurden die Gesetze, die seinen Herrscheranspruch untermauerten, auf goldene Tafeln geschrieben. Das Gold wurde also auch zum Kennzeichen der weltlichen, politischen Macht eines göttlich legitimierten Herrschers. Die mythologische Identifikation des Goldes mit dem Göttlichen wurde aufgeweicht.

Diese schleichende Trennung spiritueller und weltlicher Bedeutung, die in der neuen Welt nie stattgefunden hat, nahm in der Alten Welt wahrscheinlich ihren Anfang in der Zeit der ersten chalkolithischen Stadtstaaten, und sie scheint offensichtlich unumkehrbar zu sein. Das Gold war nun nicht mehr nur mit dem Numinosen verknüpft, sondern auch mit der weltlichen Sphäre, mit rein materieller Macht, und es kann demzufolge auch in die Irre locken, wie im Alten Testament mit der Anbetung des goldenen Kalbes belegt ist. Hier ist die mythische Identifikation aufgehoben und ihre Mechanismen sind durchschaut: Das Gold ist nicht mehr an sich heilig, sondern es ist nur noch Symbol des Heiligen und kann deshalb auch mißbraucht werden, um Heiligkeit zu behaupten. Auf diesem Weg wird es zum Mittel ökonomisch errungener Machterhaltung.
Im 6. Jhd. wurde schließlich die letzte Schwelle zur Ökonomisierung überwunden, in dem der lydische König Kroisos Gold zu einheitlichen Münzen prägen ließ. Dieses zu Geld gewordene Gold war nur noch mit der währungsstiftenden ökonomisch-politischen Macht des Königs verknüpft.

Da die drei Aspekte der Macht, die politische, die ökonomische und religiöse Macht, jedoch bis in die Neuzeit eng miteinander verknüpft blieben, blieb auch die ideelle Bedeutung des Goldes weitgehend unberührt - und ist es bis heute. Reliquien, heilige Ikonen, Kuppeln von Kirchen, Moscheen und Stupas werden vergoldet, ebenso Kruzifixe, Buddhafiguren, Altäre. Auch der Hirtenstab und der Fischerring des Papstes sind aus Gold.
Das Gold symbolisiert nach wie vor das Angestrebte, das hehre Ziel, den metaphorischen Olymp. Entsprechend der Rangfolge, die Hesiod vorgab, streben Sportler nach Bronze, Silber und Gold. In der Wirtschaft werden bislang unübertroffene Verfahren als „Goldstandard“ bezeichnet und wer eine goldene Kreditkarte sein eigen nennt, muß sich über seine Kreditwürdigkeit keine Sorgen machen.

Doch das lichte Gold hat sich auch als spiritueller Topos erhalten. So ist z.B. das Ziel des Opus Magnum der Alchimie die Herstellung von Gold, bzw. des Steins der Weisen, mittels dessen sich andere Materialien zu Gold transmutieren lassen.
Daß dieser materielle Prozess als eine Metapher der seelischen Läuterung im Sinne der Hermetischen Tradition begriffen werden muß, wird bereits in den ältesten alchimistischen Schriften der Antike bekräftigt, so bei Zosimos von Panopolis aus dem 3 Jhd. n. Chr. Die vierte Stufe dieser von ihm beschriebenen seelischen Läuterung wird als Rubedo, die „Rötung“, bezeichnet, also die Umwandlung in rotes Gold. Für Gustav Meyrink bedeutet diese Zielvorstellung der Alchimie die Vereinigung des Menschen mit Gott, so wir sie im Neuen Jerusalem oder dem Land des Buddha Amithaba verwirklicht sehen.

C.G. Jung griff diese spirituelle Deutung des Opus Magnum für seine Psychoanalytische Methode auf. Er setzt das „Rubedo“ dem Selbst gleich und sah in dem Prozess der Individuation eine „Transmutation der Seele“. In der darauf basierenden psychoanalytischen Literatur taucht immer wieder der Begriff „Gold der Seele“ auf, der Schatz der im Archetypus des Schattens verborgen ist und gehoben werden muß.
An diesem Punkt fällt die Wissenschaft von der Seele mit den verschiedensten „inneren Wegen“ und mystischen Praktiken zusammen, die sich mit dem Numinosen nicht in einem elysischen Jenseits vereinigen wollen, sondern die darauf abzielen, das Göttliche in uns selbst freizulegen, mit ihm eins zu werden, ganz so wie Goethe in den Zahmen Xenien schreibt:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
die Sonne könnt es nie erblicken.
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
wie könnt uns Göttliches entzücken?

Die sich uns dergestalt offenbarende universelle symbolische Bedeutung des Goldes, die durch alle Zeiten und Räume wirksam ist, läßt sich wohl auf seine physikalischen Eigenschaften zurückführen.
Am augenscheinlichsten ist zunächst sein Glanz, den der Mensch nicht nur mit dem Licht der Sonne verbindet, sondern auch mit dem überirdischen Glanz mystischer Visionen; dann ist sicherlich die Eigenschaft des Goldes, nicht zu korrodieren, von Bedeutung. Weder verbindet es sich mit anderen Elementen, noch nimmt es Schaden, wenn es durch das Feuer geht. Diese Eigenschaften bieten sich an, um ihm die Attribute der Ewigkeit und der Treue zuzuschreiben, die wir z.B. in der Symbolik des goldenen Eherings repräsentiert finden.

Bevor ich mich von diesen verschiedenen Gedanken über das Gold der aktuellen Ausstellung von Elke Suhr zuwende, möchte ich noch kurz auf zwei weitere Aspekte hinweisen, die in den ausgestellten Arbeiten eine entscheidende Rolle spielen:

Zunächst sei auf einen Effekt hingewiesen, den das Gold durch all die genannten Eigenschaften und ihm zugeschriebenen Attribute zeitigt:
Es teilt die Welt auf in ein erstrebenswertes „Woanders“, eine Zeit oder einen Ort, wo es in Überfülle auftritt, und ein durch seine Abwesenheit als mangelhaft gekennzeichnetes „Hier und Jetzt“, das es zu überwinden gilt. Der Ist-Zustand ist ein abgetrenntes Leben im Schatten und im Mangel, fern des Numinosen. Der angestrebte, goldene Zustand, ob in unseren Schatten verborgen oder in einem fernen Jenseits, ob wahrhaftig oder trügerisch, ist getaucht in goldenes Licht und ist gekennzeichnet durch Überfülle und die Vereinigung mit dem Göttlichen. Dazwischen jedoch liegt eine Grenze.

Ein anderes, immer wieder kehrendes Element in den Arbeiten von Elke Suhr ist das Raster, das man, durch seine Assoziation mit dem Gold, und durch seine Verortung jenseits der Grenze, als dem Numinosen zugehörig lesen kann.
Denn das Reich des Göttlichen ist nicht nur weltweit repräsentiert durch den goldenen Schein, seine Reinheit und Ewigkeit, sondern auch durch die ewige göttliche Ordnung.

Im alten Ägypten bezeichnete man sie als „Ma´at“, in Sumer als „Me“. In beiden Fällen teilte sie sich dem Menschen in Form einer strengen mathematischen Ordnung mit. Aus diesem Zusammenhang floß die Zahlenmystik in den jüdisch-christlichen Kontext ein, um schließlich in der Kabbalah ihre elaborierteste Form zu finden. So lesen wir bei Isidor von Sevilla (560 - 636 n.Chr.): Die Bedeutung der Zahlen ist nicht zu verachten. An vielen Stellen in den heiligen Schriften wird nämlich deutlich, welch großes Geheimnis sie enthalten. Denn nicht umsonst heißt es in den Lobpreisungen Gottes: »Du hast alles nach Maß und Zahl und Gewicht gemacht.«
Von der mythogenetischen Zone des Alten Orients verbreitete sich das Konzept einer heiligen, ewigen Ordnung bald durch umfangreichen Kulturtransfer nach Osten und gelangte mit den vedischen Texten unter dem Begriff „Rita“ nach Indien. Daraus ging wiederum das Konzept des „Dharma“ hervor, wie wir es im Hinduismus und Buddhismus kennen, gebildet aus dem Verbalstamm „dhri“, der halten und stützen bedeutet. Die östlichste Form der strengen Weltordnung stellen schließlich die Hexagramme des I-Ging im taoistischen China dar, die erlauben, alle Naturerscheinungen als bloßes Chiffre zu lesen, als binär ausdifferenzierte Erscheinungen des Tao.

Diese drei Elemente: das Gold, die Grenze und die ewig währende Ordnung tauchen in allen Arbeiten Elke Suhrs in verschiedener Gewichtung auf. Und fast immer werden sie verbunden durch das Motiv des Aufstiegs, einer Bewegung, die von dem Wunsch motiviert ist, die Grenze zu überschreiten und in die Gefilde der numinosen Ordnung, der Einheit und des goldenen Glanzes vorzudringen.


Elke Suhr, O.T., 2020

Eines der Gemälde zeigt einen Turm aus Kuben, die aus einem blauen Grund in eine obere, goldene Sphäre streben. Darin sieht man flüchtige Kreuze, die Skizze eines Rasters, eher eine Projektion der vermuteten Ordnung, die von den Kuben imitiert wird. Doch der Turm, in dem wir vielleicht auch den Turmbau zu Babel sehen können, ist weit von der Ordnung des skizzierten Rasters entfernt. Seine Basis scheint bereits in einen chaotischen Zerfallsprozess übergegangen zu sein.


Elke Suhr, "Die Sache mit dem Gold", 2020

Auf einem anderen Bild sehen wir die Kuben wie isolierte Gefängniszellen im Wasser. Auch hier wird das Raster nachvollzogen, als Gitter, das die eingesperrten Figuren beim Blick in die Höhe wahrnehmen können. Die Bewegung aufwärts wird aufgegriffen durch leiterartige Masten, die aus den Kammern hinauf ragen. Über dem Horizont darüber, erhaben und makellos, erhebt sich ein goldenes Raster. Daß dieses Raster dem ganzen imaginären Bildraum zugrunde liegt und ihn gewissermaßen trägt, können wir in dem blauen Hintergrund der unteren Bildhälfte erahnen: wie durch bewegtes Wasser schimmert das Raster hervor, so wie der Mensch in der diesseitigen Welt manchmal wähnt, eine göttliche Ordnung hervor scheinen zu sehen.

Elke Suhr, "Ende der Landschaft", 2020

Ein weiteres Bild zeigt eine menschliche Figur, der der Aufstieg zur universellen Ordnung fast gelungen ist. Während ihr Unterleib noch in einem krummen und fahrig zusammen geschusterten Gitter stecken geblieben ist, kann sie ihren Kopf zu dem perfekten Raster darüber erheben. Der schauende Kopf selbst ist, im Gegensatz zu dem Körper, leer, geläutert.


Der Oberrheinische Meister, "Paradiesgärtlein", Spätgotik

Eine kleine Installation, inspiriert von dem Frankfurter Paradiesgärtlein des spätgotischen Oberrheinischen Meisters bringt die Aspekte des goldenen Paradieses, der Sonnensymbolik, der Grenze und der Ordnung zusammen. Wir sehen eine organisch oder flammend geformte Mauer um die sich die Uräusschlange gelegt hat, in der ägyptischen Mythologie das Auge Res und zugleich Trägerin der Sonnenscheibe. In ihrem Mund trägt sie ein goldenes Ei, zentrales Symbol des hinduistisch-brahmanischen Schöpfungsmythos.
Geschützt von der Mauer sehen wir kleine bedruckte Säckchen, gefüllt mit Salz, dem „weißen Gold“ Mitteleuropas, das bei den Römern und Griechen als Geschenk der Götter galt und bis ins Mittelalter als Zahlungsmittel diente, wovon noch heute der Begriff Salär zeugt, oder das englische Salary. Die kleinen Säckchen werden angeleuchtet von einer Taschenlampe, die als die unmittelbare Anwesenheit des numinosen Lichtes gelesen werden kann.
Die Schrift auf den Säckchen wiederum verweist auf das Buch, das die Maria im spätgotischen Paradiesgärtlein in Händen hält und das wir sicherlich als Bibel deuten können. In größerem Zusammenhang können wir es als stellvertretend für heilige Schriften im Allgemeinen begreifen. Den heiligen Schriften der großen Religionen ist wiederum zu eigen, daß in ihnen nicht nur vordergründig die Gesetze und damit die Ordnung für menschliches Verhalten vermittelt werden; es ist auch üblich, wie bereits erwähnt, ihnen eine zahlensymbolisch begründete Struktur zuzuschreiben, also den Nachvollzug der mathematisch göttlichen Ordnung.
Das vierte Element, die Grenze, die die beleuchteten Salzsäckchen umgibt, scheint in diesem Ensemble allerdings weniger eine zu überwindende Barriere zu sein, sondern vielmehr eine Schutzmauer, die einen Ort der Fülle, des Lichts und Erkenntnis zu behüten scheint.


Elke Suhr, Austellungsansicht "Die Sache mit dem Gold", Einstellungsraum e.V., 2020

Zwei weitere Arbeiten nutzen den metaphorischen Komplex von Gold und Aufstieg bzw. Überwindung der Grenze zur Einheit auf einer sehr persönlichen, psychologischen Ebene, die dem Umgang C.G. Jungs mit der Materie nahekommt.

Da sehen wir einen Spiegel in goldenem Rahmen, auf dessen Oberfläche, der Grenze zwischen Dieseits und Jenseits, das Wort „Schuld“ in Spiegelschrift geschrieben steht. Daneben hockt ein kleiner vergoldeter Vogel, ein schon in der Vorgeschichte geläufiges Symbol für die Seele. Hier wird der Rahmen zu einem goldenen Tor, der Blick in den Spiegel jedoch wird zu dem Blick auf einen abgespaltenen Doppelgänger, der uns mit der erratischen Schuldzuweisung den Blick auf unser vollständiges Selbst verstellt, aus dem wir das Gold der Seele zu heben erhoffen. Ein psychologische Vexierspiel, das eher individuell und subjektiv erfahren als vermeintlich objektiv gedeutet werden sollte.

Und schließlich begegnet uns im Keller die Verarbeitung eines Kindheitstraumas der Künstlerin in Aquarell, die Erinnerung an eine Bombennacht im Zweiten Weltkrieg, in der sie allein im Keller eines brennenden Hauses ausharren mußte, bis sie schließlich von ihrer Großmutter durch Finsternis und Rauch hinauf geführt wurde.
Hier begegnet uns der Aufstieg aus dem Schatten und dem Mangel des Ist-Zustandes in ein erlösendes Licht als erschütternde Realität. Das Licht erscheint jedoch als Zwienatur: es ist nicht nur die Antithese der Dunkelheit, sondern erscheint auch als zerstörerisches Feuer, das im Kontext des Aufstieges vielleicht als Fegefeuer gelesen werden kann, als das Feuer des Läuterungsberges, als eine Grenze anderer Art. Denn die Martern der Seele, die sie im Purgatorium erlebt, werden belohnt mit dem Aufstieg in das himmlische Paradies.

Und so möchte ich schließen mit der Vision der Himmelsleiter von Dante Alighieri wie er sie in dem Abschnitt „Das Himmlische Paradies“, einundzwanzigster Gesang, in der Göttlichen Komödie beschreibt.

Im Sternenspiegel, der die Welt umwandert
und jenes guten Herrschers Namen trägt *,
der alles Böse unter sich erstickte,
sah ich in goldner, lichtdurchwirkter Farbe
sich eine Leiter nach der Höhe recken,
so fernhin, daß mein Blick ihr nicht mehr folgte.
Und niedersteigen auf den Sprossen sah ich
so viele Lichter, daß ich dachte, alles
was glänzt im Himmel, strömte hier herab.
Übers.: Karl Vossler

*(gemeint ist Saturn, der gleichgesetzt wird mit Kronos, dem Herrscher des Goldenen Zeitalters und Vorgänger von Zeus)


ⓒ Dr. Thomas Piesbergen / VG Wort, Februar 2020