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Mittwoch, 3. Dezember 2014

Die Kollateralschäden der Bequemlichkeit - Einführungsrede von Dr. Thomas Piesbergen zu einer Ausstellung von Werner Schöffel

Werner Schöffel / Vagari #8 - Bilder aus dem Zyklus
Ausstellung in der Galerie des Einstellungsraums e.V., Dezember 2014  
zum Jahresthema "Park & Ride"

Seit vielen Jahren wandert eine Figur durch das Werk von Werner Schöffel, eine einsame Figur, ein anonymer Wanderer, dessen Identität verborgen bleibt: Vagari, benannt nach dem Lateinischen Verbum für das Umherschweifen, namensgebend für den Werk-Zyklus, dessen achte Station wir in dieser Ausstellung sehen.

Der einsame Wanderer Vagari begegnet uns auf fast allen der sorgfältig inszenierten Fotografien als Rückenfigur. Niemals sehen wir sein Gesicht. Er erhält keine eigene Persönlichkeit, die eine unabhängige Dynamik entwickelt, er folgt keiner Narration, er steuert kein Ziel an, noch wird ein Ort angedeutet, von dem er fortgegangen ist. Genausowenig ist er ein Alter Ego des Künstlers.

Er verkörpert vielmehr zwei Prinzipien: das Prinzip der steten, unbehausten Bewegung und das Prinzip des Schauens.

Der Topos der Rückenfigur wird seit der Renaissance benutzt als Träger des Blicks, als im Bild befindlicher, anteilnehmender Stellvertreter des Betrachters vor dem Bild, so z.B. beim Fresko Stanza dell'Incendio di Borgo von Rafael oder später auf dem Gemälde Die Malkunst von Vermeer von Delft, das den Betrachter an dem Blick des Malers auf sein Modell und sein entstehendes Gemälde teilnehmen läßt.

Vermeer van Delft, Die Malkunst, 1666

Während der Romantik entwickelt vor allem Caspar David Friedrich die Rückenfigur maßgeblich weiter zu einem Symbol des reinen Schauens, das von den beobachteten Naturschauspielen weitgehend abgekoppelt ist, und zum Ort eines inneren Ereignisses wird, das sich aber tatsächlich im Bildbetrachter abspielt. Die Rückenfigur ist hier vollständig zu einem Ort des Übergangs, einem Tor geworden, zu einem Träger unseres Blickes und unserer Empfindungen und Reflexionen.

Diesen Aspekt finden wir auch in der Figur des Vagari wieder: sie läßt uns schauen, sie nimmt für uns einen Blickwinkel ein und führt unseren Blick, sie bezieht Stellung.

Doch was ist der Gegenstand ihrer Betrachtung? An was für Orte führt uns die ewige Wanderung des Vagari?
Die ersten Abschnitte des Zyklus` führten Vagari vor allem in die Natur. Der Kontext des Einstellungsraums und des Jahresthemas „Park & Ride“ ließen ihn in eine vom seßhaften Menschen geprägte oder sogar geschaffene Landschaft zurückkehren.
Doch wir begegnen keinen Menschen, wir werden an keine Orte geführt, die das menschliche Leben beherbergen oder die Spuren eines lebendigen Miteinanders tragen.

Statt dessen sehen wir die konkreten und massiven Spuren, die die Bewegungsmuster der Menschen hinterlassen haben, und wir werden an Orte geführt, die nur dazu dienen - oder dazu gedient haben - die Art der Fortbewegung zu ändern; Orte, an denen der Mensch das eine Vehikel zurückläßt, um sich mit einem anderen fortzubewegen. Und schließlich sehen wir in Form von Autofriedhöfen am Rande der Straße Orte, an denen die Bewegung endgültig endet.
Und wir sehen, welchen enormen Raum dieser Stillstand einnimmt, gewaltige, leere Flächen, die einst geplant wurden, nicht um die faktische Mobilität zu ermöglichen, sondern nur um deren Abfallprodukt, den „ruhenden Verkehr“ aufzunehmen.

Vagari führt uns die manifest gewordenen Folgen einer zunehmend eskalierenden Mobilität vor Augen. Das, was wir sehen, sind die Verkrustungen und der Stillstand, die die Mobilität gleichsam einer Ausscheidung absondert, erodierender Stillstand, in Zerstörung befindlicher Stillstand.
Und außer Vagari und uns, die wir stellvertretend durch ihn blicken, ist kein anderer Mensch zugegen, der diese immensen Zerfallserscheinungen am Rande der Mobilität, an den bröckelnden Ufern der Insel der Glückseligen bezeugen kann.

Werner Schöffel, aus dem Zyklus #8 -Vagari-, 2014


Und natürlich fragt man sich, wenn vielleicht auch nur im Stillen: wie konnten Menschen solche trostlosen, toten Unorte hervorbringen? Was für eine Kultur gebiert solche Landschaften? Sind diese Folgen der Mobilität schon vorher absehbar gewesen und deshalb auch gewollt oder wenigstens bei vollem Bewußtsein in Kauf genommen?

Gehen wir diesen Frage tiefer nach, stoßen wir schließlich auf einen Grunddisput der Kulturwissenschaften: Welche Kräfte geben der Kultur und all ihren materiellen und immateriellen Erscheinungsformen ihre Gestalt?

Vor allem seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert stehen sich in dieser Frage zwei Lager in einem steten Widerstreit gegenüber:
Die Verfechter des Determinismus, der sich vor allem in Form des historischen Materialismus ausgeprägt hat, auf der einen Seite, auf der anderen die Verfechter des Possibilismus, dessen Logik besonders im Strukturalismus von Claude Levi-Strauss seinen kulturtheoretisch einflußreichten Ausdruck gefunden hat.

Während die Deterministen die Kultur lediglich als das Ergebnis eines Anpassungsprozesses an die natürlichen Gegebenheiten und Ressourcen betrachten und davon ausgehen, daß Dinge und Beziehungen erst durch ihre Nützlichkeit und ihr Verhältnis zu den Ressourcen ihre kulturelle Bedeutung erlangen, gehen die Possibilisten davon aus, daß die materiellen Kräfte erst durch ihre Integration in die kulturellen Bedeutungsschemata wirksam und für den Menschen relevant werden.
Das heißt, daß sich der Mensch nicht, wie der Historische Materialismus postuliert, durch seine Arbeit selbst erschafft, sondern daß der Akt der Arbeit selbst bereits durch eine vorher bestehende kulturelle Struktur determiniert wird.

Während nach Anschauung der Kulturmaterialisten schließlich Individuen oder Machteliten an der Spitze der Hierarchien stehen, die durch Erschaffung, Erhalt oder Manipulation eines Status Quo versuchen, ihre Machtstellung zu festigen oder auszubauen, steht nach Anschauung des Strukturalismus die kulturelle Struktur selbst im Mittelpunkt, der die Individuen in erster Linie durch bewußte Reproduktion ihrer Bedeutungsmuster dienen.

Die Antwort auf die vorher gestellt Frage nach der Ursache des Zustands der Welt würde also im Sinne der Kulturmaterialisten lauten:
Machteliten führen durch Steuerung des sozio-ökonomischen Gefüges all diese furchteinflößenden Zustände bewußt herbei, um ihren Reichtum und ihre Macht zu mehren.
Strukturalisten müßten hingegen argumentieren: all diese Erscheinungen sind von den Mitgliedern unserer Gesellschaft bewußt und gewollt reproduzierte Strukturelemente unserer Kultur.

Beides scheint kaum annehmbar. Weder scheint es plausibel, das es Individuen möglich ist, die in eskalierender Entropie befindliche und unglaublich komplexe menschliche Zivilisation tatsächlich zu kontrollieren und zu steuern - sieht man sie doch bereits bei der Planung und Kontrolle von viel weniger komplexen Vorhaben scheitern - , noch scheint es glaubwürdig, daß eine große Gemeinschaft von Menschen sich darauf geeinigt hat, diese dem Individuum unerträglichen Zustände gezielt zu reproduzieren.
In diesem Sinne beschreibt ein Zitat von Oskar Kokoschka, auf das sich Werner Schöffel gerne bezieht, die Masse als instinktlos, das Individuum hingegen als ohnmächtig.

Doch was ist es dann, was das Vorgefundene hervorgebracht hat?

Im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jhd. haben sich zahlreiche Theoretiker daran versucht, die Unvereinbarkeit dieser beider Ansätze zu überbrücken.
Neben Pierre Bourdieu ist vor allem Anthony Giddens bekannt geworden, der mit seiner vom französischen Neo-Marxismus beeinflußten Theorie der Strukturation versucht hat, das Spannungsfeld zwischen dem Individuum und der Gesellschaft zu überbrücken.

Er stellt einerseits das fortdauernde Handeln des Individuums in den Mittelpunkt, andererseits dessen Motivation, denn „gemäß der Theorie der Strukturation haben soziale Systeme keine Absichten, Zwecke oder Bedürfnisse welcher Art auch immer, nur Menschen haben diese.“
Die Konsequenzen der Summe dieser individuellen Handlungen verdichten sich zu Strukturen, die mit den primären Handlungsabsichten und -gründen allerdings nichts gemein haben müssen.

Werner Schöffel, aus dem Zyklus #8 -Vagari-, 2014

Dieses Phänomen wird sehr bildhaft vor Augen geführt durch ein Blatt, auf dem Werner Schöffel mittels GPS-Tracking seine Bewegung durch Hamburg aufgezeichnet hat. Handlungsabsicht war die Suche nach Motiven für die Ausstellung. Zu diesem Zweck nutzte er verschiedenste Verkehrsangebote wie Bus, Bahn, Carsharing und StadtRAD. Mit der Suche verband er auch andere alltägliche Verrichtungen wie  einzukaufen, Freunde zu besuchen oder spazieren zu gehen. Als eine bleibende Konsequenz und Spur der Handlung sehen wir jedoch ein Blatt mit einer abstrakt anmutenden Linienführung vor uns, die in dieser Form nicht beabsichtigt war, sondern eine ungeplante Konsequenz darstellt.

Zwar sind die Machteliten, wie der Historische Materialismus sie beschreibt, darauf erpicht, diese individuellen Absichten und Bedürfnisse im Sinne ihrer eigenen Machtausübung so gut es geht zu Manipulieren und zu Kanalisieren, aber  nicht, um die vom Individuum unbeabsichtigten Spuren hervorzubringen, sondern jeweils nur im Dienste der wiederum eigenen individuellen Bedürfnisse und Absichten, die sich nicht zu Absichten eines „Systems“ verdichten.

Der Bankier, der Vorstand eines Pharma-Konzerns oder der Ölmagnat will durch seine Handlungsweise nicht den individuellen Tod von ihm unbekannten Menschen im Sudan, Somalia oder im Irak herbeiführen, er will lediglich über mehr Geld für Investitionen verfügen, das Gefühl individueller Macht und Potenz mehren und bestätigt finden oder ganz schlicht eine neue Segelyacht kaufen oder eine neue Geliebte beeindrucken. 
Ebensowenig will der ökonomisch bewußte Endverbraucher, daß zur Arbeit gezwungene Kinder in Bangladesh durch giftige Textilbehandlungsmittel vergiftet werden. Er möchte lediglich für seine Jeans nicht mehr als 20,- € zahlen.
Trotzdem führen die Handlungen dieser Individuen unter anderem zu genau diesen unerwünschten Folgen. Die Konsequenzen des individuellen Handelns sind durch die weltweit vernetzte Wirtschaft so weitreichend und dadurch so verschleiert, daß sie, selbst wenn man sich der Aufgabe mit Beharrlichkeit und aufwendiger Recherche widmet, kaum noch abzuschätzen und zu verfolgen sind.

Die kulturelle Struktur, der Status Quo unserer Gesellschaft, entpuppt sich nach Giddens also als ein Kollateralschaden unreflektierter Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und Begierden. Der Mensch bezweckt nichts Böses, er hat lediglich und zuallererst sein persönliches Wohlergehen und seine Bequemlichkeit vor Augen.
 Der Autofahrer will lediglich seine individuelle und gemütliche Privatsphäre soweit ausdehnen wie möglich. Er will nicht auf dem Fahrrad oder dem Fußweg frieren oder vom Regen durchnäßt werden, er möchte zum Klang seiner Lieblings-CD auf dem Weg zur Arbeit alleine zu sich kommen und sich nicht mit Hunderten von anderen mürrischen Frühaufstehern um halb acht Uhr morgens in Bus und Bahn drängeln, er möchte sich nicht mit schweren Einkaufstaschen abmühen.

Werner Schöffel, Pano, 2014

Genausowenig möchte er aber die infrastrukturelle Zerstörung der Innenstädte durch die zunehmende Trennung von Arbeit, Konsum und Wohnen, die er durch seine individuelle Automobilisierung herbeiführt; er möchte keine Umweltverschmutzung durch CO2 und Feinstaub, er möchte keine Lawinen aus Blech, die die Innenstädte verstopfen, er möchte auch keine Wüsten aus Beton für den ruhenden Verkehr. Er möchte lediglich seine Bequemlichkeit. Doch genau diese unerwünschten Auswirkungen hat sein automobiler Lebensstil.

Und an diesem Punkt kehren wir wieder zurück in die Welt des Vagari. Denn Vagari ist kein Ausgestoßener, kein Ahasver, den seine Sünden zu der ewigen Wanderung durch die Zeit verdammt haben.
Vagari hat sich ganz bewußt von der Menschheit und vor allem von ihrer betäubenden Bequemlichkeit abgekehrt. Seine Einsamkeit ist das Ergebnis einer bewußten, freiwilligen Abkehr von der instinktlos und unbewußt handelnden Masse.

Er kehrt zurück in einen Nomadenzustand, in dem die Menschheit Jahrhunderttausende verbracht hat, bevor sie sich durch Ackerbau und Seßhaftigkeit selbst domestiziert hat.
Dadurch kehrt er auch zurück zu einer konsequenten Unmittelbarkeit des Handelns, mit der er versucht, die Entfremdung von Mensch und Natur zu überwinden: Alle Gegenstände, die die Figur des Vagari am Leib trägt sind selbst gefertigt - von den Schuhen über den Rucksack bis hin zu den Knöpfen am Mantel, die aus dem Holz eines Kirschbaums aus dem elterlichen Garten des Künstlers geschnitzt wurden. Die Materialien aller Gegenstände stammen aus natürlichen und dem Künstler bekannten Quellen und sind durch seine eigenen Hände gegangen.

Werner Schöffel, aus dem Zyklus #8 -Vagari-, 2014


Zwischen dem Menschen und der Natur entsteht so eine Schnittmenge, ein weiches Übergangsfeld: Wenn Vagari die Natur aufsucht, geht er nicht gerüstet mit einem High-Tech-Kokon in eine romantisierte Umwelt, die es heroisch zu bezwingen gilt, und die, sobald sie in diesen Kokon eindringt, z.B. in sein mit Polyurethan beschichtetes Nylonzelt, von „schöner Natur“ zu „Schmutz“ umgewertet wird; vielmehr wird die Natur an der Schnittstelle zum Menschen transformiert zu etwas, daß ihm ermöglicht, in ihr zu leben.
Durch diese Rückkehr zur Unmittelbarkeit hat Vagari wieder die Kontrolle über die Konsequenzen seines Handelns erlangt.

Werner Schöffel, aus dem Zyklus #8 -Vagari-, 2014

Und nun kehrt dieser einsame, unbehauste Nomade zurück an die Ränder dessen, was wir unsere westliche Kultur nennen und läßt uns einen Blick darauf werfen, was unser Tun und unser Wunsch nach Bequemlichkeit für ungewollte Konsequenzen haben.

Mit diesem Blickwinkel, den er stellvertretend für uns öffnet, stellt er die Frage, ob wir uns der Konsequenz unseres Tuns bewußt sind und ob wir bereit sind, die Verantwortung dafür zu übernehmen.

Ⓒ Dr. phil Thomas J. Piesbergen / VG Wort, Dezember 2014

Dienstag, 11. November 2014

3.12.2014 Vernissage im Einstellungsraum: Werner Schöffel "Park & Track" - mit einer Einführungsrede von Dr. Thomas Piesbergen

Zum Jahresthema des Einstellungsraum e.V. "Park & Ride" zeigt Werner Schöffel konzeptionelle Fotografien aus seinem langristigen Projekt "Vagari".

Einführungsrede: Dr. Thomas J. Piesbergen

Vernissage: 3. Dezember 2014
Beginn: 19:00

Einstellungsraum
Wandsbeker Chaussee 11
Hamburg

Werner Schöffel, aus dem "Vagari"-Zyklus, 2014

Dienstag, 28. Oktober 2014

Die Revolte des Kindlichen gegen das Kindische - Einführungsrede zu einer Ausstellung von Leopold Schröder

In der zeitgenössischen Kunst begegnen wir schon seit geraumer Zeit den Zeichen einer Verweigerung von Virtuosität. Bilder und Objekte erwecken häufig den Eindruck des Provisorischen, des Ephemeren, des Entwurfs oder den Eindruck des Naiven.

Es scheint, als suchten Illustratoren und Freie Künstler ihre Positionen vermehrt in den regressiven Bildwelten oder mit den Ausdrucksmitteln des Kindes, und man gewinnt den Eindruck, es läge eine gewisse Atmosphäre der Verweigerung in der Luft, eine Opposition gegen das, was als die gegenwärtige Welt des Erwachsenen und Professionellen konzeptualisiert wird.

Diese Haltung darf allerdings nicht verwechselt werden mit der Haltung, die der Kulturhistoriker Johan Huizinga als „Puerilismus“ oder „Infantilismus“ bezeichnet, die heutzutage zu einem Flächendeckenden Phänomen geworden ist, und auf die wir später noch zurück kommen werden.

Als Leopold Schröder seine Ausstellung „Die Verkehrung der Verkehrung“ im Einstellungsraum vorbereitete, stand die Frage im Raum, ob er die Auswahl der gezeigten Bilder unkommentiert lassen solle, oder sie von vornherein kenntlich machen solle als authentische Kinderzeichnungen. Denn genau die haben wir vor uns.

Die Ausstellung zeigt als zentralen Werkkomplex eine Reihe von Zeichnungen, die entstanden sind, als der Künstler zwischen 8 - 11 Jahren alt war.

Ihr Entstehungsprozess begann jeweils mit einer Art Vision. Die Szenen waren von Beginn an vollständig und mit ihrem ganzen Detailreichtum in der Vorstellung des Künstlers präsent.
Den anschließenden Prozess der Umsetzung beschreibt Leopold Schröder als eine Art Eruption, in der er selbst keine andere Rolle einnahm, als die eines Mediums. Dieses Phänomen hat er erst rund 10 Jahre später in Experimenten mit automatischem Zeichnen erneut nachvollzogen.

Die Bilder, die in dieser frühen Schaffensphase entstanden sind, zeigen eine eskalierende und oft auch apokalyptisch anmutende Wirklichkeit:
Präsentationen von bis zur Lächerlichkeit gesteigerten modischen Eskapaden, Bodybuilder, die ihre aufgedunsenen Körper in einer grotesken Fleischbeschau zeigen, FKK-Szenen, die in Orgien münden, Frauen, die winzige, blutende Menschlein verspeisen, schweineähnliche Monstren, die  nackten Frauen nachstellen, Operationsszenen gekrönt von sarkastischen Inschriften und immer wieder Massenkarambolagen mit bis zur Unkenntlichkeit zerstörten Automobilen und zerstückelten Leichen.



Bemerkenswert dabei ist, daß die Bilder bis auf einzelne Ausnahmen keine medialen Vorbilder haben, also weder in Comic- noch Fernsehwelten wurzeln, wie es bei Kinderzeichnungen solchen Inhalts zu erwarten wäre.
Ebensowenig handelt es sich um die akute Verarbeitung von Erlebtem. Der Künstler hat weder schwere Unfälle überlebt, noch längere Krankenhausaufenthalte durchstehen müssen, und nach eigener Versicherung auch sonst eine glückliche, normale Kindheit gehabt.

Die Frage stellt sich also: woher kommen diese detailversessenen Szenerien, die in ihrer grausamen Phantasie an die Visionen von Pieter Brueghel oder Hieronymus Bosch erinnern?

An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Exkurs zu dem Konzept der kindlichen Intelligenzentwicklung von Jean Piaget einfügen:

Piaget begriff die Ontogenese des Denkens als einen selbstorganisierenden Prozess. In der Biologie sowie in der Physik beobachtete er die Eigenart von Systemen, die, sobald ihr Gleichgewicht gestört wird, sich so zu verändern, daß sie zu einem neuen Zustand des Gleichgewichts finden.

Auch im kindlichen Denken haben wir so einen Zustand des Gleichgewichts, solange es widerspruchsfrei ist und seine beschränkten Voraussagen eintreffen. Allerdings treten sowohl im Inneren des Denkens, als auch in der Sphäre der äußeren Phänomene immer wieder Ungleichgewichte auf: Widersprüche zwischen Urteilen, Entwicklungen, die sich nicht dem erwarteten Ausgang decken, Diskrepanzen zwischen Aussagen und Handlungen. Das Denken versucht immer wieder von neuem, diese Ungleichgewichte zu überwinden:
Es befindet sich in einem steten Prozess der Equilibration.

Die Bilder von Leopold Schröder entstanden nach Piaget entwicklungspsychologisch an der Schwelle von der konkret-operatorischen Intelligenz zu der formalen Intelligenz. Das Kind lernt in dieser Entwicklungsphase nicht mehr nur aus der konkreten Operation abzuleiten, sondern zusehends aus den Reaktionen seiner Umwelt allgemeingültige Regeln abzulesen und diese allgemeingültigen Regeln vice versa anzuwenden, um Vorhersagen zu treffen. Und das geschieht nicht nur auf der dinglichen Ebene, sondern auch auf der ideellen, insbesondere auf der moralischen Ebene.

Denn laut Piaget ist die Entstehung der Moral nicht wie meist angenommen vor allem ein Ergebnis bloßer Internalisierung, d.h. bestimmt durch die konformistische Übernahme von Regeln und Normvorstellungen, die das Kind in dem umgebenden gesellschaftlichen Milieu vorfindet.



Für ihn ist sie das genaue Gegenteil: die entscheidenden Fortschritte dieser Entwicklung vollziehen sich unabhängig vom Zwang der sozialen Umwelt. Sie sind das Ergebnis einer schöpferischen Konstruktion, in denen das Kind versucht, seine Wünsche und Bedürfnisse mit seiner Umwelt in Einklang zu bringen.

Doch wie sieht nun dieses gesellschaftliche Milieu aus, in dem das Kind versucht, sein moralisches Gerüst zu entwickeln?

Unsere Gesellschaft ist zusehends geprägt von dem eingangs bereits genannten Infantilismus, auf dessen kulturhistorische Bedeutung Johan Huizinga unter dem Begriff Puerilismus erstmals hingewiesen hat und mit dem er das infantile Verhalten erwachsener Menschen in der Moderne bezeichnet.
Dazu zählt er unter anderem das Bedürfnis nach banaler Zerstreuung, die Sucht nach Sensationen, die Lust an Massenschaustellungen, die Unterstellung von bösen Absichten oder Motiven bei anderen, die Unduldsamkeit gegen jede andere Meinung sowie maßloses Übertreiben von Lob und Tadel.

Die erwachende Intelligenz eines Kindes wird also mit einer verkehrten Welt konfrontiert, in der Erwachsene, die von dem Kind zunehmend „erwachsenes“ Verhalten fordern, selbst kindisch agieren. An diesem Punkt revoltiert das Kindliche gegen das Kindische: Das Kind findet eine „Verkehrung“ vor, die es selbst wieder ins Gleichgewicht bringen will. Es unternimmt den Versuch einer „Verkehrung der Verkehrung“.

Der naheliegendste Schritt, um dieses schwierige Unterfangen zu bewerkstelligen, besteht in der ebenso schlichten wie effektiven Strategie des Überzeichnens. Der vorgefundene Zustand wird ins Gargantueske gesteigert, um seine Abstrusität vor Augen zu führen:

• Freikörperkultur, Sexualtabus und die verleugnete Geilheit der Erwachsenenwelt kumulieren zu Orgien die dazu noch voyeuristisch dokumentiert werden
• der narzistische Körperkult endet in der Inszenierung grotesk aufgeblasener Muskelgebirge
• der automobile Wahn im Verein mit der Verdrängung von Unfallstatistiken erlebt sein Armageddon im tödlichen Kataklysmus der Massenkarambolage
• und schließlich werfen die Opfer eines im höchsten Maße infantilen Größenwahns dem „Größten Feldherren aller Zeiten“ in einem Akt der Verweigerung ihre Waffen vor die Füße.
Spätestens hier hat die Überzeichnung, die reine Hindeutung auf einen Mißstand zu der Formulierung einer konkreten Tat, einem Akt des Widerstands gegen den Status Quo gefunden.



An diesem Punkt wird die Entscheidung verständlich, authentische Kinderzeichnungen zu zeigen, statt nur aktuelle Arbeiten, die eine entsprechende Haltung beziehen:

Während der erwachsene Künstler bereits lange wieder durch die Mühlen der gesellschaftlichen Anpassung gegangen ist und um den Zynismus des normativen Verhaltens weiß, ist die Perspektive des Kindes ungefiltert und unvermittelt.
Die Bilder, mit der die kindliche Psyche versucht mit der oft kindischen Welt der Erwachsenen umzugehen, sind ohne Rücksicht auf eine Außenwirkung entstanden. Im Gegenzug berühren sie uns unmittelbar, da wir ihre Intention nicht in Frage stellen. Der erwachsene Künstler hingegen, der eine solche Position bezieht, gerät immer in den Verdacht eine pädagogische Absicht zu verfolgen.

Einer anderen Künstlerin, mit der ich zusammenarbeiten durfte, wurde von ihrer Professorin die provozierende Frage gestellt, ob sie denn „Weltverbesserer-Kunst“ machen wolle, was in den Augen der Professorin offenbar ein Makel war.
Diesen Vorwurf umgeht der gezeigte Werkkomplex Leopold Schröders geschickt aufgrund der fehlenden Intention, belehrend zu wirken. Und dennoch erzielt er die gewollte Wirkung.



In seinen zwei aktuellen Arbeiten, die den Kinderzeichnungen zur Seite gestellt werden, finden wir auch gut 30 Jahre später eine unveränderte Haltung des Künstlers gegenüber der Welt wieder. Auch hier wird der Versuch unternommen, etwas wieder in sein Gleichgewicht zu bringen.

Vor allem eine Videoarbeit nutzt dabei ein weiteres mal die entwaffnende kindliche Perspektive, hier natürlich artifiziell wiederhergestellt: Der Künstler in einem „Adamskostüm“ trägt eine frühe, von spätpubertärem Kitsch geprägte Malerei eines Aktes im Gras - seine erträumte Eva - zwischen Autos umher und konfrontiert den automobilen Bürger mit der Frage, ob es Autos im Paradies gebe.

Die Form der Inszenierung sowie die Frage sind bewußt schlicht und kindlich naiv gehalten, wodurch die Widersinnigkeit und schließlich die Lächerlichkeit einer vom erwachsenen Standpunkt aus gegebenen Erwiderung, die die gesellschaftliche Normalität repräsentiert, entlarvt wird.

Denn was ist schließlich kindischer? Die Hoffnung auf die Wiederherstellung eines Gleichgewichts oder das Beharren auf einem Status Quo, von dem man weiß, daß er schließlich „auto“-destruktiv ist?

Um zu seinem Ziel zu gelangen, hat der Leopold Schröder in dieser Ausstellung sein aktuelles Medium, seine erwachsene, komplexe und wenigstens in Teilen unvermeidlich korrumpierte Perspektive „geparkt“ und ist auf eine kindliche Schaffensphase umgestiegen. Er hat eine kindliche Perspektive wieder zugänglich gemacht und in den Dienst einer aktuellen Intention gestellt, ohne die genutzte Bildwelt und ihre Ausdruckskraft dadurch zu kontaminieren.

Dadurch ist es ihm möglich geworden so schlichte wie dringlich notwendige, aber in der Regel unerwünschte Fragen an eine Gesellschaft zu richten, die sich in zunehmendem Tempo ihrem endgültigen Infarkt nähert.



Wir alle laufen auf einen Abgrund zu, nachdem wir etwas vor uns aufgestellt haben, das uns daran hindert, ihn zu sehen.
Blaise Pascal, Pensèes

In all den Erscheinungen eines Geistes, der seine Mündigkeit freiwillig preisgibt, vermögen wir nur die Zeichen drohender Auflösung zu sehen. Die wesentliche Merkmale des echten Spiels fehlen darin, obwohl das puerile Betragen oftmals äußerlich die Form des Spiels annimmt. Um Weihe, Würde und Stil wiederzuerlangen, wird die Kultur andere Wege gehen müssen.
J. Huizinga, Humo Ludens

Dr. Thomas J. Piesbergen 2015 / VG Wort

Freitag, 10. Oktober 2014

15.10.2014 Vernissage "Die Verkehrung der Verkehrung" von Leopold Schröder mit einer Einführungsrede von Dr. Thomas Piesbergen

Vernissage am 15.10.2014 / 19:00
Dauer der Ausstellung 16. - 31.10. 2014

"Die Verkehrung der Verkehrung"
Zeichnungen, Videos und Objekte von Leopold Schröder
Einführungsrede: Dr. Thomas Piesbergen

Einstellungsraum e.V.
Wandsbeker Chaussee 11
22089 Hamburg







Montag, 4. August 2014

Ehemalige Textprojektteilnehmerin Katharina Unteutsch in der Auswahl des 25. Würth-Literaturpreises

Mit großer Freude möchte ich an dieser Stelle mitteilen, daß die Geschichte "Drift" von Katharina Unteutsch, einer ehemaligen Teilnehmerin der drei Textprojekt-Module und regelmäßiger Gast beim Jour Fixe, in die Auswahl der herausragenden Texte des 25. Würth-Literaturpreises der Tübinger Poetik Dozentur gewählt wurde!

Das Thema des renomierten Preises wurde in diesem Jahr von Hans Magnus Enzensberger und Dirk von Petersdorff gewählt: "Ein Ausflug zu dritt" - gleichzeitig auch der Titel des Sammelbandes, in dem neben den 2 Siegertexten die 12 Texte der Auswahl zu finden sind.

Hier zu finden:

http://www.swiridoff.de/ein-ausflug-zu-dritt

Mit herzlichen Glückwünschen vom Textprojekt!



Sonntag, 29. Juni 2014

Untote Zeit in der Sozialwurst - Lose Gedanken zu den Un-Orten des ÖPNV als sozio-kultureller Raum

Vortrag von Dr. Thomas Piesbergen anläßlich des Symposiums "Ein Park Aus Stieg" des Einstellungsraums e.V. 27. Juni 2014

Als ich bei meiner Rückkehr von einem längeren Arbeitsaufenthalt in Äthiopien um 7:00 morgens in der Frankfurter U-Bahn stand, erlitt ich etwas, worauf ich bei meiner Ankunft in Äthiopien vergeblich gewartet hatte: einen Kulturschock.

Die nach 2 Monaten afrikanischer Erfahrung verschobene Perspektive auf den vorgefundenen Zustand der Menschen ermöglichte mir, Verhaltensstrukturen zu erkennen, für die wir in der Regel blind sind, da sie unser Selbstverständnis und unseren Standpunkt ausmachen, von dem aus wir Dinge beobachten und beurteilen - sie sind unser blinder Fleck.

Das, was ich sah, waren lauter Menschen, die nicht an dem Ort waren, an dem ihre Körper sich befanden. Zudem schien niemand zu begreifen, was für eine Außenwirkung er seinen Mitmenschen zumutete, wie durch unkontrollierte Gestik und Mimik persönliche Intimität entgrenzt wurde, d.h. niemand schien sich bewußt zu sein, wieviel persönliches Leid, Frustration, Schmerz, Hass, Trauer und Apathie sich durch Gesichtsausdruck und Körpersprache vermittelte.

Niemand sah den anderen an und niemand schien daran zu denken, er selbst könne gesehen werden.   Niemand war dort, wo der eigene Körper war. Nahezu jedes Mitglied unseres Kulturkreises wird wohl diesen Zustand der Abwesenheit aus eigener Anschauung und Erfahrung kennen.

Erst durch diese wirklich schockierende Beobachtung wurde mir klar, was den habituellen Unterschied zwischen Deutschland, stellvertretend für die mediale, postindustrielle Gesellschaft, und Äthiopien, stellvertretend für eine noch weitgehend prä-mediale Gesellschaft, ausmacht, und wie gravierend dieser Unterschied ist.
Ich hatte dort im Berufsverkehr um 7:00 morgens in der Frankfurter U-Bahn in reinster Gestalt das erlebt, was Richard Sennett als die Tyrannei der Intimität bezeichnet, die dem Verfall und Ende des öffentlichen Lebens folgt.

Sobald in Äthiopien zwei Menschen sich begegnen, entsteht soziale Interaktion. Will ein Mensch etwas über die Welt wissen, ist er auf andere Menschen angewiesen, da es so gut wie keine Zeitungen oder Bücher gibt. Radios sind selten, Fernseher kaum zu finden und zudem fast immer nur an öffentlichen Orten.
Völlig unvorstellbar wäre dort ein Rückzug in den individuellen Raum der eigenen vier Wände, der noch vor wenigen Jahren in unserer Gesellschaft unter dem hippen Neologismus „Cocooning“ als neuer, erstrebenswerter Lifestyle angepriesen wurde.

Dieser Rückzug in die Isolation des Individuellen, in die „Tyrannei der Intimität“ ist in der etwa 2 Millionen Jahre währenden Geschichte der Menschheit nur den Bruchteil eines Augenblicks alt und kann angesichts der in diesem Zeitraum sich gefestigten natürlichen Bedürfnisse und „natürlichen“ Verhaltensmustern des Menschen als pathologische Abweichung angesprochen werden, deren totale Eskalation wir derzeit in Form der Abwanderung des Menschen in die digitale Realität beobachten können.

Doch kommen wir zurück zu der Situation, in der ich mich damals in der Frankfurter U-Bahn befand: Ich war Teil einer temporären Zwangsgemeinschaft, gekennzeichnet durch ein gegenseitiges Ignorieren, eingesperrt in einem länglichen Raum, der die Funktion hatte, diese sich einander fliehenden Menschen zu transportieren.
Dieser Raum, den meine Mitreisenden ebenfalls versuchten so gut es ging zu ignorieren, ist Teil eines gewaltigen Systems von architektonischen Un-Orten, in denen die meisten Menschen der postindustriellen, medialen Gesellschaft einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Lebenszeit verbringen - wenigstens physisch.

Aus anthropologischer Perspektive, die immer die zeitliche Tiefe menschlicher Kultur einschließt, kann Architektur immer nur unter zwei Gesichtspunkten betrachtet werden: als Träger von Funktion und als Träger von sozio-kultureller Bedeutung. Vor allem ihre Eigenschaft als Träger von Bedeutung macht sie auf vielen verschiedenen Wirkebenen zu einem essentiellen Teil der menschlichen non-verbalen Kommunikation.
Und sie ist nur zu begreifen als eine „strukturierende Struktur“, d.h. daß sie einerseits vom Menschen nach seinen kulturellen Bedürfnissen gestaltet wird, und daß sie andererseits hilft, die kulturellen Strukturen wiederum zu reproduzieren.

Den angesprochenen „Un-Orten“ ist zwar eine Funktion zu eigen, kennzeichnend für sie ist aber das weitgehende Fehlen einer kulturellen Bedeutung (vergl.„The Geographie of Nowhere“, James Howard Kunstler). Für die Architektur bedeutet das, es gibt keine physischen Marker, die ein kulturell bedeutsames Handeln implizieren. Das, was von diesen strukturierenden Strukturen der Un-Orte öffentlicher Transportsysteme als kulturelles Muster reproduziert wird, ist also reine, bedeutungsleere, und damit unmenschliche Funktionalität.

Betrachtet man also diese Un-Orte im Hinblick auf die reziproke Eigenschaft als strukturierende Struktur wird sofort ihre Dissoziation von einem unmittelbaren Rückkoppelungsprozess deutlich. Ihre Gestalt wirkt unbedingt strukturierend, läßt aber keinerlei akute Strukturierung ihrer selbst zu. Unter dem Gesichtspunkt kultureller Rückkoppelung kann man diese Un-Orte also ohne weiteres als totalitäre Strukturen ansprechen, die dem menschlichen Bedürfnis nach kultureller Bedeutsamkeit nur dann nachkommen, wenn es funktional oportun ist.

Die übliche Strategie, mit denen das postindustrielle Individuum diesen totalitären Alltagsumgebungen, speziell den Innräumen des öffentlichen Nahverkehrs, begegnet, könnte man als „Park & Hide“ bezeichnen. Denn das Individuum vermeidet, ohne formgebende kulturell bedeutsame Übereinkunft, Blick- und Körperkontakt, zieht sich zurück, versteckt sich, kapselt sich von seiner Umwelt ab, ist nicht mehr als soziales Wesen ansprechbar.

Man flieht bestenfalls in Zeitungen oder in Bücher - als Variante „Park & Read“ - oder seit einigen Jahren zunehmend in die digitale Parallelwirklichkeit mittels Smartphone, in der einerseits die Tyrannei der Intimität ihre endgültige Emanation im Form sog. „sozialer Netzwerke“ gefunden hat, andererseits die Entgrenzung des Intimen atemberaubend voranschreitet - der Un-Ort U-Bahn wird hier also genutzt als Übertrittsort in eine substanzlose pseudo-private Gegenwirklichkeit: „Park & Slide“.
Das Smartphone als Computerspielkonsole bietet dazu die eskapistische Variante des „Park & Fight“.

All diese Strategien bestärken die Verhaltens-, Denk- und Wahrnehmungsmuster, die Lawrence Durrell als das „dunkle Labyrinth“ bezeichnet hat: das idiosynkratische Gedankengebäude, in dem sich der Mensch vor sich selbst und seinen Mitmenschen versteckt; das psychologische Gefängnis, das ihm unmöglich macht, zu einer wahrhaften Selbstwahrnehmung und Kommunikation mit anderen zu gelangen.

Da die Strategie des „Park & Hide" einem störungsfreien funktionalen Ablauf zuträglich ist und die unkalkulierbare Eigeninitiative der Fahrgäste einzudämmen hilft, wird sie nach Kräften durch das sogenannte „Fahrgastfernsehen“ gefördert, das inzwischen nicht nur in U-Bahnen, sondern auch schon auf manchen Bahnhöfen eingesetzt wird. Durch Werbeclips und weitgehend inhaltsleere Informationsklischees wird der Fahrgast dazu eingeladen, sich in einen pflegeleichten und sozial nicht mehr präsenten Standby-Modus zu begeben.

Welche gravierenden Konsequenzen diese soziale Abwesenheit an den öffentlichen Un-Orten des ÖPNV haben kann, zeigen immer wieder die unerträglichen Beispiele der Gleichgültigkeit bei gewaltsamen Übergriffen in der Bahn. Geparkt ist hier offenbar nicht nur das individuelle Verkehrsmittel der Fahrgäste, sondern auch gleich deren Mitgefühl, Zivilcourage und soziale Verantwortung. Schließlich ist man ja gar nicht da; man ist in der Bildzeitung, man ist auf Facebook, man hat gerade das 6. Level erreicht, man ist noch bei der Arbeit oder bereits zuhause beim Vorabendprogramm.

Da die Isolierung des Individuums in unserer Gesellschaft zum Glück aber noch kein abgeschlossener Prozess ist und der Verfall und die z.T. sogar gezielte Unterbindung öffentlichen Lebens durch repressives Reglement und entsprechende Raumgestaltung es noch nicht geschafft haben, das in 2 Millionen Jahren entstandene Bedürfnis nach Gemeinschaft und spontaner, bedeutungs-generierender Interaktion zu unterbinden, gab es und gibt es immer wieder Formen einer kulturellen Selbstorganisation, die gezielt oder unbewußt den „befriedeten“ und kontrollierten öffentlichen Raum zurück erobern.

Da keine faktische Umstrukturierung der vorgefundenen Gestalt des öffentlichen Raums vorgenommen werden kann, müssen die strukturierenden Strukturen der angesprochenen Un-Orte umgedeutet werden.

Eine recht häufige Variante dieser Umdeutung ist die Nutzung des Waggons als Konzertsaal in dem die Fahrgäste das mehr oder weniger freiwillige Auditorium stellen. Diese Strategie der Umdeutung wird unterdrückt durch die Interpretation der musikalischen Darbietungen als Nötigung - mit dem Effekt, daß die Musiker nur noch von Waggon zu Waggon hetzen und nichts anderes mehr von sich geben können, als klägliche Fragmente von Musik, die in der Tat meist sehr unerfreulich sind.

Eine zweite Variante war die Umdeutung des Waggons zur mobilen Party-Location. Zum Ende der ersten Dekade gab es in Hamburg eine regelrechte Explosion dieser Art der Umfunktionierung der Transportgehäuse des ÖPNVs zu Räumen akuter sozialer Interaktion: die Partybahn am Freitagabend in Richtung Innenstadt, in der man sich mit absurden Getränken wie Wodka-Redbull in Stimmung brachte und spontane Zufallsbekanntschaften schloß.
Für einen kurzen Zeitraum fügte sich der HVV sogar diesem Phänomen und führte den „Nightcruiser“ ein, eine Nachtbuslinie mit DJs und Bar, die aber schon seit längerer Zeit wieder von der Bildfläche verschwunden ist.
Diese Strategie der Aneignung öffentlichen Raums wurde erfolgreich unterbunden durch das Alkoholverbot in den Bahnen und auf Bahnhöfen.

Egal wie man diese Strategien persönlich beurteilen mag, sie sind nicht zu leugnende Symptome des Bedürfnisses, sich der totalitären und inhaltsleeren Struktur der angesprochenen Un-Orte zu widersetzen, sich die Räume wieder anzueignen und sie kulturell bedeutsam zu machen.
Denn selbst die von vielen ungeliebten Musiker treten in der U-Bahn auf, da es immer noch genügend Fahrgäste gibt, die für diese Art der Abwechslung gerne etwas in den herumgereichten Spendenbecher werfen.

Warum also nicht diese Bedürfnis aufgreifen und zulassen, daß die rein funktionalen Transporthülsen zu kulturell bedeutsamen Orten werden, anstatt sie als rollende Wartezimmer zu belassen, in denen das Fahrgastvieh für den Transport möglichst störungsfrei medial sediert wird?

Warum nicht dem gewillten Fahrgast ein Angebot machen, daß ihn davon erlöst, Anstrengungen zu unternehmen, nicht auf das Fahrgastfernsehen zu starren, nicht unfreiwillig den Telephonaten seiner Nachbarn zu lauschen, und nicht aus der akuten Situation, in der er sich befindet auf irgendeine Weise flüchten zu müssen.

Ein Trend, der auf der Hand liegt und in manchen Metro-Bussen bereits aufgegriffen wird, wäre eine Nutzung einzelner Waggons als mobile Lesesäle mit Bibliothek.

Genauso naheliegend wäre ein als solcher funktional gestalteter rollender Konzertsaal, in dem Musiker mit vorheriger Anmeldung kleine Konzerte geben können - dem Konzept folgend, das in der Untergrundbahn von London bereits vor vielen Jahren umgesetzt worden ist: dort werden in großen Bahnhöfen kleine Zonen extra als Spielorte für Straßenmusiker ausgewiesen. Denn die Musik wird dort als essentieller Bestandteil des menschlichen Lebens begriffen, nicht als Nötigung.

Ebenfalls denkbar wäre, ein Model, das auf vielen Bahnhöfen bereits realisiert ist, auf die Schiene zu bringen: einzelne Waggons zu mobilen Orten der Stille, der Andacht oder Meditation umzufunktionieren.

Und natürlich muß auch die Möglichkeit genannt, die mobilen Un-Orte des ÖPNV als Kunst-Orte zu erschließen, deren Eigenart dazu führen könnte, völlig neue Kunst-“Formate“ zu entwickeln.

In einer Zeit der fortschreitenden Anonymisierung und Atomisierung der Gesellschaft, eines rapiden Verfalls von kulturellen Werten und Bedeutungssystemen, sollte nicht nur darüber nachgedacht werden, welche Strategien sinnvoll sind, um sich regelrechte Orte wieder anzueignen - man denke da nur an die weltweiten Aktivitäten der „Occupy“ oder der „Reclaim the Street“ -Bewegung, das Guerilla-Gardening, Flashmobs etc. -  sondern auch, wie man die kaum wahrgenommenen öffentlichen Un-Orte sozial und kulturell umdeuten und nutzen könnte, um den Verfall des öffentlichen Lebens, die endgültige Isolation und Entsozialisierung des Individuums, die Zerstörung sozio-kultureller Verhaltenssysteme und die darauf folgende totalitäre Herrschaft der Funktionalität aufzuhalten.




© Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, 2014


Donnerstag, 26. Juni 2014

"Ein Park Aus Stieg" - Vorträge und Gespräche im Einstellungsraum e.V., Hamburg, 27. Juni 2014

Das diesjährige Symposium zum Jahresthema "Park & Ride" im Einstellungsraum vereint eine ganze Reihe sehr verschiedener Perspektiven auf das Konzept des Umstiegs vom Automobil in den ÖPNV:

Ingo Freund (SPD): Zur Parksituation in Wandsbek
Karsten Lubkert (Dipl.-Ing.): Ruhender Verkehr in der Großstadt
Dr. Thomas J. Piesbergen (Kulturanthropologe, Schriftsteller): Untote Zeit in der Sozialwurst
Bettina Sefkow (bild. Künstlerin): Der Sockel als Leitsystem der Blicke
Christoph Riemer (Playing Arts): Parken = Kunstpause

Moderation: Brigitte Engel-Hiddemann


27.Juni 2014
18:00

Einstellungsraum
Wandsbeker Chaussee 11
22089 Hamburg




Mittwoch, 7. Mai 2014

Der Parkplatz des Universums - Einführungsrede zu der Austellung "Tan Bartnitzki feat. Uwe Kraft: Physiopark", Einstellungsraum, Hamburg, von Dr. Thomas Piesbergen

Das menschliche Gehirn, als komplexestes Werkstück der auf Kohlenstoff basierenden Evolution und als bedeutendstes Werkzeug menschlichen Tuns, ist ein Anpassungsorgan.
Seine zentrale Aufgabe, ausgehend von dem primären Riechhirn, ergänzt durch taktile, visuelle und auditive Sinnesorgane, besteht darin, Reize der umgebenden Wirklichkeit aufzunehmen, zu verarbeiten und angemessene Reaktionen daraus abzuleiten.

Im Laufe der Evolution neuraler Strukturen entstanden aus den ersten miteinander korrespondierenden Sinneszellen immer komplexere Systeme, die zunehmend zu Rückkoppelungen und irgendwann sogar zu Gedächtnisleistungen imstande waren.

Unter diesen Vorraussetzungen entwickelte sich als höchst effektive Anpassungsstrategie höherer Lebewesen die spielerische Neugier. Sie veranlaßt das Gehirn sich zunächst in zweckfreiem Spiel und ohne existentielle Notwendigkeit mit der umgebenden Wirklichkeit auseinander zu setzen. Erfahrungen mit der Umwelt werden nicht mehr erlitten, sondern gezielt provoziert.

Die Erkenntnisse, die daraus gewonnen werden, können später in Situationen, in denen unter existentiellem Druck rasch gehandelt werden muß, abgerufen und angewendet werden. Durch das Vermeiden des Trial and Error-Prozesses in bedrohlichen Situationen, erhalten Lebewesen, die mit spielerischer Neugier ausgestattet sind, einen deutlichen evolutiven Vorteil gegenüber Spezies, die in Untätigkeit verharren, bis sie durch existentiellen Druck dazu gezwungen werden, zu agieren.

Beim Menschen, dessen Gehirn mit seinen etwa 100 Billionen Synapsen das komplexeste bekannte System überhaupt darstellt, das wir bisher kennen, hat sich diese spielerische Neugier in einen Wissensdurst und einen Drang nach Erkenntnis gesteigert, der beispiellos ist. Er geht soweit, daß der Mensch sich mit kaum weniger zufrieden geben möchte, als der Antwort auf die Frage nach dem Urgrund allen Seins, der Frage nach der Beschaffenheit der Wirklichkeit.

Seit der Antike haben sich dazu vor allem zwei entgegengesetzte Strategien durchgesetzt, um diese Frage zu beantworten: die eine ist der nach innen gerichtete Erkenntnisweg der Mystik, der andere der nach außen gerichtete, empirische Erkenntnisweg Wissenschaft.

Die Kunst, also die Hervorbringung von Bildwelten mit eigener Dynamik und implizierter Bedeutungslogik, hat ihre Wurzeln in einer Zeit, in der diese beiden Strategien noch nicht voneinander getrennt gedacht wurden. Seit der Trennung von Religion und Wissenschaft, die sich in der Antike vollzog, blieb sie allerdings vor allem der Sphäre der Religion verhaftet.
Im europäischen Kontext emanzipierte sie sich erst während der Renaissance von religiösen Inhalten und bildete auch Profanes ab: Portraits aus der bürgerlichen Lebenswelt, Naturstudien und schließlich auch, jedoch als Ausnahmeerscheinungen, Zeichnungen im Dienste wissenschaftlicher Überlegungen, wie z.B. die berühmten Skizzen Leonardo DaVincis.

Eine zielgerichtete Bewegung der Kunst auf die Wissenschaft zu wurde erst im Laufe des 20. Jhds. verstärkt vorgenommen, seit sich die Kunst von ihrer Rolle als bloßer Träger von Bild- und Bedeutungsinhalt emanzipiert hat und sich vornehmlich mit den allgemeineren Mechanismen der Wahrnehmung auseinandersetzt, Sehgewohnheiten aufbricht, Rezeptionsroutinen transzendiert und sich in transmediale Kommunikationsstrukturen fortsetzt, d.h. ihre Funktion und Wirksamkeit auch jenseits von Bild oder Objekt entwickelt, wie z.B. in der Prozess- oder Konzeptkunst.

Der Imperativ des uns konstituierenden Anpassungsorgans blieb aber auch hier ungebrochen fortbestehen: die Frage nach den primären Gegebenheiten unserer Wirklichkeit; so ist es auch in dem künstlerischen Ansatz von Tan Bartnitzki und Uwe Kraft.

Sie richten den Blick auf die grundlegenden physikalischen Vorgänge, die uns ständig und unmittelbar umgeben, die unsere physische Existenz bestimmen und deshalb für uns nahezu unsichtbar sind - weshalb es viele hunderttausend Jahre gedauert hat, bis der Mensch in der Lage war, sie zu erkennen und zu formulieren.

Da wir sie als unwandelbare Konstanten des Seins hinnehmen, nehmen wir meist nur ihr ausbleiben oder die Abweichung von ihnen wahr. Man könnte sie fast im Sinne von Niklas Luhmann und John Spencer Brown als den blinden Fleck oder die selektive Blindheit bezeichnen, die uns überhaupt erst möglich macht, Unterscheidungen vorzunehmen und Beobachtungen anzuzeigen.

Um diese Rezeptionsroutinen aufzubrechen, die verhindern, daß wir das Wirken grundlegender physikalischer Gegebenheiten wahrnehmen, nutzen Bartnitzki und Kraft die erwähnte spielerische Neugier des Menschen und locken ihn in Räume des zweckfreien Spiels, das eine neue und überraschende Perspektive auf die natürlichsten und grundlegendsten Gegebenheiten unseres Seins ermöglicht.

Diesen Ansatz spiegelt auch die Wahl des Ausstellungstitels wieder: „Physiopark“. Unter einem Park versteht man heutzutage vor allem einen Ort des Ausruhens, der Zerstreuung, des Spiels, auch einen Ort der Attraktionen - in diesem Fall einen Ort physikalischer Attraktionen.

Doch sind diese Attraktionen eben keine Bestandteile eines physikalischen Kuriositätenkabinetts, keine Phänomene, die scheinbar von den „unwandelbaren“ Konstanten abweichen, sondern es sind diese Konstanten selbst, die uns ohne ihre alltägliche Maskerade vorgeführt werden! Ganz im Sinne eines Zitats des vietnamesischen Zen-Lehrers Thich Nhat Hanh: „Im gegenwärtigen Augenblick zu leben ist ein Wunder. Über das Wasser zu schreiten ist es nicht.“

Eine dieser Konstanten ist die Gravitation, die wir zwar immer und überall spüren und beobachten, über deren Wesen und ihre vielfältige Wirkung wir uns aber so gut wie nie Gedanken machen. Tatsächlich ist Gravitation nichts anderes als Bewegung und Beschleunigung.
Selbst wenn wir vermeinen, still zu stehen, ist dieser Stillstand eigentlich nichts anderes, als ein aufgehaltener Sturz auf den Erdmittelpunkt zu; gleichzeitig natürlich auch die rasende Rotation um diesen Mittelpunkt herum; und gemeinsam mit dem Erdball eine noch schnellere Bewegung um das Gravitationszentrum der Sonne herum, die sich mit unserem ganzen Sonnensystem wiederum in rasender Fahrt um den Mittelpunkt unserer Galaxie bewegt, die schließlich unvorstellbar schnell, angetrieben von der Gewalt des Urknalls, durch das expandierende All saust.

Um die Gravitation auf simpelst mögliche Weise erfahrbar zu machen, wählten Bartnitzki und Kraft in ihrer Arbeit „1 durch r Quadrat“ die schiefe Ebene, mit der es bereits Galileo 1594 gelungen war, die Erdbeschleunigung zu ermitteln.

Bartnitzki & Kraft, 1 durch r Quadrat, 2014


Auf einem Video der Apollo 15 Mission erleben wir die Erfüllung einer Voraussage, die Newton auf der Basis von Galileos Erkenntnis formuliert hat, nämlich daß ein Hammer und eine Feder, wenn da nichts ist, das ihren Fall bremst, wie z.B. die Luft, die gleiche Fallgeschwindigkeit entwickeln.
Wiederum ein deutlicher Verweis auf unsere Wahrnehmungsroutinen, deren Bedingtheit und Beschränktheit wir im Alltag weder wahrnehmen noch in Frage stellen.

Ein nächster Komplex beschäftig sich mit dem Urknall und dessen Echo, der kosmischen Hintergrundstrahlung, in deren Strukturen erst vor kurzem Gravitationswellen entdeckt worden sind, die aus der (gerade entstandenen!) Zeit kurz nach dem Urknall stammen und damit das Modell des Inflationären Universums bestätigt haben.
Als Verweis auf diese uns stets umgebende Hintergrundstrahlung und die darin enthaltene Information wird der Raum durch die Klanginstallation „Nachhallgerät“ beschallt, die die Gravitationswellen des Urknalls in ein hörbares Spektrum übersetzt.

Ein Teil des Ausstellungsraums wird beherrscht von einer visuellen Umsetzung des Urknalls mit dem Titel „Big Bäng 1, 2, 3“ in Form dreier Schaukästen und einer chaotisch anmutenden Explosion von allerlei merkwürdiger Materie, eingewoben in Klopapier-Superstrings; eine kleine Erinnerung daran, das alle Materie „kosmisch“ ist, nicht nur Dinge, die von Hubble beobachtet werden, sondern auch die Dinge, die in den Regale der Drogerien stehen.
In einem der Schaukästen fliegen Atome und Steinbrocken auseinander, in einem zweiten die Tiere der Arche Noah - Verweis darauf, daß nicht nur die unbelebte Materie des Universums dem Prozess gehorcht, der durch den Urknall ausgelöst worden ist, sondern auch die Evolution der Organismen: die stete Zunahme von Vielfalt und Komplexität bei einer gleichzeitigen Expansion.

Bartnitzki & Kraft, Big Bäng 1, 2, 3, 2014


Natürlich stellt sich dem an seiner Alltagstauglichkeit gewachsenen Verstand die Frage: was habe ich denn mit dem Urknall zu schaffen? Die Antwort darauf liegt wiederum in der Frage nach dem Zentrum des Urknalls verborgen. Denn die Expansion des Universum ist derart beschaffen, das sich alles in gleicher Geschwindigkeit von allem anderen fort bewegt. Das bedeutet: das ehemalige Zentrum des Urknalls ist überall, auch genau an dem Ort, an dem ich mich jetzt befinde - oder an dem sie gerade stehen. Sie selbst befinden sich genau jetzt und ihr ganzes Leben lang genau an dem Ort, an dem die allererste Quantenfluktuation stattgefunden hat, die unser Universum hervorgebracht hat!
Der Mittelpunkt ist überall: eine Erkenntnis, in der sich moderne empirische Kosmologie und mystische Einsicht wieder begegnen!

Ein dritter Themenkomplex der Ausstellung beschäftigt sich mit der zyklischen Natur der meisten, möglicherweise sogar aller Vorgänge innerhalb des Universums.
Das Zyklische erleben wir auf zwei, von unserem Verstand künstlich getrennten Ebenen: im Raum und in der Zeit: Die Elektronenwolken kreisen um den Atomkern, die Erde um ihre eigene Achse, der Mond um die Erde, die Planeten um die Sonne, die Sonnensysteme um das galaktische Zentrum etc., während alle lebendigen Organismen sich in dem zeitgebundenen Zyklus der physischen Reproduktiuon befinden, in der stets wiederkehrenden Abfolge von Geburt und Tod, möglicherweise auch von Tod und Wiedergeburt, im Kreislauf der Jahreszeiten, selbst angetrieben vom Blutkreislauf, eingebunden in den Kreislauf des Wassers, des Sauerstoffs etc., und dabei gedanklich meistens kreisend um sich selbst.

Das Symbol dieser Idee der ewigen Wiederkehr finden wir in der liegenden 8, dem Unendlichkeitszeichen, hier in der Arbeit „Lemniskatenoperator“ von einem motorisierten Gelenkmodell, in das eine Leuchtdiode eingebaut ist, mit Licht in den Raum gezeichnet wird, sowie in den Multiple-Objekten „Das Allgestaltende“, zwei ineinander geschobene Scheiben, in deren Umlauf auf die vierte Dimension verwiesen wird.

Bartnitzki & Kraft, Lemniskatenoperator, 2014


Auch eines der Urknallmodelle greift die Idee des zyklischen Charakters der Raumzeit auf, das sogenannte „geschlossene“ Universum, das sich nach einer Zeit der Expansion wieder zusammenzieht, um schließlich in einer Singularität wieder in sich zusammen zu fallen - hier als eine Implosion von Wollfäden inszeniert.

Eine weitere Arbeit, in der zyklisches Verhalten im Raum und in der Zeit ineinander fallen, ist die „Vollmonduhr“, die die Erdumdrehung und die Umlaufzeit des Mondes als Drehung einer Scheibe und Umlauf einer daran hängenden Kette darstellt.

Angesichts dieser allgewaltig wirksamen und in ihrem ganzen Ausmaß unvorstellbaren Kräfte,  Zusammenhänge und Bewegungen stellt sich natürlich die Frage nach dem Standort und Stellenwert des Menschen.

Und hier kommen wir wieder zu dem eingangs erwähnten Blinden Fleck zurück.

Wie wir gesehen haben, gibt es keinen Stillstand im Universum. Ebensowenig scheint es Anfang und Ende zu geben, wenigstens nicht auf eine zeitlich determinierte Art und Weise, die wir zu erfassen imstande wären, - unabhängig von der Frage, ob das Universum nun „offen“ oder „geschlossen“ ist - denn wie soll man sich schließlich etwas vorstellen, was vor der Zeit gewesen ist?
Dennoch denken wir Zustände wie „Stillstand“ oder letztlich metaphysische Begriffe wie „Anfang“ und „Ende“!

Die Physik hat Jahrhunderte gebraucht, bis sie auf dem Feld der Quantenphysik endlich auf die möglicherweise wichtigste Größe überhaupt gestoßen ist: den Beobachter! Plötzlich wurde offensichtlich, daß gewisse Dinge erst in dem Moment in eine beobachtbare Wirklichkeit übergehen, in dem sie tatsächlich beobachtet werden. Denn bis dahin verharren sie lediglich in einem Zustand der Möglichkeit.

Und das trifft nicht nur auf quantenphysikalische Vorgänge zu. In einem sich permanent bewegenden Universum ohne einen zu verortenden Mittelpunkt kann nur dann gemessen werden, wenn von einem Ort aus gemessen wird, den man mit dem Begriff des Stillstands, des Anfangs oder des Endes kennzeichnet: der ruhende Pol, der Bezugspunkt, zu dem man die Dinge in Relation setzt. Und dieser ruhende Punkt ist der Mensch selbst, unser blinder Fleck der Beobachtung.

Hier begegnen wir ein weiteres mal dem zyklischen Charakter der Wirklichkeit: selbst wenn das Universum laut dem aktuellen Forschungsstand offen und nicht geschlossen ist, erleben wir die Inversion in der Wahrnehmung des Universums! Denn schließlich ist unser Bewußtsein nichts vom Universum Unabhängiges. Das Universum hat das Bewußtsein hervorgebracht und blickt durch unsere Augen auf sich selbst zurück! Und in diesem Blick begegnen sich auf kognitiver Ebene auch die nach außen gerichtete Wissenschaft und die nach innen gerichtete Mystik in der Entsprechung ihrer Erkenntnisse und schließen damit den Kreis unserer Erkenntnisfähigkeit.

Um in den Begrifflichkeiten des Jahresthemas „Park & Ride“ zu bleiben, könnte man also den Beobachter, das menschliche Bewußtsein als Parkplatz des Universums bezeichnen, an dem es innehält, um einen Blick auf sich selbst zu richten und seine eigenen Bewegungen zu ermessen.

Im Physiopark von Tan Bartnitzki und Uwe Kraft wird diese Inversion, dieser Punkt, unser Standort, markiert durch das Objekt „Ontologischer Spiegel“, das aus nur drei mit einem Laser aus schwarzem Plexiglas geschnittenen Buchstaben besteht: „I am“. Das ist der Mittelpunkt des Universums, der Mensch, Gott, der Ort an dem der Urknall stattgefunden hat, der Anfang, das Ende - unser fleischgewordener Parkplatz, zu dem wir immer wieder zurückkehren müssen, egal in welche kosmischen Bereiche unser Bewußtsein uns hat blicken lassen.



Bartnitzki & Kraft, Ontologischer Spiegel, 2014


Mit dem „Ontologischen Spiegel“ und der weiter oben erwähnten Schnittstelle von dem nach außen und nach nach innen gewandten Weg der Erkenntnis korrespondiert auch ein Leuchtkasten im Keller mit dem Titel „Kraft/Sterkte/Power“, auf dem das Große Arkanum „Kraft“ aus dem Rider-Waite-Tarot wiedergegeben ist. Davor steht ein einzelnen Stuhl - Aufforderung zur Kontemplation: Eine weibliche Figur, über deren Kopf die liegende Acht, die Lemniskate schwebt, bezwingt mit bloßen Händen einen Löwen. Der Mensch schöpft im Bewußtsein der Unendlichkeit Kraft zum Handeln im Gegenwärtigen.

Bartnitzki & Kraft, Kraft/Sterkte,Power, 2014


Ein Zen-Schüler fragte einmal seinen Meister: „Und was kommt nach der Erleuchtung?“
Der Meister antwortete: „Wasser holen und Holz hacken.“ 



© VG Wort / Dr. Thomas Piesbergen, Mai 2014

Montag, 5. Mai 2014

Tan Bartnitzki feat. Uwe Kraft "Physiopark" - Vernissage mit einer Einführungsrede von Thomas Piesbergen - 6. Mai 2014

Das Künstlerduo Tan Bartnitzki und Uwe Kraft setzen sich mit der Frage auseinander, wie Erkenntnisse der Physik und unsere meist unbewußten Grunderfahrungen damit mittels künstlerischer Prozesse in das Alltagsbewußtsein zurückgeholt werden können.

"Eines Tages kann man die Erde aus einem anderen Blickwinkel betrachten.
Der Mond eignet sich hervorragend dazu. Dort findet die Entschleunigung unserer Bewegungen und Gedanken statt. Hier könnten wir vielleicht auf die Essenz unseres Daseins stoßen. Wie schade dass man da oben bisher nur in einer künstlichen Atmosphäre verweilen kann!" 

(pressetext einstellungsraum)

6. Mai 2014
19:00

Einstellungsraum
Wandbeker Chaussee 11
22089 Hamburg

Mit einer Einführungsrede von Dr. Thomas Piesbergen

Tan Bartnizki feat. Uwe Kraft, Physiopark, 2014

Donnerstag, 24. April 2014

Das Textprojekt bei den HEW-Lesetagen: 8 Geschichten

Nach zwei ausgesprochen schönen Abenden im Rahmen der "Hamburger Energie Wechsel - Lesetage" möchten wir einige Texte, die Teilnehmer der Schreibwerkstatt zum Thema "Zweimal im Leben" verfasst und vorgetragen haben, auf dem Blog zum Nachlesen zur Verfügung stellen.

Viel Spaß mit diesen Fenstern in groteske, komische, düstere, exotische und apokalyptische Textwelten!

Thomas Piesbergen: Das letzte Gericht
Lena Richter: Was einmal war
Petra Stolz: 89290
Christian Diers: Reife(n)prüfung auf der Überholspur
Silke Tobeler: Hadithas Liste
Heiko Eggers: Der zweite Mann
Ilka Volz: 2 mal im Leben
Nicola Nawe: Der längere Weg

Texte der Lesung "Zweimal im Leben": Nicola Nawe - Der längere Weg

Baermann denkt: „Ich auch! Will diesen Job. Ich will auch diesen Job!“ Und er sieht es gleich beim Hereinkommen. Zwei dürre Zeiger machen sich lang und Baermann schießt es durch den Kopf: „Das darf nicht sein!“ Doch Baermann deutet richtig: 10.00 Uhr und nicht eine Minute früher. „Nein“, schreit es in Baermann und gleich darauf: „Doch - ich will den Job!“ Er zettelt in seinen Papieren und sieht die Dreizehn. Dreizehnter Stock und denkt: „Das schaffe ich nicht!“ Denn Baermann kann schon lesen. Jetzt liest er „Aufzug defekt“ und also läuft er los. 
Er sieht sich hinaufeilen, wie er Stufe für Stufe überschlägt und da erscheint Paula in seinen Gedanken. Paula, die einzige, für die er um die halbe Welt laufen würde. 
Lange Jahre, fast ein ganzes Leben war es her, als er sie in dem alten Hörsaal zum ersten Mal bemerkt hatte. Leicht gebeugt über ein Buch saß sie da, in einer blaugeblümten Tunika, die ihr nicht stand und mit der sie so deutlich auffiel, dass Baermann nicht hatte glauben können, der Einzige zu sein, der sie aus der Nähe anschauen wollte. 
Paula saß dort, weil ihr Pate es gewünscht hatte, denn das Paula-Mädchen sollte nach einer elternlosen Kindheit eine größere Zukunft haben. Anders als Baermann, der sich mit Wucht und Wut den Eltern entgegen stemmen musste. Sie wollten keinen Juristen in der Familie, keinen Besserwisser, allenfalls einen armen Musiker. Baermann hatte dennoch diesen Saal erreicht und das erste was er lernte war, dass Paula – blaugeblümt – noch immer ein großes Mädchen war. 
Der zweite Stock rast an ihm vorbei - und weiter. Baermann duldet jetzt keinen Aufschub. 
Bald war es auch mit Paula weiter gegangen, beim zweiten Lerntreff, welches Baermann morgens fast verpasst hatte, weil es so spät geworden war am Abend vorher im Bella Vista. Nie eine Zugabe verweigern war für Baermann der einzige Weg, sein Studium zu finanzieren und er spielte sich mit heißen Fingern einem Leben entgegen, in dem Paula mittendrin war. Kein Geld für den angehenden Besserwisser gab es im Heimatdorf, das ihn lange festgehalten hatte, um doch noch einen Priester aus ihm zu formen. Im Dorf gab es keine Anwälte. Man einigte sich durch monatelanges Schweigen, schaute nach vorn und ließ das Gras wachsen, auf dem Baermann schließlich davongelaufen war.
„Kunstrasen“, denkt Baermann jetzt und liest: „Fünfter Stock!“ Wie viele Minuten nach Zehn mögen es jetzt sein?
Doch Paula hatte an jenem Tag auf ihn gewartet. Sie war nicht mit der Hornbrille von Tisch vier Kaffee trinken gegangen. Paula verstand wenig, doch sie war da und wollte bleiben. Baermann fiel es schwer, das zu glauben und er stürzte sich tiefer in die Strafgesetzbücher, tauchte durch Kommentare und Absätze, denn die waren eindeutig. Paragraphen wurden ihm Halt und Geländer, wenn die dunklen Gestalten nachts an seine Fenster klopften und ihn auch tagsüber nicht mehr verließen mit ihrem Geflüster: „Du wirst nie ein guter Jurist!“
 „Das liebe ich an dir“, hatte das Paula-Mädchen Jahre später gesagt, „dass du nie zweifelst, dass dein Wort echt ist und du mein verlässlicher Held.“ Baermann war sich nun gewiss, dass Paula seine Beständigkeit liebte und seitdem gab es nicht nur die dunklen Gestalten in der Nacht, sondern es herrschte auch die Angst, Paula könnte diesen Dämonen begegnen. Denn dann würde auch sie davonlaufen und Paula zu verlieren wäre stechender als alles andere.
 „Siebter Stock“, liest Baermann, „hört das denn nie auf? Das ist die Hälfte“, zählt er, „mehr als die Hälfte.“ Und weiter läuft er seinem Ziel entgegen.
Nach dem ersten juristischen Staatsexamen hätte Baermann beinahe auf halber Strecke aufgegeben. Die nächtlichen Bassläufe hatten seine Arme ruiniert, weil die Musik längst keine mehr war, sondern Schichtarbeit bis es hell wurde. In diesem Moment war Paula erwachsen geworden. Sie hatte das Erbe ihrer Eltern ohne Innehalten verfügbar gemacht, so dass es jetzt Abende für beide gab, und Abende zum Lernen. Das war Paulas Heiratsantrag gewesen.
Und jetzt rennt Baermann dieser neuen Stelle hinterher, um nicht mit leeren Händen „Ja“ sagen zu müssen. Neunter Stock und er kann nicht mehr. Doch niemand rettet ihn.
Baermann sieht den Erstklässler wieder vor sich, wie er damals über die Felder rannte, über Rüben stolperte, sich schmutzige Knie aufschlug und weiter schlingerte; mit leeren Hosentaschen, in denen kurz vorher noch zwei Mark gewesen waren für des Vaters Zeitung. Die hatte er holen sollen, doch er war Stolle und Benk in die Hände gefallen. 
Sie hatten ihn kopfüber hängen lassen und das Geld war herausgerutscht. Das Baermännchen, wie sie ihn damals nannten, hatte sich stundenlang nicht nach Hause getraut, war verzweifelt in den Furchen auf und ab gelaufen, ohne Richtung, bis ihn der Hunger umkehren ließ. Baermann erinnert sich nicht mehr an die häusliche Hölle danach, doch an diesem Abend war die Entscheidung gefallen: Er wollte für das Recht in dieser Welt eintreten, für seines und später für Paulas und das ihrer gemeinsamen Kinder. 
Elfter Stock. Die Verzweiflung von damals treibt ihn auch jetzt weiter und Baermann denkt immer noch: „Ich will diesen Job, ich will es wenigstens versuchen, auch wenn ich längst schon zu spät bin.“ Noch etwas schneller. Zwölfter Stock, von oben sind Stimmen zu hören. Baermann lockert die Krawatte und liest: „Dreizehnter Stock. Dr. Branko Suderstadt – Vorzimmer.“ Eine Tür öffnet sich, ein Lächeln - nicht von dieser Welt - schaut ihm entgegen. „Nanu“, giggelt das Lächeln, „schon der dritte Bewerber heute im Dauerlauf! Nehmen Sie bitte noch einen Moment Platz, darf es ein Glas Wasser sein?“ Und Baermann nickt, kann kaum schlucken, nur das Wort „Uhr“ rutscht ihm heraus. „Ach ja, die gehen hier alle anders“, trällert das Lächeln und Baermann ahnt etwas. Er sinkt auf einen Stuhl und die Anzeige gegenüber lässt ihn wieder auffahren. Vier Ziffern könnten schöner nicht sein und Baermann liest: „10.00.“
„Pünktlich auf die Minute“, hört er kaum die tiefe Stimme, die von rechts kommt. „Eine interessante Bewerbung haben Sie uns da geschickt. Aber bitte doch, hier entlang.“ Ein fester Händedruck zieht Baermann von seinem Stuhl hoch und er stolpert in ein fremd riechendes Konferenzzimmer. Nimmt Platz und lässt Frage und Antwort an sich vorbeiziehen. Hört sich selbst sprechen, wie aus der Ferne, sieht hier und da ein nickendes Lächeln, nimmt Papiergeraschel wahr. Ein Fenster steht auf Kipp. Die Zeit fliegt und schon ist da wieder dieser kräftige Händedruck, der ihn ins Vorzimmer zurückführt. Zwei Stimmen wechseln sich nun ab, eine hohe, eine tiefe. Bruchstücke erreichen Baermanns Ohr. 
„Jaja, ganz eindeutig!“
 „Ab 1. Mai?“
 „Die Formulare zuschicken!“
 „Kennenlerntreffen organisieren?“ 

Und dann fliegt Baermann zum zweiten Mal an diesem Tag durch dreizehn Stockwerke, nun in umgekehrter Richtung. Er tritt in die Sonne hinaus, da winkt Paula. Sie schwenkt blaue Blumen, sie lächelt fragend und Baermann hört sich antworten: „Ja, Paula. Jetzt ja!“

Lektorat: Thomas Piesbergen


Zu anderen Geschichten der Lesung, bitte hier klicken

Mittwoch, 23. April 2014

Texte der Lesung "Zweimal im Leben: Lena Richter

Ich schreibe dir ein Märchenbuch.
Das Papier knistert unter meinen Händen. Blöcke. Notizbücher. Lose Seiten. Ich häufe sie um mich und weiß nicht, wo ich beginnen soll. Draußen vor dem Fenster liegt grauer Schnee. Hier drin legt sich der Geruch von Krankheit und Medizin schwer auf meine Zunge. An den Wänden bröckelt die gelbe Farbe ab. Ab und zu eilen Schritte quietschend über das Linoleum.
Du, kleine Schwester, schläfst. Nur das Surren und Piepen der Geräte, die um dein Bett versammelt sind, unterbricht die Stille.

Da ist ein Mädchen, das geht durch den finsteren Wald und trifft den bösen Wolf. Er verschlingt sie und ihre Großmutter. Sie können nichts dagegen tun. Nur der Jäger kann sie retten.
Aber hier gibt es keine Jäger und gäbe es welche, so stünden sie johlend um den Wolf und feuerten ihn an, weideten sich an den Schreien und dem Blut. Wölfe verschlingen niemanden am Stück. Sie zerfleischen ihre Beute, bis nichts mehr übrig ist.


Die Mädchen in den Märchen machen mich wütend. Sie leiden sanft und hoffen und warten, bis der Prinz sie erlöst. Sie sind schön und bescheiden und manchmal sogar klug, aber sie tun keiner Seele etwas zu Leide. Schreien nicht, treten nicht, wehren sich nicht. Ihr gutes Herz bringt sie immer in Schwierigkeiten. Du hättest eine gute Prinzessin abgegeben, kleine Schwester. Doch für dich gab es keinen Prinzen in strahlender Rüstung. Du hättest dich selbst retten müssen.
Ich schreibe dir ein Märchenbuch.

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern fühlt seine Glieder nicht mehr. Es schaut zum Himmel und sieht, wie fern und kalt die Sterne sind. Da zieht es sein Kleidchen aus und seine Strümpfe und stopft alles in das Loch in der Hauswand, das der reiche Kaufmann, der darin wohnt, nie entdeckt hat. Es entzündet die Schwefelhölzer, eins nach dem anderen.
Schließlich brennt das Haus lichterloh und die Funken steigen bis hoch zu den kalten Sternen. Vor dem Feuer steht das Mädchen, splitternackt, und lacht und tanzt mit den Flammen.

Die Schwestern und Ärzte betrachten uns mitleidig, dich in dem viel zu großem Bett und mich in meinem See aus Papier und Wortfetzen. Deine Haut scheint jeden Tag durchsichtiger zu werden, die Schatten unter deinen Augen dunkler. Ab und zu kommt jemand in einem weißen Kittel, untersucht dich und schüttelt den Kopf.
„Es ist weiterhin sehr unwahrscheinlich, dass Ihre Schwester aus dem Koma erwacht.“ Die Worte rauschen an mir vorbei. Ich nicke und sehe aus dem Fenster, auf den Schnee, der langsam schmilzt.
In ihren Träumen kämpft Dornröschen hundert Jahre lang gegen die Bestien und die schwarzgeflügelten Feen. Als sie erwacht, nimmt sie Schwert und Spindel und verlässt ihr leeres Schloss. Als sie das Ende der Dornenhecke erreicht, hängt ihre Haut in Fetzen von den Armen. Doch sie lächelt beim Gedanken daran, die Spindel im Herz der bösen Fee zu versenken.

Ich betrachte dich lange. Mein Dornröschen, schlafend und träumend und unerreichbar. Weder Dornen noch Küsse können dich retten.

Heute ist Dienstag. Jeden Dienstag rufe ich die Polizei an und frage nach Neuigkeiten. 
„Es tut mir leid.“ Herr Lewandowski ist immer freundlich, wenn ich nachfrage. Über seinem Schreibtisch hängt das Fahndungsfoto der Bestie, ein Ausdruck der verschwommenen, pixeligen Sicherheitskamera. In meiner Tasche habe ich immer eine Kopie davon. Herr Lewandowski hat sie mir gegeben. Auf seinem Schreibtisch steht ein Foto seiner Frau neben einer Schüssel mit Hustenbonbons. 
„Es tut mir leid“, wiederholt er und ich glaube ihm.

Ariadne sieht Theseus in die Augen und weiß, dass er lügt und ihre Hilfe nicht belohnen wird. Sie lässt ihn stehen, bindet den Faden selbst an die Tür des Labyrinths und steigt in die Dunkelheit hinab. Sie sucht und findet den Minotaurus, und als sie ihm sein Wiegenlied singt, wird er friedlich und fällt in tiefen Schlaf. Ariadne betrachtet ihn schweigend. Er ist ein Monster. Er ist ihr kleiner Bruder. Sie streicht ihm sanft über den Kopf, ehe sie ihr Messer zieht.
Als die Männer ihres Vaters sie finden, sitzt Ariadne weinend neben dem toten Monstrum, ihrem toten Bruder, in einem See aus Blut.

Gregor ist ein alter Schulfreund, einer von denen, bei denen ich kaum traurig war, ihn aus den Augen zu verlieren. Dass ich eines Tages im selben Bahnwaggon mit ihm sitze, ist Zufall, aber ich spreche ihn an und gebe ihm meine Nummer. Gregor ist Ex-Soldat und aktuell Personenschützer, ein Kleiderschrank von Mann. Seine Worte klingen wie Befehle, selbst wenn sie Bitten sind. Er versteht viel vom Krieg und wenig vom Leben, sagt er ein wenig hilflos, als wir kurz darauf essen gehen. Er ist einsam. Ich hebe mein Glas, wir stoßen an. 
In Gregors Nachtschrank, das weiß ich am Ende des Abends, liegt seine Waffe.

Medusa schreit, bis ihre Lungen bersten und Blut von ihren Lippen tropft. Sie wirft sich ins Meer und sinkt bis auf den Grund, wo Poseidon, ihr Peiniger, auf seinem Unterwasserthron regiert. Mit ihrem letzten Blick verwandelt sie ihn zu Stein.

Mein Blick wandert wieder und wieder über das verschwommene Bild, den Ausdruck der Sicherheitskamera.  Die schmutzigen Kacheln des U-Bahnhofes, die Schemen von eilenden Menschen – und die Bestie im Zentrum des Bildes. Der Mann auf dem Foto ist mittelgroß und mittelkräftig. Kurze Haare. Unauffällig, würde man wohl sagen. Er trägt ein blaues Hemd und Jeans und irgendwelche Schuhe. Um seinen Unterarm zieht sich eine Tätowierung aus verschlungenen Linien. Vielleicht Worte, vielleicht eine Schlange oder ein Oktopus oder einfach ein Muster ohne Sinn. 
„An dem Tattoo erkennen wir ihn“, hat Herr Lewandowski mir versichert. „Wenn wir ihn erstmal haben, erkennen wir ihn.“ Aber die Bestie bleibt verschwunden. Tausend Jäger wären nicht genug, um sie im Dschungel der Stadt zu fangen. 
Das Gesicht auf dem Foto ist kaum mehr als ein Fleck, eine Ansammlung von Pixeln. Ein Rätsel ohne Lösung.  
Ich starre auf das Bild. Auf dem blauen Hemd der Bestie klebt in dunklen Flecken dein Blut.

Sheherazade schlägt den König mit blumigen Märchen in ihren Bann, doch sobald er eingeschlafen ist, flüstert sie andere Worte in sein Ohr. Dunkle Worte sind es, alte Worte voller Magie und Zorn. Sie spricht vom Wüstenwind, der über bleiche Knochen weht, von Dämonen, die in Menschengestalt über die Erde wandeln. Von Gift, das von Schlangenzähnen trieft, von Käfern und Larven, die sich quälend langsam durch Körper fressen. In ihren Geschichten ist die Dunkelheit lebendig, ein hetzendes, hungriges Tier auf der Suche nach Beute.
In diesen Nächten erwacht der König schreiend aus seinen Albträumen und Sheherazade tröstet ihn und küsst ihn und reibt duftendes Öl auf seine Schläfen. Je schlimmer er träumt, desto mehr verlangt es den König nach den bunten Gestalten aus ihren Märchen, und bald schläft er jede Nacht in Shereazades Armen ein.
Nach tausendundeiner Nacht findet man den König tot in seinem Bett. Von Sheherazade fehlt jede Spur.

 „Das mit deiner Schwester ist schrecklich“, sagt Gregor bei unserem dritten Treffen. Wir sitzen auf seinem Sofa. „Steht ihr euch nahe?“
Ich weiß nicht warum, aber ich erzähle ihm alles. Von dem Verkehrsunfall unserer Eltern, nach dem nur noch wir beide übrig waren. Davon, wie ich mein Studium schmiss und zwei Jobs annahm, damit wir nicht aus der Wohnung ausziehen mussten. Davon, wie stolz ich auf uns beide war, weil wir es ohne staatliche Hilfe geschafft hatten. Von der Feier zu deinem 18. Geburtstag, nicht die große Party mit deinen Freunden, sondern unser Abendessen zu zweit, in dem teuren Restaurant, an dem wir Jahre lang nur vorbeigelaufen waren. Unserem Besuch auf dem Friedhof. Zwei Kerzen auf dem Grab, deine Hand in meiner. 
Und dann der Anruf, der mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf riss. 
Gregor hört zu und nickt. Ich sehe ihm an, dass er nicht weiß, was er sagen soll. Stattdessen küsst er mich und ich lasse es geschehen.

Schneewittchen erwacht allein in ihrem Sarg aus Glas. Sie würgt den Apfel aus und fühlt, wie das Gift in ihrem Körper brennt. Doch noch bleibt ihr Zeit. Sie tritt und schlägt den Deckel entzwei, kriecht aus den Scherben und macht sich auf den Weg zum Schloss der Königin. In ihren Adern kocht das Blut und ihre Glieder zittern vor Schmerz, als sie es erreicht. Vom Jäger, der sie verschonte, nimmt sie Pfeil und Bogen. Ein Schuss bleibt ihr, ehe das Gift sie tötet. Schneewittchen zielt und schießt und sieht mit ihrem letzten Atemzug den Pfeil das Auge der Königin durchbohren.

Ich sitze in deinem Zimmer und drehe die Waffe in den Händen. Seit jenem Tag habe ich nichts in diesem Raum angerührt. Auf deinem Schreibtisch steht noch eine leere Kaffeetasse, ein aufgeschlagener Block mit Schulnotizen liegt herum. Neben deinem Bett stapeln sich Bücher, ein ungewaschenes T-Shirt liegt auf dem  Boden. Es riecht nach dir, mehr als du selbst nach dir riechst, wenn ich im Krankenhaus meine Nase in deinen Haaren vergrabe und unter dem Geruch nach Desinfektionsmitteln und Medizin nach dir suche.

Gregor ist verreist. Er und seine Kollegen wurden für zwei Kongresse in Frankreich angestellt. Er wird über zwei Monate fort sein. Ich habe ihm versichert, dass es kein Problem ist, alle paar Tage nach seiner Post zu sehen und seine beiden Topfpflanzen zu gießen. Der Abschied war unbeholfen. Er fehlt mir kaum.
Seit Gregor fort ist, liegt seine Waffe geladen und gesichert in meiner Handtasche. Es war leichter als ich dachte, herauszufinden, wie sie funktioniert. Am Wochenende werde ich aufs Land fahren, in irgendeinen Wald, und lernen, damit zu schießen. Ich lerne mich zu wehren gegen die Monster, die da draußen lauern. Ich lerne es für dich.

Kassandra stürmt aus dem Palast ihres Vaters, in dem niemand ihr Glauben schenkt. Mit einer Axt bewaffnet läuft sie durch die Menschen, die auf den Straßen feiern. Mühsam klettert sie auf das hölzerne Pferd, das Geschenk, das in ihren Visionen Troja den Untergang bringt. Sie hackt auf das Holz ein wie eine Wahnsinnige, bis endlich ein Loch darin klafft und der erste Grieche aufschreit, als ihre Axt ihn trifft. 
Sekunden später stürzt sie zu Boden. Ein Schwert ragt aus ihrer Brust.
 Die Stadt ist gerettet.

Lisa bringt immer Blumen mit, wenn sie dich besucht, sorgsam ausgewählte Sträuße, die gut duften und den Krankenhausgeruch für ein paar Tage aus deinem Zimmer vertreiben. Sie sitzt auf der Bettkante und redet mit dir, während ich in meiner Ecke Papierstapel sortiere und Notizen mache. Es ist Samstag. Früher hättest du um diese Zeit mit Lisa in unserer Küche gesessen. Ihr hättet Nudeln mit Pesto gekocht und Sekt dazu getrunken und beratschlagt, auf welche Party ihr geht und was ihr dazu anzieht. 
„Hat die Polizei sich gemeldet?“, fragt sie, wie bei jedem Besuch. Ich schüttele den Kopf. Es gibt nichts Neues.
 Lisa sieht zu Boden. Ich weiß, dass sie sich noch immer Vorwürfe macht. Weil sie nicht erkannt hat, dass der Kerl, der euch beide schon im Club belästigt hat, im selben Bahnwaggon saß. Weil sie zwei Stationen vor dir ausgestiegen und nach Hause gelaufen ist. Weil sie dich der Bestie überlassen hat. Sie hat alles versucht, um es wieder gut zu machen. Mit dem Phantombild, das nach ihren Angaben entstanden ist, ist sie zu jedem gelaufen, der in jener Nacht im selben Club war oder gewesen sein könnte, zu jedem, der oft dort feiert. Sie hat alle deine Freunde und Bekannten angerufen, damit ich es nicht tun musste. Doch niemand kannte das Gesicht. Niemand konnte helfen.
Die Blumen duften nach Sommer. Der Schnee vor dem Fenster ist längst verschwunden. 
Lisa hält deine Hände vorsichtig in ihren. Tränen fallen auf deine Haut. Ich denke an das Märchen von der Schneekönigin. Doch kein Eis schmilzt in deinem Herzen, und dein böser Traum endet nicht.

Rotkäppchen tritt auf die Waldlichtung und sieht, wie die Tür zum Haus der Großmutter offen steht. Krähen kreisen über dem Haus und der Geruch nach Blut und Raubtieren liegt in der Luft. Sie dreht sich um und geht, ganz langsam und leise erst, dann immer schneller und schließlich rennt sie, so schnell sie kann. Sie meint, das Heulen von Wölfen hinter sich zu hören. Mit wunden Füßen kommt sie zu Hause an.

Ich habe nie an Schicksal geglaubt. Und doch schließt sich am Ende der Kreis. An dem Tag, an dem ich erfahre, dass es für dich keine Hoffnung mehr gibt, finde ich die Bestie. Wie betäubt bin ich aus dem Krankenhaus getaumelt. Die Ärzte haben mir gesagt, dass sie deine Geräte abschalten wollen. Die Untersuchungen haben gezeigt, dass du längst aus deinem bleichen, schmalen Körper gewichen bist. Ich schüttele den Kopf, will ihre Worte nicht hineinlassen. Ich reiße das Fenster auf und werfe all meine Notizen nach draußen, all die nutzlosen Märchen, die dich nicht retten konnten. Der Sommerwind trägt sie fort.

Später sitze ich ohne einen klaren Gedanken im Kopf in der Bahn. Es ist schon dunkel draußen. Ein Fenster steht offen und schwüle Luft weht in den Waggon, vermischt sich mit dem Geruch nach Schweiß und überfüllten Mülleimern. Als die Bestie an mir vorbeigeht, dauert es einige Sekunden, ehe sich die Puzzleteile in meinem Kopf zusammenfügen. Das Gesicht aus dem Phantombild. Der Unterarm mit der verschlungenen Tätowierung. Der unauffällige Mann, Kopfhörer in den Ohren, mittelgroß und mittelkräftig. Die Türen der Bahn schließen sich schon fast, als ich aufspringe und hinter ihm her auf den Bahnsteig haste. Ich sehe, wie er in der Unterführung verschwindet.
Ich folge ihm ganz allein in diesen Tunnel, und doch fühle ich mich, als wären all die Frauen aus meinen Märchen an meiner Seite. Wie Persephone, die am Ende des Sommers in die Welt der Toten hinabsteigt, gleite ich die Treppe hinunter. Es wird kühl. Die Bestie schreitet arglos ihrer Wege. Ahnungslos, so wie du es warst. Ich folge langsam. Niemand sonst ist hier. Das Metall der Waffe ist kalt in meiner Hand, der Geruch von Eisen kriecht in meine Nase.

Rotkäppchen ist erwachsen geworden. Sie trägt Stiefel und Mütze aus Pelz. Die Messer an ihrer Seite sind kalt und scharf, und in den Wäldern gibt es weder Wölfe noch Jäger mehr.

Mit einem leisen Klacken entsichere ich die Pistole. Ein tiefer Atemzug. Mein Herz klopft wild, doch meine Hände sind ruhig. Ich ziele, langsam. Mein Finger krümmt sich um den Abzug.
Leb wohl, Dornröschen.

Der Knall im Tunnel ist ohrenbetäubend.

Es war einmal.


Lektorat: Thomas Piesbergen


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Texte der Lesung "Zweimal im Leben": Petra Stolz - 89290

89290

„Können Sie mich verstehen? Ich bin Ihre Ärztin und werde Sie betreuen. Ich werde Sie jetzt in einen Raum bringen, da kann Ihnen nichts passieren. Wenn Sie gleich wieder vollständig wach sind, kommen Sie erst einmal an. Gewöhnen Sie sich an Ihre neue Umgebung. Ich werde bei Ihnen sein. Gleich auf der anderen Seite der Tür. Machen Sie sich keine Sorgen, hier sind Sie sicher.“

Der Augenblick, wenn ein Patient in unsere Klinik kommt, ist für mich der Wichtigste, Hochwürden. Meist sind sie so verwirrt, dass wir sie zunächst in unseren isolierten Sicherheitsraum bringen, wo sie ohne Einflüsse von außen zur Ruhe kommen können. Über eine Kamera und ein Mikrofon kann ich sie beobachten, ohne sie zu bedrängen. Zunächst schließe ich die Augen und versuche zu hören, wie sie sich fühlen. Atmen sie schwer? Weinen sie? Dann betrachte ich sie und versuche mich in sie hinein zu versetzen.

Als Heinrich eingeliefert wurde, wimmerte er leise vor sich hin. Er kauerte in der Mitte des Raumes, die Hände wie schützend über dem Kopf verschränkt. Sein Blick hüpfte unstet über die Wände und die Tür, als suche er etwas. Scheinbar war das Ergebnis für ihn beruhigend, denn nach einer Weile entspannte er sichtlich und schlief kurz darauf zusammen gekauert ein. Schon bald wurde mir klar, dass Heinrich genau diesen Raum brauchte, denn immer wenn ich ihn hinausbringen wollte, schrie, tobte und weinte er ohne Unterlass. Meine ersten Gespräche mit ihm fanden also in unserer Weichzelle statt.

„Heinrich, wissen Sie warum Sie hier sind?“
„Ja“
„Erinnern Sie sich was Ihnen zugestoßen ist?“

„Heinrich? Was ist Ihnen zugestoßen?“
„Polizei“
„Die Polizei hat Sie hergebracht. Weil es Ihnen schlecht ging?“
„Ja“
„Sind Sie froh hier zu sein?“
„Ja“
„Warum macht Sie das froh?“

„Heinrich, können Sie mir das sagen, warum sie froh sind hier zu sein?“
„Sicher“
„Sie fühlen sich hier sicher. Wovor sind Sie sicher Heinrich?“

„Verraten Sie es mir.“
„Gottes Rache“

Aus Heinrichs Akte ging hervor, dass er 1918 geboren war. Er war jetzt 1979 also 61 Jahre alt. Damit gehörte er zu der Generation, mit der ich nie Frieden geschlossen hatte.

Er war, ein Jahr ehe er zu uns kam, vom Blitz getroffen worden, als er während seiner Arbeit als Elektriker eine Antenne auf dem Dach eines Hauses reparieren wollte. Wie durch ein Wunder hatte er überlebt.

Als ich das las fröstelte ich. Damit hatten wir etwas Entscheidendes gemein. Auch ich hatte einen fürchterlichen Stromschlag überlebt. Ich weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn der Strom durch deinen Körper wütet.

Wenn er an der Spitze des Zeigefingers in dich eindringt. Wie zerberstendes Glas, das mit Millionen messerscharfer Kanten deine Adern, Sehnen und Muskeln durchtrennt, gräbt sich der Strom durch jedes einzelne Glied deines Fingers. Sämtliche Muskeln beginnen sofort unkontrollierbar spastisch zu zucken, als versuchten sie den Weg zu versperren. Du beißt dir auf die Zunge, in die Wange und der Schaum vor deinem Mund färbt sich rot. Du willst schreien, willst um Erlösung betteln, aber dein Kiefer ist wie verschweißt und kein Laut kommt über deine verzerrten, blutenden Lippen.

Wenn der Strom durch das Schultergelenk dringt, ist der Schmerz so unerträglich, so blau, so zitternd, dass sich deine Blase entleert und es warm und klebrig an dir hinab läuft. Die Welt wird weiß und das zweischneidige Schwert, das das Mark vom Bein und die Seele vom Geist zu scheiden vermag zerreißt dich gleichermaßen von außen und von innen.

Wenn der Strom durch die Nieren tobt, fragst du dich, für welche Taten Gott dich bestrafen will. Ist es, weil du hochmütig warst und die schwarzen Lackschuhe zur Synagoge anziehen wolltest oder weil du deine Mutter nicht gerettet hast, als sie abgeholt wurde. Du möchtest um Gnade flehen. Aufhören! Aufhören! Bitte, bitte aufhören!

In dem Augenblick, da der Strom in dein Bein eindringt und sich mit der Wärme deines Urins vereinigt, beginnt eine Angst von dir Besitz zu ergreifen. Die abgrundtiefe Angst sterben zu müssen. Obwohl du noch viel zu jung bist, noch ein Kind.

Und wenn nach scheinbar unendlich langer Zeit der Strom dein gequältes Fleisch durch den Fuß wieder verlässt, spürst du, wie dein Geist durch den geöffneten Körper entfliehen will. Du willst ihn festhalten, zum Dableiben bewegen und dann, nach einer Weile ängstlicher Stille, setzt der normale Zeitfluss wieder ein und du erkennst, dass du lebst.

Ja, Hochwürden, ich hatte das Schrecklichste, was Sie sich vorstellen können überlebt, aber entronnen war ich den Folterkammern damit noch nicht.

„Heinrich, wie geht es dir heute?“
„Gut, hier ist es sicher.“
„Das freut mich. Dann möchte ich heute mit dir über die Zeit nach deinem Unfall sprechen. Bist du dafür bereit?“
„Ich weiß es nicht. Wir können es versuchen.“
„Das ist gut. Also ich stelle dir wie immer Fragen und wenn es dir schlecht geht, hören wir einfach auf.“
„Ja“
„Als du nach deinem Unfall aus dem Krankenhaus kamst, Heinrich, was hast du dann gemacht, kannst du dich daran erinnern?“
„Ich ging als erstes in die Bibliothek.“
„Warum hast du das gemacht?“
„Eine Krankenschwester hatte mir von Roy Sullivan erzählt. Ich musste alles über ihn in Erfahrung bringen. Ich musste wissen, wie so etwas passieren konnte  und wie ich es verhindern könnte, dass es mir passierte.“
„Sullivan wurde auch von einem Blitz getroffen, richtig?“
„Von einem? 1977 das siebte Mal!“

Könnt Ihr euch vorstellen Hochwürden, wie mich Heinrichs Worte trafen? Ich hatte mich zwar gründlich vorbereitet und von Sullivan gelesen, deshalb war es nicht neu für mich, dass es Menschen gibt, die Blitzschläge überlebt haben und in wenigen, rätselhaften Fällen sogar mehrfach. Aber als ich Heinrichs Stimme diese Worte sagen hörte, holte mich meine Vergangenheit erneut ein und ich zitterte bei der Vorstellung was Sullivan erlitten hatte. Und die schrecklichen Worte, die mich seit über 20 Jahren Nacht für Nacht verfolgen, hallten auch in diesem Augenblick erbarmungslos in mir wieder. „Sie lebt noch. Schließ sie morgen noch mal an. Gleiche Zeit wie heute. Und wasch sie, sie stinkt.“

Ja, sie lebte noch.

Jede Nacht wache ich auf, schweißgebadet, und warte darauf, dass mich wieder jemand, der auch nichts ist, als eine Nummer in dem Zählwerk des Grauens, ein abgemagertes Skelett, so wie ich, von meinem Schlafplatz zerrt. Es dauert immer eine ganze Weile, bis mir bewusst wird, dass ich nicht mehr an dem Ort meiner Alpträume bin. Nie träume ich von meiner Rettung. Meiner Befreiung in jener Nacht, als ich wach lag und jede Sekunde meines Lebens festhalten wollte, als ich alles tat, um die Zeit anzuhalten, es nicht Morgen werden zu lassen, damit ich nicht erneut von meinem Peiniger hingerichtet würde. Nie träume ich von dem Soldaten, der die Tür zu meiner Zelle eintrat, als ob sie aus Sperrholz wäre. Nie von seinen Tränen in den Augen, als er mich ansah und mich auf seinen starken Armen in die kühle Morgenluft trug. Es ist, als ob meine Rettung erst noch erfolgen müsse.

Nie habe ich, Hochwürden, die Ängste eines Patienten besser verstanden als die von Heinrich.

„Hat dir der Gedanke an Sullivan Angst gemacht, Heinrich?“
„Schreckliche Angst. Der Gedanke ein zweites Mal getroffen zu werden, ist schlimmer als der Blitzeinschlag selbst.“

„Was hast du dann unternommen?“
„Ich habe versucht mich dagegen zu schützen. Ich habe Blitzableiter angebracht, habe alle elektrischen Geräte isoliert, habe mir Schutzkleidung angefertigt. Und ich bin nie bei schlechtem Wetter nach draußen gegangen. Selbst bei Sonnenschein konnte ich mich kaum im Freien aufhalten.“

Ja, Hochwürden, auch ich brauchte Schutz, genau wie Heinrich. Dabei haben mir meine Pflegeeltern geholfen, die mich mit all ihrer Liebe ins Leben zurückgeholt haben, die mir ihren Katholischen Glauben nahe gebracht haben. Zwar konnten sie mir nicht meine Eltern ersetzen und es ist vielleicht nicht recht, dass sie mich in ihrem, nicht in meinem Glauben unterrichtet haben, aber ich bin ihnen auf ewig dankbar, dass sie sich meiner angenommen haben. Mir hat mein Wille geholfen, meinem Leben einen Sinn zu geben, anderen zu helfen. Mein Beruf, bei dem ich lernen konnte, dass Elektroschocktherapie auch etwas Gutes bewirken kann. All das war wie ein Panzer um meine geschundene Seele.

„Fühltest du dich durch deine Schutzmaßnahmen sicherer, Heinrich?“

„Nein. Es half nichts.“
„Warum glaubst du, half es nichts?“

„Weil Gott sich mit dem Teufel verbündet hat.“
„Warum sollte Gott das tun?“

Heinrich senkte seinen Blick zu Boden und schwieg. Dann nach einer Weile hob er den Kopf, der immer wieder nach rechts und links wegrutschte, bis es ihm schließlich gelang mir in die Augen zu schauen. Vorsichtig berührte ich seine zitternde Hand. Er rang nach Worten und ich ließ ihm Zeit.

Wie Ihr wisst Hochwürden, waren meine liebevollen Pflegeltern sehr gläubig und im Laufe der Jahre wurde ihr Gott auch zu meinem Vertrauten. Ich habe gelernt, was Vergebung ist. Der christliche Gott war in meinen Augen gütig, barmherzig und kein Gott der Rache. Ich konnte ihn mir nicht vorstellen als einen, der sich mit dem Teufel verbündete. Trotzdem, mir gefiel der Gedanke, dass Gott sich erzürnen könnte über das Unrecht und das Grauen, das auf dieser Welt geschieht. Und als Heinrichs Worte in der Luft schwangen, wünschte ich mir auf einmal, es wäre wahr. Ich wünschte von tiefstem Herzen Gott würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um mich und Millionen meiner Brüder und Schwestern zu rächen.

„Weil ich Dinge getan habe“, flüsterte Heinrich, „die Gott nicht mehr ruhig schlafen lassen.“

Seine Worte verursachten mir Übelkeit. Ich versuchte die Gedanken, die von den Lippen eines des Schlafes beraubten Gottes unaufhörlich auf mich einstürmten, zu verdrängen, bis ich mir endlich eingestand, dass ich sie zulassen musste. In jenem Augenblick verstand ich plötzlich, was Gott mir sagen wollte.

Ich fragte mich jede Nacht, Hochwürden, ob ich meinen Peiniger wohl wiedererkennen würde, wenn ich ihm jemals wieder gegenüber stehe. Ich erinnere jedes Detail, jedes Flackern der nackten Glühbirnen, den Geruch des Desinfektionsmittels, nur das Gesicht des Menschen, der mein Leben zerstört hatte, war in meinen Träumen stets verschwommen und verzerrt gewesen. Vielleicht hat aber auch meine kindliche Seele dem Grauen einfach kein Gesicht geben wollen.

„Keine Sorge, Heinrich, wir werden Gott seinen Schlaf zurückgeben.“
Ich wusste jetzt, was notwendig war.

„Liebe Kollegen, ich weiß, dass es sich vielleicht in Ihren Ohren seltsam anhören mag, aber ich möchte vorschlagen es auch in diesem Fall mit der EST zu versuchen.“

Der Chefarzt schaute mich befremdlich an. „Liebe Kollegin, ich weiß ja, dass Sie mit der Anwendung der Elektroschocktherapie bisher beachtliche Erfolge erzielt haben. Aber in diesem Fall wollten wir doch die posttraumatische Belastungsstörung mit Medikamenten behandeln. Ein Stromschlag ist doch genau dass, was der Patient am meisten fürchtet.“

Ich atmete tief durch, ehe ich erwiderte. „Meines Erachtens sind seine Ängsten und Vorstellungen zwanghafter Natur, weshalb mir eine Konfrontationstherapie mit Unterstützung von Medikamenten die Wirkungsvollste scheint. Wir konfrontieren ihn kontrolliert mit seiner Angst, so lernt er, den Stier bei den Hörnern zu packen.“

„Bisher“ ergänzte die Oberschwester, „hat keines der Medikamente auch nur im Geringsten angeschlagen.“

„Ab morgen, mein lieber Heinrich, werden wir eine neue Therapie beginnen. Ich will offen zu dir sein, bisher hatten wir nicht viel Erfolg, deshalb hat der Chefarzt vorgeschlagen außergewöhnliche Wege zu beschreiten. Du musst lernen, dass das, was du fürchtest nicht bedrohlich ist.“

„Ich verstehe nicht, was das bedeutet.“

„Das bedeutet, dass wir morgen mit einer Elektrotherapie beginnen werden.“

Es war, als ob etwas in Heinrichs Kopf „klick“ gemacht hätte. Seine Furcht spiegelte sich in seinen Augen wider. Ich dachte, er würde schreien und toben, und sich mit aller Macht wehren. Doch Heinrichs Kampf spielte sich nur in seinem Inneren ab. Seine Augen wurden glasig, aus seinem Mund kam nur ein Röcheln und es bildeten sich Spuckebläschen auf seinen Lippen. Er zuckte auf seinem Stuhl, als ob er bereits an eines der Geräte angeschlossen sei.

„Du willst doch wieder gesund werden Heinrich, oder? Heinrich, hörst du mir zu? Du willst doch deinen Seelenfrieden wieder finden!“

„Hilfe“
Ich konnte ihn kaum verstehen.

„Ja, ich bin mir auch sicher, dass dir das helfen wird, dann sind wir uns ja einig.“ Ich rief die Schwester, „bitte bringen Sie ihn hinaus. Morgen um diese Zeit können wir dann beginnen. Und waschen Sie ihn noch einmal, er hat sich eingenässt.“

Als ich in dieser Nacht aus meinem Alptraum aufwachte, wusste ich sofort, wo ich war. Eine wundervoll kribbelnde Elektrizität durchflute mich. Ich genoss jede Sekunde davon und lag wach, bis der Morgen dämmerte. Wisst Ihr Hochwürden, dass manche Nächte Flügel haben? Ganz anders als die Nächte, durch die wir uns Schritt für Schritt selbst kämpfen müssen, immer in der Angst in einen der zahlreichen Abgründe zu stürzen, die im Dunkeln auf uns lauern. Eine Nacht mit Flügeln gleitet ganz sanft vorbei und trägt uns mit sich, bis sie uns behutsam auf den ersten Sonnenstrahlen absetzt. Diese Nacht war meine erste Nacht mit Flügeln seit meinem 10. Lebensjahr.

Heinrichs glasige Augen schienen, durch seine fettigen Haarsträhnen hindurch an mir vorbei, einen Punkt auf der Wand zu fixieren. Er saß nahezu regungslos auf seiner Pritsche, bis eine träge summende Fliege seinen Blick kreuzte und er jäh zusammenzuckte.

„Komm Heinrich, gehen wir, wir wollen gleich beginnen.“

Heinrich wehrte sich nicht. Es ließ sich von mir wie eine Marionette führen. Er wirkte, als wäre er bereits nicht mehr Teil dieser Welt. Wie ein Geist, dachte ich und fragte mich, wo der Mann, der er einmal gewesen war, sich in diesem Augenblick wohl befand. Ihm lief ein Speichelfaden aus dem Mund und seine Augen starrten auf den Boden. Er setzte einen Schritt vor den anderen ohne auch nur einen Laut von sich zu geben. Als er mit nacktem Oberkörper auf der Liege lag, wirkte er äußerlich ruhig. Nur seine geweiteten Augen und seine zitternden Hände ließen erahnen, was in seinem Inneren vor sich ging. Ich kannte das Gefühl genau, das in ihm wütete und sein Nervensystem kollabieren ließ.

Nein, Hochwürden, ich bitte nicht um Vergebung für mich, denn ich handelte im Auftrag eines schlaflosen Gottes. Ich bitte auch nicht um Vergebung für Heinrich, denn manche Dinge können nicht vergeben werden. Ich bitte Euch einzig Hochwürden, um Vergebung für Gott, der alles geschehen ließ, was geschah.

Als ich die verschiedenen Dioden auf Heinrichs Haut klebte, wusste ich, dass ich mein ganzes Leben zielstrebig auf diesen Tag hingearbeitet hatte.

„Eine, um den Herzschlag zu kontrollieren, zum Schutz des Patienten“ sagte ich mit fester Stimme. Ich wusste, dass dies der Augenblick meiner Befreiung war.

„Zwei für die Aufzeichnung der Hirnströme zu wissenschaftlichen Zwecken.“ Ich wusste, dass ich in der kommenden Nacht ohne Alptraum schlafen würde.

„Und schließlich die letzten beiden für die Therapie selbst.“ Ich war mit Gott und dem Teufel in Einklang.

Heinrichs Puls raste und das EEG zeigte ein skurriles Bild wild schwingender Kurven.

„89290“ sagte ich und hielt ihm meinen Unterarm vor das Gesicht. „Sicher erinnerst du dich.“ Ich wartete noch einen Augenblick, so dass Heinrichs Gehirn den Anblick der Tätowierung zu deuten vermochte.


Lektorat: Thomas Piesbergen


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