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Donnerstag, 24. Mai 2018

Der Anfang im Ende - Einführungsrede zur Ausstellung „Jutta Konjer - Ohne Wiederkehr“ von Dr. Thomas Piesbergen

Die Ausstellung in den Räumen des Einstellungsraum e.V. fand im Rahmen des Jahresthemas "(Keine) Wendemöglichkeit" im Mai 2018 statt.

Jutta Konjer - Ohne Wiederkehr, Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V., Mai 2018


Wir leben heute in einer gesellschaftlichen Realität, die vielleicht in einem noch nie zuvor da gewesenen Maße von Widersprüchen gezeichnet ist.
Der Individualismus wird gefeiert, doch die Menschen leben immer konformer.
Vorgeblich werden die christliche Werte und Traditionen verteidigt, in Szenarien, die mitunter an mittelalterliche Glaubenskriege gemahnen, während die religiöse Identität der Europäer fast vollständig erodiert ist.
Der Datenschutz ist in aller Munde und dennoch achtet kaum ein Mensch darauf, die Datenkraken mit all den täglichen kleinen digitalen Handlungen nicht noch weiter zu füttern.
Speziell Deutschland wähnt sich in Sachen Umweltschutz an der Weltspitze, dennoch wird in keinem europäischen Land dermaßen viel Plastikmüll produziert und konsumiert wie hier.
Den Frieden zu sichern hat oberste außenpolitische Priorität, dennoch verzeichnen deutsche Rüstungsunternehmen unverändert Rekordumsätze aus Geschäften in Krisenregionen.
Diese Liste ließe sich nahezu endlos fortsetzen.

Auch mit dem Thema Tod verhält es sich so. Selten war der Tod medial so präsent wie heute. Wir erleben einen täglichen Bodycount in den Nachrichten, der unsere Fähigkeit des Mitgefühls derart überfordert, daß wir kaum noch hinhören, wenn bei Attentaten oder Raketenangriffen weniger als 30 Menschen ums Leben gekommen sind. Auch in der Politik ist das aktive Herbeiführen des Todes, die tödliche Gewalt, die Androhung des Todes, um eigene Machtspiele durchzusetzen, zu einem alltägliichen Mittel geworden.
Zur gleichen Zeit werden wir von der Unterhaltungsindustrie mit dem Tod übersättigt. Im Kino wird in einem Umfang und mit einer Selbstverständlichkeit gemordet, die in der Filmgeschichte bisher beispiellos ist. Millionen von Menschen verbringen ihre Freizeit mit dem digitalen Massenmord der Egoshooter. Und auch der Buchmarkt macht dabei keine Ausnahme:
Auf den Plätzen 1 und 2 der Verkaufsranglisten behaupten sich schon seit langem Krimis und Thriller. Alle anderen literarischen Genres folgen weit abgeschlagen hinter diversen Sachbuch-Genres ab dem 7. Platz. Kaum nötig zu erwähnen, daß die Krimis und Thriller, um überhaupt mit dem tagtäglichen Mord und Totschlag konkurrieren und den erwünschten Nervenkitzel auslösen zu können, sich in Grausamkeiten ständig überbieten müssen.

Doch was ist mit dem faktischen Tod? Dem tatsächlichen Sterben, das nicht in einer medial inszenierten Ferne stattfindet, sondern in unserer unmittelbaren Umgebung, in unserem eigenen Leben?
Von diesem Tod sieht man erstaunlich wenig. Schließlich leben wir in einer Welt, in der es zum guten Ton der Selbstoptimierung gehört, daß man auch noch mit Mitte 50 so dynamisch, flexibel und sportlich ist, wie ein 20jähriger und trotz grauem Bart und ausgehender Haare wieder aufs Skateboard steigt. In einer kulturellen Umgebung, die uns in einem Umfang krank macht, wie noch nie zuvor, ist die körperliche Gesundheit zu einem Fetisch geworden, mit dem auch das körperliche Bewußtsein des Alterns und Sterbens ausgelöscht werden soll.

Nach der geistigen Seite der Gesundheit fragt allerdings niemand, dabei ist die, angesichts des Todes, heute mehr gefährdet denn je. Denn in unseren postindustriellen und wissenschaftsgläubigen Kontexten, die ganz und gar diesseitig geworden sind, bleibt uns die Tröstung durch den Glauben an ein Nachleben versagt. Damit hat die Religion alle Legitimität und Verlässlichkeit verloren, mit der sie ehemals den Umgang mit dem Sterben ritualisiert hat. Denn wenn die Vernunft uns sagt, es gäbe kein Leben nach dem Tod, sind auch alle Riten, die den Toten in ein Jenseits überführen sollen, nichts als eine Farce. Und vor allem sind sie nicht mehr imstande, uns mit der grauenvoll gewordenen Vergänglichkeit unserer Körper auszusöhnen, die uns angesichts des Sterbens überfällt.

Um diese kaum erträgliche Hilflosigkeit nicht erdulden zu müssen wird der Sterbeprozess entsprechend in Hospize und Krankenhäuser ausgelagert, die Entsorgung der Körper wird an Beerdigungsinstitute delegiert und der Abschied von den Toten professionellen Grabrednern überantwortet. Damit ergeht es dem Faktum Tod ebenso wie der Geburt, die ebenfalls nicht mehr zuhause erlebt, sondern in Krankenhäusern von Spezialisten durchgeführt wird, und das, der Effizienz halber, am liebsten per Kaiserschnitt.

Und so muß sich der Mensch, wenn der reale Tod den Nebel unserer medialen Welt plötzlich durchschneidet, mit einer Situation auseinandersetzen, auf die ihn niemand vorbereitet hat, für die es keinen verlässlichen Handlungsrahmen mehr gibt, keine Rituale, denen man Glauben schenken kann.

Folgt man dem Gedanken, daß wir in einer von Männern geschaffenen Welt leben, in einer Welt der Vernunft, der Linearität, der Effizienz, der Technik, kann man zu dem Urteil gelangen, daß uns einzig die männlichen Aspekte des Todes geblieben sind.
Wir erleben einerseits das weltweite tägliche Töten und Sterben als Ergebnis einer extrem effizienten Waffentechnik; und die Machtspiele, die das Töten auslösen, tragen im Kern immer die Motivation, Ressourcen im Dienste des Machtzugewinns so zielstrebig wie möglich zu erschließen und so effizient wie irgend geht auszubeuten. Beides ausgesprochen männliche Verhaltensschemata.
Dem Psychoanalytiker Arno Grün zufolge, stellen diese Machtspiele nichts anderes dar, als die grausamen Versuche des Mannes, die eigene Erfahrung der Hilflosigkeit und die damit in Zusammenhang stehenden beschämenden Emotionen zu verdrängen und zu kompensieren. Die Angst vor dem Tod wird abgespalten und unsichtbar gemacht, während der Tod gleichzeitig nach außen gerichtet wird. In dem man den Tod zu einem Objekt macht, das man wissenschaftlich abstrahieren kann, oder ihn über andere hereinbrachen lassen kann, scheint man auch Macht über ihn zu haben.

Doch wenn der Tod, so wie wir ihn in unserer Kultur erleben, sich nur von seiner männlichen Seite zeigt, wie sieht dann der weibliche Aspekt des Todes und des Sterbens aus? 

Im europäischen Kulturkreis ist der traditionelle Wirkungsbereich der Frau das Haus, und somit war auch alles, was sich im Hause abspielte unter ihrer Ägide: nicht nur die Sphäre der leiblichen Versorgung und die Erziehung und Pflege der Kinder, sondern auch die Pflege der Kranken, der Alten, und schließlich der Sterbenden. Folgt man der Autorin Erni Kutter, so waren es dementsprechend vor allem Frauen, die die verschiedenen Phasen des Sterbens begleitet haben. Es war nicht nur ihre Aufgabe, bis zuletzt für die Sterbenden zu sorgen, sondern auch, die Toten zu waschen, sie zu kleiden, aufzubahren und sie zu beklagen. Das Ende des Lebens war, wie auch die Geburt, in die Hände von Frauen gelegt.

Hier offenbart sich nun der entscheidende Unterschied: während die männliche Tätigkeit bezüglich des Todes entweder darin besteht, ihn so effizient wie möglich herbei zu führen oder ihn mit maximalem, technischem Aufwand zu verhindern, sie in dem einen wie dem anderen Fall aber mit dem Eintreten des Todes zu einem Ende kommt, ist die weibliche Handlungsweise von einem fortdauernden Umgang mit dem Sterbeprozess geprägt, der nicht mit dem Tod endet, sondern durch ihn lediglich zu einer anderen Art der Handlung übergeleitet wird.

Denn während nach dem männlichen Handlungsmuster das Faktum des Todes nach dessen Eintritt abgespalten wird, beginnt im weiblichen Handlungsmuster mit dem Waschen und Kleiden des Toten bereits das, was man in einer modernen, männlich geprägten Terminologie als „Trauerarbeit“ bezeichnet, d.h. es wird aktiv und gestaltend mit dem Tod umgegangen, um eine emotionale Intergration der Sterblichkeit in das persönliche Leben zu erreichen.

Jutta Konjer fand sich im vergangenen Jahr selbst in der Situation wieder, mit dem Tod zweier ihr nahestehender Menschen umzugehen. Daraus ergab sich eine intensive Beschäftigung mit den weiblichen Bewältigungs-mustern der Vergänglichkeit, die einen rein selbst-therapeutischen Ansatz klar transzendiert, und statt dessen durch künstlerisches Agieren für eine haltlose Gesellschaft eine Haltung entwickelt, um dem Schock der Endgültigkeit des Todes und dem Ende der Dinglichkeit begegnen zu können.


Jutta Konjer - Ohne Wiederkehr, Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V., Mai 2018

Die Arbeiten, die die Räume der Galerie beherrschen, scheinen auf den ersten Blick nichts mit dem Thema gemein zu haben. Wir sehen Briefmarken, deren Motive mit schlichten Zeichnungen über ihren Rahmen hinaus erweitert wurden. Man könnte zunächst meinen, eine graphische Spielerei. Doch auch in diesen scheinbar so leichten Bildern verbirgt sich die Symbolik der Vergänglichkeit. Denn wie sieht schließlich der Lebenszyklus einer Briefmarke aus? Sie wird gekauft, auf einen Brief geklebt, durch den Stempel entwertet und landet, nachdem der Brief seinen Bestimmungsort erreicht hat, für gewöhnlich im Papierkorb. Ihre Zeit ist abgelaufen. Und selbst wenn sie in der Sammlung eines Philatelisten einen Platz findet, so kann man das Album ohne Weiteres vergleichen mit einem Beinhaus.

Der zweite thematisch bedeutsame Bezug liegt in ihrer Herkunft: sie stammen weitgehend aus der Sammlung des verstorbenen Künstlers Manfred Kroboth, mit dem Jutta Konjer viele Jahre gemeinsam gearbeitet hat.

Jutta Konjer - Ohne Wiederkehr, Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V., Mai 2018

Doch Jutta Konjer errichtet den Bildern mit ihrer Arbeit nicht nur einen Erinnerungsschrein, sondern gibt ihnen tatsächlich ein neues Leben. Sie befreit die Motive aus ihrer funktionalen Reduktion, in der man auch eine Befreiung aus der technisch-männlichen Sphäre der Abstraktion sehen kann, und gibt ihnen einen neuen, erweiterten Zusammenhang. Dadurch wird der abgelaufene Lebenszyklus keineswegs unkenntlich gemacht, statt dessen wird gezeigt, wie man auf dessen Basis durch schöpferisches Handeln einen neuen Denk- und Vorstellungsraum öffnen kann.

In einer anderen Arbeit soll dieses Handeln in Form des schöpferischen Blicks angeregt werden. Eine Reihe von plattgefahrenen Dosen und Flaschen wird auf zwei schmalen Regalleisten an der Wand präsentiert. Es ist offenkundig: Der konzipierte Lebenszyklus der Behälter ist abgelaufen. Sie sind zu Müll umgewertet und gedankenlos auf die Straße geworfen worden. Dort ereignet sich ein Transformationsprozess. Die vormals dreidimensionalen Objekte werden zu zweidimensionalen Flächen gepresst und gewinnen dadurch eine bildartige Oberfläche, die wie eine spontane Collage von Linien und Farbflächen betrachtet werden kann. Durch ihre Präsentation wird der Betrachter angeregt, sie selbst in einen Kontext zu überführen, in dem nicht mehr das Primat der Funktionalität gilt, sondern nur noch das der bedeutsamen Ästhetik. In dem Moment beginnt ihr zweiter Lebenszyklus als Kunstobjekt.



Jutta Konjer - Ohne Wiederkehr, Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V., Mai 2018


Die zentrale Arbeit jedoch bezieht sich wiederum stark auf das persönlich mitgelittene Sterben und den damit einhergehenden Verlust, sowie auf spezifisch weibliche, rituelle Aspekte des Todes.
Wir sehen zwei Objekte von der Decke des Galerieraumes hängen, deren Form offensichtlich Kleidungsstücken nachempfunden ist. Sie sind in einer Handarbeitstechnik hergestellt, die landläufig der weiblichen Sphäre der Kultur zugeordnet wird: sie sind gehäkelt.


Jutta Konjer - Ohne Wiederkehr, Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V., Mai 2018

 Den Schlüssel zum Verständnis beider Objekte bietet das jeweilige Material. Das eine ist angefertigt aus Super-8-Filmen aus dem Nachlass des verstorbenen Künstlers Claus Böhmler, dem ehemaligen Lehrers der Künstlerin. Das andere Objekt ist aus Lautsprecherkabeln von Manfred Kroboth gefertigt.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Es sind Totenhemden, die aus dem Umgang mit dem entstanden sind, was die Verstorbenen zurückgelassen haben. Der Tod hat eine Tätigkeit ausgelöst, die sich nicht vom Tod abwendet, ihn abspaltet und vergessen macht, genau so wenig wie sie nur ein Grabmal über den Toten errichtet.

Vielmehr erleben wir einen längerfristigen, fast mütterlichen Akt der Zuwendung in Form eines kreativen Prozesses, mit dem die nackte Erinnerung an die Toten umhüllt wird; mit dem all die losen Enden, die ein unerwarteter Tod zurücklässt, in einer Form wieder zusammengefügt werden, die der Erinnernden entspricht, die ihr erlaubt, den Tod und die Erinnerung in ihr eigenes Leben zu integrieren.
Und so folgt auf den Tod nicht nur eine sprachlose Leere, sondern durch ihn wird eine schöpferische Erinnerung freigesetzt, die als eine lebensspendende Kraft ins Leben zurückkehren kann.


© Thomas Piesbergen / VG Wort, Mai 2018



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