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Dienstag, 30. Oktober 2018

Die Inneren Bilder der Natur - Zu den Skulpturen des Werkkomplexes „Dinge“ von Stilla Seis

Stilla Seis "Ding", 2018


Eines der markantesten Merkmale des menschlichen Selbstverständnisses ist die Unterscheidung von Mensch und Tier, zwischen dem Wilden und dem Domestizierten, zwischen dem Künstlichen und dem Natürlichen.

Die vom Menschen geschaffene Umwelt umgibt ihn mit semiotischen Strukturen. Alle Erscheinungen haben eine vom Menschen intendierte Bedeutung oder Funktionalität. Die absichtsvoll geschaffenen Formen der Dinge teilen sich dem Menschen mit und ihre Gesamtheit fügt sich folgerichtig zu einer Struktur non-verbaler Kommunikation.
Die Dinge aus der natürlichen Sphäre hingegen entziehen sich dieser Lesbarkeit, sie haben dem Menschen nichts mitzuteilen, sie haben keine aus menschlichen Bedürfnissen hervorgegangene Funktionalität. Entsprechend ordnet sich der Mensch, als kommunikatives und soziales Wesen, der künstlichen, von ihm selbst geschaffenen oder überformten Umwelt zu. Die Natur erscheint ihm als eine Gegenwelt.

Diese Opposition der Konzepte von „Kultur“ und „Natur“ reicht bis in die Altsteinzeit zurück, in der der Mensch mittels Jagdmagie, Opferungen und anderen Ritualen versuchte, auf die Gegenwelt einzuwirken oder das Gleichgewicht zwischen beiden Sphären zu erhalten. Durch dieses fortdauernde rituelle Handeln und das unmittelbare Interagieren mit der Umwelt im Rahmen der Subsistenzwirtschaft blieb jedoch eine Vertrautheit mit der Natur gewährleistet.
In unseren post-industriellen Zusammenhängen hingegen ist diese Verbundenheit weitgehend aufgelöst. Das Bild der Ökosphäre hat sich fast vollständig gewandelt zu einer versehrten oder rachsüchtigen Restnatur, die bemuttert oder abgewehrt werden muß, einem Abenteuerspielplatz oder einer romantischen Tapete.

Doch dieses Welt - und Selbstbild des Menschen, das sich über die Jahrtausende entwickelt hat, kann natürlich kein vollständiges sein, denn wie bei jeder Beobachtung gibt es einen blinden Fleck, das „Nicht-Beobachtete“, den Beobachter selbst, der auf das Beobachtete verweist. Um auf dieses Beobachtete verweisen zu können, muß der Beobachter, dem Indikationen-Kalkül George Spencer-Browns zufolge, im Stande sein, es zu erkennen, muß es also bereits in sich tragen, um es von sich selbst abspalten zu können. Denn der Mensch ist fraglos selbst aus der Natur hervorgegangen und alle Prozesse, die innerhalb seines Körpers ablaufen, unterscheiden sich nicht von denen, die außerhalb stattfinden. Und so wie Tiere sich in ihrer Umwelt durch „Instinkte“, also genetisch eingebettete Erinnerung und Reaktionsmuster orientieren, so tut es auch der Mensch. Wir können uns nur von der Natur distanzieren, weil wir sie selbst in uns tragen.

Im Negativen sind uns diese instinktiven Reaktionen wohlvertraut als Angst vor Spinnen, Schlangen oder der Dunkelheit. Wir tragen diese Bilder tief in unserem genetischen Gedächtnis und die Reaktionen lösen fundamentale Emotionen aus. Nichtsdestotrotz versuchen wir auch diese Reaktionen zu rationalisieren.
Die positiven Reaktionsmuster sind weniger offensichtlich und dennoch unentwegt präsent. Wegen ihres z.T. sehr subtilen Charakters fällt es jedoch schwer, sie zu erfassen und zu rationalisieren. Doch auch sie entspringen den Bildern, die sich tief in uns eingeschrieben haben, die über Jahrmillionen teil unseres Selbsts gewesen sind und uns in eine unmittelbare Beziehung zu unserer natürlichen Umwelt setzen. Wir sind also nicht nur Träger und Übermittler kultureller, vom Menschen selbst geschaffenen Bedeutungsstrukturen, sondern genauso Träger natürlicher Bedeutungsmuster, die das Substrat kultureller Formulierung bilden.

So wie die Urängste reichen auch die positiven Emotionen, mit denen wir auf die Natur reagieren, meist tiefer als unsere sprachlichen Möglichkeiten. Dadurch werden sie zu etwas, das der Dichter Kurt Drawert das „Unaussprechliche“ nennt, zu etwas, dem sich der Mensch nur noch mit den Mitteln der Poesie nähern kann.

In ihrem Werkkomplex „Dinge“ wendet sich Stilla Seis diesem subtilen, emotionalen Verhältnis von Mensch und Natur mit einer ins Gestalterische übersetzten, poetischen Perspektive und Handlungsweise zu. In ihren Abgüssen tauchen natürliche Formen auf, die, auch wenn wir sie nicht immer auf den ersten Blick erkennen, in uns eine seltsame Vertrautheit auslösen. Wir erleben Momente des Wiedererkennens, die tiefer greifen, als unsere individuellen Erinnerungen.
Und so wenig, wie die Formen und Oberflächen eines Sellerie oder einer Erdbeere einer menschlichen Gestaltungsabsicht unterliegen, so wenig scheinen auch die kleinen Skulpturen gestaltet zu sein. Vielmehr erwecken sie den Eindruck, eine Erinnerung oder Empfindung tauche empor aus dem Unbewußten und bilde sich an dessen Oberfläche ab.

So nehmen wir auch die kleinen Keramikgußblöcke, auf deren Oberseite sich die Formen zeigen, nicht als Sockel war, sondern als Trägersubstanz der erinnerten Form. Und auch ihre Form erweckt nicht den Eindruck des Gestalteten, sondern vielmehr den des Herausgelösten, ähnlich dem einer aus der Erde, bzw. unserem Bewußtsein gezogenen Wurzel.

ⓒ Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, 2018

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