Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an.
März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3
Oktober-Dezember: Kursabschnitt 1 / Januar-Februar: Kursabschnitt 2
Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de


Montag, 29. Dezember 2025

Nach 18 Jahren Arbeit wird im Frühjahr 2026 endlich der erste Band des Asterion-Zyklus im Verlag "Thesen'sches Offizin" erscheinen...

 
Eine phantastische Reise führt zwei Freunde
an die Grenzen ihrer selbst
und darüber hinaus… 
 
 
DER WEISSE UND DER ROTE MOND

Ein Spiel versetzt die gegensätzlichen Freunde Jonathan und Henri in die fremdartige und bedrohliche Welt von Asterion. Auf der verzweifelten Suche nach einem Weg zurück geraten sie in einen Strudel von Machtkämpfen, Magie, religiösem Wahn und Gewalt. 
 
- Vorsichtig bahnte sich der Alte einen Weg durch das Dickicht. Er befreite den Körper des jungen Mannes aus der Umarmung der Schlingpflanzen und trug ihn hinaus auf das Schneefeld. Der Wind blies feine Eisflocken über das erloschene Gesicht. 
Langsam schüttelte er den Kopf. „Und du dachtest, alles sei nur ein Spiel. Doch deine Reise war nie ein Spiel. Und sie ist noch nicht vorbei. Die Toten haben es mir gesagt.“ -


Der erste Teil des atemberaubenden Alternative Fantasy-Epos über die Suche nach Liebe, Freundschaft und dem richtigen Leben in einer Welt, die aus den Fugen gerät. 




 

 

Montag, 15. Dezember 2025

Schreibwerkstatt in Hamburg-Altona: Neuer Kurs ab dem 5. Januar 2026

Am Montag, den 5. Januar 2026, startet die Schreibwerkstatt Das Textprojekt mit einem neuen Kursabschnitt: „Modul 2 - Die Textarbeit:  Eine Geschichte wird lebendig“. 
Neueinsteiger und Schreibanfänger sind ausdrücklich willkommen!

Wir werden uns damit beschäftigen, wie man eine Geschichte am angemessensten und effektvollsten in einem Text umsetzt, aus welchen Elementen ein Textkörper bestehen kann und wie man sie formal zu einem dramaturgisch kohärenten Ganzen zusammenfügt.

Die kursbegleitenden Hausaufgaben bestehen vor allem aus akuten Schreibaufgaben, in denen die verschiedenen Erzähltechniken mit ihren spezifischen Effekten ausprobiert und verglichen werden können.

Die Themen im Einzelnen:
• Textkörper und Textarten • Triggern • Beschreibung • Narrative Schilderung • Narrative Zusammenfassung • Akute Handlung • Dialoge • Innenschau • Überleitungen • die verschiedenen Erzählperspektiven • Szenendramaturgie • Handlungschronologie • Rückblenden • Narratives Tempus • Erzähltempo • Resonanz • Originalität der Beobachtung und Stil


Kursdauer: 2 Monate (8 Doppelstunden)

Termin: Montag 19:30 - 21:30

Teilnahmegebühr: 240,- / 180,- € ermäßigt

Teilnehmerzahl: max. 10


Atelierhaus Breite Straße 70 // 22767 Hamburg (oberhalb des Fischmarkts)


Anmeldung unter: piesbergen (at) posteo.de 

 


 

Montag, 29. September 2025

Mode, Macht und Identität - Dr. Thomas Piesbergen zur Ausstellung TRANSFORMER von Monika Zabel und Jean Molitor


Ausstellungsansicht "Transformer", Monika Zabel & Jean Molitor, Foto: Jean Molitor
 

Die Ausstellung Transformer von Monika Zabel und Jean Molitor konfrontiert uns mit einem Aspekt unseres Lebens, mit dem wir uns täglich beschäftigen, der uns unbewusst lenkt und mit dem wir bewusst versuchen uns in Übereinstimmung mit uns selbst und unserem Umfeld zu bringen: Die Kleidung.
Doch anstatt nur ästhetisch ansprechende Mode zu präsentieren, untersucht Monika Zabel in ihren Entwürfen, fotografisch in Szene gesetzt von Jean Molitor, grundsätzliche Aspekte der Mode und lenkt unseren Blick auf die Fragen: Welche Aufgaben erfüllt Kleidung im gesellschaftlichen Zusammenhang? In welchem Zusammenhang steht sie mit unserer Identität? Und nach welchen erlernten Mustern nehmen wir sie überhaupt wahr?

Um in diese Ausstellung einzuführen, möchte ich deshalb einen fragmentarischen Exkurs in die Kultur- und Sozialgeschichte der Mode wagen, um den Blick zu öffnen für ihre gesellschaftliche Funktion und ihre Bedeutung für die Identität.

Schon in der Altsteinzeit trug der Mensch Kleidung und es ist anzunehmen, das sie, zusammen mit Schmuck und Körperbemalung, schon früh dazu diente, Gruppenidentitäten zu schaffen. Im Laufe der Steinzeit vollzog sich auch eine innere Differenzierung der Gruppen. Entsprechend begannen die Menschen Kleidung zu tragen, die ihr Alter und ihre soziale Position kennzeichnete. Ab der Bronzezeit kann auch eine modische Differenzierung der Geschlechter anhand der Kleidung als gesichert gelten.

Diese Entwicklung setzte sich stetig fort. In den frühen Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens hatte Bekleidung bereits die klare Funktion, die verschiedenen gesellschaftlichen Geschlechter, Stände oder Klassen zu repräsentieren. Sie diente dazu, eine kulturelle Struktur erkennbar zu machen, und mit ihrer Norm aufrecht zu erhalten. Damit war Kleidung zu einer informellen Machtstruktur geworden, mit der den Mitgliedern einer Gesellschaft ihr spezifisches Geschlecht und ihre gesellschaftliche Position zugewiesen wurde.

Im Alten Rom waren es die verschiedenen Togatypen, die zur Kennzeichnung der verschiedenen Stände dienten. Dort werden wir aber auch erstmals Zeuge, wie die Norm aufgeweicht wurde und Teile der Oberschicht versuchten, der Kleidung einen individuellen Ausdruck zu geben, und zwar in Form des Faltenwurfs. Vielleicht kann man das als den ersten regelrechten Modetrend der Geschichte bezeichnen. 
Es galt: Je mehr Falten und je kunstvoller sie gestaltet waren, desto besser. Reiche Römer hielten sich dafür eigens einen Sklaven, den Vestiplicus, dessen einzige Aufgabe darin bestand, seinem Herren in stundenlanger Arbeit die Toga zu fälteln. 
Mit diesem individualisierenden Modetrend korrespondierte das zunehmende Bedürfnis nach individuellen Portraits in der Kunst. 

Neben der gesellschaftlichen Norm ist dieser Wunsch nach individuellem Ausdruck die zweite Kraft, die von nun an auf die Gestaltung von Kleidung Einfluss hat. Die weitere Geschichte der Mode wird bestimmt von dem Wechselspiel zwischen Gruppenidentität und und Individualität.

Mit den Umstürzen der Völkerwanderungszeit wurden diese ersten, antiken Ansätze zu einer Emanzipation des Individuums sowohl im Geistesleben wie auch in der Mode wieder unterdrückt. Im aufziehenden Mittelalter hatte die Kleidung für den Großteil der Bevölkerung nur praktische Bedeutung. Selbst die geschlechtsspezifische Kleidung und die lokalen Trachten unterschieden sich nur geringfügig voneinander.
Mit dem Aufstieg des Adels jedoch, und der wachsenden Macht der Kirche, wurde die Kleidung wieder zu einer scharf trennenden Kennzeichnung von Stand und Geschlecht.

Auf dem Feld der Mode entstand erst im Spätmittelalter wieder etwas, das mit der römischen Faltenmode und ihrem Drang zu individuellem Ausdruck vergleichbar war: Der Trend des Schnabelschuhs. 
An den Höfen wetteiferten die Adligen miteinander, wer die längsten und spektakulärsten Schnabelschuhe trug. Schließlich wurde dieser Modewelle im Jahr 1463 ein Ende gemacht. Eduard  IV. erließ  das weltweit erste Gesetz, mit dem Kleidung juristisch normiert wurde. Es schrieb exakt vor, für welchen Adelsstand welche Länge von Schnabelschuh zugelassen war. Erstmals war Mode zu einem institutionalisierten Machtinstrument geworden. Und der Drang zu individuellem Ausdruck wurde ein weiteres Mal unterdrückt.

Mit der Renaissancezeit kam die Gegenreaktion. Die zunehmende Unabhängigkeit der Städte, der Wohlstand ihrer Bürger, der schwindende Einfluss von Kirche und Adel und die Verbreitung des Buchdrucks schufen einen idealen Nährboden, um den Individualismus erneut zu stärken. Gut 100 Jahre später sollte er in Descartes „cogito ergo sum“ gipfeln. 
In der Kunst gewann die Portraitmalerei erneut große Bedeutung; und der Reichtum, den der beginnende Kolonialismus brachte, ermöglichte dem Bürgertum seinen persönlichen Wohlstand und das individuelle Geltungsbedürfnis mit einer noch nie gekannten Fülle verschiedenster prachtvoller Textilien zu inszenieren. 
Besonders die kulturelle Avantgarde der Renaissance war dafür bekannt, dass sie zu modischen Extravaganzen und einem hoch individuellen Stil neigte: Da Vinci liebte prachtvolle Farben und fließende Schnitte, der Philosoph Mirandola war für seine streng asketische Kleidung bekannt, Rafael für seine Eleganz, und Michelangelo dafür, dass er nichts darauf gab und meist schmutzig und heruntergekommen herumlief. 

Die Befreiung von gesellschaftlichen Machtstrukturen führte in Norditalien schließlich nicht nur zu nahezu anarchistischen politischen Zuständen, sondern ermöglichte auch, die Norm der Geschlechtszuweisung aufzuweichen - sofern es Männer betraf. Männerkleidung konnte sich in Stoff und Schnitt der weiblichen Mode stark angleichen, und es gab an den italienische Höfen sogar junge Männer, die tatsächlich Frauenkleider trugen und sich wie Frauen schminkten, allerdings ohne öffentlich eine weibliche Identität für sich in Anspruch zu nehmen. Frauen blieb diese Möglichkeit der Aneignung verboten.

Der nächste große Paradigmenwechsel ereignete sich in Frankreich unter der Herrschaft von Ludwig XIV. Er war der Erste, der das ganze Potenzial von Mode als Machtwerkzeug erkannte. Indem er ständig neue Trends schuf, hielt er den Adel, den er in Versailles um sich geschart hatte, stets beschäftigt. Denn wollte man nicht sein gesellschaftliches Gesicht und damit Gunst und Einfluss verlieren, musste man modisch auf dem neuesten Stand bleiben. Wahrscheinlich hat unser heutiges Modeverständnis dort seinen Ursprung.
Zudem nutzt Ludwig XIV. die Mode, um die Vormachtstellung der französischen Textilindustrie auszubauen und bereitete ihre Industrialisierung vor - womit er ein weiteres Mal das Bürgertum stärkte.

Durch die industrielle Herstellung und die großen, miteinander konkurrierenden Modehäuser, wurde Mode immer größeren Gruppen zugänglich und demokratisiert. Gleichzeitig veränderte sich die Qualität des normierende Druck für die Bevölkerung. Denn nun wurde es auch für gewöhnliche Bürger notwendig, sich den ständig ändernden Modetrends zu unterwerfen, um sich eine gesellschaftliche Position zu erkämpfen oder zu erhalten. Dadurch wurde das aufblühende Bürgertum zu der Macht, die die ästhetische Norm dominierte. Zugleich spürte die Gesellschaft, noch immer traumatisiert vom 30jährigen Krieg, ein starkes Bedürfnis nach Stabilität und Ordnung. Die entsprechend starren Verhältnisse führten aber schließlich nur zu einer Radikalisierung des Individualismus und dem Wunsch nach Freiheit. Inspiriert von Jean-Jaques Rousseau entstand ein widerständiges, demokratisches Milieu, das zum Nährboden der Französischen Revolution wurde, und aus dem schließlich der Geist der Romantik erwuchs, für den Freiheit, Individualität und Leidenschaft als höchste Güter galten. Von diesen Ideen entzündet, waren es erneut vor allem Künstler, die die modische Norm in noch nie gekannter Vielfalt aufbrachen. Lord Byron und Fürst Pückler-Muskau trugen fantastische orientalische Trachte, Ludwig Tieck liebte mittelalterliche Kostüme, E.T.A. Hoffmann kleidete sich bewusst nachlässig, Bettina von Arnim liebte fantasievolle Gewänder und verspielten Schmuck, Liszt trug auffällige Samtjacken zu seinem langen Haar. Tatsächlich wagten es einzelne Vorreiterinnen wie George Sand oder die Malerin Rosa Bonheur sogar, Männerkleidung zu tragen, wozu in Paris allerdings eine polizeiliche Genehmigung notwendig war. Frauen war es gesetzlich verboten, sich in Hosen in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Trotz der Restauration im 19. Jhd. setzten die geistesgeschichtlichen und sozialen Umbrüche im 19. und 20. Jahrhundert die Liberalisierung und Individualisierung der Gesellschaft fort. In Zentren der kulturellen Avantgarde wurde ab der Jahrhundertwende sogar gewagt, queere Lebensstile in einer Halböffentlichkeit auszuleben. In den 20er Jahren wagten immer mehr Frauen, die modischen Codes der Geschlechtszuweisung zu brechen. Vor allem Schauspielerinnen wie Marlene Dietrich, Tallulah Bankhead, Greta Garbo, Claire Waldoff oder Erika Mann trugen Hosen, Smoking und Krawatte.  Als Reaktion auf diese Vorstöße der Selbstbestimmung wurden die betreffenden Künstlerinnen in den frühen 30er Jahren in Deutschland fast ausnahmslos mit einem Berufsverbot belegt. Und Marlene Dietrich, die vor den reaktionären Tendenzen in die USA floh, wurde wegen ihres Kleidungsstils beinah an der Grenze abgewiesen.

In Opposition zu den autoritären Tendenzen entstanden im Verlauf des 20. Jhds., neben der kulturellen Avantgarde, die Jugendsubkulturen, die sich der Norm mit klaren Mode-Statements widersetzten und ihre jeweils eigenen Codes und Gruppenidentitäten schufen. Je stärker das Zerwürfnis zwischen konservativem Bürgertum und Subkulturen, desto stärker setzten sie sich auch modisch ab. 

Im Gegenzug wurden die neuen Trends immer stärker angefeindet. Auf Swing-Jugend folgten die Rock’n’Roller der 50er Jahre, darauf die sog. Exies oder Gammler, die Mods, die Hippies - und schließlich, als extremste Äußerung in Mode und Lebensstil, die Punks, deren modischer Ausdruck in einer Zerstörung der Mode und Ablehnung aller bürgerlichen Strukturen gipfelte.

In diesem emanzipatorischen Umfeld entfalteten sich auch andere non-konforme Lebensentwürfe: Der Feminismus formierte sich, die homosexuellen Communities und andere queere Gruppen wurden sichtbar und selbstbewusst. Die Zivilgesellschaft des politischen Westens wurde zusehends demokratischer und diverser.

Nachdem es im 20. Jhd. vor allem einzelne Gruppen waren, die versuchten, eigenständige Identitäten zu bilden, scheint es im 21. Jhd. endlich möglich zu sein, auch jenseits der Gruppen zu einer Emanzipation zu finden. 
Queere Menschen brauchen ihre Communities nicht mehr nur dazu, um die Isolation zu überwinden, einander zu schützen und politisch wirksam zu werden. Die Communities fungieren zunehmend auch als Umfeld, um die ganz und gar individuelle Identität zu entfalten. Das Stichwort lautet nicht mehr Gruppenidentität sondern solidarische Diversität. 

Diese langfristige gesellschaftliche Entwicklung hat in einigen Teilen der Welt, wie z.B. auch in Deutschland, schließlich eine der größten demokratischen Freiheiten errungen, die im Bezug auf die individuelle Emanzipation überhaupt denkbar ist: Die Selbstbestimmung der Geschlechtsidentität mit der einhergehenden Überwindung der geschlechtlichen Binarität. 

Welche nachhaltige Auswirkung diese Entwicklung auf die Normen der Mode haben wird, ist noch nicht abzusehen, denn wir stecken mitten darin. Doch Monika Zabel hat mit ihren im Poolhaus ausgestellten Bekleidungskunst eine Strecke des Weges nachgezeichnet, der uns bis in die Gegenwart geführt hat, und der auch erahnen lässt, wohin diese neue Freiheit führen könnte, sofern wir sie gegen die reaktionären Kräfte verteidigen können.

Als Ausgangspunkt ihrer Entwürfe, die sie ausschließlich aus recyceltem Material herstellt, dient ihr jeweils eine historische Persönlichkeit, die gewagt hat, gegen alle Widerstände einen queeren Lebensentwurf auszuleben.

Ausstellungsansicht "Transformer", Monika Zabel & Jean Molitor, Foto: Jean Molitor

Da ist Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, geboren als Catharina Margaretha Linck, der als Soldat diente und als Prophet der Wiedertäufer auftrat. Er heiratete eine junge Frau, wurde aber schließlich nach 3 Jahren Ehe von seiner Schwiegermutter als biologische Frau enttarnt und im Jahr 1721 als letzte Frau in Deutschland für gleichgeschlechtliche Liebe hingerichtet.

Eine ganz andere Biographie hatte Chevalière d’Éon. Als sie 1763, im Alter von 35 Jahren, nach England übersiedelte, wechselte der vormals als Mann lebende Charles d’Éon de Beaumont sein Geschlecht und lebte fortan als Frau. Als sie nach Frankreich und in ihr biologisches Geschlecht zurück kehren wollte, wurde ihr vom französischen König die Bedingung gestellt, das nur in Frauenkleidung tun zu dürfen, da es undenkbar schien, ein biologischer Mann könne freiwillig als Frau leben, geschweige denn er könne genderfluid sein. Also kehrte sie als Frau in ihre Heimat zurück, verdiente sich ihren Lebensunterhalt als Fechtmeisterin in Schaukämpfen und bemühte sich später in der Französischen Revolution, ein Frauenregiment aufzustellen. Erst bei einer Obduktion nach ihrem Tod im Jahr 1810 wurde das biologische Geschlecht entdeckt. 

Ausstellungsansicht "Transformer" mit Monika Zabel und Didine, Foto: Jean Molitor

Claude Cahun, Fotograf*in und Schriftsteller*in, war eine schillernde Erscheinung im Umfeld der Surrealisten. Geboren als Lucy Schwob nahm sie 1920, im Alter von 26 Jahren den Vornamen Claude an, der sowohl von Frauen als auch von Männer getragen werden kann. Sie bezeichnete sich als neutral und verweigerte sich konsequent der Geschlechtertrennung in der Mode. Ihre androgynen Selbstinszenierungen sind wegweisend für non-binäres Selbstverständnis geworden. Gemeinsam mit ihrer ebenfalls non-binären Lebenspartner*in, der Künstler*in Marcel Moore, geboren als Suzanne Malherbe wurde sie 1944 von den Deutschen, auch wegen wegen ihrer Arbeit in der Resistance, zum Tode verurteilt. Das Urteil konnte aber zum Glück nicht mehr vollstreckt werden.

Ausstellungsansicht "Transformer", Monika Zabel & Jean Molitor, Foto: Jean Molitor


Die letzte historische Person, auf die sich Monika Zabel bezieht, ist Mary Gräfin von der Borch, auch bekannt als Mary von Glasenapp. Sie war Flugzeugführerin im Ersten Weltkrieg und gab sich in Kleidungsstil und Gebaren eine ganz und gar männliche Erscheinung. Auch wenn sie im Übrigen das Leben einer verheirateten Cis Frau zu leben schien, fand ihre Persönlichkeit erst durch die Aneignung männlicher Symbole zu einem authentischen Ausdruck. 

Ausstellungsansicht "Transformer", Monika Zabel & Jean Molitor, Foto: Jean Molitor

Diese verschiedenen Persönlichkeiten mit ihren ganz individuellen Konzepten von Identität werden von Monika Zabel aber nicht als modehistorische Schauobjekte und Kuriositäten präsentiert. Vielmehr versucht sie von ihnen eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen, in dem sie sie durch heutige Akteur*innen verkörpern lässt. Die Persönlichkeiten der Darstellenden haben wiederum als Anhaltspunkte gedient, die historischen Kostüme zu überformen und zu einem zeitlosen, hochindividuellen Ausdruck zu verdichten. 
Die historischen Figuren werden von Didine van der Platenvlotbrug, Benedikt Ling, Victor Haisch und Emma Dierdorf verkörpert und interpretiert.

So wird schließlich in der Ausstellung Transformer beispielhaft vorgeführt, wie es möglich ist, durch das Wissen um Bekleidungscodes und ihrer Machtgeschichte, sich von Fremdzuweisungen zu emanzipieren. Durch die Umdeutung und Erweiterung einer überwundenen Norm ist es möglich, zu einer modischen Autonomie zu finden, in der sich die selbstbestimmte, authentische und ganz und gar individuelle Identität ihrer Träger*in abbilden kann.


© Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, September 2025

Ausstellungsansicht "Transformer", Monika Zabel & Jean Molitor, Foto: Jean Molitor

Freitag, 29. August 2025

Schreibwerkstatt in Altona: Neuer Kurs ab dem 6.10.2025

 

 Liebe Literaturfreunde*innen!

Am 6. Oktober 2025 beginnt ein neuer Kursabschnitt 1 der Schreibwerkstatt "Das Textprojekt".

Der Kursabschnitt 1 "Von der Idee zum ersten Entwurf" wendet sich vor allem an Schreibanfänger*innen, aber auch an Schreibende, die ihre handwerklichen Fertigkeiten verbessern wollen.

Inhaltlich werden wir uns mit literarischen Grundkonflikten beschäftigen, mit der Gestaltung lebendiger Charaktere, dem Entwurf überzeugender und packender Handlungsverläufe und deren Struktur sowie allgemeinen dramaturgischen und handwerklichen Problemen.

Die Unterrichtseinheiten werden begleitet von Hausaufgaben, in denen die Teilnehmer*innen die erlernten Techniken ausprobieren können - gerne auch im Rahmen eigener, bereits vorhandener Projekte. Die so entstandenen Texte werden in der Gruppe besprochen. Alles darf, nichts muss...

Ich freue mich auf Ihre Rückmeldungen!

Mit herzlichen Grüßen,
Thomas Piesbergen


Die Themen im Einzelnen:

• Schreibmotivationen
• Authentizität und Fiktion
• Schreibmethoden
• Literarische Reduktion: Themen und Prämissen
• Konflikte und Transformation
• Charaktere: Protagonist und Antagonist
• Charaktere: Nebenfiguren und Dritte Kraft
• Konflikte und ihre Entwicklung
• A-, B- und C-Story
• Akute Konfrontationen und verdeckte Konflikte
• Entwurf des Handlungsverlaufs: Schicksalskurven und Story Arcs
• Gliederungsschemata: Dreiakter, Heldenreise, Regeldrama, "Hollywood-Arc" u.a.
• Struktur: Szenen, Schwellen, Spiegelungen, Motive
• Worldbuilding

Ort: Atelierhaus Breite Straße 70
Kursdauer: 2 Monate (8 x 2 Stunden)
Teilnahmegebühr: 220,- € / ermäßigt 160,- €
Zeit: Montags 19:30 - 21:30


ANMELDUNG per E-Mail: piesbergen (at) posteo.de



Montag, 9. Juni 2025

Von der Rückkehr in den Körper - Dr. Thomas Piesbergen zur Ausstellung MANUFAKTORISCH von Llaura Sünner und Waltraut Kiessner

In seinem Roman Homo Faber beschrieb Max Frisch das Scheitern eines Mannes, der sich bis zuletzt an den Glaubenssatz klammert, die Welt sei durch Wissenschaft und Technik beherrschbar.
In Walter Faber, dem homo faber, der von dem Anthropologen Max Scheler definiert worden ist, als ein Wesen mit der Fähigkeit seine Umwelt willentlich zu verändern, begegnen wir einem Archetypus der westlichen Kultur.

Dem Dilemma Walter Fabers liegt ein Kernproblem unserer Perspektive auf die Welt zugrunde: Das ist der Glaube daran, dass die Beherrschung der aus der Natur abstrahierten Muster uns dazu befähigt, auch die ihnen zugrunde liegende Natur, also die faktische Wirklichkeit zu beherrschen; der Glaube an die Kontrolle unserer Welt durch die Macht unseres Verstandes. Denn Walter Faber ist zugleich ein Ingenieur, ein Techniker, dessen Wirkungsfeld die Wissenschaft ist, dessen erstes Werkzeug der Geist ist, dessen Aufgabe es wiederum ist, die Natur zu unterwerfen und zu optimieren. Seinem Weltbild zufolge steht das gestaltende Subjekt, der immaterielle Geist und Wille, der materiellen Objektwelt gegenüber, die er nach seinem Gutdünken und einem angestrebten Idealzustand entsprechend formen kann. Im Zentrum des Konflikts stoßen wir also auf den Dualismus von Geist und Materie, die Opposition von Logos und Körper, von Ideal und faktischer Existenz.

Diese Spaltung der Wirklichkeit in zwei grundverschiedene Sphären, tritt in der europäischen Kulturgeschichte erstmals bei den Pythagoreern voll entwickelt in Erscheinung und findet kurz darauf seine wirkmächtigste Form in Platons Höhlengleichnis. Darin werden die Erscheinungen der Welt als bloße Schatten beschrieben, die von der einzig authentischen Wirklichkeit, nämlich der Wirklichkeit der Idealbilder, geworfen werden. Zudem heißt es von diesen Idealbildern, sie existierten überzeitlich und befänden sich jenseits unserer vergänglichen und eigentlich unwirklichen Welt. Nur sie selbst seien tatsächlich und wirklich.

Durch die Neu-Platoniker weiter entwickelt, verschmolz diese Vorstellung in der späten Antike mit dem christlich-jüdischen Weltbild. Sie begegnet uns vor allem in den Episteln des Paulus, der die Opposition des sündigen Fleisches und des davon streng getrennten göttlichen Geistes betont.
Im Laufe der Kirchengeschichte wurde dieses Dogma immer wieder und mit großem theologischen Aufwand verteidigt und zementiert, zuletzt in dem Ersten Vatikanischen Konzil von 1870, in dem es hieß, dass man Gott „als wirklich und wesentlich von der Welt verschieden verkünden“ müsse.

In diesem Dualismus von Geist und Körper, von Gott und Welt, von diesseitiger fleischlicher Sünde und jenseitigem Heil, ist auch die in der westlichen Zivilisation tradierte Körperfeindlichkeit verwurzelt. Mit ihr wurde zugleich auch die Emotionalität diffamiert, die sich der Vernunft zu unterwerfen hätte und von ihr diszipliniert werden müsse.
Auch heute noch ist unsere Gesellschaft geprägt von einer Disziplinierung der Körper, von Idealen und Ideologien, deren abstrakte Konzepte mehr gelten, als das unversehrte Individuum; noch immer leben wir in einer Welt, in der das abstrakte Gesetz mehr Gewicht hat, als das akut empfundene Mitgefühl, in der Menschen ihre Emotionalität von sich abspalten, um den verschiedenen Konzepten der Rationalität oder Religiosität zu genügen.

Doch es ist ausgerechnet eine der höchst spezialisierten Wissenschaften, die schließlich diese Denktradition, die unsere Kultur zweieinhalb Jahrtausende dominiert hat und die gerade wieder auf dem Vormarsch ist, untergräbt. Denn die Erforschung der Gefühle und ihrer Verortung im Körper ist eines der fruchtbarsten Felder der aktuellen Neurowissenschaften.
Allen voran hat Antonio Damasio gezeigt, dass unser Bewusstsein untrennbar mit dem Körper verbunden ist, da es auf körperliche Selbstwahrnehmung zurück geht. Zudem haben seine Forschungen belegt, dass jegliche Handlungsmotivation emotional begründet ist und nur in einem Körper entstehen kann, der aus lebendigen, miteinander kommunizierenden Zellen besteht. All unsere Assoziationsfähigkeit, also unser Vermögen schöpferisch zu denken, ist ebenfalls nur möglich, wenn wir Wahrnehmungsinhalte emotional verknüpfen.
Nach dem derzeitigen Erkenntnisstand ist also das menschliche Bewusstsein, all sein Bemühen und Tun, all sein Wollen nur möglich in einem empfindungsfähigen, lebendigen Körper, und der erste Tatbestand seines Bewusstseins ist das Gefühl. Damit sind auch die posthumanistischen Utopien von menschlichem Bewusstsein, das in einen Computer transferiert werden könne, oder einer künstlichen Intelligenz, die Selbstbewusstsein erlangen könne, als absurd entlarvt worden.

Noch ist unsere Kultur aber weit davon entfernt, den lebendigen Körper bedingungslos zu bejahen, das Gefühl zu rehabilitieren und den Geist als Ausdruck der Materie anzuerkennen, und nicht umgekehrt. Ganz im Gegenteil erleben wir überall auf der Welt vor verschiedenstem kulturellen Hintergrund ein Erstarken des repressiven dualistischen Konzepts. Der entsprechende Diskurs ist also höchst aktuell und relevant. Und genau dort,  an der Kernproblematik dieses kulturellen Phänomens, setzen die Künstlerinnen Llaura Sünner und Waltraut Kiessner mit ihren Arbeiten an.


Waltraut Kiessner, Ausstellungsansicht, Kunstverein Quickborn


Waltraut Kiessner wendet sich dabei einer der wichtigsten Schnittstellen im Wechselspiel von Mensch und Welt zu: Der menschlichen Hand. In der Anthropologie Immanuel Kants heißt es: „Dieser Sinn ist auch der einzige von unmittelbarer äußerer Wahrnehmung. … Ohne diesen Organsinn würden wir uns von einer körperlichen Gestalt gar keinen Begriff machen können.“
Die Hand ist aber nicht nur ein Sinnesorgan, mit dem wir die Körperlichkeit und Faktizität unserer Welt erfassen können, sie ist auch unser maßgebliches Werkzeug, um auf die Umwelt einzuwirken, sie zu gestalten. Erst sie macht uns zu einem homo faber.
Dennoch taucht die Hand in Waltraut Kiessners Werk niemals als reines Werkzeug der abstrakten Autorität des Geistes auf, als das Mittel einer umformenden Macht, sondern vielmehr als ein sinnlicher, körperlicher Akteur, der uns ermöglicht, durch Spüren und Handeln in der Welt zu sein.

In ihrer Videoarbeit Der springende Punkt sehen wir eine Hand, die versucht, einen springenden Ball zu schlagen und ihn weiter springen zu lassen. Mal gelingt es ihr, mal scheitert sie. Es ist ein Versuchen, ein Lernen, ein Umgehen mit einer Welt, um sie zu begreifen. Dabei findet die Hand aber nicht zu einer Routine. Es ist nicht das Ziel ein grundlegendes Bewegungsmuster des Balles zu erkennen, um davon ausgehend einen idealen Handlungsablauf zu entwickeln, der schließlich die Kontrolle des Balls ermöglichen soll. Ziel und Sinn des Tuns ist vielmehr das Tun selbst, der Umgang mit einer körperlichen Welt, die nicht beherrscht werden muss, sondern mit der wir uns befassen möchten.


Waltraut Kiessner, Austellungsansicht, Kunstverein Quickborn

In einer Reihe von Zeichnungen sehen wir menschliche Hände, deren Finger zu verschiedenen Zeichen gekrümmt sind, ähnlich den Mudras, den symbolischen Handzeichen, die im Buddhismus, im Hinduismus und dort vor allem in tantrischen Schulen eine große Bedeutung haben.
Doch die Handzeichen Kiessners bleiben kryptisch, sie transportieren keine symbolische Bedeutung, die die Körperlichkeit der Hände überlagern könnte, so wie der Inhalt eines geschriebenen Textes für gewöhnlich die Gestalt der einzelnen Buchstaben überlagert. Anstatt eine Botschaft zu übermitteln, verweisen die Handzeichen auf die Hand selbst als möglichen Bedeutungsträger, und auf ihre physische Beschaffenheit und Faktizität. Die Aufmerksamkeit wird nicht auf das immaterielle Abstraktum, das wir Information nennen, gelenkt, sondern ganz und gar auf die Körperlichkeit und die Bewegungsmöglichkeiten der Hand.


Waltraut Kiessner, Ausstellungsansicht, Kunstverein Quickborn


Die Bedeutung dieser Körperlichkeit wird auch deutlich in Arbeiten, in denen wir mehrere Hände sehen, die sich aneinander festhalten, zugleich aber ausdünnen und zu verschwinden drohen. Vielleicht kann man darin eine Analogie zu dem Versuch Walter Fabers sehen, sich an der Vorstellung seiner eigenen Wirkungsmacht festzuhalten. Doch schwindet die Körperlichkeit gibt es weder etwas, das ergreifen kann, noch bleibt etwas, das ergriffen werden kann. Ohne den Körper endet alle Wahrnehmung, alles Begreifen, alles Tun, alles, was wir formen können, alles, was uns geformt hat, alles, was wir sind.


Kiessner / Sünner, Ausstellungsansicht, Kunstverein Quickborn, Foto: Llaura Sünner


Das führt uns schließlich zu einem nächsten Werkkomplex Kiessners, in dem nicht das Ergreifen, sondern das Loslassen thematisiert wird, in dem der Herrschaftsgedanke des Erfassens angesichts der Endlichkeit vollständig aufgegeben wird. Wir sehen Hände in verschiedenen Beziehungen zu einem leeren Bildraum oder Zonen wolkiger, amorpher Flecken, mal stützen sie, mal öffnen sie sich, um die Leere frei zu geben oder zu empfangen, mal geben sie das Handeln auf und ruhen abschließend ineinander. 


Waltraut Kiessner, Ausstellungsansicht, Kunstverein Quickborn


So schließt sich der Zyklus von dem tastenden Erkunden und Begreifen der faktischen Welt, über die Erkenntnis unserer eigenen Art darin zu agieren und zu interagieren, bis hin zur Aufgabe, zum Sich-Lösen von der Körperlichkeit der Dinge und uns selbst.

Laura Sünner rückt mit ihren Arbeiten zwei andere Aspekte des dualistischen Konzepts von Körper und Geist ins Blickfeld.
Einerseits ist für sie die tatsächliche Körperlichkeit, also die Materialität ihrer Arbeiten, von großer Bedeutung. Andererseits fokussiert sie sich auf die ergische Umgebung der Hand, auf Werkzeuge und Dinge, die gestaltet worden sind, um von einer Hand betätigt zu werden und die Vorhaben eines planenden Geistes zu verwirklichen.


Llaura Sünner, Ausstellungsansicht, Kunstverein Quickborn


Über das Verhältnis von Mensch und Werkzeug schreibt die Kognitive Archäologin Miriam Haidle: „Der Mensch wird nicht nur durch körperliche und geistige Eigenheiten charakterisiert, sondern wird erst verständlich durch seine unauflösliche Verknüpfung mit unbelebten Objekten, die durch ihn zu Teilen von Handlungen und dadurch der menschlichen Welt werden. Die Verbindung zwischen dem bewusst handelnden Subjekt Mensch und einem Objekt wird durch kognitive Prozesse geschaffen. Das Objekt wird dadurch als Werkzeug zu einer zeitlich begrenzten Erweiterung des Subjekts.“
Diese Werkzeuge sind aber schon lange Produkt der Technosphäre, Ergebnis von der Verknüpfung zahlreicher Abstraktionsvorgänge. Sie sind Hervorbringungen eines Selbstverständnisses, dass unsere Welt als Objekt begreift, das vom Verstand und Willen gemessen, umgeformt und optimiert werden kann. 

 

Llaura Sünner, Ausstellungsansicht, Kunstverein Quickborn

In einem zweiten Schritt wird der menschliche Körper zu etwas Unzureichendem erklärt, denn er kann die Aufgaben, die ihm vom Logos aufgetragen werden, in der Regel kaum selbst bewältigen. Aber derselbe Logos ist imstande, ihn durch Prothetik den Aufgaben gemäß zu verbessern. Wir können also Werkzeuge wie Hämmer, Sägen, Bohrer oder Äxte als Siege des Geistes über Natur und Körper betrachten. Sie sind wiederum Mittel, um unsere idealisierten Vorstellungen von Geometrie und Ordnung faktisch in Erscheinung treten zu lassen. Mit Werkzeugen richten wir die Welt derart zu, damit sie sich so weit wie möglich unseren Idealbildern annähert.


Llaura Sünner, Ausstellungsansicht, Kunstverein Quickborn


Doch die Materialität von Llaura Sünners Objekten verweigert den Dienst, der ihrer funktionalen Form zugedacht ist. An ihnen erleben wir, dass sie nicht nur Objekte unseres idealisierenden Willens sind, oder sogar von ihm als temporäre Prothesen ganz und gar vereinnahmt werden, sondern dass sie selbst subjektiven, in ihrer Materialität begründeten Impulsen folgen. Sie  werden wellig, ziehen sich zusammen oder werden schlaff - sie entfalten durch ihre spezifische Körperlichkeit ein eigenes Leben, dass sich unseren Plänen und Absichten widersetzt.


Llaura Sünner, Ausstellungsansicht, Kunstverein Quickborn

Zugleich reizt die Materialität unser Verlangen sie zu berühren. Aber nicht mit einer konkreten Handlungsabsicht, deren Ziel es ist, sie zu benutzen um etwas zu gestalten, das zunächst nur in unserem Geist existiert. Wir werden ganz im Gegenteil verleitet durch ein sinnliches Verlangen, dessen Ziel nur die bloße Berührung ist. Wir wollen die Objekte ertasten und spüren, ihre Materialität erkunden oder uns einer antizipierten Empfindung versichern.


Llaura Sünner, Ausstellungsansicht, Kunstverein Quickborn

Ebenfalls losgelöst von tatsächlicher Funktionalität sind Sünners Türklinken aus Filz. So wie die kryptischen Handzeichen Waltraut Kiessners als Symbolträger ohne symbolischen Inhalt auf ihre Körperlichkeit verweisen, so bleibt bei den Türklinken nur der sonst überlagerte Gedanke des Erfassen der Klinke zurück, ein sinnlicher Akt, dessen Erfüllung in sich selbst besteht, und nicht in einer zugeschriebenen Funktionalität, die die akute Existenz der Klinke verdeckt.
Zudem sind die Filzklinken an Metallstangen angebracht, die ihrerseits einen käfigartigen Kreis bilden. Selbst wenn wir also in die Idee eines Raumes eintreten könnten, zu dem die Klinken eine Tür öffneten, beträten wir einen Käfig aus einem Material, das wie kaum ein anderes auf die vom Logos beherrschte Technosphäre verweist.

 

Kiessner / Sünner, Ausstellungsansicht Kunstverein Quickborn, Foto: Llaura Sünner

Ganz ähnlich verhält es sich mit den Filztüren und -fenstern, die an den Wänden angebracht sind. Sie verweigern sich der Aufgabe, die ihnen unser teleologisches Denken zugewiesen hat, nämlich sich zu einem anderen Ort zu öffnen. Auch sie lösen sich aus einer Funktionskette, in der sie unserem Geist nur Mittel zum Zweck sind. Es bleibt einzig, dass sie dazu verlocken, sie zu berühren, ihre konkrete, sinnliche Aktualität zu erfahren und zuzulassen. Sie verlocken uns dazu, den Akt des sich selbst genügenden Befassens und Begreifens zu vollziehen.


Llaura Sünner, Ausstellungsansicht, Kunstverein Quickborn

Anstatt, dass sie auf einen anderen Ort verweisen, und unseren jetzigen als etwas markieren, das verlassen werden kann oder sogar sollte, fordern sie uns dazu auf, in der konkreten Gegenwart der interagierenden Körper zu bleiben.
Blaise Pascals schrieb in seinen Penseès, alles Unheil rühre daher, dass Menschen nicht imstande seien, zuhause zu bleiben. Angesichts der ausdrücklichen und ganz und gar gegenwärtigen Körperlichkeit der Filztüren, kann man diese Aussage auch so interpretieren, dass alles Unheil nur daher rührt, dass wir noch immer dem einzig möglichen Ort unserer Existenz, unserem Körper und seiner Sinnlichkeit, zu entfliehen versuchen. 

 

Kiessner / Sünner, Ausstellungsansicht Kunstverein Quickborn, Foto: Llaura Sünner

Noch immer flüchten wir in Projektionen, Ideologien, ablenkende Spielereien oder unter das Diktat des gefühllosen Logos, anstatt unseren Körper mit seiner ganzen erschütternden Faktizität, mit der Gefühlswirklichkeit seines Bewusstseins, voll und ganz zu bejahen. Denn unsere fühlenden Körper sind und bleiben die einzige Wirklichkeit, in der sich die Existenz des Menschen durch stete Interaktion von Materie mit Materie vollziehen kann, in der wir uns selbst spüren und begreifen können.
In diesem Sinne möchte ich schließen mit einer Passage von Friedrich Nietzsche, dessen Zarathustra von sich sagt:

Leib bin ich ganz und gar, und Nichts ausserdem;
und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe.
Der Leib ist eine grosse Vernunft, eine Vielheit
mit Einem Sinne


© Thomas Piesbergen / VG Wort, Mai 2025