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Montag, 21. November 2022

"Von Selbstentblößung und Zurschaustellung: Der nackte Körper und die Macht" Dr. Thomas Piesbergen zur Ausstellung „Auto No Me!“ von Pachet Fulmen

Pachet Fulmen, Auto No Me!, Einstellungsraum e.V. 2022

 
Um das Verhältnis des modernen Mannes zur Sexualität zu erläutern, schrieb der amerikanische Dramatiker Edward Albee in seinem Theaterstück „The Zoo Story“ über Spielkarten mit pornographischen Abbildungen: „It’s that when you're a kid you use the cards as a substitute for a real experience, and when you're older you use real experience as a substitute for the fantasy.

Übersetzt heißt das ungefähr: „Als Kind hast du die Spielkarten als Ersatz für das wirkliche Erlebnis benutzt, und jetzt, wo du älter bist, benutzt du die wirkliche Erfahrung als Ersatz für deine Phantasie.“(1)

Nach Edward Albee benutzen also Männer, die noch keine Möglichkeit haben, ihr Begehren im realen Zusammenhang auszuleben, zunächst visuelle Projektionsflächen, anhand derer sie ihre Phantasien entwickeln können. Dadurch entsteht ein so wirkmächtiger, von vorgegebenen Bildmaterialien definierter Komplex des Verlangens, daß die so geprägten Männer später nicht imstande sind, unmittelbare reale Erfahrungen zu machen.

Natürlich geht es bei den Abbildungen, von denen Albee spricht, um pornographische Darstellungen von weiblichen Körpern. Wenn also ein durch Pornographie geprägter Mann mit einer Frau schläft, wird er nicht ihr in ihrem Körper begegnen, sondern in ihrer Körperlichkeit Anlässe suchen, die stimulierenden Bilder und die damit verbundenen Phantasien herauf zu beschwören.
Die Pornographie ist also nicht mehr Ersatz für die Begegnung mit der Frau, sondern die Frau nur noch ein Stimulanz pornographischer Vorstellungen, die zum eigentlichen, verinnerlichten Objekt des Verlangens geworden sind. Mit seiner Denk- und Handlungsweise ordnet der Mann die Frau mittels der pornographischen Bilder seinen sexuellen Phantasien unter, wodurch ein hierarchisches Machtgefüge entsteht.

Das so entstandene Verhältnis läßt sich gut durch die strukturalistische Theorie über das Verhältnis von Mensch und Welt beschreiben. Nach Claude Levi-Strauss ist jeder menschlichen Kultur eine Struktur von Bedeutungen zu eigen, die alle Verhältnisse zwischen Menschen und Dingen terminiert, also auch allen Dingen ihren Wert und ihre Bedeutung zuordnet.
Auf diese Weise wird nicht nur der Wert aller Dinge bestimmt, sondern auch die Bedeutung von Menschen. Will also ein Mensch für einen anderen relevant sein, so muß er dessen Werteschema entsprechen.
In unserem speziellen Fall muß sich also die Frau an die pornographische Bildlogik des entsprechend geprägten Mannes anpassen, um für ihn relevant zu werden. Sie muß sich dem männlichen, pornographisierten Blick unterwerfen.
Dieser Blick wiederum verlangt die Herrschaft über den weiblichen Körper, vor allem die Kontrolle über dessen visuelle Zugänglichkeit. Demzufolge ist eines der großen Werkzeuge des Mannes zur Beherrschung der Frau, seine Verfügungsgewalt über die Entblößung oder Verhüllung des weiblichen Körpers.

Dieser Gedankengang basiert zunächst auf dem oben genannten Zitat aus den späten 50er Jahren in den USA. Es bleibt die Frage nach Macht und Nacktheit im Spannungsfeld der Geschlechter in anderen Epochen. Dazu möchte ich mich zunächst den Ursprüngen der menschlichen Kultur zuwenden.

In welchem Verhältnis Mann und Frau in der Altsteinzeit zueinander standen, ist nur sehr vage zu fassen. Aktualistische Vergleiche lassen vermuten, daß mit einer weitgehenden Gleichberechtigung zu rechnen ist. Die Befunde von Knochen legen eine homogene Arbeitsteilung nahe, da sowohl Männer als auch Frauen über einen sehr viel kräftigeren Körperbau verfügten, als heute, und auch bei Frauen Abnutzungserscheinungen auftraten, die man dem Speerwerfen zuschreibt, einem Aspekt der Jagd, die bislang als männliche Domäne galt.(2) Auch Grabbefunde, die sonst ein guter Indikator gesellschaftlicher Differenzierung sind, geben ein homogenes Bild (3).
In der sog. Plakettenkunst des Magdalenien (ca. 18.000-12.000 v. Chr.) werden auf kleinen, realistischen, manchmal karikaturesken Kratzzeichnungen sowohl Männer als auch Frauen in der gleichen Stellung gezeigt. die als Adorantenhaltung bezeichnet wird, also in einer anbetenden Stellung (4).
Beide Geschlechter werden nackt dargestellt. Hier begegnet uns womöglich erstmals der Topos der rituellen Nacktheit, die uns vor allem aus dem Antiken Griechenland bekannt ist.
Die Kleinplastiken des Jungpaläolithikums zeigen aber ein weit weniger ausgewogenes Bild. Hier dominieren die Abbildungen von Frauen mit deutlichen Kennzeichen der Schwangerschaft und stark betonten Geschlechtsteilen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es sich bei diesen Figurinen um Darstellungen einer universellen Muttergottheit handelt, das Prinzip der Fruchtbarkeit, die nicht nur das Fortbestehen der Menschen sichern soll, sondern das Fortbestehen des Lebens schlechthin (5).

Diese Muttergottheit begegnet uns alles beherrschend wieder im jungsteinzeitlichen Catal Hüyük in Form der großen schwangeren Herrin der Tiere auf einem Leopardenthron. Die Grabbefunde in Catal Hüyük legen wiederum nahe, daß die Rolle der Frau in der Gesellschaft dominierend war. Sie war die Herrscherin über das Haus, über die Siedlung, über die Bedrohungen aus der Wildnis (6).
Diese Große Göttin ist in der gesamten Jungsteinzeit bis in die frühe Bronzezeit ein maßgebliches Bildthema und begegnet uns im minoischen Kreta ein letztes mal in dominierender Position. Mit entblößten Brüsten hält die kretische Göttin zwei Schlangen, Symbole des ewigen Lebens, in die Höhe. So wie die Göttin werden auch alle anderen Frauen auf minoischen Vasenmalereien und Fresken mit zur Schau gestellten Brüsten abgebildet (7). Sie werden in der Regel als Priesterinnen gedeutet.

Für alle Kulturen dieser Traditionslinie gilt, daß die Frauen offenbar eine mindestens gleichberechtigte sozio-politische Rolle gespielt haben, wenn sie nicht sogar das gesellschaftliche und religiöse Leben bestimmten. Zudem gibt es keinerlei Hinweise darauf, daß die Schöpfer der genannten Darstellungen Männer gewesen sein müssen.

Die Entscheidung, den weiblichen Körper zu entblößen, wird mit der größten Wahrscheinlichkeit also von Frauen gefällt worden sein, ebenso wie der Blick auf den weiblichen Körper ebenfalls ein weiblicher gewesen sein wird. Die Selbstentblößung muß also gelesen werden als ein Akt, indem sich Selbstsicherheit und Stolz auf die eigene Geschlechtlichkeit und deren soziopolitische Machtfülle ausdrücken.
Zeigte im minoischen Kreta oder im frühen Mykene eine Frau ihre Brüste, präsentierte sie selbstbewußt das, was ihre unantastbare gesellschaftliche Stellung legitimierte.

Die mythologische Entwicklungslinie der Großen Göttin wurde schließlich von  indoeuropäischen Invasoren aus Zentralasien langsam aber erbarmungslos zurück gedrängt. Im mykenischen Griechenland konnte die Frau ihre gesellschaftliche Rolle noch eine zeitlang mit Rückgriff auf die minoische Kultur und Tracht bewahren, doch die politische und ökonomische Macht ging mehr und mehr in die Hände der Männer über (8). Die Darstellungen von Priesterinnen und Göttinnen wurden langsam von männlichen Figuren ersetzt, so z.B. von Zeus, der in der mykenischen Frühzeit noch eine unbedeutende Nebengottheit war (9).

Im klassischen patriarchalen Athen schließlich war die öffentliche, rituelle Nacktheit nur noch Männern vorbehalten, während sie für Frauen als anstößig galt. Tatsächlich wurde der Frau nicht nur vorgeschrieben, ihren Körper verhüllt zu halten, sondern ihr ganzes Leben sollte sich bestenfalls in den Mauern des Hauses abspielen, das sie nur zu rituellen Festen und in Begleitung verließ (10). Selbst in der Kunst, die nun nachweislich nur noch von Männern geschaffen wurde, galt die gänzliche Entblößung der Frau als skandalös, wie im Falle der knidischen Aphrodite des Praxiteles. Diese berühmte Plastik wurde vor allem Vorbild für die Abbildung von Hetären, also Prostituierten am Rande der Gesellschaft, deren Nacktheit alles rituellen Kontextes beraubt war (11). Sie ist nicht mehr als weibliche Selbstentblößung anzusprechen, sondern als männliche Zurschaustellung des weiblichen Körpers, der sonst unzugänglich ist, also als pornographisch.

Wir erleben in der Antike eine Inversion des Verhältnisses von Macht und Nacktheit. Während in den bronzezeitlichen Kulturen die Frauen noch die Kontrolle über die Darstellung des eigenen Körpers hatten und die Selbstentblößung als Demonstration ihres privilegierten Standes nutzten, war diese Verfügungsgewalt in der Klassik auf die Männern übergegangen und die weibliche Nacktheit nur noch Gegenstand der Zurschaustellung (12), um dem männlichen Verlangen einen Ersatz für die reale Begegnung zu schaffen.

Im levantinischen Komplex, aus dem die drei großen Buchreligionen hervorgegangen sind, erleben wir eine noch drastischere Wendung. Die Schlange, das bronzezeitliche Attribut der lebensspendenden Göttin, wird zur Widersacherin eines männlichen Gottes. Sie hat die Frau verführt, die wiederum den Mann zu Fall gebracht und mit ihrem Fehltritt die Scham und die Sünde in die Welt gesetzt hat. Die Nacktheit wird grundsätzlich tabuisiert und vor allem der Körper der Frau als initialer Reiz der Versündigung stigmatisiert. Er muß also kontrolliert werden, da er als eine stetige Bedrohung der Reinheit des Mannes gilt.

Im orthodoxen Judentum dürfen Frauen entsprechend nur ihrem Ehemann ihr echtes Haar zeigen, weshalb es üblich ist, Perücken zu tragen. Im Islam müssen Körper und Haare der Frau bedeckt sein, nach radikalen Auslegungen sogar ihre gesamte Haut, während der Mann lediglich seine Unterarme zu bedecken hat. Nicht die Frau verfügt über die Sichtbarkeit ihres eigenen Körper, sondern ihr Mann. Es bleibt sein unumschränktes Privileg, sie nackt zu sehen, ebenso wie nur er gestatten darf, daß sie ihr Haar schneidet (13).
Gerade angesichts der gegenwärtigen Ereignisse im Iran wird deutlich, wie sehr die Kontrolle der Sichtbarkeit des Körpers vor allem ein Instrument der Unterdrückung sein kann (14). 

Im Gegenzug kann die weibliche Selbstentblößung, sei es die der Haare, des Gesichts oder der Brüste, als Akt des Protestes gegen die männliche Kontrolle verstanden werden.
1968 schockierten drei Studentinnen die Öffentlichkeit mit dem sog. „Busenattentat“ auf Adorno während einer Vorlesung (15). Seit 2008 protestiert die in Kiew gegründete feministische Gruppe „Femen“ programmatisch mit dem Mittel der Selbstentblößung. Und gegenwärtig protestieren die persischen Frauen gegen die patriarchalische Unterdrückung, in dem sie ihre Kopftücher verbrennen und die Haare schneiden.

Auch die rituelle Nacktheit, die in vielen Zirkeln des Wicca-Kults, also des modernen Hexentums, praktiziert wird, kann man als eine Revolte gegen die patriarchalen und prüden Buchreligionen verstehen, die die Frauen über 2000 Jahre systematisch entrechtet haben (16).

In den säkularisierten, westlichen Gesellschaften allerdings erleben wir die Nacktheit in der Regel nicht als Selbstentblößung, sondern als verlangt und erzwungen vom männlichen, pornographisierten Blick, dessen Zustandekommen Edward Albee in dem eingangs erwähnten Zitat beschrieben hat.
Bis in das frühe 21. Jhd. wurde also die Frau unter anderem beherrscht durch die Kontrolle des Grades der Entblößung, entweder in Form der Verhüllung oder der ausbeuterischen Zurschaustellung. Die Stigmatisierung des weiblichen Körpers und die daraus resultierende Dichotomie „Heilige oder Hure“ blieb die gleiche.

Doch in den letzten 20 Jahren haben sich die Wege der Bilder in die Öffentlichkeit paradigmatisch verändert. Gab es im 20. Jhd. noch eine überschaubare Anzahl von Massenmedien, die meist von Männern kontrolliert wurden, und die alle Inhalte nach eigenem Gusto streng filterten, steht es heute jedem Menschen mit einem digitalen Endgerät offen, seine Beobachtungen, seine Meinung und vor allem sich selbst der Weltöffentlichkeit zu präsentieren.

In seinem Essay „Transparenzgesellschaft“ erörtert Byung-Chul Han ausführlich die neuen Mechanismen und Bedingungen dieses Systems der Selbstentblößung. Nicht mehr die Einzelnen sind es, die mit ihrem Habitus, mit ihrer bewertenden Perspektive die herrschende Struktur aufrecht erhalten, sondern die Struktur hat begonnen, sich in einem kommunikativen Netzwerk zu dessen Bedingungen zu verselbständigen.

In den sog. Sozialen Netzwerken werden das Gesicht, der Körper, Lebensführung und Identität nur noch nach ihrem Ausstellungswert bemessen, der sich in anonymen Klicks zeigt. In dem Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und Einbettung unterwerfen sich die Nutzer*innen den Forderungen und Vorlieben einer nicht näher definierten Öffentlichkeit. Alle Äußerungen des Lebens werden auf eine Maximierung des Publikums und dessen Zuspruch abgestimmt.
Es geschieht eine Anpassung an das statistische Mittel der Werte, Bedürfnisse und Begierden - eine Anpassung an den Mainstream.
Und es geschieht eine entsprechende Umwertung des eigenen Lebens nach dessen Ausstellungswert. Befriedigung wird erzielt, indem der Blick der Öffentlichkeit befriedigt wird, und der ist noch immer geprägt von der männlichen, pornographisierten Perspektive. Selbst wenn eine intentionelle Selbstentblößung im Sinne der Selbstermächtigung im Physischen oder Psychischen stattfindet, muß sie sich, um wahrgenommen zu werden, den Herrschaftsstrukturen des öffentlichen Blicks unterwerfen, um überhaupt eine Öffentlichkeit zu generieren. Dazu wiederum müssen mögliche Makel beseitigt werden (17).

Um vermeintliche Fehler des Körpers zu beseitigen wurde bis vor kurzem vor allem auf Make Up und plastische Chirurgie zurückgegriffen, heute sind es in erster Linie digitale Filter für Fotos und Videos, die jedem zur Verfügung stehen und die Körper und Gesicht nach Wunsch digital optimieren. Zudem wird ein Muster bereits erfolgreicher Posen und Bildzitaten reproduziert, die mögliche Unsicherheiten mit der eigenen Körperlichkeit oder deren individuelle Züge verdecken.

Auf der Ebene der Persönlichkeit drückt sich die Anpassung an den Mainstream vor allem durch die Übernahme von Phrasen, Floskeln und aktuellen Sprachmoden und -regularien aus. Auch diese Umformung sprachlicher Äußerungen dient vor allem dazu, eine Persönlichkeit zu verbergen, die im Auge der Öffentlichkeit als mangelhaft erscheinen könnte.

Zwar zielen all diese Handlungsweisen und Verhaltensmuster auf eine Anerkennung in einem zwischenmenschlichen Zusammenhang ab, tatsächlich aber begegnet man, unter Vorspiegelung einer Wunschpersönlichkeit und idealer Körperlichkeit, ebenso nur anderen Vorspiegelungen. In dem die Individuen versuchen, ihre soziale Isolation zu überwinden, findet durch die Mechanismen der digitalen Öffentlichkeit de facto eine zunehmende Trennung und Vereinzelung statt. An die Stelle des Sichtbar-Werdens ist eine das Individuum verschleiernde Pornographisierung getreten.

Die Selbstentblößung wird, sobald sie den Bedingungen der digitalen Öffentlichkeit angepaßt ist, paradoxerweise also zur Selbstverhüllung. Dementsprechend ist auch die Suche nach sich selbst in einer unmittelbaren Begegnung mit dem Anderen nicht mehr möglich.

Das ist das kulturelle Bedeutungsfeld, das Pachet Fulmen mit ihren Bildern befragt. Es geht in ihnen um den weiblichen Körper, dessen Selbstwahrnehmung und die Bedingungen seiner Sichtbarkeit in einer Welt sich wandelnder Macht- und Medienstrukturen.

Ein Merkmal vieler Bilder ist die Fleischlichkeit der Körper, die ihrer Haut beraubt scheinen. Es scheint, als wäre der Versuch unternommen worden, den Körper wieder unmittelbar erfahrbar zu machen, indem man ihm die Haut, die vorrangige Projektionsfläche des pornographisierten Blicks, abzieht.
Was bleibt sind Muskulatur, Gefäße, Blut, Nerven, das Gefäß unserer Gefühle und Selbstempfindungen - und es bleiben Verweise auf Prozesse, die dem weiblichen Körper vorbehalten bleiben, wie Geburt und Menstruation. Man darf diesen Aspekt der Bilder wohl lesen als ambivalente Chiffre für die Verletzlichkeit, die Selbsterkundung und schließlich Rückeroberung des eigenen Körpers, ebenso wie als stolze Selbstentblößung weiblicher Körperlichkeit im Sinne der minoischen Entblößung der Brüste.

Zwei andere Aspekte zeigen sich auf einem Selbstportrait der Künstlerin, das angelehnt ist an ein Portrait des Journalisten Egon Erwin Kisch von Christian Schad aus dem Jahr 1928. Auf Schads Bild sieht man Kisch mit nacktem Oberkörper posieren; deutlich dabei zu sehen sind dessen Tatoos, die sich einer eindeutig rassistischen und sexistischen Bildsprache bedienen. Wir finden auf diesem Bild die stolze Selbstentblößung des Mannes, sowie seinen hierarchischen, bildgebenden Blick auf die beherrschten Gesellschaftsgruppen, in diesem Fall Frauen in pornographisierten Posen, Afro-Amerikaner als Witzfiguren und Asiaten als Mordopfer.
Männliche Selbstdarstellungen dieser Art sind für uns nichts Ungewöhnliches, doch sobald eine Frau sich in diese selbstentblößende Pose der patriarchalen und kolonialen Machtdemonstration versetzt, sind wir irritiert. Wir werden notgedrungen zu der Frage gezwungen, wem wir, unserem unreflektierten Empfinden nach, diese Selbstinszenierung zubilligen.

Andere Bilder verweisen auf rituelle Nacktheit. Sie zitieren sub- und popkulturelle Bildthemen, die ihren Ursprung im Wicca-Kult haben. Die dargestellten Frauen werden in einen mystischen und märchenhaften Kontext überführt, in dem ihre Nacktheit Ausdruck ihrer übernatürlichen Macht ist. Ganz bewußt wird in diesem Zusammenhang auf ein gegebenes visuelles Repertoire zurückgegriffen, das vom Kitsch des femininen Mainstreams geprägt ist. Diese digitalen Bildwelten spielen wiederum eine wichtige Rolle bei der Selbstverortung und der Identitätsbildung junger Frauen und Mädchen.
Eine großformatige Arbeit zeigt eine nackte, bzw. gehäutete Frau, die sich ein Handy vor die Brust hält - fast scheint es mit ihrem Körper verwachsen und an die Stelle ihres Herzens getreten zu sein. Es bleibt offen, ob sie sich selbst, oder den Betrachter damit fotografiert.
Doch während sie das Kommunikationsmedium in den Mittelpunkt ihrer Selbst rückt, ist sie völlig isoliert. Nur ihr Körper leuchtet roh und rot und präsent in einer weißen Leere, die sie von allen Seiten umschließt. Das Fleisch lebt, aber es bleibt allein in einer digitalen Welt.

Ein letztes Bild, auf das ich hinweisen möchte, zeigt ein Liebespaar in inniger Umarmung. Doch während die Frau erneut in ihrer ganzen Fleischlichkeit anwesend ist und dafür bereit scheint, ihrem Partner unmittelbar zu begegnen, ist er nur ein schwarzer Schemen, ausgefüllt von Kürzeln und Parolen aus dem Repertoire der Chats und Kommentare auf Facebook, Whatsapp & Co.
Von ihm ist nichts geblieben als diese sprachliche Maskerade, hinter der er sich verbirgt und die er zudem als Machtinstrument nutzt.
Denn während man als Betrachter*in der weiblichen Figur eine Nacktheit zugesteht, die nicht vom männlichen Blick befohlen, sondern selbst frei gewählt ist, migriert von der männlichen Figur lediglich das Wort „Slut“, also „Schlampe“ aus seinem anonymen Inneren auf ihren Körper über, und unternimmt damit den Versuch, sie dem patriarchalen Herrschaftsmuster „Heilige oder Hure“ und dem pornographisierenden Blick zu unterwerfen.

Und damit tritt uns wieder der Entwurf des Mannes in Edward Albees Theaterstück vor Augen, der dadurch geprägt wurde, die Bilder als Ersatz für die Wirklichkeit zu nehmen, und der deshalb später nur noch imstande ist, die Wirklichkeit als Anlass zu nehmen, die verinnerlichten Bilder zu beleben und auf den fremden Körper zu projizieren.

An dieser Stelle möchte ich abbrechen. Alle weiteren Fragen möchte ich den Bildern überlassen. Und alle weiteren Antworten dem Publikum.


© Dr. Thomas Piesbergen / VG Wort, November 2022

(1) Edward Albee: The Zoo Story, Gardners Books, 2004

(2) Marylène Patou-Mathis: Weibliche Unsichtbarkeit. Wie alles begann,Verlag Carl Hanser, München 2021 

(3) Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus, C.H. Beck, München, 2014, S. 65

(4) Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus, C.H. Beck, München, 2014, S. 85, 86

(5) Joseph Campbell: Mythologie der Urvölker, Heinrich Hugendubel Verlag, Munchen 1992

(6) James Mellaart: Älter als Babylon - Die Geschichte der Entdeckung von Catal Hüyük, einer Stadt aus der Steinzeit, Mannheimer Forum, Mannheim 1972

(7) Hermann Müller Karpe: Grundzüge früher Menschheitsgeschichte Bd. 2, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1998

(8) Manuela Wagner: Frauen im mykenischen Griechenland, Naturhistorische Gesellschaft Nürnberg, docplayer.org

(9) Bettany Hughes: Mykene, in: Metropolen der Alten Welt, Köhler & Amelang, Leipzig, 2014

(10) Elke Hartmann, Frauen in der Antike. Weibliche Lebenswelten von Sappho bis Theodora, München 2007 

(11) Dietrich Willers: Nacktheit, in: Der Neue Pauly, Enzyklopädie der Antike. Band 8, Metzler, Stuttgart 2000

(12) Rolf Hurschmann, Ingomar Weiler: Nacktheit: A. Mythos; B. Kult; C. Alltag und Sport. In: Der Neue Pauly, Enzyklopädie der Antike, (DNP). Band 8, Metzler, Stuttgart 2000, ISBN 3-476-01478-9, Sp. 674–675.

(13) Shaikh Muhammad Salih al-Munajjid, https://islamqa.info/ge/answers/139414/der-frau-ist-es-erlaubt-ihr-haar-zu-kurzen-um-sich-zu-verschonern-und-es-gibt-nichts-dagegen-einzuwenden

(14) Abdel-Hakim Ourghi: Das Kopftuch ist kein religiöses Symbol, Rheinische Post online, 6. August 2018

(15) Anne Lemhöfer: Hörsaal VI - Busenattentat im Raum für Ideen. In: Frankfurter Rundschau. 30. April 2008, abgerufen am 24. August 2019.

(16) Gerald Gardner: Witchcraft Today. Einleitung von Margaret Murray. Rider and Co., London u. a. 1954. Neuausgabe: Citadel Press, New York NY 2004,

(17) Byung-Chul Han: Transparenzgesellschaft, Matthes & Seitz, Berlin, 2013

Montag, 24. Oktober 2022

Die unscharfe Grenze zwischen Körper und Welt - Dr. Thomas Piesbergen zur Ausstellung „Acceleration Time of Desire" von Sophia Latysheva

Die Ausstellung "Acceleration Time of Desire" von Sophia Latysheva in der Galerie des Einstellungsraum e.V. findet statt im Rahmen des Jahresthemas "Autonom?"
 
 
Sophia Latysheva, "Acceleration Time of Desire", Einstellungsraum, 2022


Eines der grundlegenden Konstrukte unserer Wahrnehmung ist die Opposition von Selbst und Welt. Wenn der Akt einer Wahrnehmung stattfinden soll, so setzt das voraus, daß Etwas ist, während ein Anderes außerhalb von ihm ist, etwas, das es nicht selbst ist und deshalb wahrgenommen werden kann. Karl Jaspers bezeichnet diesen Sachverhalt als Subjekt-Objekt-Spaltung.
Allen (…) Anschauungen ist eines gemeinsam: sie erfassen das Sein als etwas, das mir als Gegenstand gegenübersteht, auf das ich als auf ein mir gegenüberstehendes Objekt, es meinend, gerichtet bin. Dieses Urphänomen unseres bewußten Daseins ist uns so selbstverständlich, daß wir sein Rätsel kaum spüren, weil wir es gar nicht befragen. Das, was wir denken, von dem wir sprechen, ist stets ein anderes als wir, ist das, worauf wir, die Subjekte, als auf ein Gegenüberstehendes, die Objekte, gerichtet sind.“ (1)

Diese Spaltung, die mit dem Erwachen des menschlichen Bewußtseins, das immer auch ein Selbstbewußtsein ist, einhergeht, bringt die grundlegende Dichotomie von Welt und Mensch hervor.

In der abendländischen Kulturgeschichte hat sich diese Opposition unter dem maßgeblichen Einfluß der dualistischen Buchreligionen mit ihrer Trennung von Gottheit und Welt, zu dem Konzept einer grundlegenden Trennung von Geist und Welt entwickelt. Die philosophiegeschichtlich bis heute wirksamste Formulierung in diesem Zusammenhang stammt von Descartes, der die Grenze zur Außenwelt um das wahrnehmende Subjekt zog. Definierend für die Innenwelt seien die res cogitans, die Dinge des Denkens, das Außen bezeichnet er als die res extensa, das Darüber-Hinausgehende. Descartes betonte: „Die Außenwelt könnte ein bloßer Traum sein.

Descartes definiert Geist und Welt also anhand ihrer Inhalte. Was er nicht beschreibt ist die Beschaffenheit der Grenze zwischen beiden Sphären, ebenso wenig berücksichtigt er den Prozess, in dem das eine in das andere übergeht. Er bezeichnet das Denkende als das „Ich“, aber den Prozess des Denkens selbst, den Prozess der Wahrnehmung, aus dem die Subjektivität ursprünglich hervorgeht, behandelt er nicht.
Die Unterlassung diese Grenze zwischen Selbst und Welt genauer zu untersuchen, ist dem geistigen Milieu des frühen 17. Jhd. anzulasten. Da Geist und Welt als unvereinbar miteinander galten und die Körperlichkeit der profanen Sphäre zugeordnet wurde, konnte die Grenze zwischen dem  Körperlichen und dem Geistigen, wenn überhaupt, nur Gegenstand metaphysischer Spekulationen sein, andernfalls hätte man zugeben müssen, es sei möglich, den Geist, also auch das Göttliche, sofern man seine Grenzen kenne, mit Mitteln der Vernunft zu erfassen oder sogar zu messen.

Erst in den letzten zwei Jahrzehnten wurde diese unüberwindlich scheinende Grenze zwischen Selbst und Welt, die Karl Jaspers ein unbefragtes Rätsel nennt, und die noch im Umfeld des radikalen Konstruktivismus der 1970er  als absolut galt, zusehends zum Gegenstand neurobiologischer, empirischer Forschung.
Allen voran hat sich der Neurowissenschaftler Antonio Damasio in seinen Untersuchungen über das Zustandekommen von Gefühlen auch mit dem Zustandekommen von Bewußtsein und Subjektivität auseinandergesetzt und das derzeit maßgebliche Modell vorgelegt, das die Grenze zwischen Innen- und Außenwelt nicht als digitalen Übergang beschreibt, sondern als ein Kontinuum.

Eine zentrale Rolle spielt dabei der Körper. Auch wenn diese Bedeutung auf der Hand zu liegen scheint, so haben wir dennoch ein tief verankertes kulturbedingt schizophrenes Verhältnis zu unserer Körperlichkeit. Denn wir betrachten den Körper einerseits als Teil der Dingwelt, die wir wahrnehmen können. Unserer abendländischen Denktradition zufolge ist er etwas Weltliches, Fleischliches,  und, dem christlichen Dogma folgend, etwas per se Sündhaftes, das von unserem geistigen Selbst geschieden ist.
Diese Vorstellung hat eine lange, persistente Tradition und liefert schließlich auch das ideologische Substrat für solche Konzepte wie den Posthumanismus, der den menschlichen Geist als von der Materie geschiedene Software begreift, die man irgendwann schließlich verlustfrei in Supercomputer hochladen könne.

Andererseits lehrt uns die Alltagserfahrung, daß es unmöglich ist, unser körperliches Befinden von unserem seelischen zu trennen. Denn jede Beeinträchtigung des Körpers schlägt sich auch seelisch nieder und jede seelische Regung zeitigt einen körperlichen Effekt, der uns ermöglicht, diese Regung als Gefühl zu erleben. Wir erfahren unseren Körper also nicht nur als etwas von uns Getrenntes, sondern zugleich als den Ort, an dem sich unser Selbst ereignet.

Nach Antonio Damasio ist die Wahrnehmung des eigenen körperlichen Zustands auch für das Zustandekommen von Subjektivität und schließlich des Bewußtseins essentiell.  Seinen Untersuchungen zufolge entsteht die Subjektivität aus den Bildern, die wir uns von unserem Körper als Ganzem machen, während er Sinneseindrücke aus der Außenwelt aufnimmt und zu Gegenständen des inneren Erlebens verarbeitet.
Diese sog. Körperkartierung schließt sowohl die Wahrnehmung des Rezeptionsvorgangs selbst ein, als auch unsere körperlichen Reaktionen darauf. Bewußtsein bedeutet also einerseits die Wahrnehmung wahrzunehmen, sowie die dadurch ausgelösten physischen Vorgänge, die wir in psychische Stimmungen übersetzen. Voraussetzung dafür ist jedoch die Selbstwahrnehmung der Zellen und ihrer jeweiligen Milieus. (2)

Hier transzendiert Damasios Modell bereits die herkömmliche Vorstellung, das Selbst sei im Gehirn oder im Nervensystem eingeschlossen. Wir wissen inzwischen nicht nur von dem sog. zweiten Gehirn, also den deutlich älteren dichten Nervengeflechten im Darmbereich, sondern auch von den Wechselwirkungen zwischen Nervenimpulsen und ihrem Transit-Milieu, von denen die neutralen Primärimpulse modifiziert werden.

Ebenfalls sind uns die epigenetischen Effekte bekannt, mit denen unsere Darmflora maßgeblich auf körperliche und seelische Zustände einwirkt. In diesem Zusammenhang stellt sich also nicht nur die Frage, inwiefern unser Selbst das Gehirn oder das Nervensystem transzendiert, sondern ob unser Selbst überhaupt einer Entität, die einer bestimmten Spezies angehört, zugeordnet werden kann, oder ob das, was wir als „Ich“ bezeichnen nicht vielmehr eine symbiotische Konstruktion ist, an der über vier Milliarden verschiedenste Bakterien in unserem Verdauungssystem beteiligt sind.

Doch auch in einem für uns viel konkreter erfahrbaren Zusammenhang offenbart sich der Charakter der Grenze zwischen Subjekt und Welt als der einer unscharfen Überganszone. Laut Damasio entsteht die Subjektivität vor allem aus der Wahrnehmung der Wahrnehmung, also einer Verbindung des Wahrgenommenen mit den wahrnehmenden Organen, was nur durch das sog. Körperschema möglich ist, also durch unser Konzept und unser Empfinden des eigenen Leibes. Dieses Körperschema jedoch, ist keineswegs statisch.

Der Neurologe Oliver Sacks beschrieb z.B. Menschen mit neurologischen Schäden, die Teile ihres eigenen Körpers nicht mehr als zu sich gehörend empfanden (3). Genauso kennen wir alle das Gefühl eines erweiterten Körperschemas, z.B. beim Hantieren mit einem Werkzeug oder Sportgerät, dessen Maße wir nicht bei jeder Aktion neu bedenken müssen. Wir entwickeln durch Gewöhnung ein Gefühl für die Erweiterung unseres Körpers. Diese Transzendierung des ursprünglichen Körperschemas kann soweit gehen, daß Autofahrer*innen ein Gefühl für den eigenen Wagen mit seinen Ausmaßen, seinen Eigenarten und Macken entwickeln, das ihnen ermöglicht, damit intuitiv zu manövrieren, ohne auf eine stark verzögerten Abgleich mit dem Logos zu warten.

Dem Paläoneurologen Emiliano Bruner zufolge ist dafür die Entwicklung des Parietallappens verantwortlich, in dem unter anderem die Koordination von Hand und Auge angelegt ist, die wiederum einen wichtigen Baustein für das Zustandekommen des Körperschemas bildet (4).

Anhand zahlreicher Gipsabgüsse der Gehirne von Hominiden konnte er eine kontinuierliche Vergrößerung dieses Hirnareals beobachten, die parallel zu der Entwicklung von Steingeräten verlief. Gleichzeitig konnte er spezifische Wechselwirkungen zwischen Werkzeug und dieser Region des Gehirn sfeststellen. Sobald ein Werkzeug richtig in der Hand liegt, ändert sich nicht nur die Leitfähigkeit der Haut, sondern es werden im Parietallappen Areale aktiviert, die für die damit ausgeführten Tätigkeiten sowie die Erinnerungen daran verantwortlich sind (5).


Im Laufe der Evolution bildete der Mensch also ein Hirnareal aus, das sich gezielt an die Anforderungen des Werkzeuggebrauchs angepasst hat und Objekte intuitiv auf ihre Eignung als Werkzeug untersucht.
Die Kognitive Archäologin Miriam Haidle schreibt zu diesem Phänomen: „Der Mensch wird nicht nur durch körperliche und geistige Eigenheiten charakterisiert, sondern wird erst verständlich durch seine unauflösliche Verknüpfung mit unbelebten Objekten, die durch ihn zu Teilen von Handlungen und dadurch der menschlichen Welt werden. Die Verbindung zwischen dem bewusst handelnden Subjekt Mensch und einem Objekt wird durch kognitive Prozesse geschaffen. Das Objekt wird dadurch als Werkzeug zu einer zeitlich begrenzten Erweiterung des Subjekts.“ (6)

An anderer Stelle weist Haidle darauf hin, daß Werkzeuge nicht nur unlösbar mit dem Menschsein verbunden sind, sondern auch unsere Wahrnehmung selbst beeinflussen. Durch sie lernen wir Qualitäten und Aspekte der materiellen Umwelt kennen, die uns ohne sie nur schwer oder gar nicht zugänglich wären. Zugleich verändern die durch sie gewährten Möglichkeiten den Blick auf die Dinge, die uns umgeben. Wer schon einmal Holz mit einer Axt gespalten und mit diesem Werkzeug dessen Materialität wahrgenommen hat, entwickelt eine andere Vorstellung davon, ein anderes Gefühl dazu. Werkzeuge erweitern also auch unsere kognitiven Sinne und damit unseren subjektiven Zugang zur Welt.

Es scheint also, daß der Mensch eine Evolution durchlaufen hat, während der er sich neurologisch an eine von ihm geschaffene Technosphäre angepasst hat. Er hat sich genetisch so verändert, daß er ebenso wenig ohne Werkzeuge denkbar ist, wie ein Einsiedlerkrebs ohne Schneckenhaus oder eine Köcherfliegenlarve ohne ihren Köcher. Werkzeuge sind Teil des Menschseins.

Betrachten wir vor diesem Hintergrund erneut das Selbst und forschen nach dessen Grenzen, müssen wir uns also die Frage stellen, wie weit es in die Sphäre der uns umgebenden Dinge hinein reicht? Wie die Grenze zwischen Selbst und Welt beschaffen ist? Und ist das, was wir als unser Selbst bezeichnen, nicht viel eher ein interaktives oder symbiotisches System organischer und anorganischer Elemente? 

Sophia Latysheva, "Acceleration Time of Desire", Einstellungsraum, 2022

Diese Fragen sind auch Ausgangspunkt der Arbeiten des aktuellen Werkkomplexes von Sophia Latysheva.

Dazu hat sie sich einem gesellschaftlichen Feld zugewandt, auf dem dieser Themenkomplex immer wieder sichtbar und öffentlich verhandelt wird: der Leistungssport. In jeder Saison werden neue Regularien erarbeitet, die bestimmen, wie Sportgeräte beschaffen sein dürfen, welche technischen und biochemischen Mittel zur Steigerung der Leistung legitim, und welche körperlichen Modifikationen zulässig sind.

Dem liegt die Vorstellung zugrunde, allen Sportler*innen die gleichen Voraussetzungen zu bieten, damit schließlich die rein individuelle Leistung beurteilt werden kann.
Doch schon bei minimalistischen Sportarten wie dem Skisprung beeinflussen bereits etliche technische Faktoren die erbrachte Leistung, wie z.B. Schnitt und Material des Anzugs, der Ski, das Wachs, die Bindung, der Schuh, der Helm etc.. Da sich zu diesem technischen Komplex auch noch zahllose körperliche und psychische Aspekte gesellen,  wird unter den Skispringer*innen meist nur noch von einem System gesprochen. Die Aufgabe der Athlet*innen besteht also vor allem darin, alle disparaten Elemente zu bündeln, sich zu eigen zu machen und mit ihnen zu einem System zu verschmelzen. Die Leistung wird also nicht nur von den Sportler*innen erbracht, sondern durch das synergetische Zusammenwirken verschiedenster organischer und anorganischer, materieller und immaterieller Bausteine, aus denen eine Entität jenseits der herkömmlichen Definitionen des Individuums hervorgeht, ein Ganzes, das mehr ist, als die Summe seiner Teile.

Sophia Latysheva, "Acceleration Time of Desire", Einstellungsraum, 2022


Noch deutlicher wird die unlösbare Verbindung von Mensch und Technik im Motorsport, in dem nicht nur die Sportler*innen miteinander konkurrieren, sondern auch die Ingenieur*innen, die für die Technik verantwortlich sind. Zugleich können wir eine maximale Anpassung der Maschine an die jeweiligen Pilot*innen beobachten. Die Gestalt der Maschinen wird perfekt auf die Körpermaße der Fahrer*innen zugeschnitten, damit Körper und Gefährt zu einer Einheit verschmelzen können.

Doch selbst wenn die Sportler*innen während eines Wettkampfes ihr  Sportgerät perfekt in ihr Körperschema intergrieren und es Teil ihres subjektiven Erlebens wird, glauben wir in der Außensicht noch klar trennen zu können zwischen Subjekt und Objekt, da diese Integration, selbst wenn sie , wie wir inzwischen wissen,neurologisch verankert ist, nur temporär stattfindet.

Sophia Latysheva, "Acceleration Time of Desire", Einstellungsraum, 2022


Wie sieht es allerdings im Falle der Prothetik aus, die z.B. im Para-Sport eingesetzt wird und die nicht nur vorübergehend genutzt wird? Wie sehr ist ein künstliches Hüftgelenk oder ein künstlicher Unterschenkel Teil unseres Selbst? Sind die gelaserten oder künstlichen Linsen von Golfspieler*innen, mit denen  sie ihre Sehkraft verdoppeln, Teil ihres Selbst oder Hilfsmittel, die die Forderung nach Fairness unterlaufen? Wenn Sportler*innen sich ohnehin unterscheiden durch Knochenbau und Muskeldichte, dürfen sich nicht auch ihre dauerhaften künstlichen Gliedmaßen voneinander unterscheiden, oder darf man nur mit normierten Prothesen an Wettkämpfen teilnehmen? Was ist Teil des Selbst und was nur ein körperfremdes Hilfsmittel? Und darf man die Entscheidung darüber Sportfunktionären überlassen?

Auf diese Kontexte bezugnehmend bestehen die Objekte der vorliegenden Ausstellung Sophia Latyshevas einerseits aus Teilen von Fahrrädern, Motorrädern und anderen hochtechnischen Sportgeräten, andererseits aus Glasfasern und Epoxidharz, wie sie in der Prothesenherstellung verwendet werden.

Sophia Latysheva, "Acceleration Time of Desire", Einstellungsraum, 2022


Die Form der Fahrrad- und Motorradelemente ist meist an den menschlichen Körper angepasst, um die Verschmelzung mit dem Körper, die Integration ins Körperschema und dadurch die bestmögliche Kontrolle des Geräts und die organischste Übertragung kinetischer Energie zu erreichen - die innige Umschlingung eines Sportmotorrads durch seine Fahrer*in haben wir alle vor Augen.
Die Geräte sind also so konstruiert, daß sie bestmöglich ins Körperschema integriert werden können und Teil des subjektiven Erlebens der Athlet*innen werden. In ihrer Form ist also das Konzept der Erweiterung des Körpers und der Selbstwahrnehmung evident.

Ergänzt werden diese Objekte durch Körperabformungen, die mit orthopädietechnischen Verfahren hergestellt werden. Doch auch wenn Herstellung und Ästhetik an künstliche Gliedmaßen gemahnen, sind die Elemente nicht von versehrten Körpern abgeformt, um etwas Fehlendes zu ersetzen und einen Mangel auszugleichen, wie es sonst für die Prothetik gilt. Vielmehr stammen sie von vollständigen, unversehrten Körpern.

Sophia Latysheva, "Acceleration Time of Desire", Einstellungsraum, 2022

Die Körperabformung sind also nicht gedacht als Ersatzteile, wie es Prothesen in der Regel sind, sondern machen die Objekte ganz im Gegenteil lesbar als Hinweise auf eine gleichwertige Erweiterung des organischen Körpers, die weder mit dem organischen Körper in Konkurrenz tritt, noch mit der an den Menschen angepaßten Technik.

Wir erkennen in den so entstandenen Objekten offene Systeme, die aus dem menschlichen Körper, seinen Dimensionen und Bewegungsmustern hervorgegangen sind und die ohne ihn bedeutungslos wären.
Wir sehen vor uns Systeme, in denen wir, entsprechend unserer evolutionären Adaption des Parietallappens, instinktiv nach einem ergonomischen Zugriff suchen, damit wir sie in unser Körperschema integrieren können, um in einem synergetischen Prozess unseren Wirkungsgrad, unsere Interaktion mit der Welt und in diesem erweiterten Handeln schließlich auch unser Selbst, unsere Subjektivität zu erweitern. Dadurch untergraben die gewohnte Vorstellung einer kartesischen Grenze zwischen Selbst und Welt, zwischen Geist und Körper.

Sophia Latysheva, "Acceleration Time of Desire", Einstellungsraum, 2022

Es wäre zu viel verlangt, von der künstlerischen Position Sophia Latyshevas Antworten zu erwarten. Aber das, was sie in jedem Fall leistet ist, um bei der Begrifflichkeit von Karl Jaspers zu bleiben, das unbefragte Rätsel unseres bewußten Daseins, die Grenze zwischen Subjekt und Objekt, schließlich doch zu befragen.

© Dr. Thomas Piesbergen / VG Wort, Oktober 2022

 

Literaturverweise

(1) Karl Jaspers: Einführung in die Philosophie. R. Piper, München 1953 / 1986, S. 24 f.

(2)  Antonio Damasio: Im Anfang war das Gefühl, Siedler, München, 2017, S.173

(3)  Oliver Sacks: Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 2003 

(4)  Niels Birbaumer & Robert F. Schmidt: Biologische Psychologie, Springer, Berlin, 2010

(5)  Dirk Husemann: Wie die Hand das Hirn formte, Bild der Wissenschaft 7, 2019

(6)  Miriam Haidle: How to think tools? A comparison of cognitive aspects in tool behavior of animals and during human evolution, Universität Heidelberg, Print-on-Demand, 2006



Mittwoch, 24. August 2022

Neue Kurse der Schreibwerkstatt Das Textprojekt: Modul 1 in Altona und erstmals in Niendorf - ab dem 3. und 4. Oktober

Liebe Literaturfreund*innen!

Nach 12 Jahren Schreibwerkstatt am Fischmarkt habe ich die Gelegenheit auch in der wunderschönen Villa Mutzenbecher im Niendorfer Gehege zu unterrichten.

Am 3. Oktober 2022 beginnt ein neuer Kursabschnitt 1  in Altona, am 4. Oktober startet der Kurs in der Villa Mutzenbecher.

Der Kursabschnitt 1 "Von der Idee zum ersten Entwurf" wendet sich vor allem an Schreibanfänger, aber auch an Schreibende, die ihre handwerklichen Fertigkeiten verbessern wollen.

Inhaltlich werden wir uns mit literarischen Grundkonflikten beschäftigen, mit der Gestaltung lebendiger Charaktere und dem Entwurf überzeugender und packender Handlungsverläufe und deren Struktur sowie allgemeinen dramaturgischen und handwerklichen Problemen.

Die Unterrichtseinheiten werden begleitet von Hausaufgaben, in denen die Teilnehmer die erlernten Techniken ausprobieren können - gerne auch im Rahmen eigener, bereits bestehender Projekte. Die so entstandenen Texte werden in der Gruppe besprochen. Alles darf, nichts muss...


ANMELDUNG per E-Mail: thomas.piesbergen (at) gmx.de

Die Themen im Einzelnen:

• Schreibmotivationen
• Authentizität und Fiktion
• Schreibmethoden
• Literarische Reduktion: Themen und Prämissen
• Konflikte und Transformation
• Charaktere: Protagonist und Antagonist
• Charaktere: Nebenfiguren und Dritte Kraft
• Charaktertiefe
• Charakterisierung
• Konflikte und ihre Entwicklung
• Akute Konfrontationen und verdeckte Konflikte
• Entwurf des Handlungsverlaufs: „Schicksalskurven“
• Gliederungsschemata: Dreiakter, Heldenreise, Regeldrama u.a.
• Struktur: Szenen, Schwellen, Spiegelungen, Motive
• Mechanismen der Eskalation
• Plot und Gegenplot
• Spannung erzeugen
• Das Setting
• Schauplätze
• Schreibhemmungen

Ort: Atelierhaus Breite Straße 70 / Villa Mutzenbecher
Kursdauer: 2 Monate (8 x 2 Stunden)
Teilnahmegebühr: 200,- € / ermäßigt 160,- € (Villa Mutzenbecher: 240/200)
Zeit: Montags 19:30 - 21:30


 


Villa Mutzenbecher © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Donnerstag, 21. Juli 2022

Schreibwerkstatt Das Textprojekt: Neues Modul 3 ab dem 8. August 2022

 Liebe Ehemalige!

Am 8. August 2022 beginnt ein neuer Kursabschnitt 3 der Schreibwerkstatt "Das Textprojekt": 

Die Überarbeitung

Im Kurs beschäftigen wir uns mit der Ausarbeitung und Präzisierung der Kernaussagen literarischer Texte und der Erarbeitung einer geschlossenen stilistischen Gestalt.

Wir lernen unter anderem, wie die charakterliche Kontinuität von Figuren aufrecht erhalten wird, wie man die Repräsentation von Konflikten auf den Punkt bringt, wie man die Dramaturgie von Sätzen, Absätzen und Szenen so effektive wie möglich herausarbeitet, wie Dialogketten funktionieren, wie man in Schichten schreibt, wie verunglückte Szenen wieder eingerenkt werden können, wie man sinnvoll und effektiv kürzt, wie man Texten ein rhythmisches Gefüge und Melodie verleiht, typische Stilmacken vermeidet,  perspektivische Fehler erkennt und korrigiert und wie man Texte mit farbigen Metaphern, präzisen Vergleichen und intensiven Sinneseindrücken lebendig gestaltet.

Es sollten bestenfalls Texte vorhanden sein, die überarbeitet werden können. Eine Teilnahme ist aber genauso gut ohne umfangreiches eigenes Textmaterial möglich.
 

Anmeldungen unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de

Ein neuer Abschnitt 1 beginnt am 17. Oktober 2018


DAS TEXTPROJEKT
Atelierhaus Breite Straße 70
Hamburg - Altona
Dienstag 19:30 - 21:30
Kursdauer: 2 Monate ( 8 x 2 Stunden )
Teilnahmegebühr: 200,- / 140,- € ermäßigt
Gruppengröße: min. 4. - max. 10 Teilnehmer

 


 

Donnerstag, 23. Juni 2022

Das Narrativ vom gelobten Land - Dr. Thomas Piesbergen über die Ausstellung "Sehen-Sucht" von Esther Heltschl

Die Ausstellung "Sehen-Sucht" zum Jahresthema "Autonom?" findet bis zum 15.7.2022 im Einstellungsraum e.V. , Hamburg statt.

Esther Heltschl, Sehen-Sucht, 2022

Ein zentraler Aspekt der Menschwerdung und gestaltgebende Kraft aller ideellen menschlichen Kultur ist eine Fähigkeit, die uns so selbstverständlich und alltäglich erscheint, daß wir ihre Bedeutung und tiefgreifende Wirkung auf unser Leben kaum wahrnehmen. Es ist unsere Fähigkeit Geschichten zu erzählen.

Die Voraussetzungen des Erzählens sind die Fähigkeit, die zum Sprechen notwendigen Laute zu bilden, eine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft zu haben sowie von der sich daraus ableitenden Kausalität, und ein selbstreflexives Bewußtsein, das einhergeht mit der sog. „Theorie of Mind“, also dem Vermögen des Menschen, sich ein Bewußtsein vorzustellen, das nicht sein eigenes ist, sondern das eines anderen Menschen, der imstande ist, ebenso wahrzunehmen, zu fühlen und zu denken wie er selbst.

Aus diesen Merkmalen des werdenden Menschen ging das Erzählen von Geschichten emergent als überlegene evolutionäre Strategie hervor. War ein Mensch einer gefährlichen Situation ausgesetzt und überlebte sie, konnte er den Mitgliedern seiner Gruppe davon berichten. Er konnte schildern, wie er eine Herausforderung gemeistert hatte oder einer Gefahr entronnen war, und konnte seine Zuhörer dadurch auf ähnliche Situationen vorbereiten und ihnen Lösungsstrategien mit auf den Weg geben. Durch Geschichten wurden also Problemlösungen vermittelt.

In dem Geschichten anderer rezipiert und in der Vorstellung nachvollzogen wurden, entstand zudem ein hypothetischer Raum. Auf der inneren Bühne des menschlichen Geistes konnten sich Dinge abspielen, die von den Individuen selbst nicht erlebt worden waren. Es entstand die Fiktion.
Da der Mensch zudem gelernt hatte, alle Beobachtungen in narrative Kausalketten zu überführen, um den Herausforderungen seiner Umwelt planend begegnen zu können, wurden auch Ereignisse, die für das menschliche Leben essentiell aber unerklärlich waren, mit fiktiven Ursachen versehen, aus denen wiederum Strategien abgeleitet werden konnten, um diese Widrigkeiten vermeintlich zu überwinden, oder sich wenigstens vor ihnen zu schützen.
So entstanden die ersten mythologischen Narrationen, die die Erlebniswelt des Menschen strukturierten und sich schließlich zu religiösen Systemen verfestigten .

Indem Geschichten tradiert wurden, konnten sie bereits in der Frühzeit zum kulturellen Erbe einer Menschengruppe werden. Die Gruppe konnte sich wiederum über ihre spezifischen Geschichten von anderen Gruppen absetzten und sich selbst definieren.
Gleichzeitig entstand beim Erzählenden eine individuelle Identität. Indem er erzählte, setzte er sich von seinen Zuhörern ab. Er wurde von ihnen als der Akteur und Vermittler der erzählten Ereignisse wahrgenommen. Dieses Wahrgenommen-Werden wirkte reflexiv auf die Selbstwahrnehmung des Erzählenden zurück. Nicht das Ereignis selbst, sondern erst das Erzählen und das Gehört-Werden, ermöglichten es, den Unterschied zwischen der eigenen und der fremden Erfahrung zu realisieren. Die individuelle Identität entstand also aus einer Selbsterzählung, ebenso wie die Gruppenidentität aus der Summe kollektiver Erzählungen entstand.
Bis heute hat sich weder an dieser psychologischen und sozialen Funktion von Geschichten, noch an deren Grundstrukturen etwas geändert.

Da die Geschichten in der Frühzeit des Erzählens nicht nur von singulären Ereignissen berichteten, sondern auch von den zyklischen Krisen des menschlichen Lebens, und sich selbst außergewöhnliche Ereignisse über die Generationen hinweg wiederholten, kam es zu Überlagerungen der Geschichten, in denen sich die erzählten Elemente verdichteten zu wertaffirmativen und schließlich normativen Komplexen. Diese Komplexe bezeichnet man als Narrative. Es sind einzelne Denkfiguren, die wertende erzählerische Strukturen implizieren und damit soziale Werte und Normen vermitteln.
Vielleicht waren die ersten Narrative die vom bösen Tier in der Dunkelheit, von der eingeschworenen Jagdgemeinschaft, von der schützenden Macht des Feuers oder des selbstlosen Muts, der zur Überwindung gefährlicher Jagdbeute führen konnte.

Ein belegtes Narrativ, das wir an der Kunst des Mittelpaläolithikums ablesen können, war das der lebensspendenden, universellen Weiblichkeit, das erst Jahrtausende später in den patriarchalen Kulturen von dem Narrativ der Frau als Heiligen oder Hure ersetzt wurde.

Im Laufe der Menschheitsgeschichte wuchs die Zahl der Narrative und während die Menschen immer zahlreicher und die Gruppen immer differenzierter wurden, wurden auch die normativen Narrative immer differenzierter und differenzierender. Manche von ihnen wurden zum Grundakkord ganzer Gesellschaftssysteme. Eines dieser heute dominanten Narrative ist z.B. das individualistische „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ des Calvinismus, in dem Max Weber die Grundstruktur des kapitalistischen Geistes sah. Wir begegnen ihm in fast allen Hollywood-Produktionen, in neoliberalen Parteiprogrammen, in der Ratgeber- und Selbsthilfeliteratur, in Redensarten, in der Werbung, in politischen Kommentaren, in den Selbsterzählungen digitaler Influencer, in gutgemeinten Ratschlägen etc.pp..

Ein anderes Narrativ, das bereits uralt ist und etliche Überformungen erlebt hat, ist das Narrativ vom Gelobten Land. Um dessen Mechanismus zu begreifen, müssen wir wieder einen kurzen Blick auf die Psychologie des Erzählens an sich werfen. Wie weiter oben dargestellt werden Geschichten erzählt, um Problemlösungen aufzuzeigen. Wenn wir heute einer Narration folgen, in der eine Figur mit einer schier unlösbaren Aufgabe konfrontiert wird, erwarten wir, daß die Figur über sich selbst hinauswächst und das Problem löst; oder wir sehen die Figur scheitern, lernen daraus aber, welche Transformation sie hätte durchleben müssen, um das Problem zu lösen.
Wirklich ausweglose Szenarios sind ausgesprochen selten und nehmen in der Literaturgeschichte einen Sonderstatus ein, wie die exemplarischen Erzählungen und Romane Franz Kafkas. Denn in allen anderen Narrationen wäre der Prozess zu gewinnen oder das Schloß zu betreten. Diese Variante bleibt also ein Einzelfall und wird entsprechend als „kafkaeske Situation“ bezeichnet.

Wenn also von einem Problem erzählt wird, wird in der Regel zugleich vorausgesetzt, das Problem sei lösbar. Ebenso verhält es sich mit dem fernen, meist schwer erreichbaren Ort, dem Gelobten Land. Den psychologischen Gesetzen der Narration zufolge, muß dieser Ort erreichbar sein. Die Hoffnung wird mit erzählt.

Die ersten Geschichten, in denen sich das Narrativ vom gelobten Land herausbildete, entstanden mit größter Wahrscheinlichkeit in Zeiten, in denen die Nahrungsressourcen von Menschengruppen lebensbedrohlich reduziert waren und die Suche nach neuen Lebensräumen deshalb unvermeidlich wurde. Um einen Zustand des Mangels zu überwinden, mußte eine Herausforderung angenommen und eine Reise unternommen werden. Da Überlebende von erfolgreichen Suchen Berichten konnten, die Toten aber nicht vom ihren Scheitern, gab es nur das Narrativ der erfolgreichen Suche. „Wer suchet, der findet.“. Voraussetzung war also die feste Überzeugung, das Ziel der Reise wäre erreichbar. Kein Aufbruch ohne Hoffnung. Und da die Hoffnung mit erzählt wurde, konnte eine solche Reise auch unternommen werden, selbst wenn das Ziel nur in der Sphäre des Hypothetischen existierte.

Seit diesen Ursprüngen tritt uns das Narrativ des Gelobten Land in zahllose Variationen entgegen. Wir finden es in der Bibel als Kanaan, es ist zentraler Topos im Gründungsmythos des aztekischen Reiches, für die Konquistadoren war es Eldorado, für die Calvinisten und Puritaner war es Amerika, für die Seefahrer des 18. und 19. Jahrhunderts waren es die Inseln im Pazifik, in der deutschen Klassik war es Italien, in der deutschen Nachkriegszeit kam Spanien als exotischer Sehnsuchtsort dazu, für zivilisationsmüde Auswanderer sind es heute Neuseeland, Australien oder Kanada und für die weniger Wagemutigen sind es die weißen Palmenstrände der Malediven oder Ägyptens, von Mallorca, oder die an der türkischen Riviera mit All-Inclusive-Pauschalangebot. Und für Notleidende in Afrika und Westasien ist es Europa, für das sie sogar ihr Leben riskieren.

Nicht zu vergessen sind natürlich auch die religiös konnotierten Orte, die, als Kreuzungspunkt der sakralen Vertikalen und der profanen Horizontale als Mittelpunkt der spirituellen Welt gelten und an denen ein unmittelbarer Kontakt mit dem Numinosen verheißen wird, wie z.B. Mekka, Jerusalem oder Rom. In den dualistischen Religionen, die alles diesseitige Dasein schließlich als sündig verdammten, wurde zudem die Vorstellungen eines paradiesischen Jenseits’ immer konkreter und gegenständlicher und zum letzten und einzigen Ziel menschlicher Anstrengung.

Die jüngste Variante des gelobten Landes ist die virtuelle Welt mit ihren vielen Erscheinungsformen. Seit bald 20 Jahren nehmen Menschen in Second Life alternative Identitäten an und leben im digitalen Raum ihre Fantasien aus; Generationen von Teenagern sind vor einer unerfreulichen Wirklichkeit in Spiele wie World of Warcraft oder Minecraft geflohen; moderne Glücksritter schürfen im Internet nach Kryptowährungen, die größere Reichtümer verheißen als Eldorado; und im kommenden Metaversum von Facebookgründer Zuckerberg werden bereits virtuelle Grundstücke verkauft.

Doch ganz gleich, ob diese verschiedenen Varianten des gelobten Landes nun himmlische oder irdische Erlösung versprechen, implizieren alle Erzählungen immer einen intolerablen Mangel, den das Individuum im Hier und Jetzt erleidet. Zudem wird herausgestrichen,  daß der aktuelle Aufenthaltsort niemals dazu geeignet ist, den erduldeten Mangel zu beheben. Das vermag nur das als erreichbar konzipierte Gelobte Land.

Diese drei Aspekte - das mangelleidende Individuum, der unzureichende Ort und die Erreichbarkeit des Gelobten Landes - sind wiederum eng mit dem Narrativ der heilsbringenden Mobilität verknüpft. Im Laufe des 20. Jahrhunderts erlebte dieses Narrativ in Verbindung mit dem Narrativ individuellen Erfolgsstrebens einen atemberaubenden Aufschwung in Form der Automobilisierung der Gesellschaft und des Individualverkehrs als Massenphänomen. Bis heute wird es mit Nachdruck erzählt.

Die heraufbeschworene Bedeutung der Mobilität ist so essentiell geworden, daß sie sich schließlich sogar von der Idee eines zu erreichenden Ziels emanzipiert hat, und nicht mehr nur als Mittel zum Zweck, sondern als eigenständiger und essentieller Wert gilt. Der unbegrenzte Individualverkehr gilt per se als glücksverheißend, ganz gleich, ob er uns irgendwo hinbringen kann. Denn der Zustand des Einzelnen, sowie der Ort, an dem er sich befindet, können gar nicht anders sein als mangelhaft, sodaß selbst die ziellose Bewegung erstrebenswerter erscheint, als dort zu bleiben, wo man ist.
Dieses problematische Symptom sprach bereits der Philosoph Blaise Pascal mit dem Satz an: „Alles Unheil kommt von einer einzigen Ursache, dass die Menschen nicht in Ruhe in ihrer Kammer sitzen können.“

In dem vorliegenden Werkkomplex von Esther Heltschl treten diese drei erwähnten Narrative, das Gelobte Land, das sozial entkoppelte, individuelle Glücksstreben und die maximale Mobilität, in einen Dialog, in dessen Spannungs- und Bedeutungsfeld sich eine treffende und entlarvende Zustandsbeschreibung der postindustriellen Zivilisation ablesen läßt.

Das Automobil tritt uns in Form hermetisch in sich geschlossener, hohler Metallkörper entgegen. Sie alle bestehen aus zwei zusammengeschweißten, polierten Blechen und wirken wie aufgeblasen oder gedunsen. Eine Seite ist jeweils mit der Außenaufnahme eines Autos aus Google-Earth-3D bedruckt, die andere mit einer Aufnahme des Innenraums. Die Flächen, an denen sich die Fenster befinden, wurden jeweils unbedruckt belassen, sodaß der Betrachter darin sein eigenes mattes Spiegelbild erahnen kann. Die Oberfläche wird also zum Innenraum und schließt sich in einem introspektiven, statischen Loop, der mit der geschlossenen Objektform korrespondiert. Der Blick hat sich bereits stellvertretend durch digitales Mapping ereignet, der Betrachter selbst wird zu einer passiven, peripheren Erscheinung in diesem materialisierten Zustand der Rückkoppelung.

Neben den isolierten automobilen Entitäten sehen wir eine Reihe von Windschutzscheiben, auf denen sich, wie auf Displays, Abbildungen von Landschaften befinden. Die wahrzunehmende Außenwelt liegt nicht jenseits der Scheibe, sondern ist Teil von ihr geworden, sie ist etwas, das nur noch denkbar ist als ein Aspekt unseres individuellen, von der Umgebung sorgsam abgeschotteten Vehikels.

Die gezeigten Landschaften sind ebenfalls Screenshots von Google-Earth-3D und zeigen einen Ort, der eng mit einem wissenschafts- und sozialgeschichtlichen Ursprungsmythos verbunden ist. Es sind Bilder der Galapagos-Inseln, die nicht nur eine der letzten unberührten Regionen der Erde darstellen, sondern als eine der Stationen verstanden werden, an denen der Formierungsprozess von Darwins Evolutionstheorie seinen Anfang nahm. Die besonders von den Neodarwinisten betonte permanente Konkurrenz der Individuen als alleinigem Motor der Entwicklung befeuerte wiederum das Narrativ des individuellen Kampfes um das Glück, das im Zentrum der calvinistischen, kapitalistischen und neoliberalen Logik steht.

Genauso erfüllen die Galapagos-Inseln das Narrativ des Gelobten Landes. Unter Seefahrern waren sie bis in das 19. Jahrhundert unter dem Namen Islas Encantadas bekannt, die „Verzauberten Inseln“, und man sagte ihnen wegen der starken, sie umgebenden Strömungen nach, daß sie ohne festen Ort auf dem Ozean umhertrieben.
Ihre isolierte Lage und die einmalige endemische Fauna und Flora machen sie zudem zu einem exotischen Paradiesgarten unberührter Natur und damit zu einer Metapher zivilisatorischer Sehnsucht nach einer Umwelt vor dem zerstörerischen Sündenfall der Industrialisierung. Doch durch die virtuelle Hypermobilisierung ist dieser Ort schließlich allseits zugänglich geworden und nur wenige Mausklicks entfernt.

Die von Google Earth eingefangenen Bilder aber tragen einen entscheidenden digitaler Fehler in sich: auf zweien interpretierte der Algorithmus von Google die Wolkenformationen über den Inseln als Merkmal ihrer Oberfläche. Er erzeugte also virtuelle Bilder, die im wahrsten Sinne des Wortes  einen „Himmel auf Erden“ darstellen. Damit wird ihnen unbeabsichtigt jeder Anspruch auf Authentizität genommen. Sie werden entlarvt als Konstruktionen, die uns zugleich den utopischen Charakter unserer eskapistischen  Sehnsüchte, befeuert von dem Narrativ des Gelobten Landes, widerspiegeln.

Und selbst diese Fluchtphantasie kann nur ausagiert werden als Aspekt der Interaktion mit unserem individuellen und isolierenden Vehikel, sei es das digitale Interface zum navigieren im raumlosen Raum des Internets oder das Automobil mit hermetischer Fahrgastzelle, in der wir uns irrealen Bildern eines Ortes aussetzen, an dem noch niemals ein Automobil gewesen ist.

So erweisen sich in dem Werkkomplex "Sehen-Sucht" von Esther Heltschl die drei verhandelten Narrative als das, was sie in Wirklichkeit sind, nämlich keine Beschreibungen tatsächlicher Gegebenheiten der Wirklichkeit, sondern lediglich kulturell ererbte erzählerische Operatoren, mit denen wir versuchen unseren Handlungen in einer uns nur begrenzt zugänglichen und verständlichen Wirklichkeit eine sinngebende Struktur zu verleihen.

© Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, Juni 2022


Montag, 2. Mai 2022

Autonome Körper im Farbdickicht - Dr. Thomas Piesbergen über die Ausstellung „Data Valuta“ von Benedikt Brockmann

Die Ausstellung "Data Valuta" findet statt im Rahmen des Jahresthemas "Autonom?" in der Galerie des Einstellungsraum e.V.
 
Benedikt Brockmann, Data Valuta, Einstellungsraum, 2022

Der Begriff der Autonomie, also die individuelle Eigengesetzlichkeit, betritt die Bühne der Geistesgeschichte erstmals mit der Figur der Antigone in der gleichnamigen Tragödie des Sophokles. Und in Antigone und ihrem individuellen Drama zeigt sich bereits der vollständige Bedeutungsinhalt des Begriffs. Seine Wurzeln liegen jedoch in der vorangegangenen soziopolitischen Entwicklung Athens während der Perserkriege unter Themistokles, aus der schließlich die Demokratie hervorgegangen ist.
Der Kulturwissenschaftler Karl-Martin Dietz schreibt dazu: „Der zunächst völlig unwahrscheinliche Sieg gegen die persische Übermacht, die die Stadt Athen existentiell bedrohte, hat offensichtlich dort den Sinn für eine „innere Freiheit“ geweckt, die in den orientalischen Großreichen unbekannt war.“Dementsprechend unterschied Themistokles die Griechen von den Persern vor allem anhand ihres Freiheitsgrades: Während die Perser sich den stets wechselnden Launen ihrer Herrscher unterwerfen mußten, ordneten sich die Griechen ausschließlich den Gesetzen unter. Der Begriff der Autonomie wurde zunächst entsprechend nur auf die Polis, die sich selbst Gesetze gibt, angewendet.

Gut vierzig Jahre nach der Schlacht von Salamis machte Sophokles mit seiner Antigone den entscheidenden Schritt, den Begriff der Autonomie auch auf das Individuum anzuwenden; er wurde also dahingehend ausgeweitet, daß er auch die Auflehnung des Einzelne gegen die Gesetze einer Gemeinschaft einschließt, also die individuelle Eigengesetzlichkeit.
Seitdem wird unter Autonomie, wie Adorno es formuliert, die Kraft zur Reflexion und zur Selbstbestimmung verstanden. Diese beiden Charakteristika setzen wiederum zwei andere Sachverhalte voraus:
Der eine ist das Selbstbewußtsein, das die Voraussetzung zur Reflexion ist. Das zweite Charakteristikum ist die Handlungsmotivation, also der Wille, der der Selbstbestimmung notgedrungen vorangehen muß. Dazu schreibt Immanuel Kant: „Autonomie des Willens ist die Beschaffenheit des Willens, dadurch derselbe ihm selbst (...) ein Gesetz ist.

Graben wir an dieser Stelle tiefer, stellt sich die Frage, was denn aber nun die Voraussetzungen für Willen und Selbstbewußtsein sind. Diese Fragen können wir heute durchaus befriedigend von den Neurowissenschaften beantworten lassen. Nach Antonio Damasio kann es weder Handlungsmotivation noch Selbstbewußtsein ohne einen organischen Körper geben.

Der Körper des Menschen besteht aus etwa 100 Billionen kooperierender Zellen und jede dieser Zellen lebt nach dem Grundprinzip der Homöostase. Darunter versteht man das zentrale Bestreben aller lebendigen Systeme einen gedeihlichen Gleichgewichtszustand herbeizuführen und zu wahren. Dazu wiederum ist die Vermeidung von Verletzungen und die Sicherung des Fortbestehens notwendig. Diese beiden Notwendigkeiten liegen allen weiteren Lebensfunktionen zugrunde.
Im Falle höheren organischen Lebens wirkt die Homoöstase sowohl auf der Ebene der individuellen Zellen, als auch auf der Ebene ihrer Summe. Man kann die Homöostase also durchaus mit Schopenhauers Primat des Willens gleichsetzen und in ihr die ursächliche Handlungsmotivation des Lebens an sich sehen.

Als wichtiges Werkzeug der biologischen Evolution entwickelte sich bereits in ihrer Frühphase die Sinneswahrnehmung. Denn um Homöostase zu erreichen, ist es für Organismen notwendig, Reize aus der Umwelt aufzunehmen, gleichzeitig aber des eigenen Zustands gewahr zu sein und schließlich diese Informationen aus Innen- und Außenwelten zu einem Ganzen zusammenzufügen. Diese beiden Wahrnehmungsrichtungen sind bereits für die einfachsten Bakterien nachgewiesen.
Die Wahrnehmung des eigenen Zustands ist für das Zustandekommen von Subjektivität und schließlich des Bewußtseins essentiell, denn Subjektivität entsteht, laut Antonio Damasio, aus den Bildern, die wir uns von unserem Körper als Ganzem machen, während er Sinneseindrücke aus der Außenwelt aufnimmt und zu inneren Bildern verarbeitet. Diese Bilder bzw. Körperkartierungen schließen sowohl die Wahrnehmung des Rezeptionsvorgangs selbst ein, sowie unsere körperlichen Reaktionen darauf. Bewußtsein bedeutet also die Wahrnehmung wahrzunehmen, wozu wir wiederum auf die Selbstwahrnehmung der Zellen und ihrer jeweiligen Milieus angewiesen sind .

Reflexion, Selbstbestimmung und Willen, die für das Erlangen von Autonomie unerlässlich sind, können, nach dem Stand der Neurowissenschaften, also nur innerhalb eines lebendigen, organischen Körpers entstehen.

Sehen wir uns aber den gegenwärtigen Gebrauch des Begriffes „autonom“ an, besonders im Schlagwort des „Autonomen Fahrens“, müssen wir feststellen, daß er nur wenig gemein hat mit reflektierter Selbstbestimmung von Organismen. Gerade bezüglich des sog. autonomen Fahrens muß geklärt werden, wer eigentlich durch computergesteuerte Fahrzeuge Autonomie erlangen soll: das Fahrzeug oder der Fahrer?

Verstehen wir es erst einmal so, als seien die Automobile gemeint, denn schließlich sind sie ja imstande zu fahren, ohne daß sich ein Fahrer aktiv in das Verkehrsgeschehen einmischt. Daß diese Zuweisung der Autonomie ein Irrtum ist, wird aber schon auf den zweiten Blick offenkundig. Zunächst ordnen sich die angeblich autonomen Mobile dem Fahrtwunsch ihrer Insassen unter, denn die Automobile haben keinen eigenen Handlungsimpuls. Desweiteren müssen sie sich den allgemeinen Verkehrsregeln unterordnen. Doch auch das geschieht nicht aus freiem Willen, sondern ist Teil ihrer Programmierung.

Alle weiteren Entscheidungen, die von ihnen augenscheinlich autonom getroffen werden, richten sich nach vorgegebenen Algorithmen und vom Menschen gesetzten Leitlinien. Ihre Fähigkeit zum Personentransport unter gleichzeitiger Wahrung der Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer ist so lange experimentell erprobt und von Menschen nachreguliert worden, daß sich die sog. Lernfähigkeit und der Entscheidungsspielraum nur in extrem engen Grenzen bewegen kann, die durchaus den Begriff des „Automatischen Fahrens“, niemals aber den des „Autonomen Fahrens“ zulassen.
Das Postulat der Autonomie entpuppt sich hier also als Etikettenschwindel, und dazu ist es noch nicht einmal notwendig, die zuvor erläuterten Voraussetzung einer Körperlichkeit ins Spiel zu bringen.

Wie steht es also mit den möglicherweise erweiterten Freiheitsgraden der Passagiere eines computergesteuerten Fahrzeugs?
Natürlich ist zu erwarten, daß die Werbeindustrie vor allem darauf verweisen wird, daß der Mensch nicht mehr mit der lästigen Aufgabe des nervenaufreibenden Fahrens im Stadtverkehr oder dem ermüdenden Abreissen von Autobahnkilometern belastet sein wird, um sich wertvolleren Tätigkeiten zu widmen. Doch zunächst findet nichts anderes statt, als die Suspendierung des Menschen in die Passivität.

Denn die reflektierte Selbstbestimmung kann sich nur im Handeln manifestieren, nicht aber durch die bloße Behauptung ihres Vorhandenseins. Nach Sartre gibt es kein Sein ohne Handlung, denn erst im Handeln wird Existenz evident. Auf diesen Umstand hat auch Nietzsche im Zarathustra auf poetische Art hingewiesen. Dort heißt es: „...dein Leib und seine grosse Vernunft: die sagt nicht Ich, aber thut Ich.
Indem wir also das Handeln und damit unsere Entscheidungsfreiheit algorithmengesteuerten Automaten überlassen, geben wir unsere Autonomie auf. Und das geschieht nicht nur beim pseudo-autonomen Fahren.

Jedesmal, wenn wir uns im Internet bewegen, hinterlassen wir Datenspuren, die von den großen Softwarekonzernen ausgewertet werden, um unsere Entscheidungsmuster daraus abzuleiten. Das geschieht mit dem Ziel, unsere Entscheidungen vorauszusagen und dadurch schließlich überflüssig zu machen. Bevor wir ein Bedürfnis oder ein Verlangen verspüren, wird uns bereits eine sofortige Befriedigung des zu erwartenden Wunsches angeboten, wodurch es weder notwendig ist, uns selbst und unsere Bedürfnisse zu ergründen, noch sich auf die Suche nach einer Möglichkeit der Befriedigung dieser Bedürfnisse zu machen. Die Selbstbefragung und damit der Kontakt zu unseren Körpern, die der Ort sind, an dem unsere Gefühle sich ereignen, wird übergangen, um unser Potenzial zum Konsumieren so schnell und effizient wie möglich auszunutzen.
Daß von diesen Mechanismen der Fremdsteuerung nicht die Konsumenten profitieren, wie uns weißgemacht wird, sondern nur die digitalen Oligarchen, zeigt sich in solchen Trends, daß nahezu alle führenden Köpfe im Silicon-Valley ihren Kindern die Nutzung digitaler Medien strikt verbieten oder extrem einschränken.

Mit dem Prozess der Entscheidung und Selbstbefragung kommen wir noch einmal auf die von Adorno genannte Reflexion zurück, die sich in der Sphäre der Vernunft abspielt, die wiederum, laut Nietzsche, nur ein Anhängsel der großen Vernunft des Leibes ist .
Wenn wir uns selbst in der Reflexion befragen, um zu einer vernunftgesteuerten Entscheidung zu kommen, sind wir immer auf unsere Erinnerungen angewiesen und auf unsere Fähigkeiten, innere und äußere Ereignisse in chronologischen Kausalketten zu gliedern. Doch die digitale Welt ist nicht nur raumlos, sie ist auch zeitlos.
Weder altern die Dinge in ihr, noch sind sie raumzeitlich voneinander getrennt, sondern liegen immer nur einen Mausklick weit entfernt. Genauso wenig müssen wir unsere Erinnerungen ausloten, um zu ergründen, wessen wir bedürfen und warum, da die Algorithmen uns die Entscheidung ja bereits abgenommen haben. Die Verknüpfungen der fragmentierten Inhalte gründen sich zudem nicht auf Kausalitäten, die einem chronologischen, individuellen Denkprozess entsprechen, sondern gründen sich auf quantitative, statistische Werte, nicht aber auf ursächliche Zusammenhänge.
Mit dem Verlust der Erfahrung von Chronologie und Raumzeit verlieren wir also auch unser Bewußtsein für Ursache-Wirkungs-Verkettungen und dadurch auch die Fähigkeit, einem langwierigen, komplexen argumentativen Aufbau zu folgen. Durch diesen Verlust des Gefühls für Dauer und Vergangenheit, für Ursache und Wirkung, wird auch die Fähigkeit neues Wissen zu generieren stark beschädigt. Alles was bleibt ist die makellose Gegenwart des Konsums sich ständig anbietender, leicht verdaulicher Informationshäppchen, die ohne Kontextualisierung sogleich wieder im digitalen Nirvana verschwinden.

Der daraus resultierenden herabgesetzten Aufmerksamkeitsspanne entsprechend, hat Benedikt Brockmann den installativen Teil der vorliegenden Ausstellung in Form plakativer, visueller Metaphern gestaltet.


Benedikt Brockmann, Data Valuta, Ausstellungsansicht, 2022

Im Zentrum sehen wir den Torso einer Schaufensterpuppe, die auf einen umgebauten Staubsauger-Roboter montiert ist. Dem Torso fehlen die Arme und Hände, also die prominentesten Werkzeuge des Menschen zu handeln. Die Herkunft der Schaufensterpuppe aus der Sphäre ökonomischer Zurschaustellung verweist wiederum auf die Bedeutung des Ausstellungswertes auf den, laut Byung-Chul Han, der einzelne Nutzer sozialer Netzwerke reduziert wird und sich selbst reduziert. Denn das Dunkle, Verworrene und Negative seiner Identität ist nicht schnell und einfach konsumerabel, weshalb es ausgeblendet wird.

Der offenkundige Freizeitlook der Figur deutet darauf hin, daß sie eigentlich kaum anwesend ist. Sie ist auf Urlaub und hat sich der alltäglichen Sphäre von Verantwortung und Sorge entledigt. Gleichzeitig aber hat sie sich auch selbst in die Passivität entlassen. Denn ihre Bewegung geht aus von dem sinnlos hin und her fahrenden Roboter, der geschredderte Datenschutzbestimmungen und AGB vor sich her schiebt.

Benedikt Brockmann, Data Valuta, Ausstellungsansicht, 2022

Dieser Datenabfall wird ununterbrochen vom einem Aktenvernichter ausgespuckt. Die Texte, die er vernichtet, sind die allgegenwärtigen Informationen und Richtlinien, mit denen wir als Nutzer digitaler Angebote tagtäglich konfrontiert werden, die die meisten von uns aber ebenso notorisch ignorieren, obwohl gerade sie uns über den kontinuierlichen Verzicht auf Autonomie und die Preisgabe unserer Datensicherheit und Privatsphäre unterrichten. Wir schieben sie ignorant, blind und ungelesen beiseite und liefern uns damit einer stetig wachsenden Manipulierbarkeit aus.

Benedikt Brockmann, Data Valuta, Ausstellungsansicht, 2022

Dieser Vorgang wird aufgegriffen von einer weiteren visuellen Metapher. Im Raum  sind weiße Netze installiert, gefüllt mit weißen Gehirnen aus Gips, weiß wie die Unschuld, weiß wie die Fahne der Kapitulation, weiß wie unbeschriebene Blätter. Wir sehen vor uns ein Bild der vollständigen ökonomischen Abschöpfung entindividualisierter Objekte im Netz der digitalen Konzerne, die selbst stets darum bemüht sind, sich durch „white-Washing“ eine weiße Weste zu verschaffen.

Benedikt Brockmann, Data Valuta, Ausstellungsansicht, 2022

Ganz im Gegensatz dazu sehen wir im Keller, im verborgenen Untergrund, fünf Köpfe aus schwarzem Samt vor dunklem Hintergrund, kaum sichtbar und stellvertretend für die Big Five, die fünf größten Digitalkonzerne: Apple, Alphabet, Meta, Amazon und Microsoft. Sie sind verbunden mit einem gewaltigen roten Schalter. Doch wozu der Schalter dient bleibt unklar, genauso wie es unklar bleibt, ob das Deaktivieren von Cookies und Trackern per Mausklick tatsächlich stattfindet oder nur eine vordergründige Beschwichtigung unseres Mißtrauens ist.

Benedikt Brockmann, Data Valuta, Ausstellungsansicht, 2022


Dieser plakativen Opposition von Schwarz und Weiß ist eine weitere Bedeutungssphäre beigestellt, die sich der Plakativität verweigert und dem schnellen Zugriff entzieht. Es sind Malereien in der Tradition des Abstrakten Expressionismus, in denen die Intuition für das Gleichgewicht von spontaner, körperlicher Geste und Gestaltungsabsicht sorgt.

Während die reduzierten visuellen Metaphern der Installation ganz und gar dem Logos und dem Kalkül entspringen, befinden wir uns mit den Malereien im Reich des Gefühls, durch das sich unser Unterbewußtsein der erlebten Gegenwart einschreiben kann. Und genau diese Dimension unseres Daseins, die Existenz, die durch spontanes, autonomes Handeln ins Sein tritt, bleibt dem Zugriff digitaler Agenten unzugänglich, denn ihr maßgebliches Charakteristikum ist eben nicht die Transparenz, sondern, wie David Gelernter es beschreibt, das Dunkle und Verborgene, in dem die Körpererinnerungen Dinge miteinander verknüpfen, die disparat erscheinen, aber für uns zueinander gehören, weil sie sich einen emotionalen Zusammenhang teilen.  
Ergänzt werden die Bilder, die in langen und oft unterbrochenen, also chronologisch komplexen Malprozessen entstehen, durch Schlagworte, erratische Zeilen, die ebenfalls keine Eindeutigkeit erzeugen.

Benedikt Brockmann, "Dream Machine", 2022


Auf dem Bild „Dream Machine“ sehen wir immer wieder die Buchstaben „OK“, als riefe sie jemand aus dem Inneren eines grau-weißen Dickichts.
Wenn wir, wie Gelernter es vorschlägt, das unterste, träumende Drittel des Spektrum unseres Geistes als den Ort begreifen, in dem unsere emotionalen Körperkartierungen die mit ihnen verknüpften Bilder aus der wahrgenommenen und erinnerten Außenwelt neu in Bezug setzen, wir uns im Traum also ganz und gar der, wie Nietzsche es sagt, größeren Vernunft unserer Leiber überlassen, können wir das wiederholte „OK“ als die Bejahung des körperlichen, leiblichen Seins lesen, so wie Nietzsches Übermensch erkennt, daß es keinen vom Körper gelösten Geist gibt und deshalb alle physische Existenz unbeschränkt anzuerkennen ist. Das bedeutet natürlich auch, ex tacendum, daß es keinen Geist ohne Körper geben kann, also auch kein Maschinenbewußtsein, wie es der Transhumanismus antizipiert, und demzufolge keine tatsächlich autonome KI.

Benedikt Brockmann, "They forced me to die, I' m innocent!", 2022


Auf einem anderen Bild lesen wir neben einer Form, die man als Gekreuzigten interpretieren kann: „They force me to die, I´m innocent!“
Im Gegensatz zu den in Netzen gefangenen, weißen Gehirnen und deren Konnotation der Unschuld sehen wir hier den Aufschrei vor einem vielschichtigen, grauen Hintergrund, in dem sich nicht nur Schwarz und Weiß, sondern etliche andere Farben gemischt haben. Vielleicht ließe es sich lesen als den Protest einer Existenz, die auf ihrer Uneindeutigkeit, ihre Vielschichtigkeit beharrt und deshalb unerwünscht ist, da sie sich der widerstandslosen Verwertbarkeit entzieht und in ihrer Behauptung der Unschuld die Existenz aller inkonsumerablen Zwischentöne bejaht.

Schließlich sehen wir auf einem dritten Bild über die deutlich organisch anmutenden Formen „exe. nackt no more“ geschrieben, was uns fast unmittelbar zu der von Byun-Chul Han angeprangerten Durchleuchtung und Pornographisierung der digitalen Räume und Identitäten bringt. Hier spricht zu uns die Weigerung sich vollständig nackt und transparent zu machen, und sich dadurch selbst zu einer Ressource zu degradieren.

Benedikt Brockmann, Data Valuta, Ausstellungsansicht, 2022

So kann man das ganze Ensemble der Ausstellung lesen als Postulat, daß tatsächliche Autonomie nur erlangt werden kann, wenn wir nicht Aspekte unseres Selbst aufgeben, um uns dadurch vermeintlich von Belastungen zu befreien, sondern daß wir nur imstande sind reflektiert, selbstbestimmt und eigengesetzlich zu handeln, wenn wir alle Aspekte unserer Existenz im Handeln manifest machen und erst dadurch unser Sein in vollem Umfang erfahren und in Erscheinung treten lassen können. Denn so und nur so können wir uns tatsächliche Autonomie erarbeiten.

© Dr. Thomas Piesbergen / VG Wort, April 2022

 

Benedikt Brockmann, Data Valuta, Ausstellungsansicht, 2022
 

 

Quellen

Theodor W. Adorno: Erziehung zur Mündigkeit, Suhrkamp Taschenbuch 11, Frankfurt am Main 1971

Antonio Damasio: Der Spinoza-Effekt, List, Berlin, 2005 & Im Anfang war das Gefühl, Siedler, München, 2017

Karl-Martin Dietz: Die Entdeckung der Autonomie bei den Griechen, in: Forum Classicum 4/2013, Bamberg, 2013

David Gelernter: Gezeiten des Geistes - Die Vermessung unseres Bewußtseins, Ullstein, Berlin, 2016,

Byung-Chul Han, Transparenzgesellschaft, Matthes & Seitz, Berlin, 2013

John Hands, Cosmo Sapiens, Albrecht Knaus Verlag, München, 2017

 Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Meiner Verlag, Hamburg 1999

 Harald Lesch: Die Digitale Diktatur, https://www.swr.de/wissen/tele-akademie/prof-242.html

Adrian Lobe: Bildschirmfrei ist das neue Bio, Warum die Programmierer im Silicon Valley ihre Kinder computerfrei erziehen, St.Gallener Tageblatt,  2. 4. 2019

F. Nietzsche: Also sprach Zarathustra, Insel Verlag, München , 1976

Jean-Paul Sartre: Ist der Existentialismus ein Humanismus? Drei Essays, Ullstein, Frankfurt 1989

Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd.3, Diogenes, Zürich, 1977,