Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an.
März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3
Oktober-Dezember: Kursabschnitt 1 / Januar-Februar: Kursabschnitt 2
Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de


Donnerstag, 23. Juni 2022

Das Narrativ vom gelobten Land - Dr. Thomas Piesbergen über die Ausstellung "Sehen-Sucht" von Esther Heltschl

Die Ausstellung "Sehen-Sucht" zum Jahresthema "Autonom?" findet bis zum 15.7.2022 im Einstellungsraum e.V. , Hamburg statt.

Esther Heltschl, Sehen-Sucht, 2022

Ein zentraler Aspekt der Menschwerdung und gestaltgebende Kraft aller ideellen menschlichen Kultur ist eine Fähigkeit, die uns so selbstverständlich und alltäglich erscheint, daß wir ihre Bedeutung und tiefgreifende Wirkung auf unser Leben kaum wahrnehmen. Es ist unsere Fähigkeit Geschichten zu erzählen.

Die Voraussetzungen des Erzählens sind die Fähigkeit, die zum Sprechen notwendigen Laute zu bilden, eine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft zu haben sowie von der sich daraus ableitenden Kausalität, und ein selbstreflexives Bewußtsein, das einhergeht mit der sog. „Theorie of Mind“, also dem Vermögen des Menschen, sich ein Bewußtsein vorzustellen, das nicht sein eigenes ist, sondern das eines anderen Menschen, der imstande ist, ebenso wahrzunehmen, zu fühlen und zu denken wie er selbst.

Aus diesen Merkmalen des werdenden Menschen ging das Erzählen von Geschichten emergent als überlegene evolutionäre Strategie hervor. War ein Mensch einer gefährlichen Situation ausgesetzt und überlebte sie, konnte er den Mitgliedern seiner Gruppe davon berichten. Er konnte schildern, wie er eine Herausforderung gemeistert hatte oder einer Gefahr entronnen war, und konnte seine Zuhörer dadurch auf ähnliche Situationen vorbereiten und ihnen Lösungsstrategien mit auf den Weg geben. Durch Geschichten wurden also Problemlösungen vermittelt.

In dem Geschichten anderer rezipiert und in der Vorstellung nachvollzogen wurden, entstand zudem ein hypothetischer Raum. Auf der inneren Bühne des menschlichen Geistes konnten sich Dinge abspielen, die von den Individuen selbst nicht erlebt worden waren. Es entstand die Fiktion.
Da der Mensch zudem gelernt hatte, alle Beobachtungen in narrative Kausalketten zu überführen, um den Herausforderungen seiner Umwelt planend begegnen zu können, wurden auch Ereignisse, die für das menschliche Leben essentiell aber unerklärlich waren, mit fiktiven Ursachen versehen, aus denen wiederum Strategien abgeleitet werden konnten, um diese Widrigkeiten vermeintlich zu überwinden, oder sich wenigstens vor ihnen zu schützen.
So entstanden die ersten mythologischen Narrationen, die die Erlebniswelt des Menschen strukturierten und sich schließlich zu religiösen Systemen verfestigten .

Indem Geschichten tradiert wurden, konnten sie bereits in der Frühzeit zum kulturellen Erbe einer Menschengruppe werden. Die Gruppe konnte sich wiederum über ihre spezifischen Geschichten von anderen Gruppen absetzten und sich selbst definieren.
Gleichzeitig entstand beim Erzählenden eine individuelle Identität. Indem er erzählte, setzte er sich von seinen Zuhörern ab. Er wurde von ihnen als der Akteur und Vermittler der erzählten Ereignisse wahrgenommen. Dieses Wahrgenommen-Werden wirkte reflexiv auf die Selbstwahrnehmung des Erzählenden zurück. Nicht das Ereignis selbst, sondern erst das Erzählen und das Gehört-Werden, ermöglichten es, den Unterschied zwischen der eigenen und der fremden Erfahrung zu realisieren. Die individuelle Identität entstand also aus einer Selbsterzählung, ebenso wie die Gruppenidentität aus der Summe kollektiver Erzählungen entstand.
Bis heute hat sich weder an dieser psychologischen und sozialen Funktion von Geschichten, noch an deren Grundstrukturen etwas geändert.

Da die Geschichten in der Frühzeit des Erzählens nicht nur von singulären Ereignissen berichteten, sondern auch von den zyklischen Krisen des menschlichen Lebens, und sich selbst außergewöhnliche Ereignisse über die Generationen hinweg wiederholten, kam es zu Überlagerungen der Geschichten, in denen sich die erzählten Elemente verdichteten zu wertaffirmativen und schließlich normativen Komplexen. Diese Komplexe bezeichnet man als Narrative. Es sind einzelne Denkfiguren, die wertende erzählerische Strukturen implizieren und damit soziale Werte und Normen vermitteln.
Vielleicht waren die ersten Narrative die vom bösen Tier in der Dunkelheit, von der eingeschworenen Jagdgemeinschaft, von der schützenden Macht des Feuers oder des selbstlosen Muts, der zur Überwindung gefährlicher Jagdbeute führen konnte.

Ein belegtes Narrativ, das wir an der Kunst des Mittelpaläolithikums ablesen können, war das der lebensspendenden, universellen Weiblichkeit, das erst Jahrtausende später in den patriarchalen Kulturen von dem Narrativ der Frau als Heiligen oder Hure ersetzt wurde.

Im Laufe der Menschheitsgeschichte wuchs die Zahl der Narrative und während die Menschen immer zahlreicher und die Gruppen immer differenzierter wurden, wurden auch die normativen Narrative immer differenzierter und differenzierender. Manche von ihnen wurden zum Grundakkord ganzer Gesellschaftssysteme. Eines dieser heute dominanten Narrative ist z.B. das individualistische „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ des Calvinismus, in dem Max Weber die Grundstruktur des kapitalistischen Geistes sah. Wir begegnen ihm in fast allen Hollywood-Produktionen, in neoliberalen Parteiprogrammen, in der Ratgeber- und Selbsthilfeliteratur, in Redensarten, in der Werbung, in politischen Kommentaren, in den Selbsterzählungen digitaler Influencer, in gutgemeinten Ratschlägen etc.pp..

Ein anderes Narrativ, das bereits uralt ist und etliche Überformungen erlebt hat, ist das Narrativ vom Gelobten Land. Um dessen Mechanismus zu begreifen, müssen wir wieder einen kurzen Blick auf die Psychologie des Erzählens an sich werfen. Wie weiter oben dargestellt werden Geschichten erzählt, um Problemlösungen aufzuzeigen. Wenn wir heute einer Narration folgen, in der eine Figur mit einer schier unlösbaren Aufgabe konfrontiert wird, erwarten wir, daß die Figur über sich selbst hinauswächst und das Problem löst; oder wir sehen die Figur scheitern, lernen daraus aber, welche Transformation sie hätte durchleben müssen, um das Problem zu lösen.
Wirklich ausweglose Szenarios sind ausgesprochen selten und nehmen in der Literaturgeschichte einen Sonderstatus ein, wie die exemplarischen Erzählungen und Romane Franz Kafkas. Denn in allen anderen Narrationen wäre der Prozess zu gewinnen oder das Schloß zu betreten. Diese Variante bleibt also ein Einzelfall und wird entsprechend als „kafkaeske Situation“ bezeichnet.

Wenn also von einem Problem erzählt wird, wird in der Regel zugleich vorausgesetzt, das Problem sei lösbar. Ebenso verhält es sich mit dem fernen, meist schwer erreichbaren Ort, dem Gelobten Land. Den psychologischen Gesetzen der Narration zufolge, muß dieser Ort erreichbar sein. Die Hoffnung wird mit erzählt.

Die ersten Geschichten, in denen sich das Narrativ vom gelobten Land herausbildete, entstanden mit größter Wahrscheinlichkeit in Zeiten, in denen die Nahrungsressourcen von Menschengruppen lebensbedrohlich reduziert waren und die Suche nach neuen Lebensräumen deshalb unvermeidlich wurde. Um einen Zustand des Mangels zu überwinden, mußte eine Herausforderung angenommen und eine Reise unternommen werden. Da Überlebende von erfolgreichen Suchen Berichten konnten, die Toten aber nicht vom ihren Scheitern, gab es nur das Narrativ der erfolgreichen Suche. „Wer suchet, der findet.“. Voraussetzung war also die feste Überzeugung, das Ziel der Reise wäre erreichbar. Kein Aufbruch ohne Hoffnung. Und da die Hoffnung mit erzählt wurde, konnte eine solche Reise auch unternommen werden, selbst wenn das Ziel nur in der Sphäre des Hypothetischen existierte.

Seit diesen Ursprüngen tritt uns das Narrativ des Gelobten Land in zahllose Variationen entgegen. Wir finden es in der Bibel als Kanaan, es ist zentraler Topos im Gründungsmythos des aztekischen Reiches, für die Konquistadoren war es Eldorado, für die Calvinisten und Puritaner war es Amerika, für die Seefahrer des 18. und 19. Jahrhunderts waren es die Inseln im Pazifik, in der deutschen Klassik war es Italien, in der deutschen Nachkriegszeit kam Spanien als exotischer Sehnsuchtsort dazu, für zivilisationsmüde Auswanderer sind es heute Neuseeland, Australien oder Kanada und für die weniger Wagemutigen sind es die weißen Palmenstrände der Malediven oder Ägyptens, von Mallorca, oder die an der türkischen Riviera mit All-Inclusive-Pauschalangebot. Und für Notleidende in Afrika und Westasien ist es Europa, für das sie sogar ihr Leben riskieren.

Nicht zu vergessen sind natürlich auch die religiös konnotierten Orte, die, als Kreuzungspunkt der sakralen Vertikalen und der profanen Horizontale als Mittelpunkt der spirituellen Welt gelten und an denen ein unmittelbarer Kontakt mit dem Numinosen verheißen wird, wie z.B. Mekka, Jerusalem oder Rom. In den dualistischen Religionen, die alles diesseitige Dasein schließlich als sündig verdammten, wurde zudem die Vorstellungen eines paradiesischen Jenseits’ immer konkreter und gegenständlicher und zum letzten und einzigen Ziel menschlicher Anstrengung.

Die jüngste Variante des gelobten Landes ist die virtuelle Welt mit ihren vielen Erscheinungsformen. Seit bald 20 Jahren nehmen Menschen in Second Life alternative Identitäten an und leben im digitalen Raum ihre Fantasien aus; Generationen von Teenagern sind vor einer unerfreulichen Wirklichkeit in Spiele wie World of Warcraft oder Minecraft geflohen; moderne Glücksritter schürfen im Internet nach Kryptowährungen, die größere Reichtümer verheißen als Eldorado; und im kommenden Metaversum von Facebookgründer Zuckerberg werden bereits virtuelle Grundstücke verkauft.

Doch ganz gleich, ob diese verschiedenen Varianten des gelobten Landes nun himmlische oder irdische Erlösung versprechen, implizieren alle Erzählungen immer einen intolerablen Mangel, den das Individuum im Hier und Jetzt erleidet. Zudem wird herausgestrichen,  daß der aktuelle Aufenthaltsort niemals dazu geeignet ist, den erduldeten Mangel zu beheben. Das vermag nur das als erreichbar konzipierte Gelobte Land.

Diese drei Aspekte - das mangelleidende Individuum, der unzureichende Ort und die Erreichbarkeit des Gelobten Landes - sind wiederum eng mit dem Narrativ der heilsbringenden Mobilität verknüpft. Im Laufe des 20. Jahrhunderts erlebte dieses Narrativ in Verbindung mit dem Narrativ individuellen Erfolgsstrebens einen atemberaubenden Aufschwung in Form der Automobilisierung der Gesellschaft und des Individualverkehrs als Massenphänomen. Bis heute wird es mit Nachdruck erzählt.

Die heraufbeschworene Bedeutung der Mobilität ist so essentiell geworden, daß sie sich schließlich sogar von der Idee eines zu erreichenden Ziels emanzipiert hat, und nicht mehr nur als Mittel zum Zweck, sondern als eigenständiger und essentieller Wert gilt. Der unbegrenzte Individualverkehr gilt per se als glücksverheißend, ganz gleich, ob er uns irgendwo hinbringen kann. Denn der Zustand des Einzelnen, sowie der Ort, an dem er sich befindet, können gar nicht anders sein als mangelhaft, sodaß selbst die ziellose Bewegung erstrebenswerter erscheint, als dort zu bleiben, wo man ist.
Dieses problematische Symptom sprach bereits der Philosoph Blaise Pascal mit dem Satz an: „Alles Unheil kommt von einer einzigen Ursache, dass die Menschen nicht in Ruhe in ihrer Kammer sitzen können.“

In dem vorliegenden Werkkomplex von Esther Heltschl treten diese drei erwähnten Narrative, das Gelobte Land, das sozial entkoppelte, individuelle Glücksstreben und die maximale Mobilität, in einen Dialog, in dessen Spannungs- und Bedeutungsfeld sich eine treffende und entlarvende Zustandsbeschreibung der postindustriellen Zivilisation ablesen läßt.

Das Automobil tritt uns in Form hermetisch in sich geschlossener, hohler Metallkörper entgegen. Sie alle bestehen aus zwei zusammengeschweißten, polierten Blechen und wirken wie aufgeblasen oder gedunsen. Eine Seite ist jeweils mit der Außenaufnahme eines Autos aus Google-Earth-3D bedruckt, die andere mit einer Aufnahme des Innenraums. Die Flächen, an denen sich die Fenster befinden, wurden jeweils unbedruckt belassen, sodaß der Betrachter darin sein eigenes mattes Spiegelbild erahnen kann. Die Oberfläche wird also zum Innenraum und schließt sich in einem introspektiven, statischen Loop, der mit der geschlossenen Objektform korrespondiert. Der Blick hat sich bereits stellvertretend durch digitales Mapping ereignet, der Betrachter selbst wird zu einer passiven, peripheren Erscheinung in diesem materialisierten Zustand der Rückkoppelung.

Neben den isolierten automobilen Entitäten sehen wir eine Reihe von Windschutzscheiben, auf denen sich, wie auf Displays, Abbildungen von Landschaften befinden. Die wahrzunehmende Außenwelt liegt nicht jenseits der Scheibe, sondern ist Teil von ihr geworden, sie ist etwas, das nur noch denkbar ist als ein Aspekt unseres individuellen, von der Umgebung sorgsam abgeschotteten Vehikels.

Die gezeigten Landschaften sind ebenfalls Screenshots von Google-Earth-3D und zeigen einen Ort, der eng mit einem wissenschafts- und sozialgeschichtlichen Ursprungsmythos verbunden ist. Es sind Bilder der Galapagos-Inseln, die nicht nur eine der letzten unberührten Regionen der Erde darstellen, sondern als eine der Stationen verstanden werden, an denen der Formierungsprozess von Darwins Evolutionstheorie seinen Anfang nahm. Die besonders von den Neodarwinisten betonte permanente Konkurrenz der Individuen als alleinigem Motor der Entwicklung befeuerte wiederum das Narrativ des individuellen Kampfes um das Glück, das im Zentrum der calvinistischen, kapitalistischen und neoliberalen Logik steht.

Genauso erfüllen die Galapagos-Inseln das Narrativ des Gelobten Landes. Unter Seefahrern waren sie bis in das 19. Jahrhundert unter dem Namen Islas Encantadas bekannt, die „Verzauberten Inseln“, und man sagte ihnen wegen der starken, sie umgebenden Strömungen nach, daß sie ohne festen Ort auf dem Ozean umhertrieben.
Ihre isolierte Lage und die einmalige endemische Fauna und Flora machen sie zudem zu einem exotischen Paradiesgarten unberührter Natur und damit zu einer Metapher zivilisatorischer Sehnsucht nach einer Umwelt vor dem zerstörerischen Sündenfall der Industrialisierung. Doch durch die virtuelle Hypermobilisierung ist dieser Ort schließlich allseits zugänglich geworden und nur wenige Mausklicks entfernt.

Die von Google Earth eingefangenen Bilder aber tragen einen entscheidenden digitaler Fehler in sich: auf zweien interpretierte der Algorithmus von Google die Wolkenformationen über den Inseln als Merkmal ihrer Oberfläche. Er erzeugte also virtuelle Bilder, die im wahrsten Sinne des Wortes  einen „Himmel auf Erden“ darstellen. Damit wird ihnen unbeabsichtigt jeder Anspruch auf Authentizität genommen. Sie werden entlarvt als Konstruktionen, die uns zugleich den utopischen Charakter unserer eskapistischen  Sehnsüchte, befeuert von dem Narrativ des Gelobten Landes, widerspiegeln.

Und selbst diese Fluchtphantasie kann nur ausagiert werden als Aspekt der Interaktion mit unserem individuellen und isolierenden Vehikel, sei es das digitale Interface zum navigieren im raumlosen Raum des Internets oder das Automobil mit hermetischer Fahrgastzelle, in der wir uns irrealen Bildern eines Ortes aussetzen, an dem noch niemals ein Automobil gewesen ist.

So erweisen sich in dem Werkkomplex "Sehen-Sucht" von Esther Heltschl die drei verhandelten Narrative als das, was sie in Wirklichkeit sind, nämlich keine Beschreibungen tatsächlicher Gegebenheiten der Wirklichkeit, sondern lediglich kulturell ererbte erzählerische Operatoren, mit denen wir versuchen unseren Handlungen in einer uns nur begrenzt zugänglichen und verständlichen Wirklichkeit eine sinngebende Struktur zu verleihen.

© Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, Juni 2022


Montag, 2. Mai 2022

Autonome Körper im Farbdickicht - Dr. Thomas Piesbergen über die Ausstellung „Data Valuta“ von Benedikt Brockmann

Die Ausstellung "Data Valuta" findet statt im Rahmen des Jahresthemas "Autonom?" in der Galerie des Einstellungsraum e.V.
 
Benedikt Brockmann, Data Valuta, Einstellungsraum, 2022

Der Begriff der Autonomie, also die individuelle Eigengesetzlichkeit, betritt die Bühne der Geistesgeschichte erstmals mit der Figur der Antigone in der gleichnamigen Tragödie des Sophokles. Und in Antigone und ihrem individuellen Drama zeigt sich bereits der vollständige Bedeutungsinhalt des Begriffs. Seine Wurzeln liegen jedoch in der vorangegangenen soziopolitischen Entwicklung Athens während der Perserkriege unter Themistokles, aus der schließlich die Demokratie hervorgegangen ist.
Der Kulturwissenschaftler Karl-Martin Dietz schreibt dazu: „Der zunächst völlig unwahrscheinliche Sieg gegen die persische Übermacht, die die Stadt Athen existentiell bedrohte, hat offensichtlich dort den Sinn für eine „innere Freiheit“ geweckt, die in den orientalischen Großreichen unbekannt war.“Dementsprechend unterschied Themistokles die Griechen von den Persern vor allem anhand ihres Freiheitsgrades: Während die Perser sich den stets wechselnden Launen ihrer Herrscher unterwerfen mußten, ordneten sich die Griechen ausschließlich den Gesetzen unter. Der Begriff der Autonomie wurde zunächst entsprechend nur auf die Polis, die sich selbst Gesetze gibt, angewendet.

Gut vierzig Jahre nach der Schlacht von Salamis machte Sophokles mit seiner Antigone den entscheidenden Schritt, den Begriff der Autonomie auch auf das Individuum anzuwenden; er wurde also dahingehend ausgeweitet, daß er auch die Auflehnung des Einzelne gegen die Gesetze einer Gemeinschaft einschließt, also die individuelle Eigengesetzlichkeit.
Seitdem wird unter Autonomie, wie Adorno es formuliert, die Kraft zur Reflexion und zur Selbstbestimmung verstanden. Diese beiden Charakteristika setzen wiederum zwei andere Sachverhalte voraus:
Der eine ist das Selbstbewußtsein, das die Voraussetzung zur Reflexion ist. Das zweite Charakteristikum ist die Handlungsmotivation, also der Wille, der der Selbstbestimmung notgedrungen vorangehen muß. Dazu schreibt Immanuel Kant: „Autonomie des Willens ist die Beschaffenheit des Willens, dadurch derselbe ihm selbst (...) ein Gesetz ist.

Graben wir an dieser Stelle tiefer, stellt sich die Frage, was denn aber nun die Voraussetzungen für Willen und Selbstbewußtsein sind. Diese Fragen können wir heute durchaus befriedigend von den Neurowissenschaften beantworten lassen. Nach Antonio Damasio kann es weder Handlungsmotivation noch Selbstbewußtsein ohne einen organischen Körper geben.

Der Körper des Menschen besteht aus etwa 100 Billionen kooperierender Zellen und jede dieser Zellen lebt nach dem Grundprinzip der Homöostase. Darunter versteht man das zentrale Bestreben aller lebendigen Systeme einen gedeihlichen Gleichgewichtszustand herbeizuführen und zu wahren. Dazu wiederum ist die Vermeidung von Verletzungen und die Sicherung des Fortbestehens notwendig. Diese beiden Notwendigkeiten liegen allen weiteren Lebensfunktionen zugrunde.
Im Falle höheren organischen Lebens wirkt die Homoöstase sowohl auf der Ebene der individuellen Zellen, als auch auf der Ebene ihrer Summe. Man kann die Homöostase also durchaus mit Schopenhauers Primat des Willens gleichsetzen und in ihr die ursächliche Handlungsmotivation des Lebens an sich sehen.

Als wichtiges Werkzeug der biologischen Evolution entwickelte sich bereits in ihrer Frühphase die Sinneswahrnehmung. Denn um Homöostase zu erreichen, ist es für Organismen notwendig, Reize aus der Umwelt aufzunehmen, gleichzeitig aber des eigenen Zustands gewahr zu sein und schließlich diese Informationen aus Innen- und Außenwelten zu einem Ganzen zusammenzufügen. Diese beiden Wahrnehmungsrichtungen sind bereits für die einfachsten Bakterien nachgewiesen.
Die Wahrnehmung des eigenen Zustands ist für das Zustandekommen von Subjektivität und schließlich des Bewußtseins essentiell, denn Subjektivität entsteht, laut Antonio Damasio, aus den Bildern, die wir uns von unserem Körper als Ganzem machen, während er Sinneseindrücke aus der Außenwelt aufnimmt und zu inneren Bildern verarbeitet. Diese Bilder bzw. Körperkartierungen schließen sowohl die Wahrnehmung des Rezeptionsvorgangs selbst ein, sowie unsere körperlichen Reaktionen darauf. Bewußtsein bedeutet also die Wahrnehmung wahrzunehmen, wozu wir wiederum auf die Selbstwahrnehmung der Zellen und ihrer jeweiligen Milieus angewiesen sind .

Reflexion, Selbstbestimmung und Willen, die für das Erlangen von Autonomie unerlässlich sind, können, nach dem Stand der Neurowissenschaften, also nur innerhalb eines lebendigen, organischen Körpers entstehen.

Sehen wir uns aber den gegenwärtigen Gebrauch des Begriffes „autonom“ an, besonders im Schlagwort des „Autonomen Fahrens“, müssen wir feststellen, daß er nur wenig gemein hat mit reflektierter Selbstbestimmung von Organismen. Gerade bezüglich des sog. autonomen Fahrens muß geklärt werden, wer eigentlich durch computergesteuerte Fahrzeuge Autonomie erlangen soll: das Fahrzeug oder der Fahrer?

Verstehen wir es erst einmal so, als seien die Automobile gemeint, denn schließlich sind sie ja imstande zu fahren, ohne daß sich ein Fahrer aktiv in das Verkehrsgeschehen einmischt. Daß diese Zuweisung der Autonomie ein Irrtum ist, wird aber schon auf den zweiten Blick offenkundig. Zunächst ordnen sich die angeblich autonomen Mobile dem Fahrtwunsch ihrer Insassen unter, denn die Automobile haben keinen eigenen Handlungsimpuls. Desweiteren müssen sie sich den allgemeinen Verkehrsregeln unterordnen. Doch auch das geschieht nicht aus freiem Willen, sondern ist Teil ihrer Programmierung.

Alle weiteren Entscheidungen, die von ihnen augenscheinlich autonom getroffen werden, richten sich nach vorgegebenen Algorithmen und vom Menschen gesetzten Leitlinien. Ihre Fähigkeit zum Personentransport unter gleichzeitiger Wahrung der Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer ist so lange experimentell erprobt und von Menschen nachreguliert worden, daß sich die sog. Lernfähigkeit und der Entscheidungsspielraum nur in extrem engen Grenzen bewegen kann, die durchaus den Begriff des „Automatischen Fahrens“, niemals aber den des „Autonomen Fahrens“ zulassen.
Das Postulat der Autonomie entpuppt sich hier also als Etikettenschwindel, und dazu ist es noch nicht einmal notwendig, die zuvor erläuterten Voraussetzung einer Körperlichkeit ins Spiel zu bringen.

Wie steht es also mit den möglicherweise erweiterten Freiheitsgraden der Passagiere eines computergesteuerten Fahrzeugs?
Natürlich ist zu erwarten, daß die Werbeindustrie vor allem darauf verweisen wird, daß der Mensch nicht mehr mit der lästigen Aufgabe des nervenaufreibenden Fahrens im Stadtverkehr oder dem ermüdenden Abreissen von Autobahnkilometern belastet sein wird, um sich wertvolleren Tätigkeiten zu widmen. Doch zunächst findet nichts anderes statt, als die Suspendierung des Menschen in die Passivität.

Denn die reflektierte Selbstbestimmung kann sich nur im Handeln manifestieren, nicht aber durch die bloße Behauptung ihres Vorhandenseins. Nach Sartre gibt es kein Sein ohne Handlung, denn erst im Handeln wird Existenz evident. Auf diesen Umstand hat auch Nietzsche im Zarathustra auf poetische Art hingewiesen. Dort heißt es: „...dein Leib und seine grosse Vernunft: die sagt nicht Ich, aber thut Ich.
Indem wir also das Handeln und damit unsere Entscheidungsfreiheit algorithmengesteuerten Automaten überlassen, geben wir unsere Autonomie auf. Und das geschieht nicht nur beim pseudo-autonomen Fahren.

Jedesmal, wenn wir uns im Internet bewegen, hinterlassen wir Datenspuren, die von den großen Softwarekonzernen ausgewertet werden, um unsere Entscheidungsmuster daraus abzuleiten. Das geschieht mit dem Ziel, unsere Entscheidungen vorauszusagen und dadurch schließlich überflüssig zu machen. Bevor wir ein Bedürfnis oder ein Verlangen verspüren, wird uns bereits eine sofortige Befriedigung des zu erwartenden Wunsches angeboten, wodurch es weder notwendig ist, uns selbst und unsere Bedürfnisse zu ergründen, noch sich auf die Suche nach einer Möglichkeit der Befriedigung dieser Bedürfnisse zu machen. Die Selbstbefragung und damit der Kontakt zu unseren Körpern, die der Ort sind, an dem unsere Gefühle sich ereignen, wird übergangen, um unser Potenzial zum Konsumieren so schnell und effizient wie möglich auszunutzen.
Daß von diesen Mechanismen der Fremdsteuerung nicht die Konsumenten profitieren, wie uns weißgemacht wird, sondern nur die digitalen Oligarchen, zeigt sich in solchen Trends, daß nahezu alle führenden Köpfe im Silicon-Valley ihren Kindern die Nutzung digitaler Medien strikt verbieten oder extrem einschränken.

Mit dem Prozess der Entscheidung und Selbstbefragung kommen wir noch einmal auf die von Adorno genannte Reflexion zurück, die sich in der Sphäre der Vernunft abspielt, die wiederum, laut Nietzsche, nur ein Anhängsel der großen Vernunft des Leibes ist .
Wenn wir uns selbst in der Reflexion befragen, um zu einer vernunftgesteuerten Entscheidung zu kommen, sind wir immer auf unsere Erinnerungen angewiesen und auf unsere Fähigkeiten, innere und äußere Ereignisse in chronologischen Kausalketten zu gliedern. Doch die digitale Welt ist nicht nur raumlos, sie ist auch zeitlos.
Weder altern die Dinge in ihr, noch sind sie raumzeitlich voneinander getrennt, sondern liegen immer nur einen Mausklick weit entfernt. Genauso wenig müssen wir unsere Erinnerungen ausloten, um zu ergründen, wessen wir bedürfen und warum, da die Algorithmen uns die Entscheidung ja bereits abgenommen haben. Die Verknüpfungen der fragmentierten Inhalte gründen sich zudem nicht auf Kausalitäten, die einem chronologischen, individuellen Denkprozess entsprechen, sondern gründen sich auf quantitative, statistische Werte, nicht aber auf ursächliche Zusammenhänge.
Mit dem Verlust der Erfahrung von Chronologie und Raumzeit verlieren wir also auch unser Bewußtsein für Ursache-Wirkungs-Verkettungen und dadurch auch die Fähigkeit, einem langwierigen, komplexen argumentativen Aufbau zu folgen. Durch diesen Verlust des Gefühls für Dauer und Vergangenheit, für Ursache und Wirkung, wird auch die Fähigkeit neues Wissen zu generieren stark beschädigt. Alles was bleibt ist die makellose Gegenwart des Konsums sich ständig anbietender, leicht verdaulicher Informationshäppchen, die ohne Kontextualisierung sogleich wieder im digitalen Nirvana verschwinden.

Der daraus resultierenden herabgesetzten Aufmerksamkeitsspanne entsprechend, hat Benedikt Brockmann den installativen Teil der vorliegenden Ausstellung in Form plakativer, visueller Metaphern gestaltet.


Benedikt Brockmann, Data Valuta, Ausstellungsansicht, 2022

Im Zentrum sehen wir den Torso einer Schaufensterpuppe, die auf einen umgebauten Staubsauger-Roboter montiert ist. Dem Torso fehlen die Arme und Hände, also die prominentesten Werkzeuge des Menschen zu handeln. Die Herkunft der Schaufensterpuppe aus der Sphäre ökonomischer Zurschaustellung verweist wiederum auf die Bedeutung des Ausstellungswertes auf den, laut Byung-Chul Han, der einzelne Nutzer sozialer Netzwerke reduziert wird und sich selbst reduziert. Denn das Dunkle, Verworrene und Negative seiner Identität ist nicht schnell und einfach konsumerabel, weshalb es ausgeblendet wird.

Der offenkundige Freizeitlook der Figur deutet darauf hin, daß sie eigentlich kaum anwesend ist. Sie ist auf Urlaub und hat sich der alltäglichen Sphäre von Verantwortung und Sorge entledigt. Gleichzeitig aber hat sie sich auch selbst in die Passivität entlassen. Denn ihre Bewegung geht aus von dem sinnlos hin und her fahrenden Roboter, der geschredderte Datenschutzbestimmungen und AGB vor sich her schiebt.

Benedikt Brockmann, Data Valuta, Ausstellungsansicht, 2022

Dieser Datenabfall wird ununterbrochen vom einem Aktenvernichter ausgespuckt. Die Texte, die er vernichtet, sind die allgegenwärtigen Informationen und Richtlinien, mit denen wir als Nutzer digitaler Angebote tagtäglich konfrontiert werden, die die meisten von uns aber ebenso notorisch ignorieren, obwohl gerade sie uns über den kontinuierlichen Verzicht auf Autonomie und die Preisgabe unserer Datensicherheit und Privatsphäre unterrichten. Wir schieben sie ignorant, blind und ungelesen beiseite und liefern uns damit einer stetig wachsenden Manipulierbarkeit aus.

Benedikt Brockmann, Data Valuta, Ausstellungsansicht, 2022

Dieser Vorgang wird aufgegriffen von einer weiteren visuellen Metapher. Im Raum  sind weiße Netze installiert, gefüllt mit weißen Gehirnen aus Gips, weiß wie die Unschuld, weiß wie die Fahne der Kapitulation, weiß wie unbeschriebene Blätter. Wir sehen vor uns ein Bild der vollständigen ökonomischen Abschöpfung entindividualisierter Objekte im Netz der digitalen Konzerne, die selbst stets darum bemüht sind, sich durch „white-Washing“ eine weiße Weste zu verschaffen.

Benedikt Brockmann, Data Valuta, Ausstellungsansicht, 2022

Ganz im Gegensatz dazu sehen wir im Keller, im verborgenen Untergrund, fünf Köpfe aus schwarzem Samt vor dunklem Hintergrund, kaum sichtbar und stellvertretend für die Big Five, die fünf größten Digitalkonzerne: Apple, Alphabet, Meta, Amazon und Microsoft. Sie sind verbunden mit einem gewaltigen roten Schalter. Doch wozu der Schalter dient bleibt unklar, genauso wie es unklar bleibt, ob das Deaktivieren von Cookies und Trackern per Mausklick tatsächlich stattfindet oder nur eine vordergründige Beschwichtigung unseres Mißtrauens ist.

Benedikt Brockmann, Data Valuta, Ausstellungsansicht, 2022


Dieser plakativen Opposition von Schwarz und Weiß ist eine weitere Bedeutungssphäre beigestellt, die sich der Plakativität verweigert und dem schnellen Zugriff entzieht. Es sind Malereien in der Tradition des Abstrakten Expressionismus, in denen die Intuition für das Gleichgewicht von spontaner, körperlicher Geste und Gestaltungsabsicht sorgt.

Während die reduzierten visuellen Metaphern der Installation ganz und gar dem Logos und dem Kalkül entspringen, befinden wir uns mit den Malereien im Reich des Gefühls, durch das sich unser Unterbewußtsein der erlebten Gegenwart einschreiben kann. Und genau diese Dimension unseres Daseins, die Existenz, die durch spontanes, autonomes Handeln ins Sein tritt, bleibt dem Zugriff digitaler Agenten unzugänglich, denn ihr maßgebliches Charakteristikum ist eben nicht die Transparenz, sondern, wie David Gelernter es beschreibt, das Dunkle und Verborgene, in dem die Körpererinnerungen Dinge miteinander verknüpfen, die disparat erscheinen, aber für uns zueinander gehören, weil sie sich einen emotionalen Zusammenhang teilen.  
Ergänzt werden die Bilder, die in langen und oft unterbrochenen, also chronologisch komplexen Malprozessen entstehen, durch Schlagworte, erratische Zeilen, die ebenfalls keine Eindeutigkeit erzeugen.

Benedikt Brockmann, "Dream Machine", 2022


Auf dem Bild „Dream Machine“ sehen wir immer wieder die Buchstaben „OK“, als riefe sie jemand aus dem Inneren eines grau-weißen Dickichts.
Wenn wir, wie Gelernter es vorschlägt, das unterste, träumende Drittel des Spektrum unseres Geistes als den Ort begreifen, in dem unsere emotionalen Körperkartierungen die mit ihnen verknüpften Bilder aus der wahrgenommenen und erinnerten Außenwelt neu in Bezug setzen, wir uns im Traum also ganz und gar der, wie Nietzsche es sagt, größeren Vernunft unserer Leiber überlassen, können wir das wiederholte „OK“ als die Bejahung des körperlichen, leiblichen Seins lesen, so wie Nietzsches Übermensch erkennt, daß es keinen vom Körper gelösten Geist gibt und deshalb alle physische Existenz unbeschränkt anzuerkennen ist. Das bedeutet natürlich auch, ex tacendum, daß es keinen Geist ohne Körper geben kann, also auch kein Maschinenbewußtsein, wie es der Transhumanismus antizipiert, und demzufolge keine tatsächlich autonome KI.

Benedikt Brockmann, "They forced me to die, I' m innocent!", 2022


Auf einem anderen Bild lesen wir neben einer Form, die man als Gekreuzigten interpretieren kann: „They force me to die, I´m innocent!“
Im Gegensatz zu den in Netzen gefangenen, weißen Gehirnen und deren Konnotation der Unschuld sehen wir hier den Aufschrei vor einem vielschichtigen, grauen Hintergrund, in dem sich nicht nur Schwarz und Weiß, sondern etliche andere Farben gemischt haben. Vielleicht ließe es sich lesen als den Protest einer Existenz, die auf ihrer Uneindeutigkeit, ihre Vielschichtigkeit beharrt und deshalb unerwünscht ist, da sie sich der widerstandslosen Verwertbarkeit entzieht und in ihrer Behauptung der Unschuld die Existenz aller inkonsumerablen Zwischentöne bejaht.

Schließlich sehen wir auf einem dritten Bild über die deutlich organisch anmutenden Formen „exe. nackt no more“ geschrieben, was uns fast unmittelbar zu der von Byun-Chul Han angeprangerten Durchleuchtung und Pornographisierung der digitalen Räume und Identitäten bringt. Hier spricht zu uns die Weigerung sich vollständig nackt und transparent zu machen, und sich dadurch selbst zu einer Ressource zu degradieren.

Benedikt Brockmann, Data Valuta, Ausstellungsansicht, 2022

So kann man das ganze Ensemble der Ausstellung lesen als Postulat, daß tatsächliche Autonomie nur erlangt werden kann, wenn wir nicht Aspekte unseres Selbst aufgeben, um uns dadurch vermeintlich von Belastungen zu befreien, sondern daß wir nur imstande sind reflektiert, selbstbestimmt und eigengesetzlich zu handeln, wenn wir alle Aspekte unserer Existenz im Handeln manifest machen und erst dadurch unser Sein in vollem Umfang erfahren und in Erscheinung treten lassen können. Denn so und nur so können wir uns tatsächliche Autonomie erarbeiten.

© Dr. Thomas Piesbergen / VG Wort, April 2022

 

Benedikt Brockmann, Data Valuta, Ausstellungsansicht, 2022
 

 

Quellen

Theodor W. Adorno: Erziehung zur Mündigkeit, Suhrkamp Taschenbuch 11, Frankfurt am Main 1971

Antonio Damasio: Der Spinoza-Effekt, List, Berlin, 2005 & Im Anfang war das Gefühl, Siedler, München, 2017

Karl-Martin Dietz: Die Entdeckung der Autonomie bei den Griechen, in: Forum Classicum 4/2013, Bamberg, 2013

David Gelernter: Gezeiten des Geistes - Die Vermessung unseres Bewußtseins, Ullstein, Berlin, 2016,

Byung-Chul Han, Transparenzgesellschaft, Matthes & Seitz, Berlin, 2013

John Hands, Cosmo Sapiens, Albrecht Knaus Verlag, München, 2017

 Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Meiner Verlag, Hamburg 1999

 Harald Lesch: Die Digitale Diktatur, https://www.swr.de/wissen/tele-akademie/prof-242.html

Adrian Lobe: Bildschirmfrei ist das neue Bio, Warum die Programmierer im Silicon Valley ihre Kinder computerfrei erziehen, St.Gallener Tageblatt,  2. 4. 2019

F. Nietzsche: Also sprach Zarathustra, Insel Verlag, München , 1976

Jean-Paul Sartre: Ist der Existentialismus ein Humanismus? Drei Essays, Ullstein, Frankfurt 1989

Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd.3, Diogenes, Zürich, 1977,


 

 

 


 

 






 

Montag, 25. April 2022

Verschobener Kursbeginn: Schreibwerkstatt ab dem 2. Mai

 Ich freue mich auf Ihre Anmeldungen unter: thomas.piesbergen (a) gmx.de



Von Aneignung und Entäußerung - Dr. Thomas Piesbergen zur Ausstellung „Ursuppe und Unvergängliches“ von Frank Gillich und Sigrun Jakubaschke


Die Ausstellung "Ursuppe und Unvergängliches" wird gezeigt im Künstlerhaus Sootbörn, Hamburg, April & Mai 2022

Ursuppe und Unvergängliches, Frank Gillich und Sigrun Jakubaschke, Ausstellungsansicht, 2022

Die Geschichte der Kunst ist nicht nur eine Geschichte der Stile, der sich ändernden Bildinhalte, der Techniken oder ihrer sozialen Rahmenbedingungen, sie ist auch eine Geschichte der Aneignung, einem Vorgang, der in den letzten Jahrzehnten immer konkreter von Künstlerinnen und Künstlern als Charakteristikum ihrer Arbeitsweise genannt wird.
Doch auch wenn die Aneignung derzeit zu einem regelrechten Schlagwort zeitgenössischer Kunst geworden ist und man den Eindruck gewinnen kann, sie wäre ein genuin neuer Aspekt des Kunstschaffens, ist doch lediglich das Bewußtsein des Prozesses der Aneignung neu. Denn tatsächlich ist sie immer zentraler Impuls des Kunstschaffens gewesen.

Wenn der Mensch sich etwas aneignen will setzt das voraus, daß etwas außerhalb von ihm ist, etwas, das er nicht selbst ist. Karl Jaspers bezeichnet diesen Sachverhalt als Subjekt-Objekt-Spaltung.
Allen (…) Anschauungen ist eines gemeinsam: sie erfassen das Sein als etwas, das mir als Gegenstand gegenübersteht, auf das ich als auf ein mir gegenüberstehendes Objekt, es meinend, gerichtet bin. Dieses Urphänomen unseres bewußten Daseins ist uns so selbstverständlich, daß wir sein Rätsel kaum spüren, weil wir es gar nicht befragen. Das, was wir denken, von dem wir sprechen, ist stets ein anderes als wir, ist das, worauf wir, die Subjekte, als auf ein gegenüberstehendes, die Objekte, gerichtet sind.“(1)

Diese Spaltung, die mit dem Erwachen des menschlichen Bewußtseins, das immer auch ein Selbstbewußtsein ist, einhergeht, zeitigt die grundlegende Dichotomie von Welt und Mensch, die sich zu Beginn der menschlichen Kultur zunächst nur als eine Gegenüberstellung von Mensch und natürlicher Umwelt gezeigt hat, da die kulturelle Sphäre des Menschen erst geschaffen werden mußte.
Mit dem Bewußtwerden der Spaltung entstand jedoch gleichzeitig der Wunsch, sie wieder zu überwinden und eine gewähnte ursprüngliche Einheit wieder herzustellen.

Die ältesten uns überlieferten Zeugnisse von den Versuchen diesen Zustand des Getrennt-Seins zu überwinden, sind die Höhlenmalereien. Auf ihnen treten uns gleich zwei konträre Strategien entgegen:
Mit Handnegativen, die auf Höhlenwände gesprüht wurden, versuchte der Mensch einerseits seine subjektiv erkannte Existenz zu objektivieren, also eine Spur seines Körpers, und damit seiner selbst, in der umgebenden Wirklichkeit zu hinterlassen. Gleichzeitig aber unternahm er den Versuch, Objekte, die der Außenwelt angehören, zu subjektivieren, also die eigene Wahrnehmung dieser Objekte zu einem relevanten Topos zu machen und sie zu dokumentieren, in dem er Abbilder von ihnen schuf. Meist waren es Tierdarstellungen.

Diese ersten tatsächlichen Malereien werden meist in jagdmagischem Zusammenhang gedeutet. Man geht davon aus, daß der Mensch durch das Bild auf die Außenwelt einwirken wollte, um sich ganz faktisch das abgebildete Jagdwild anzueignen. Einer anderen Deutung zufolge sollte die Fruchtbarkeit der Wildbestände heraufbeschworen werden, bzw. die Seelen der getöteten Tiere in die Sphäre der Naturgeister zurück geleitet werden (2).
Es wäre aber ein Fehler zu glauben, es handele sich bei den dargestellten Tieren nur um Jagdwild. Marshall Sahlins wies darauf hin, daß Bedeutungszuweisungen nicht immer nur auf praktische Zusammenhänge zurück gehen, sondern daß Objekten, also auch Tieren, eine bestimmte Bedeutung beigemessen werde, da sie sich gut denken lasse (3), da sie sich gut eigne, subjektive Gedankeninhalte zu repräsentieren.

Als relevanteste Gedankeninhalte drängen sich zwangsläufig die essentiellen, in der Vorgeschichte sicherlich noch viel präsenteren Bedrohungen auf, denen das menschliche Leben ausgesetzt ist, und die natürlich auch im Rahmen der Jagd allgegenwärtig waren.
Es ging also um die Beherrschung einer in fast allen Aspekten lebensbedrohlichen Umwelt und um das Einwirken auf eine übernatürliche Sphäre, die hinter dem Mysterium Tremendum geahnt wurde.

Das uns gegenüberstehende Objekt ist also nicht nur die Dingwelt, sondern auch das Faktum der nicht rationalisierbaren Sterblichkeit, in deren Erkenntnis der Psychoanalytiker Luigi der Marchi den Urimpuls allen menschlichen Handelns ausmacht (4).
Die Abwehr unserer Todesangst kann demzufolge als maßgeblicher Ursprung der Idee des Numinosen, des Göttlichen oder Spirituellen angesehen werden, und alle religiöse Praxis als ein Versuch der Todesabwehr und der Kontrolle der Mechanismen des Übernatürlichen.

Diese grundlegenden Oppositionen von Mensch und Welt und Mensch und Tod  wurden im Lauf der Geschichte zusehends differenzierter. Spätestens im Neolothikum steht der lebensfeindlichen Umwelt die domestizierte Sphäre des Menschen gegenüber. Das Wilde jenseits ihrer Grenzen konnte nur durch göttliche Kräfte gebändigt werden, auf die der Mensch durch Rituale einzuwirken suchte.

In der östlichen Hemisphäre blieb die Identifikation der Außenwelt mit dem Numinosen bestehen, und da sich, nach Jaspers, der selbstbewußte Mensch auch selbst zum Objekt werden kann, entwickelten sich Mythologien, in denen der eigene Körper in seiner Eigenschaft als Teil der Objektwelt zu einem Gefäß des Numinosen und dadurch zu einem Werkzeug der Transzendenz werden konnte. Durch Körpererfahrung wurde es dem Menschen also möglich, die Subjekt-Objekt-Spaltung zu überwinden.

In der Levante, aus deren Tradition die europäischen Kulturen hervorgegangen sind, entstanden hingegen Mythologien, die die Grenzen anders zogen und interpretierten. Die Trennung vom Göttlichen, die der Mensch empfand, wurde ausgeweitet auf die gesamte Dingwelt. Indem also nicht der Mensch die eigene Existenz objektivierte, sondern sein subjektives Empfinden der Getrenntheit auf die Dingwelt ausweitete, entstand eine Spaltung zwischen der Welt des Körperlichen und der Welt des Spirituellen, was schließlich zu dem Dualismus der großen Offenbarungsreligionen führte, die auch im platonischen Denken ihre Spuren hinterließ.

Das Göttliche bzw. das antike Ideal wurde in einer außerweltlichen Sphäre verortet, der Körper hingegen, als unbeherrschbarer Schauplatz von Krankheit und Tod, einer rein weltlichen Natur zugeschlagen. Die einzige Schnittmenge der sonst unvereinbaren Sphären des Göttlichen und des Profanen blieb die menschliche Seele, die der göttlichen Sphäre entspringt und wieder in diese zurückzukehren versucht. Ihre übernatürliche Herkunft legitimiert wiederum den sich daraus ableitenden alttestamentarischen Marschbefehl „...füllet die Erde und machet sie euch untertan...“ (5)

Während die diesseitige Welt also ganz praktisch vom Menschen unterworfen und in seine Dienste gestellt wurde, waren in der Antike und in den monotheistischen Kulturen des Mittelalters die in die ferne gerückten Ideale, bzw. die  Symbole und Personifizierungen des Göttlichen die maßgeblichen Objekte der künstlerischen Aneignung. Vor allem im Christentum galt es, ihrer Heilsversprechen mit geheiligten Bildwerken und deren Anbetung habhaft zu werden.

Mit der Renaissance rückte die profane Welt plötzlich wieder in den Fokus. Da sie, dem Dualismus zufolge, an sich nicht sakraler Natur war, entstammten auch die Mittel, sie zu beherrschen, nun aus dem Arsenal des Logos. Neben einem Aufblühen antiker Wissenschaften wurden auch in der Kunst neue Mittel erfunden, sich die Umwelt anzueignen, vor allem waren es die naturalistische Darstellung, die mathematische Bildkomposition anhand des Goldenen Schnittes (6) und die Zentralperspektive. Gerade in der letzteren spiegelt sich die gottgegebene Herrscherrolle des Menschen wieder, denn mit ihr ordnet sich die Welt seinem Blick unter.

Als Gegenbeispiel sei die fehlende Perspektive der chinesischen und japanischen Malerei erwähnt. In einer taoistisch oder buddhistisch empfundenen Welt ist das Übernatürliche in allen Dingen anwesend, wirksam und überall erfahrbar. Dementsprechend stehen alle Erscheinungen auf den Bildern gleichberechtigt nebeneinander. Auch waren im Osten die Darstellungen von alltäglichen Vorgängen die Regel, während im Westen nach wie vor sakrale Bildthemen dominierten.

Im Laufe der Neuzeit verlor schließlich die Religion ihre thematische Bedeutung für die Kunst; der Tatbestand der Hierarchisierung aber blieb.
Zunächst spiegelten die Bildthemen immer konkreter das subjektive Erleben der Künstler wieder, schließlich wurde der subjektive Gestaltungswillen auch stilistisch zum bedeutendsten Charakteristikum der Kunst. Während sich die Künstler der Renaissance noch - stellvertretend für die Menschheit - die Welt im Namen Gottes und mittels Vermessung und Zentralperspektive unterwarfen, eignen sich Kunstschaffende seit nunmehr wenigstens 150 Jahren die Welt durch ihren subjektiven, individuellen Blick und Stil an.
Seit die Moderne gezielt mit der vom Logos diktierten naturalistischen Darstellung und der Zentralperspektive gebrochen hat, potenziert sich diese Entwicklung.

Dennoch sehen wir, wie im Falle der abbildenden Höhlenmalerei, nach wie vor die Absicht, eine objektive, uns gegenüberstehende Außenwelt im subjektiven Erleben sichtbar zu machen und sie sich dadurch anzueignen, egal ob aus allgemein menschlicher oder einer individuellen Perspektive. Denn in jeder Gestaltungsabsicht verbirgt sich das Konzept der Hierarchie im Sinne alttestamentarischer Unterwerfung bzw. Aneignung der Welt.

Erst in den 60er Jahren des 20. Jhd. wurden in der Bildenden Kunst wieder entgegengesetzte Strategien aufgegriffen, Strategien, die sich bereits die Schöpfer der paläolithischen Handnegative zu eigen gemacht haben, also Versuche, die als subjektiv erkannte Existenz zu objektivieren, indem man eine Spur seines Körpers, und damit eine Spur seiner selbst, in der umgebenden Wirklichkeit hinterläßt; indem man also keine Aneignung vollzieht, sondern eine Veräußerlichung des Selbst.

Auch Sigrun Jakubaschke und Frank Gillich beschäftigen sich schon seit langer Zeit damit, wie es möglich ist, eine Kunst ohne Gestaltungsabsicht zu schaffen. Dabei haben sie verschiedene Verfahrensweisen entwickelt, in denen sich die Welt durch den menschlichen Körper oder durch ihre jeweilige Materialität selbst mitteilen kann.

Frank Gillich, 2022


Die Kugelschreiberzeichnungen von Frank Gillich entstehen aus einem Zusammenspiel materialabhängiger Parameter und den Gegebenheiten des Körpers. Auf dem Boden kniend folgt er mit drei Kugelschreibern, die er auf einmal einsetzt, dem Radius von Hand- und Schultergelenk, wodurch Segmente von Kreisbögen entstehen, die dicht an dicht gesetzt werden.
Die Fluktuationen, die sich körperbedingt in dem eigentlich statischen Prozess ereignen, bestimmen die Form, der sich die weitere Gestaltgebung unterwirft. Obwohl Struktur und Prozess immer die gleichen sind, bilden kleinste Abweichungen auf diese Weise Verwerfungen, die in ihrer Summe ein jeweils vollkommen individuelles Gesamtbild hervorbringen. Es geschieht keine Unterwerfung von etwas Gesehenem durch Subjektivierung, vielmehr teilt sich der jeweilige Zustand des Körpers in gegebenen Rahmenbedingungen selbst mit, indem er eine objektive Spur seines Handelns hinterläßt.

     Ursuppe und Unvergängliches, Frank Gillich, Ausstellungsansicht, 2022

Bei der Formwerdung der Skulpturen Gillichs steht weniger der handelnde Körper im Mittelpunkt, sondern vielmehr ein zufällig in der Wirklichkeit vorgefundenes Arsenal von Formen. Ausgangspunkt sind Objekte, die sich eigentlich bereits in dem Prozess des Formverlusts befinden: Gegenstände aus der Sphäre menschlicher Produktion, die durch diesen Formverlust ihr Funktionalität und damit ihre Bedeutung für den Menschen eingebüßt haben, oder Dinge, die aus ihrem natürlichen Zusammenhang gelöst sind und in den Zerfall übergehen - abgebrochene Teile von Autos und Fahrrädern, aufgeplatzte Tennisbälle, Hausmüll, Baumpilze, Holzstümpfe etc.

Beide Arten von Dingen befinden sich in einem Zustand, den man mit dem buddhistischen Begriff des Bardo bezeichnen kann, dem diffusen, formlosen Zustand zwischen Tod und Wiedergeburt, zwischen Vergehen und Werden, einer zeitweiligen Rückkehr in die Ursuppe, in den Kompost der Realität.

Diese Fundstücke werden abgegossen und auf amorphe, seriell hergestellte Grundkörper übertragen, wodurch deren Oberflächenstruktur in einem offenen Prozess der Korrespondenz ihrer Elemente entsteht. Die Dinge bringen also ihre Form selber mit und erzeugen gemeinsam einen Kontext, der nur bedingt vom Künstler konzipiert werden kann. Genauso werden auch die Spuren des Abformungsprozesses, wie z.B. Gussnähte, nicht beseitigt und verweisen damit ein weiteres mal auf eine bewußte Rücknahme der Gestaltungsabsicht.

Ursuppe und Unvergängliches, Frank Gillich und Sigrun Jakubaschke, Ausstellungsansicht, 2022

Ebenso verhält es sich mit der Anordnung der Objekte im Raum. Meist verbleiben sie an dem Ort, an dem sie mehr oder minder zufällig abgeladen worden sind.

Sigrun Jakubaschke, die sich seit Jahrzehnten mit der Gestaltung des Raums durch Körperspuren beschäftigt, wendet sich in dieser Ausstellung vor allem der sich selbst bezeugenden Materialität zu.

Wie auch Gillich nutzt sie dazu vorgefundene Objekte und Strukturen. In erster Linie sind es historische Trockenmauern, die in Anlehnung an die Frottagetechnik durch das Papier nachgezeichnet werden.
Hier korrespondiert bereits der Prozess der Bildentstehung mit dem Abgebildeten: Bei dem Bau der Mauern wurden die Steine nur grob zugerichtet, sodaß in ihrer Form vor allem die originäre Struktur des Steins zutage tritt. Analog dazu folgt die zeichnende Hand der Künstlerin ebenfalls dem Vorgefundenen und läßt dessen Struktur zutage treten.

Im anschließenden Aufschichtungsprozess der Steine bestimmen ihre jeweilig individuellen Formen die Struktur des Gemäuers. Ähnlich den Fluktuationen in Gillichs Kugelschreiberzeichnungen, bringen die materialinhärenten Abweichungen, trotz des schematisierten Prozesses, in ihrer Summe ein jeweils vollkommen individuelles Gefüge hervor.

Ursuppe und Unvergängliches, Sigrun Jakubaschke, Ausstellungsansicht, 2022


Ein weiteres Charakteristikum - sowohl der Einzelblätter als auch ihrer Agglomeration - ist die jeweilige Zufälligkeit der Begrenzung. Die Struktur der einzelnen abgezeichneten Mauerabschnitte ist keiner geschlossenen, hierarchischen Komposition unterworfen, sie könnte sich ins Grenzenlose fortsetzen, genauso wie auch wie die Anordnung und Zahl der Einzelblätter keiner zwingenden Komposition folgt und sich über den ganzen Raum ausbreiten könnte.

Diese angedeutete Grenzenlosigkeit, bzw. die spontane Wahl von Ausschnitt und Größe des Bildgefüges, konterkariert einen weiteren Aspekt der aneignenden, hierarchischen Kunst. In einem Zitat von R.L. Stevenson heißt es: „Das Leben ist monströs, unlogisch, unbegrenzt, sprunghaft und penetrant, ein Kunstwerk, verglichen damit, ist harmlos, begrenzt, beherrscht, vernünftig, fließend und gezähmt.“ (7)
Denn für gewöhnlich sind Kunstwerke, ob ein Roman, eine Skulptur oder ein Bild, in sich geschlossen. In der Literatur werden Anfang und Ende, auch wenn es sich um Tatsachenromane handelt, gezielt gesetzt, damit sich die Bewegungen im Text zu einer dramaturgischen Einheit zusammenziehen. In der Kunst sind es Bildausschnitt und Komposition, die gezielt gesetzt werden. Das gilt jedoch nur für die aneignende, subjektivierende Kunst.
Die Vorgehensweise von Sigrun Jakubaschke macht hingegen deutlich, daß für die vorliegende Begrenzung des Abgebildeten keinerlei Notwendigkeit besteht. Sie ist beliebig und verlangt deshalb geradezu, in alle Richtungen weiter gedacht zu werden, denn das Abgebildete ist schließlich nur eine Spur, ein zufälliger Ausschnitt des Monströsen, Sprunghaften und Unbegrenzten.

In die Mauerfragmente sind auch immer wieder Zeichnungen toter Kleintiere und Vögel eingefügt. Doch auch hier handelt es sich nicht um Darstellungen im herkömmlichen, planvoll gestalteten Sinne. Vielmehr sind es Blindzeichnungen. Das Auge der Künstlerin ruht dabei nur auf dem Gesehenen, nicht auf dem Gezeichneten. Das Gezeichnete ist also nicht Ergebnis einer kontrollierten Gestaltungsabsicht, sondern vielmehr das Ergebnis eines körperlichen Ereignisses, ausgelöst durch einen visuellen Reiz.

Hier schlägt sich gewiß auch Sigrun Jakubaschkes Erfahrung mit ostasiatischer Kalligraphie nieder. Für die gilt, daß nicht das besonders virtuos ausgeführte Schriftzeichen gelungen ist, sondern das Schriftzeichen, in dem sich das spontane Nachempfinden des gemeinten Objekts am authentischsten zeigt. Hier wie dort soll sich also die Welt über den Umweg des Körpers selbst mitteilen, ohne daß sie vom Logos ausgemessen, kategorisiert und ästhetisiert wird.  

In Jakubaschkes Skulpturen teilen sich das Material und sein Verhalten während verschiedener Bearbeitungsprozesse noch unmittelbarer mit. Es handelt sich vor allem um gefärbten und ungefärbten Gips, der sich während des Abbindens transformiert.
In diesen Prozess greift Sigrun Jakubaschke zu verschiedenen Zeitpunkten ein und ruft damit Effekte hervor, in der sich der Prozess der Metamorphose selbst zeigt. Auch bei ihr tauchen, wie bei Gillich, zufällig gefundene, organische Objekte auf, die mit den Gipskörpern in Dialog gebracht werden.
Ihre organische Gestaltwerdung, die im Gegensatz zur willkürlichen Gestaltgebung durch nichts legitimiert werden muß, wird unterstrichen durch auffällige Färbung, z.B. durch Vergoldung.

In allen Arbeiten sprechen also die Körper zu uns, die belebten, handelnden Körper der Kunstschaffenden, oder die unbelebten Körper, die sowohl bei Gillich als auch bei Jakubaschke von Transformation und Übergang zeugen.

In dem Vorbereitungsgespräch fiel unter anderem ein Zitat von Friedrich Nietzsche, das ich hier im ganzen Zusammenhang nennen möchte:

Leib bin ich und Seele“ — so redet das Kind.
 Und warum sollte man nicht wie die Kinder reden?
Aber der Erwachte, der Wissende sagt: Leib bin
ich ganz und gar, und Nichts ausserdem; und Seele
ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe.
Der Leib ist eine grosse Vernunft, eine Vielheit
 mit Einem Sinne, ein Krieg und ein Frieden, eine
 Herde und ein Hirt.
Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine 
Vernunft, mein Bruder, die du „Geist“ nennst, ein
 kleines Werk- und Spielzeug deiner grossen Vernunft.
„Ich“ sagst du und bist stolz auf dieses Wort. Aber 
das Grössere ist, woran du nicht glauben willst, — dein
 Leib und seine grosse Vernunft: die sagt nicht Ich,
 aber thut Ich. (
8)

Und eben dieses Tun, dieses nicht abstrahierte, selbstbezeugende Handeln der Körper ist der große Grundakkord dieser Ausstellung.

Wir leben in einer Zeit, in der wir die Früchte davon ernten müssen, was uns gut 2500 Jahre dualistisches Denken eingebracht haben. Überall um uns sehen wir die Ergebnisse von der Ideologie der Unterwerfung des Körpers und der Unterwerfung der Welt. Der Dualismus hat uns dahin geführt, daß wir die Welt als Objekt der Ausbeutung heruntergewirtschaftet haben, genauso wie wir die Körper unserer Mitmenschen - und oft sogar unsere eigenen - zu einer wirtschaftlichen Ressource degradiert haben.

Ursuppe und Unvergängliches, Sigrun Jakubaschke, Ausstellungsansicht, 2022

Doch wir befinden uns an einer Zeitenwende, in der es schließlich zu einer essentiellen Notwendigkeit geworden ist, sich wieder den Gegebenheiten von Körper und Welt unterzuordnen. Es ist notwendig geworden, daß der Mensch in der Dingwirklichkeit sich als Gleicher unter Gleichem begreift, nicht als Herrscher über sie, sondern lediglich als ein Teil, ein beliebig gesetzter Ausschnitt einer ganzheitlichen Wirklichkeit.

In diesem Zusammenhang zeugen die Arbeiten von Sigrun Jakubaschke und Frank Gillich von einem erforderlichen Paradigmenwechsel in der Beziehung von Mensch und Welt, vom Umgang des Menschen mit der Subjekt-Objekt-Spaltung und seinen Strategien, die als schmerzhaft empfundene Kluft zu überbrücken.


© Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, April 2022

 Quellen:

(1) Karl Jaspers: Einführung in die Philosophie. R. Piper, München 1953 / 1986, S. 24 f.

(2) Joseph Campbell, Mythologie der Urvölker, dtv, München 1991, S. 317 ff.

(3) Marshall Sahlins: Kultur und praktische Vernunft, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1981, S. 288 ff.

(4) Luigi der Marchi: Der Urschock, Luchterhand, Darmstadt, 1988

(5) Mose 1.28, Große Lutherbibel, Deutsche Bibelstiftung, Stuttgart, 1979

(6) A. Beutelspacher, B. Petri: Der Goldene Schnitt. Spektrum, Heidelberg / Berlin / Oxford 1988, S.148 ff.

(7) R.L. Stevenson, nach A. Manguel: Tagebuch eines Lesers, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 2005, 193

(8) F. Nietzsche: Also sprach Zarathustra, Insel Verlag, München , 1976, S. 37

Montag, 21. März 2022

Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" in Altona: Neues Kursmodul 1 ab dem 28.3.2022

ACHTUNG: Kursbeginn verschoben auf den 2. Mai 2022: (KLICK) 


Der Kursabschnitt 1 "Von der Idee zum ersten Entwurf" wendet sich vor allem an Schreibanfänger*innen, aber auch an Schreibende, die ihre handwerklichen Fertigkeiten verbessern wollen.

Inhaltlich werden wir uns mit literarischen Grundkonflikten beschäftigen, mit der Gestaltung lebendiger Charaktere und dem Entwurf überzeugender und packender Handlungsverläufe und deren Struktur sowie allgemeinen dramaturgischen und handwerklichen Problemen.

Die Unterrichtseinheiten werden begleitet von Hausaufgaben, in denen die Teilnehmer*innen die erlernten Techniken ausprobieren können - gerne auch im Rahmen eigener, bereits bestehender Projekte. Die so entstandenen Texte werden in der Gruppe besprochen. Alles darf, nichts muss...

Nach derzeitigem Stand ist corona-konformer Präsenzunterricht geplant. Falls erwünscht ist aber auch eine hybride Teilnahme möglich.

Ich freue mich auf Ihre Rückmeldungen!

Mit herzlichen Grüßen,
Thomas Piesbergen

Die Themen im Einzelnen:

• Schreibmotivationen
• Authentizität und Fiktion
• Schreibmethoden
• Literarische Reduktion: Themen und Prämissen
• Konflikte und Transformation
• Charaktere: Protagonist und Antagonist
• Charaktere: Nebenfiguren und Dritte Kraft
• Charaktertiefe
• Charakterisierung
• Konflikte und ihre Entwicklung
• Akute Konfrontationen und verdeckte Konflikte
• Entwurf des Handlungsverlaufs: „Schicksalskurven“
• Gliederungsschemata: Dreiakter, Heldenreise, Regeldrama u.a.
• Struktur: Szenen, Schwellen, Spiegelungen, Motive
• Mechanismen der Eskalation
• Plot und Gegenplot
• Spannung erzeugen
• Das Setting
• Schauplätze
• Schreibhemmungen

Ort: Atelierhaus Breite Straße 70
Kursdauer: 2 Monate (8 x 2 Stunden)
Teilnahmegebühr: 200,- € / ermäßigt 140,- €
Zeit: Montags 19:30 - 21:30


ANMELDUNGEN bitte per E-Mail an:  thomas.piesbergen (at) gmx.de