Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an.
März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3
Oktober-Dezember: Kursabschnitt 1 / Januar-Februar: Kursabschnitt 2
Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de


Montag, 3. Januar 2022

Neue Veröffentlichung: Doppelkatalog "vom Glück der genauen Betrachtung" mit zwei Essays von Dr. Thomas Piesbergen

Die schon länger währende Zusammenarbeit der Künstlerinnen Stilla Seis und Christiane Lüdtke ist nun, nach etlichen Ausstellungen, in einem Doppelkatalog zusammengefasst. Die jeweiligen Œuvres werden begleitet von den Essays "Von Zeit und Glück" und "Die inneren Bilder der Natur" von Dr. Thomas Piesbergen.

Format 21 x 20 cm, 32 Seiten und 28 farbige ganzseitige Abbildungen.
ISBN 978-3-948127-13-8

Ladenpreis 8,- € 

 

Format 21 x 20 cm, 32 Seiten und 28 farbige ganzseitige Abbildungen
ISBN 978-3-948127-12-1

Ladenpreis 8,- €


Dienstag, 28. Dezember 2021

Neues Kursmodul 2 der Schreibwerkstatt ab dem 10.1.2022

Am Montag, den 10. Januar 2022, startet die Schreibwerkstatt Das Textprojekt mit einem neuen Kursabschnitt: „Modul 2 - Die Textarbeit:  Eine Geschichte wird lebendig“. 
Neueinsteiger und Schreibanfänger sind ausdrücklich willkommen!


Der Kursabschnitt thematisiert mit welchen Mitteln man eine Geschichte am angemessensten und effektvollsten umsetzt, aus welchen Elementen ein Textkörper entsteht und wie man sie formal zu einem dramaturgisch kohärenten Ganzen zusammenfügt.


Die kursbegleitenden Hausaufgaben bestehen vor allem aus akuten Schreibaufgaben, in denen die verschiedenen Erzähltechniken mit ihren spezifischen Effekten ausprobiert und verglichen werden können.


Die Themen im Einzelnen:
 • Textkörper und Textarten • Triggern • Beschreibung • Narrative Schilderung • Narrative Zusammenfassung • Akute Handlung • Dialoge • Innenschau • Überleitungen • Perspektive • Szenendramaturgie • Handlungschronologie • Rückblenden • Narratives Tempus • Erzähltempo • Intellektuelle und sinnliche Resonanz • Originalität der Beobachtung


Leitung: Dr. Thomas Piesbergen
 // Kursdauer: 2 Monate (8 Doppelstunden)
Termin: Montag 19:30 - 21:30 // 
Teilnahmegebühr: 200,- / 140,- € ermäßigt
 // Teilnehmerzahl: max. 10
Atelierhaus Breite Straße 70 // 22767 Hamburg (oberhalb des Fischmarkts)
 

Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de

Pandemie-Hinweis:
Der Kurs findet unter 2G-Bedingungen statt, zusätzlich werden Atemmasken getragen, die aber abgenommen werden können, sobald Texte vorgetragen werden. Sollte ein Kurs wegen der Infektionslage nicht mehr im Präsenzunterricht stattfinden können,  wird er im Online-Format fortgesetzt.



Dienstag, 16. November 2021

Zwischen Licht und Schatten - Dr. Thomas Piesbergen zur Ausstellung "Overcoming the Embrasure" von Elke Suhr

Die Ausstellung „Overcoming the Embrasure“ von Elke Suhr ist vom 13. - 28. November 2021 im Künstlerhaus Sootbörn zu sehen.


Licht und Schatten sind für den Menschen nicht nur Begriffe, mit denen ein optisches Phänomen beschrieben wird, das uns hilft unsere visuelle Welt zu strukturieren. Vor allem sind sie zu einer der grundlegenden Metaphern geworden, um die seelische Befindlichkeit auszudrücken - und um ausgehend davon die Beschaffenheit der Welt jenseits des Sichtbaren in Form von Religion und Metaphysik zu entwerfen.

In nahezu allen Religionen wird das Licht gleichgesetzt mit der Anwesenheit des Göttlichen, dem Paradies, der Erleuchtung, während das Reich der Schatten vor allem gleichgesetzt wird mit dem Tod. Diese Verknüpfung von Dunkelheit und Tod kann zurückverfolgt werden bis in die mittlere Altsteinzeit, aus der die ältesten Kulthöhlen stammen. In ihre Dunkelheit stiegen die paläolithischen Jäger hinab, um dort die Wiedergeburt der von ihnen getöteten Jagdtiere zu bewirken und ihre Seelen aus dem Reich des Todes auferstehen zu lassen.

Zwar waren Tod und Dunkelheit mit Erschütterung und auch mit Angst verbunden, gleichzeitig aber waren sie die Quelle neuen Lebens. Diese Verknüpfung bleibt über lange Zeit ein zentraler mythischer Komplex - im Neolithikum z.B. versinnbildlicht durch die lebensspendende Herrin der wilden Tiere aus Catal Hüyük, die uns zwar als Muttergöttin entgegentritt, aber begleitet ist von tödlichen Raubtieren. In den orientalischen Hochkulturen ist es der babylonische Gott Ea, der Herr des unterirdischen, lebensspendenden Urozeans.

Auch in der europäischen Antike lebte die Einheit von Dunkelheit, Tod und Geburt zunächst weiter, z.B. im Mysterium der Demeter von Eleusis, in der die Mysten viele Stunden in absoluter Dunkelheit verbringen mußten, bevor Demeters Tochter Persephone, die Frau des Unterweltgottes Hades, als Kore, das wiedergeborene Mädchen, zwischen ihnen, umgeben von hellem Lichtschein, erschien, um das Leben und den Frühling zu bringen. Und in Indien gilt die schwarze Göttin Kali bis heute nicht nur als Göttin des Todes sondern auch als Symbol der Fruchtbarkeit und Erneuerung und als die lebensspendende Energie des Shiva.

Doch spätestens im persischen Zoroastrismus wurde die Dunkelheit nicht mehr nur mit dem Tod, sondern auch mit dem Bösen identifiziert, in Gestalt des schwarzen Angra Mainyu, der dem Schöpfer- und Lichtgott Ahura Mazda entgegentritt, um mit ihm um die Vorherrschaft über die Welt zu ringen. Auch im Alten Testament begegnen uns Dunkelheit und Finsternis immer wieder als Synonyme für Qual und Marter (Ps. 107).
In der Mythologie des Christentums schließlich wird der vormalige „Lichtträger“ Luzifer in die Tiefe, unter die Erde zu den Toten gestoßen (Jesaja 14; Hesekiel 18) und dadurch zum Herren über die verfehmte dunkle Seite des Menschen. In seiner gehörnten Gestalt jedoch klingt nicht nur die Erscheinung des paläolithischen Herrn der Tiere an, der über die Tiergeister im Jenseits herrscht und sie wieder ins Licht und damit ins Leben führt, sondern auch die Verkörperung des Babylonischen Ea als Steinbock oder „Ziegenfisch“.

Die Metapher des Lichts ist uns bereits aus vorchristlicher Zeit in Form verschiedener Sonnengottheiten, aber vor allem aus dem Alten Testament und aus Platons Höhlengleichnis bekannt.
In den Psalmen heißt es: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“ (Ps. 27) und „Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“ (Ps.36).  Im Höhlengleichnis wirft das Licht, das von außen in die Höhle dringt, die Schatten, die wir für die Wirklichkeit halten, an deren rückwärtige Wand, bringt also unsere Dingwelt hervor, die aber nur Täuschung ist.
Im neuen Testament sagt Jesus von sich „Ich bin das Licht der Welt.“ Für die Neuplatoniker, in deren Denken sich die antike Philosophie mit dem Christentum verbindet, wurde das göttliche Licht zum einzigen, weltbegründenden Prinzip erhoben. Existent sind nur die Dinge, die in seinen Schein treten.
Diese Betonung der Lichtmetapher bei gleichzeitiger Diffamierung der Dunkelheit setzt sich ungebrochen bis in die europäischen Aufklärung fort, mit dem einzigen Unterschied, daß an die Stelle des göttlichen Lichts nun das Licht der Vernunft gesetzt wird. Die vormals sündenbehaftete, satanische Dunkelheit wird nun zum Reich der Unvernunft, des Emotionalen, Wilden und Unkontrollierbaren, das es zu beherrschen gilt. Auf politischer Ebene schlug sich diese Denkstruktur unter anderem nieder in Form von Suprematie und Kolonialismus, die sich unter anderem auf die Fahnen schrieben, den zwar sonnendurchglühten, aber dennoch „dunklen“ afrikanischen Kontinent zu unterwerfen, um ihm das „Licht“ der Zivilisation zu bringen.

Erst mit der literarischen Romantik kehren die Dunkelheit und der Schatten als differenzierter Topos in das abendländische Bewußtsein zurück, vor allem im Motiv des Doppelgängers, wie wir es bei E.T.A. Hoffmann, Jean Paul oder später bei Edgar Allen Poe finden.
Der Doppelgänger stellt die abgespaltene dunkle Seite des Menschen dar, vor allem seine im christlichen Zusammenhang als sündig diffamierten Begierden und Triebe. Das plastischste Beispiel einer solchen Repräsentation der dunklen Seite schuf R.L. Stevenson mit seiner Novelle Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde von 1886.

Vor diesem Hintergrund entwickelte schließlich Sigmund Freud seine Theorie des Unterbewußten. Das in das Dunkel Verdrängte wurde erstmals als maßgeblicher Impulsgeber aller menschlicher Handlungen benannt. In der Psychologie von C.G. Jung wurde es zum kollektiven Unterbewußten erweitert und individuell mit dem Archetypus des Schattens identifiziert. Das Dunkle wurde als integraler Bestandteil des menschlichen Geistes anerkannt und seine Erforschung gilt seitdem als ein Weg der Selbsterkenntnis und Heilung.

Mit diesem Schritt wurde auch das sog. Böse, das zuvor im Reich der Religion noch als konkrete und ursächliche Größe existierte, als bloßes Symptom entlarvt. Doch obwohl seit Freuds „Traumdeutung“ von 1899 die Polarität von Gut und Böse sowie von Licht und Schatten in Kunst und Literatur systematisch dekonstruiert worden ist, überlebte sie im populären und populistischen Zusammenhang unbeschadet das 20. Jhd., und tritt im 21. Jhd. noch immer im alten sowie in einem neuen Gewand in Erscheinung.
So erlebten wir nach dem 11. September einerseits das Postulat von sog. „Schurkenstaaten“ und die Auferstehung des Narrativs vom „bösen Mann“ als Wurzel allen Übels, der mal in Form von Gaddafi, Saddam Hussein oder Osama Bin Laden zur Strecke gebracht werden muß, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Andererseits sind wir Zeuge einer neuen Inkarnation der Lichtmetapher geworden, die unter dem Begriff der „Transparenz“ unsere Gesellschaft durchdringt und etwas hervorgebracht hat, für das der Philosoph Byung-Chul Han unter anderem die Bezeichnung „Positivgesellschaft“ gefunden hat.
„Transparent werden Dinge, wenn sie jede Negativität abstreifen, wenn sie geglättet und eingeebnet werden, wenn sie sich widerstandslos in glatte Ströme des Kapitals, der Kommunikation und der Information einfügen. Transparent werden die Handlungen, wenn sie operational werden, wenn sie sich dem berechen-, steuer- und kontrollierbaren Prozess unterordnen. (…) So manifestiert sich die Transparenzgesellschaft zunächst als Positivgesellschaft.“

In dem alles menschliche Denken, Fühlen und Handeln „durchleuchtet“ werden soll, um im Sinne einer reibungslosen Kommunikation alle vermeintlichen Fehlerquellen auszuschalten, wird alles Dunkle und Unverständliche erneut diffamiert und deshalb verdrängt - oder vor der Öffentlichkeit verborgen. Denn der Zweifel, das Verharren, die Angst, das Begehren, alles Irrationale stehen dem erfolgreichen ökonomischen Prozess im Wege - aber nur der ist heute von Bedeutung. In dem vom Menschen verlangt wird, sein Handeln und sich selbst transparent zu machen, wird er unausgesprochen dazu gezwungen, seine dunkle, unerwünschte Seite zu leugnen.
Denn „Der Mensch ist nicht einmal sich selber transparent. Freud zufolge verneint das Ich gerade das, was das Unbewußte schrankenlos bejaht und begehrt. Das ,Es‘ bleibt dem Ich weitgehend verborgen. Durch die menschliche Psyche geht also ein Riß, der das Ich nicht mit sich selbst übereinstimmen läßt.“

So gerät der Mensch, von dem in unserem post-industriellen Zusammenhang eine utopische Übereinstimmung mit sich selbst, eine Nachvollziehbarkeit und Sichtbarmachung aller Regungen und Vorgänge gefordert wird, unter einen permanenten Optimierungsdruck, der nicht nur seine öffentliche, sondern auch seine private Person belastet.
Als Beleg müssen wir uns nur vor Augen halten, wie viele Menschen sich daran gewöhnt haben, das eigene Leben nicht nur anhand seines Ausstellungswerts zu beurteilen, der ihm bei permanenter Zurschaustellung auf sog. sozialen Netzwerken zugemessen wird, sondern es schließlich sogar im Sinne dieses Ausstellungswertes zu gestalten.

Doch was geschieht mit all den Vorgängen im Dunkeln, all den Ereignissen und Regungen, Gedanken und Begierden, derer wir uns im Licht der Öffentlichkeit schämen müßten, da sie sich nicht in den fließenden Prozess einfügen mögen?
Sie erleiden das gleiche Schicksal wie unter dem Regime christlicher Moral, abgesehen von dem Detail, daß sie nicht mehr als „Sünde“ bezeichnet werden: Sie werden verdrängt und erzeugen das von Freud als „Unbehagen in der Kultur“ bezeichnete Gefühl, das sich vor allem in der Ausbildung von Schuldkomplexen, aber auch von Aggression zeigt.

In seinem Hauptwerk „Lanark“ gibt der schottische Schriftsteller Alasdair Gray diesem psychosozialen Problem eine manifeste Form: In einer Art Limbus wächst dem Protagonisten Lanark, weil er ständig bemüht ist, seine inneren Vorgänge von der Außenwelt abzuschirmen und gleichzeitig um sich vor Verletzungen zu schützen, eine Drachenhaut. Dieser Panzer wird zusehends fester, und ihm steht schließlich eine vollständige Erstarrung bevor, während der steigende innere Druck droht, diesen endgültig verhärteten Panzer in einer tödlichen Detonation zu sprengen.

Was Alasdair Gray vor vierzig Jahren beschrieb, erleben wir in der Zeit der Pandemie und nach der Erfahrung des Lockdowns in besonders drastischer Weise. Vor allem in der Zeit der häuslichen Isolation sind große Teile der Bevölkerung in Alltagsmuster verfallen, deren Ausstellungswert gegen null geht und in denen sich Negativität und Irrationalität entfaltet haben. Das Spektrum dieser Verhaltensweisen reicht von gemütlicher Verwahrlosung über Depression bis hin zu häuslicher Gewalt.
Die Folge ist eine Abschottung dieser seelischen und faktischen Zustände von einer Öffentlichkeit, die ihrerseits z.B. via Zoom-Konferenz immer mehr einfordert in unsere Privatsphäre Einlass zu finden.
Doch der Rückzug hinter einen verbergenden Verteidigungswall ist nur eine der möglichen Reaktionen. Eine andere ist die aggressive Projektion der dunklen, gesellschaftlich diffamierten und deshalb Schuldgefühle erzeugenden Aspekte unseres Selbst. Um das Gefühl der Schuld und Mangelhaftigkeit von uns selbst abzuwehren, wird es auf andere projiziert, auf unsere dunklen Doppelgänger, die als Sündenböcke attackiert werden können - ein klassisches, schon von C. G. Jung beschriebenes Muster.

Elke Suhr, Overcoming the Embrasure, Ausstellungsansicht, Sootbörn, 2021

Dieser Zusammenhang führte Elke Suhr zu der Raumgestaltung ihrer Ausstellung „Overcoming the Embrasure“, was übersetzt werden kann mit „Die Schießscharte überwinden“.
In der Mitte des Raumes befinden sich zwei angedeutete Trennwände, die trapezförmig aufeinander zulaufen und sich schließlich wieder weiten, ganz so, wie es Schießscharten in mittelalterlichen Wehranlagen tun. Diese Schießscharten dienten aber nicht nur zum Abschießen von Pfeilen oder Bolzen, sondern wurden auch genutzt, um heißes, schwarzes Pech auf die Feinde zu gießen. Die architektonischen Metapher steht entsprechend sowohl für das Verteidigungsbollwerk, das wir um unser Selbst errichten, als auch für den Auslass der dunklen Aggression.

Elke Suhr, Overcoming the Embrasure, Ausstellungsansicht, Sootbörn, 2021

Die Zeichnungen, Aquarelle und Objekte im Inneren der Struktur thematisieren entsprechend das verworrene Dunkel, das sich hinter unseren Verteidigungsanlagen aufstaut und seine Negativität akkumuliert, in all seinen Facetten.

Auf den umgebenden Malereien sehen wir es jedoch meist wieder in einer Bezogenheit auf das Licht. Mal fungiert es als Fundament für aufstrebende Bildelemente, auf denen leuchtende Farben und spielerische Ordnung herrschen, mal fügt sich es im Zusammenspiel mit hellen Zonen zu integralen Momenten der Bildarchitektur.

Elke Suhr, Overcoming the Embrasure, Ausstellungsansicht, Sootbörn, 2021

Die nachempfundene Grundform der Schießscharte öffnet sich auf die rückwärtige Wand des Ausstellungsraums. Dort finden wir ein Schlüsselsymbol zu Elke Suhrs Werk, das altgriechische Theta. Es wird geschrieben als Kreis mit einer horizontalen Linie. Alternative Schreibweisen aus der Antike zeigen es auch mit einem Kreuz oder Punkt in der Mitte, die die symbolische Bedeutung des Thetas als Weltganzes nahelegen. Geblieben ist schließlich nur der Kreis, unterteilt von einem Strich in zwei Sphären.
Doch ist diese Grenze bei Elke Suhr nie absolut, denn sie ist als Schwelle gestaltet, die das Überschreiten der Grenze, den Übergang von der einen in die andere Sphäre bereits impliziert.



Elke Suhr, Overcoming the Embrasure, Austellungsansicht Sootbörn, 2021

Elke Suhr, Overcoming the Embrasure, Austellungsansicht Sootbörn, 2021

Dieses Zwiefältige durchzieht als roter Faden fast alle Arbeiten Elke Suhrs, häufig auch in Form von Richtungsvektoren, die z.B. gebildet werden von den Bildecken der um 45° gedrehten Leinwände, deren Flächen zudem fast immer in eine obere und untere Zone unterteilt sind.

Elke Suhr, Overcoming the Embrasure, Ausstellungsansicht, Sootbörn, 2021

So erleben wir in der gegenwärtigen Ausstellungen zahlreiche Variationen der unabdingbaren Verbindung von Licht und Dunkelheit, deren Opposition nie zu einem zoroastrischen Krieg zwischen Gut und Böse ausufert. Vielmehr wird ihre Polarität als ein Zusammenspiel gezeigt, durch das sie sich gegenseitig hervorbringen und konstituieren, ganz ähnlich dem ursprünglichen Dunkel der paläolithischen Jäger, das sowohl der Ort des Todes, als auch der Ort der Wiedergeburt war.

Elke Suhr, Overcoming the Embrasure, Austellungsansicht Sootbörn, 2021

Als Schlußwort möchte ich ein Zitat des japanischen Schriftstellers Tanizaki Jun‘ichirō wählen, das aus seiner ästhetischen Schrift „Lob des Schattens“ stammt.
Zwar nennt er ein ganz konkretes Beispiel, um die Bedeutung des Zusammenwirkens von Licht und Schatten in der Dingwelt zu erläutern, doch kann man es auch als einen Fingerzeig lesen, wie auch wir unser inneres Dunkel als notwendigen Bestandteil unseres Erfahrungsraums wahrnehmen können, nämlich als einen Ort oder Zustand, in den wir gegebenenfalls hinabsteigen müssen, um dort eine Erneuerung und Vervollständigung des Lebens zu bewirken: eine Notwendigkeit, um das Licht in Erscheinung treten zu lassen.

„Wie ein phosphoreszierender Stein, der im Dunkel glänzt, aber bei Tageshelle jeglichen Reiz als Juwel verliert, so gibt es ohne Schattenwirkung keine Schönheit.“

© Dr. phil. Thomas Piesbergen / VG Wort, November 2021

Elke Suhr, Overcomin the Embrasure, Ausstellungsansicht Sootbörn, 2021

Literatur:

• Die große Lutherbibel, Stuttgart, 1975
• Joseph Campbell, Die Masken Gottes Bd.2, Mythologie des Ostens, Nördlingen 1996
• Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, in: Gesammelte Werke, Köln, 2014
• Alasdair Gray, Lanark, Rogner & Bernhard, 1992
• Brigitte Groneberg, Die Götter des Zweistromlandes, Stuttgart, 2004
• Byung-Chul Han, Transparenzgesellschaft, Matthes & Seitz, Berlin 2012
• Tanizaki Jun’ Ichirō, Lob des Schattens, Manesse, Zürich, 1987


Mittwoch, 20. Oktober 2021

Neue Veröffentlichung: Th. Piesbergen in "Wahida Azari - The Essence of Relatedness"

Die Künstlerin Wahida Azhari gibt in ihrem neuen Katalog einen Überblick über ihre Arbeiten der letzten Jahre, begleitet von dem Essay "Die Essenz der Bezogenheit" von Dr. Thomas Piesbergen.

 


 

Hyperzine Verlag

Format 28 x 20 cm, 64 Seiten, 63 farbige Abbildungen.


ISBN 978-3-948127-17-6

Ladenpreis 10,- €



Donnerstag, 30. September 2021

Das geglückte Mißverständnis - Thomas Piesbergen über die Ausstellung „Misunderstood Careless Whispers“ von Francisca Markus und Elina Saalfeld

In seinem Essay Kassandras Stimme schreibt der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Alberto Manguel: „Geschichten nähren unser Bewußtsein und können uns zur Erkenntnis darüber führen, wenn schon nicht wer, so wenigsten dass wir sind, zu einer essentiellen Bewußtheit, die sich in der Begegnung mit der Stimme des anderen herausbildet.
Wenn zu sein bedeutet, wahrgenommen zu sein, wie Bischof Berkeley bemerkte (…), dann sind wir, um zu wissen, auf das Wissen anderer angewiesen, die wir wahrnehmen und die uns wahrnehmen.

Zwar spricht Manguel in diesem Text über die Literatur, doch können wir sie als spezielle Form der Kommunikation in diesem Zusammenhang als stellvertretend für deren Gesamtheit begreifen.

Wir brauchen also die Kommunikation mit anderen Menschen, um uns des eigenen Selbst zu vergewissern, unserer Erfahrungen, unserer Lebendigkeit.
Es liegt nahe daraus abzuleiten, man brauche ein Kommunikationsmedium, das geeignet ist, die dazu notwendigen Inhalte für beide Seiten verständlich zu übermitteln. Es muß imstande sein, Verständigung herzustellen. Dazu dient uns, neben der abbildenden Kunst, der Musik und den Ausdrucksformen des Körpers, vor allem die Sprache.

Über sie schrieb Elias Canetti jedoch in einem Interview zu seinem Roman Die Blendung: „Ich begriff, daß Menschen zwar zueinander sprechen, aber sich nicht verstehen; daß ihre Worte Stöße sind, die an den Worten der anderen abprallen; daß es keine größere Illusion gibt als die Meinung, Sprache sei ein Mittel der Kommunikation zwischen Menschen. Man spricht zum anderen, aber so, daß er einen nicht versteht… Wie Bälle springen die Ausrufe hin und her, erteilen ihre Stöße und fallen zu Boden. Selten dringt etwas in den anderen ein, und wenn es doch geschieht, dann etwas Verkehrtes.

An anderer Stelle in demselben Interview heißt es:
Diese sprachliche Gestalt eines Menschen, das Gleichbleibende seines Sprechens, diese Sprache, die mit ihm entstanden ist, die er für sich allein hat, die nur mit ihm vergehen wird, nenne ich seine akustische Maske.

Ganz im Gegensatz zur Auffassung Manguels, der in der Sprache ein Mittel zur Überwindung der Isolation sieht, erscheint die Sprache hier als etwas, das nicht zur Verständigung dient, sondern sie geradezu verhindert. Aus Canettis Sicht nutzen Menschen die Sprache, willentlich oder unbewußt, um sich dahinter zu verstecken, sich zu maskieren, sich zu verpanzern und um ihr Gegenüber zu attackieren.

Auch wenn diese beiden Aussagen sich gegenseitig auszuschließen scheinen, sind uns dennoch beide beschriebenen Gesichter der Kommunikation bekannt. Jeder von uns hat sowohl hoffnungslos gescheiterte als auch glücklich gelungene Kommunikation erlebt; Gespräche, in denen selbst der klarste, akkurat formulierte Gedanke den Raum zwischen zwei Menschen nicht überbrücken kann, und solche, in denen jede auch nur angedeutete Nuance verstanden wird.

Wie ist es also möglich, daß ein Medium, das so offensichtlich störanfällig zu sein scheint, dennoch imstande ist, das Gefühl von Verstehen und Verstanden-Werden in uns hervorzurufen?

Zur Erhellung dieses paradoxen Umstands möchte ich zunächst das Kommunikationsmodell von Friedemann Schulz von Thun heranziehen. Nach Schulz von Thun hat jede Äußerung vier verschiedene Ebenen: Die Sachebene, die Beziehungsebene, die Apellebene und die Selbstoffenbarungsebene, die sich zum sog. Sprachquadrat zusammenfügen. Je nach charakterlicher Disposition und akuter Stimmung bevorzugen wir mal diese, mal jene Ebene. Operieren jedoch zwei Gesprächspartner auf einer jeweils anderen Ebene, sind Mißverständnisse eine notwendige Folge.

So gilt z.B. als eine der Hauptfehlerquellen in der Kommunikation zwischen Mann und Frau, daß Männer sich meist auf der Sachebene bewegen, während Frauen der Beziehungsebene deutlich mehr Gewicht beimessen. Während also die eine Seite sich ausschließlich mit der rein technischen Lösung eines Problems beschäftigt, ist es der anderen Seite wichtiger, die Gefühle angesichts des Problems miteinander zu teilen und die Bereitschaft zu signalisieren, gemeinsam eine Lösung finden zu wollen. Die Verstimmungen und Verwerfungen, die daraus resultieren können, sind den meisten von uns ebenfalls hinlänglich bekannt.

Nach diesem Kommunikationsmodell gelingt eine Kommunikation also nur dann, wenn sich entweder beide Gesprächspartner zufällig auf einer Ebene treffen, oder wenn sie imstande sind, die Ebene des jeweils anderen zu erspüren, die Nachricht angemessen entschlüsseln und anschließend auf der gleichen Ebene zurück senden. Will man schnell getaktet kommunizieren sind dazu zusätzliche Signale des Körpers wie Stimmmelodie, Mimik und Gestik notwendig, um die Aussagen angemessen zu markieren.

Um diese Signale des Körpers in einer schnell getakteten, spontanen aber körperlosen Kommunikation zu ersetzen und damit Mißverständnissen vorzubeugen, führte der Informatiker Scott Fahlmann schon 1981, in der Frühzeit der E-Mails, die Emoticons ein. Sie sollten dazu dienen, um ironische Bemerkungen, die übereilt und ohne sorgfältige sprachliche Kennzeichnung verschickt wurden, von ernst gemeinten zu unterscheiden. Denn diese Art des Mißverständnisses, die aus den Gegebenheiten des neuen Mediums entstanden war, breitete sich überraschend schnell und wirkte sich ebenso überraschend destruktiv auf die Kommunikation innerhalb seines Instituts aus.

Doch es gibt auch noch eine weitere Art des Mißverständnisses, die mit dem Sprachquadrat nicht in vollem Umfang erfasst werden kann. Sie bildet die innere Struktur des Romans Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins von Milan Kundera und wird dort protokolliert in dem sog. Kleinen Verzeichnis mißverstandener Wörter.

In diesem Verzeichnis führt Kundera vor, wie einzelne Begriffe, also die Grundelemente der Sprache, von jedem Individuum mit vollkommen unterschiedlicher, idiosynkratischer Bedeutung aufgeladen werden. Jeder Begriff, wie auch jeder andere Sinnesimpuls, löst bei jedem Menschen völlig unterschiedliche Assoziationskaskaden aus und steuert individuelle Erinnerungen und emotionale Komplexe an, die schließlich unsere Individualität konstituieren. Aus diesem Grunde kann eine übermittelte Information niemals von zwei unterschiedlichen Menschen auf die selbe Art und Weise aufgefasst werden.
Das bedeutet aber auch, das jeder Sprachgeflechte in sich trägt, die einer eigenen, individuellen Logik unterworfen sind, und die unser Sprechen unbewußt mitgestalten.

Über die dadurch notgedrungen bedingte Vieldeutigkeit schrieb Umberto Eco bezüglich der Literatur: „Die große Mehrheit der Lesarten bringt jedoch überraschende Sinnzusammenhänge ans Licht, an die man beim Schreiben gar nicht gedacht hatte.
Ein Empfänger kann also aus einer Nachricht mehr Information herauslesen, als vom Sender ursprünglich beabsichtigt. Zudem wird er notwendigerweise neue, in seiner Subjektivität wurzelnde Bedeutungen generieren. Diese Erkenntnis zieht Eco als gewichtiges Argument gegen die Interpretation des eigenen Werkes heran, da der Autor dadurch die Erschließung von Informationen, die er unbewußt in die Struktur der Nachricht eingebettet hat, ebenso verhindert, wie die vom Text ausgelösten kreativen Prozesse im Geist des Lesers.

Vor dem Hintergrund dieser Aspekte wird es schließlich vorstellbar, eine vordergründig gescheiterte Kommunikation dennoch als eine geglückte zu betrachten.
Das Konzept des Kommunikationsquadrats erlaubt sowohl Interaktionen, die zwar auf der Beziehungsebene scheitern, aber dennoch auf der Sachebene zu einem Ergebnis führen, als auch Gespräche, die auf der Sachebene scheitern, gleichzeitig aber auf der Beziehungsebene für beide Seiten befriedigend sind.
Man denke nur an zwei Wissenschaftler, die trotz persönlicher Mißverständnisse und Spannungen ein Forschungsvorhaben erfolgreich abschließen, da sie zwar auf der Beziehungs- oder der Selbstoffenbarungsebene scheitern, sich aber auf der Sachebene erfolgreich austauschen können; oder an zwei Menschen, die sich aufgrund einer Sprachbarriere nur unzureichend über eine Sachfrage verständigen können, sich aber dennoch gleichzeitig der gegenseitigen Sympathie versichern und dementsprechend auf der Beziehungsebene ausgesprochen erfolgreich operieren können.

Die Auffassung von Sprache, wie sie Kundera und Eco teilen, läßt eine andere Möglichkeit des Gelingens im Scheitern zu, in Form eines positiven Mißverständnisses, in dem eine Äußerung vom Empfänger in einen Sinnzusammenhang gestellt wird, der den vom Sender intendierten transzendiert.
So kann einerseits ein Monolog dem Empfänger durch eine vermeintliche Fehlinterpretation Informationsfelder über den implizierten Bedeutungsgehalt hinaus erschließen; andererseits können die vom Sender ursprünglich intendierten Inhalte durch eine Rückmeldung an den Sender, von diesem wiederum in einem völlig neuen Licht betrachtet werden und ihm so neue Perspektiven und neue Denkoptionen eröffnen.
Wenn sich dieser Moment der Rückkoppelung mehrfach ereignet, kann innerhalb der Kommunikation ein eigenständiges Gedankengefüge entstehen, dessen Dynamik und Komplexität die der jeweiligen Kommunikationspartner deutlich übersteigt, und in dem sich neue Gedanken und Ideen entwickeln können. Dieses Phänomen faßte der Philosoph und Schriftsteller Robert Anton Wilson in dem Satz zusammen „Wenn zwei Gehirne miteinander kommunizieren entsteht ein drittes.“ Es entsteht kollektive Meta-Intelligenz.

Um die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Kommunikation und die Dynamik der Mißverständnisse auszuloten, haben sich die Künstlerinnen Elina Saalfeld und Francisca Markus stellvertretend für alle Kommunikationsarten das Medium Rhythmus und Klang ausgewählt. Über einen längeren Zeitraum haben sie sich Audio-Fragmente zugeschickt, die weder durch Körpersignale, Texte oder darüber geführte Gespräche erläutert wurden. Wenn eine der Künstlerinnen ein solches Fragment erhalten hat, deutet sie es unabhängig von einer möglichen Intention und antwortet darauf mit einem neuen Fragment.

Dabei bedienen sie sich sehr unterschiedlicher klangerzeugender Medien, die man wiederum im Sinne des Diktums „The medium is the message“ von Marshall McLuhan auf das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun ummünzen kann: Während Elina Saalfeld auf eine radikal abstrahierte Weise Klänge und Rhythmen erzeugt, in dem sie Algorithmen programmiert, was man mit der Sachebene gleichsetzen kann, nutzt Francisca Markus den eigenen Körper als intuitiv agierende Klangquelle. Als Signale ihrer realen Physis kann man diese Klangartefakte als Informationen auf der Selbstoffenbarungsebene lesen. Es werden dabei also Inhalte übermittelt, die zu übermitteln ein Algorithmus niemals fähig wäre.

Auf diesem Weg entstand eine große Sammlung von Klangartefakten, die von kleinen digitalen Wiedergabegeräten abgespielt werden, die wiederum mit Hilfe von Spanngurten im Raum installiert sind. Dabei halten sich in der Regel zwei miteinander verbundene Wiedergabegeräte im Gleichgewicht und demonstrieren damit ihre gegenseitige Abhängigkeit im Dialog; ganz im Sinne der Aussage George Berkeleys, das Sein wäre bedingt durch gegenseitige Wahrnehmung.

In einem so durch die Bezüglichkeit der Klangquellen strukturierten Raum ertönen die Artefakte in einem offenen Arrangement, das im zeitlichen Vollzug dem Zufall immer mehr Raum gibt und sich dadurch schließlich in einem nicht vorhersehbaren Zusammenspiel entfaltet. Wir werden also Zeuge der Nachstellung eines Dialogs, der bereits von idiosynkratischen Umdeutungen geprägt ist und der nun, trotz kontrollierter Ausgangsbedingungen, Verschiebungen und Inkongruenzen zeitigen wird, die wir wiederum als Empfänger nach unserem Belieben und vor dem Hintergrund unserer assoziativen Ressourcen deuten können. Dementsprechend werden einige von uns das Gefühl haben, da sie einen kohärenten Sinnzusammenhang herstellen können, einem gelungenen Dialog zu lauschen; andere hingegen werden das Gefühl haben, Zeugen eines Scheiterns zu werden.

Der Titel dieser Installation lautet Misunderstood Careless Whispers und nimmt explizit Bezug auf die Pop-Ballade Careless Whisper von George Michael, die zu einem Symbol des 80er-Jahre-Kitschs geworden ist. Übersetzt bedeutet der Titel „Leichtsinniges Geflüster“ und verweist damit auf die unabsehbaren Folgen einer gedankenlosen oder übereilten, potenziell mißverständlichen Äußerung - ein Umstand, der im Ausstellungstitel ganz bewußt aufgegriffen wird.

Interessanterweise ist das Lied für sich genommen als ganz bewußt für den Musikmarkt kalkulierte Vorspiegelung von Gefühligkeit völlig unmißverständlich. Es erzählt eine von Klischees strotzende, rein fiktive Geschichte von einem Betrug in der Liebe und ist mit ebensolchen musikalischen Klischees orchestriert. Wegen seines großen Erfolges wurde es jedoch zum Objekt zahlloser, tiefgründiger Interpretationen, was den Komponisten selbst entsetzte, da er in dem Lied niemals  etwas anderes gesehen hatte, als ein oberflächliches, für den Markt konzipiertes Pop-Produkt.

Während sich andere Künstler danach sehnen, gesehen und als tiefgründig begriffen zu werden, wurde George Michael durch die Überinterpretation des Stückes als Songwriter völlig desillusioniert. Gleichzeitig aber haben zahllose Hörer aus dem Stück für sie hoch bedeutsame Sinnzusammenhänge herausgelesen. Dadurch empfanden sie, die Kommunikation, die der Sender als tragisch gescheitert betrachtete, als glückhaft gelungen.

An dieser Stelle möchte ich meine Ausführungen abbrechen und die Besucher nun ihrerseits dem offenen Dialog mit dem Kunstwerk und den beiden Künstlerinnen überlassen, die, ganz im Sinne ihrer Arbeitsweise, eine abschließende Interpretation ihrer Arbeit ablehnen, da sie dem offenen Prozess vom Mißverständnis und dessen Rückkoppelung zuwider liefe. So überlasse ich nun den gedanklichen Raum den umgedeuteten Sinnzusammenhängen und einer wohlmöglich scheiternden und dennoch zugleich glückhaft gelingenden Kommunikation.


© Thomas Piesbergen / VG Wort, September 2021



Literatur:

Alberto Manguel, Eine Stadt aus Worten, Fischer Verklag, Frankfurt a.M., 2011

Elias Canetti, zitiert nach: Manfred Durzak, Gespräche über den Roman, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1976, S. 116, 117

Friedemann Schulz von Thun, Miteinander Reden: Störungen und Klärungen, Reinbek bei Hamburg, 1981

https://de.wikipedia.org/wiki/Emoticon#Geschichte  &  http://www.cs.cmu.edu/~sef/Orig-Smiley.htm

Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Carl Hanser Verlag, München/Wien, 1984

Umberto Eco, Nachschrift zum ,Namen der Rose‘, Carl Hanser Verlag, München/Wien, 1984

Robert A. Wilson, Der Neue Prometheus - Die Evolution unserer Intelligenz, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 2002

Nigel Goodall, George Michael: In His Own Words, Omnibus Press, London, S. 39