Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an.
März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3
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Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de


Donnerstag, 26. September 2013

Rezension: "Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet" von David Mitchell (2013)

Hier ist er nun also, der neue Mitchell. Hoch gelobt und mächtig dick (714 S.). Doch was kann der Autor, der vor allem durch seine Montagetechnik - mal virtuos (Wolkenatlas), mal etwas angestrengt (Chaos) - berühmt geworden ist, wirklich?

Gelungen in diesem umfangreichen Werk sind vor allem die plastischen und menschlichen Figuren, denen man gerne durch die teils etwas krude Handlung folgt, sowie der im hohen Maße exotische Schauplatz, der einem noch lange in Erinnerung bleiben wird: die niederländische Faktorei Dejima vor Nagasaki. Beeindruckend ist die historische Recherche, die Mitchell betrieben hat und durch die man eine gute Vorstellung der politischen Verhältnisse in Japan und Fernost um das Jahr 1800 bekommt. Und über weite Strecken schafft er es, Spannung zu erzeugen und zu überraschen.

Damit sind die positiven Aspekte allerdings schon genannt, denn auffällig sind vor allem die stilistische Fehlkonzeption und die dramaturgische Effekthascherei.

Stilistisch sind es vor allem die zahllosen, meist völlig unzusammenhängenden Detailbeobachtungen, mit denen fast alle Szenen gespickt sind und die nicht selten die Dialoge so sehr zerstückeln, daß man kaum noch die grammatikalischen Zusammenhänge der Äußerungen nachvollziehen kann, da regelmäßig mitten während eines Satzes jemand im Nebenzimmer anfängt Geige zu spielen oder ein dreibeiniger Hund irgendetwas anbellt. Das soll vielleicht japanisch anmuten ist aber einfach nur lästig.

Die auf dem Cover angekündigte „sprachliche Orgie“ sucht man ebenfalls vergeblich. Es erweckt eher den Anschein, als wolle Mitchell unbedingt einer entsprechenden Erwartungshaltung genügen. Und so ist der sonst eher angenehm schlichte und geradlinige Sprachduktus angereichert mit gewollt originellen Metaphern, die leider häufig nicht den Punkt treffen oder in manchen Fällen sogar völlig deplaziert sind.

Ein weiteres, echtes Ärgernis ist die erzählerische Unbeholfenheit mit der Mitchell nahezu alle Figuren im Laufe des Romans ihre Lebensgeschichte vorstellen läßt, die mit der Romanhandlung fast immer rein gar nichts zu tun hat. Vor allem auf den ersten 200 Seiten ahnt man schon, sobald eine neue Figur auftritt, daß Mitchell bald einen Anlass schaffen wird, sie erzählen zu lassen, wie und wann sie zum Marinedienst gepresst wurde etc.pp. und das über Seiten und Seiten. Besonders schlimm wird es, wenn nach 600 Seiten, während der Showdown bereits in vollem Gange ist, wieder eine Figur, die man bereits kennt, auf 10 Seiten ihre Lebensgeschichte ausbreiten darf - wiederum ohne den geringsten Nutzen für die Romanhandlung. Da blättert selbst der hartgesottenste Leser gerne mal weiter, bis man wieder zu den relevanten Ereignissen kommt.

Diese Fehler sind fraglos einer Schreibdisziplin anzukreiden, die sich Mitchell selbst auferlegt hat: Er befolgt stur ein Schema, ob es dem Stoff gut tut, oder nicht, aber wenigstens seine Lektoren hätten hier Aufmerksamkeit walten lassen müssen.

Dann gibt es andere stilistische Fehlgriffe, die wie aus dem Nichts auftauchen und wieder darin verschwinden. So bedient sich Mitchell der „allwissenden“ auktorialen Perspektive und nutzt von Kapitel zu Kapitel verschiedene Reflektorpersonen, deren Innenleben er in der 3. Person schildert. Doch plötzlich, nach gut 500 Seiten haben wir es mit einem Ich-Erzähler zu tun, einer völlig nebensächlichen Figur, die uns natürlich erst einmal mit ihrer Lebensgeschichte langweilt. Nachdem dieser Ich-Erzähler uns über den derzeitigen Zustand des Protagonisten aufgeklärt hat, verschwindet er wieder im Dickicht des Romans, um nie wieder aufzutauchen. Wieso, weshalb, warum? fragt sich der aufmerksame Leser. Was hat dieser Kunstgriff zu bedeuten und warum wird diese Figur, die für die Handlung komplett irrelevant ist, auf eine so auffällige Weise ins Rampenlicht geholt? Die Antwort bleibt Mitchell uns schuldig - oder auch nicht, wenn sie lautet: weil es ein guter Effekt ist. Aber es bleibt ein Effekt ohne Sinn und Verstand.

Und die Geschichte? Ein historischer Wirtschaftsthriller, angereichert mit wüstem und dick aufgetragenem Horrorbeiwerk, interessantem Kulturvergergleich und einer Liebesgeschichte, die eigentlich aus zwei Liebesgeschichten besteht, die beide nicht stattfinden.

Man könnte noch auf viel Fehlerhaftes und einige gelungene Abschnitte hinweisen, aber abschließend bleibt nur zu sagen: ein schwacher Roman.

Mitchell hat in einigen Abschnitten von „Chaos“ und dem „Wolkenatlas“ bewiesen, daß er ein Erzähler von erschreckend intensiver Vorstellungskraft und sprachlichem Feingefühl sein kann. Ich wünsche ihm von Herzen, daß er zu einer Form findet, die ihm erlaubt, sein Potenzial endlich voll zu entfalten und daß er nicht im Mittelmaß stecken bleibt und sich und uns weitere Dokumente des Scheiterns zumutet, wie diesen Roman.


Thomas Piesbergen, September 2013

Mittwoch, 11. September 2013

Schichtung: Eine Technik zum Überarbeiten und Schreiben von Szenen

Das Schreiben in Schichten ist eine aus der Überarbeitung abgeleitete Technik, um komplexe Szenen zu schreiben. Sie kann vor allem effektiv sein, wenn man mit einer konkreten Handlungsabfolge arbeitet, die für die Entwicklung des Plots notwendig ist, man gleichzeitig auf eine psychologische Tiefe aber nicht verzichten möchte.

Bei dem Schreiben in Schichten werden in aufeinander folgenden Überarbeitungen immer mehr Aspekte der Figuren und ihrer Beziehungen zueinander in den handlungsorientierten Urtext eingearbeitet, ähnlich wie beim Siebdruck, bei dem eine Farbschicht nach der nächsten aufgetragen wird. Durch diese Vorgehensweise kann man eine sehr hohe Konflikt- und Ereignisdicht in einen Text bringen.

Es kann auch häufig passieren, daß sich plötzlich Angelpunkte bilden, also Ereignisse oder Dinge in den Vordergrund rücken, auf die auf verschiedenen Ebenen referiert wird. Sie erhalten dadurch eine mehrdeutige, changierende Qualität oder bestenfalls metaphorische Dimension. Von diesen Angelpunkten ausgehend erschließt sich dem Leser die Komplexität der Szene.



Schema:

1. Schicht: Man schreibt die Szene als äußere Handlungsabfolge.
z.B. die Personen A und B, gehen gemeinsam an einen Ort, tun dort etwas, führen ein Gespräch, den äußeren Handlungsablauf betreffend, tauschen Informationen aus, die den Fortgang der Handlung erklären bzw. in Gang setzen.

2. Schicht: Der Konflikt zwischen A und B: was kann zwischen zwei Figuren, auch unabhängig  von den zentralen Bewegungen der Handlung entstehen? Wenn sich die Figuren bereits einmal begegnet sind, nimmt man sich ihre vorangegangene Konfrontation vor und spinnt beim ersten Überarbeiten der neuen Szene den vorangegangen Konflikt in die Handlung ein und entwickelt ihn weiter.

3. Schicht: Man prüft die Disposition und grundlegende Motivation von Person A und arbeitet
ihre Aspekte, die unabhängig von dem Konflikt mit Person B sein können, ein.

4. Schicht: Man verfährt ebenso mit Person B

Beispiel:

Schicht 1
(Die junge Schauspielerin Iris ist bei ihren Freunden Jan und Katrin zu Besuch. Während sie allein in der Stadt unterwegs gewesen ist, hat sie einen Anruf wegen eines kurzfristigen Theaterengagements erhalten. Sie muß umgehend abreisen, hat aber ihren Koffer bei Katrin und Jan gelassen, den die beiden nun rechtzeitig zum Flughafen bringen müssen.)

Jan wuchtet den Koffer in den Wagen. „Hast Du auch ihre Sonnenbrille? Die lag auf der Kommode.“
Katrin dreht auf der Schwelle um und läuft zurück ins Haus. „Einen Moment, hab sie gleich.“
Kurz darauf sitzen sie im Auto. „Ich habe auch noch ihr Notizbuch gefunden. Hast du diese Figur sicher eingepackt?“
„Ja.“
Er läßt den Wagen an. „Ich bezweifle, daß wir es noch rechtzeitig schaffen.“
„Wenn wir an der Ringstraße abfahren, sollte es klappen. Dahinter staut es sich immer. Ihr Flugzeug startet in 40 Minuten. Wenn uns nicht das Benzin ausgeht, kann eigentlich gar nichts schiefgehen.“
Der Motor heult auf. „Schnall dich an. Ich hoffe, es gibt heute keine Radarkontrollen.“


Schicht 2
(Die Spannungen in Jan und Katrins Beziehung)

Jan wuchtet den Koffer in den Wagen. „Hast Du auch ihre Sonnenbrille? Die lag auf der Kommode.“
Katrin dreht auf der Schwelle um und läuft zurück ins Haus. „Wie oft soll ich eigentlich noch hin und her rennen?“
Kurz darauf sitzen sie im Auto. „Das nächste mal, wenn du sagst, du hättest alles gepackt, dann hab bitte auch alles gepackt! Ich habe noch ihr Notizbuch gefunden. Hast du diese Figur sicher verstaut?“
„Was denkst denn Du?“
Sie zieht vielsagend die Augenbrauen in die Höhe und sucht nach dem Anschnallgurt.
Er läßt den Wagen an. „Ich bezweifle, daß wir es noch rechtzeitig schaffen.“
„Wenn wir an der Ringstraße abfahren, sollte es klappen. Dahinter staut es sich immer. Ihr Flugzeug startet erst in 40 Minuten. Das schaffen wir, es sei denn, du hast mal wieder vergessen zu tanken.“
Jan starrt stur geradeaus und läßt den Motor aufheulen. „Schnall dich endlich an. Und kannst du dir  endlich mal abgewöhnen, dein Schminkzeug auf der Konsole rumliegen zu lassen? Ich habe keine Lust, daß nachher wieder alles durch den Wagen fliegt.“


Schicht 3
(Jans heimlicher Schwarm für Iris.)

Jan wuchtet den Koffer in den Wagen. „Hast Du auch ihre Sonnenbrille? Du weißt doch, wieviel Iris daran liegt. Die lag auf der Kommode.“
Katrin dreht auf der Schwelle um und läuft zurück ins Haus. „Wie oft soll ich eigentlich noch hin und her rennen?“
Kurz darauf sitzen sie im Auto. „Das nächste mal, wenn du sagst, du hättest alles gepackt, dann hab bitte auch alles gepackt! Ich habe noch ihr Notizbuch gefunden, das lag unter den Zeitungen."
Jan streicht sich beiläufig über das Kinn. "So? Was denn für ein Notizbuch."
"Männer! Na, dieses schwarze, das sie ständig dabei hatte. Und hast du ihren Porzellantiger sicher verstaut?“
„Jaja, den habe ich in ihre… naja, in ihre Sachen eingewickelt. Was denkst denn Du?“
Sie zieht vielsagend die Augenbrauen in die Höhe und sucht nach dem Anschnallgurt.
Der Wagen springt an, doch Jan mach keine Anstalten, loszufahren. Mit verschlossener Miene betrachtet er seine Handrücken. „Das schaffen wir doch sowieso nicht. Reicht es denn nicht, wenn sie morgen fliegt? Ihre Proben fangen doch erst am Montag an und um diese Uhrzeit staut es sich immer auf dem Zubringer.“
„Ach was, wir müssen nur vor der Ringstraße abfahren. Ihr Flugzeug startet erst in 40 Minuten. Das schaffen wir, es sei denn, du hast mal wieder vergessen zu tanken.“
Jan starrt stur geradeaus. „Gut, wenn es so sein soll. Schnall dich an.“ Er läßt den Motor aufheulen. „Und kannst du dir nicht endlich abgewöhnen, dein Schminkzeug auf der Konsole rumliegen zu lassen? Ich habe keine Lust, daß nachher wieder alles durch den Wagen fliegt.“


Schicht 4

(Katrins Eifersucht und ihre Abneigung gegen die attraktivere und in ihren Augen affektierte Iris)

Jan wuchtet den Koffer in den Wagen. „Hast Du auch ihre Sonnenbrille? Du weißt doch, wieviel Iris daran liegt. Die war auf der Kommode.“
Katrin dreht auf der Schwelle um und läuft zurück ins Haus. „Ach ja, die hochheilige Sonnenbrille! Wie oft soll ich eigentlich noch hin und her rennen?“
Kurz darauf sitzen sie im Auto. „Das nächste mal, wenn du sagst, du hättest alles gepackt, dann hab bitte auch alles gepackt! Ich habe noch ihr Notizbuch gefunden, das lag unter den Zeitungen. Ich frage mich, wie es da hin geraten ist.“
Jan streicht sich beiläufig über das Kinn. "So? Was denn für ein Notizbuch."
"Als wenn du das nicht wüßtest!"
Er zuckt kaum merklich unter ihrem scharfen Seitenblick zusammen. „Ach das. Na, wird wohl irgendwie druntergerutscht sein.“
"Druntergerutscht. Soso." Sie sieht ihn spöttisch an. "Findest du es nicht irgendwie albern, mit 32 noch Tagebuch zu schreiben?"
Jan schweigt und sieht aus dem Fenster.
"Pu, und hast du diesen geschmacklosen Porzellantiger verstaut?“
Seine Lippen werden schmal. „Ja, das habe ich. Den habe ich ihn in ihre… naja, in ihre Sachen eingewickelt. Was denkst denn Du?“
Sie zieht vielsagend die Augenbrauen in die Höhe und sucht nach dem Anschnallgurt.
Der Wagen springt an, doch Jan mach keine Anstalten, loszufahren. Mit verschlossener Miene betrachtet er seine Handrücken. „Das schaffen wir doch sowieso nicht mehr. Reicht es denn nicht, wenn sie morgen fliegt? Ihre Proben fangen doch erst am Montag an und um diese Uhrzeit staut es sich immer auf dem Zubringer.“
„Soll sie etwa, wo sie doch sooo begabt ist, ihr erstes großes Engagement verpassen? Wir müssen nur vor der Ringstraße abfahren. Ihr Flugzeug startet erst in 40 Minuten. Das schaffen wir, es sei denn, du hast mal wieder vergessen zu tanken. Oder ist dir ihre tolle Karriere plötzlich gar nicht mehr so wichtig...?“
Jan starrt stur geradeaus. „Schnall dich an.“ Er läßt den Motor aufheulen. „Und gewöhn dir endlich ab, dein Schminkzeug auf der Konsole rumliegen zu lassen. Ich habe keine Lust, daß nachher wieder alles durch den Wagen fliegt.“



(c) Thomas Piesbergen

Montag, 19. August 2013

"Eine Schneise der Erinnerung" Einführungsrede zu Angela Breidbach Einstellungsraum Hamburg

Einführungsrede von Dr. Thomas Piesbergen anläßlich der Ausstellung "Eine einzige Katastrophe" der Künstlerin Angela Breidbach im Einstellungsraum e.V. zum Jahresthema 2013 „Schneisen“


Beschäftig sich ein Künstler explizit mit dem Vergangenen, wie Angela Breidbach es in Ihrem Projekt „Eine einzige Katastrophe“ tut, erscheint es für das Verständnis Ihrer Position sinnvoll zu klären, was die „Vergangenheit“ eigentlich ist, was sie für uns bedeutet, wie wir damit umgehen.
Die Vergangenheit ist zunächst das Nicht-Mehr-Existente. Sie ist das, in dem wir den Ursprung unserer Gegenwart verorten; das, aus dem heraus wir versuchen, unsere Gegenwart und damit uns selbst zu begreifen.

Da der Mensch ein kollektives Wesen ist, hat er sich ein kollektives Werkzeug geschaffen, um sich dieser ungeheueren und unüberschaubaren Ursache zu bemächtigen, ein Werkzeug, mit dem er versucht, die Kenntnis dieser Ursache aus dem Flickenteppich der oft trügerischen Erinnerung in eine kollektive Objektivität zu überführen, in der Hoffnung, die Ursache so zu entschlüsseln und dadurch die Gegenwart besser meistern zu können. Dieses Werkzeug ist die Geschichtsschreibung.

Doch wie nähert sich die Geschichtsschreibung dem Vergangenen, dem Inexistenten, dem Unbeobachtbaren?
In ihren Quellen unterscheidet sie sich kaum von ihrer Schwesterdisziplin der Archäologie: Von der Warte des Status Quo richtet sie den Blick auf Artefakte und Befunde, die sie lesbar machen und in Beziehung zueinander setzen muß. Dabei bleibt sie auf das beschränkt, was die Zeit nicht hat spurlos auslöschen können.
In der IX These „Über den Begriff der Geschichte“ schreibt Walther Benjamin, inspiriert von einem kleinen Gedicht Gerhard Scholems und der Zeichnung „Angelus Novus“ von Paul Klee:

Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

Gerade diesen Blick vermeidet aber die Geschichtsschreibung, denn sie ist darum bemüht, die von Benjamin genannte „Kette der Begebenheiten“ anhand der Trümmer zu rekonstruieren. In dieser heuristischen Bedingtheit, aus den Ruinen und Trümmern lesen zu müssen, ordnet und interpretiert sie Indizien und bildet Modelle von dem, was gewesen sein könnte, deren Anspruch auf Authentizität aber streng genommen immer nur anhand ihrer Wahrscheinlichkeit beurteilt werden kann.

Doch im Gegensatz zu der Archäologie und ihren Quellen, sind die Artefakte und Befunde, mit denen sich die Historiker auseinandersetzen, nicht nur materieller Natur. Die Artefakte sind vor allem ideeller, die Befunde sozio-politischer Natur. Denn die Wahrnehmung der in der Geschichte wurzelnden Gegenwart gebiert im Vollzug derselben ein stetes Kommentieren und Interpretieren gegenwärtiger Vorgänge und ihrer Hintergründe, ein Prozess, der schleichend in eine Geschichts-schreibung übergeht.

Der Blick zurück verliert sich zunächst in einem unergründlichen Dickicht von primären, sekundären und schließlich tertiären Quellen mit ihren verschiedensten Lesarten und Interpretationen, die immer wieder neue Verbindungen schaffen, Bewertungen vornehmen und Ursachenzuweisungen nahelegen.

Doch schließlich greifen die synergetischen Mechanismen der Selbstorganisation und formen zunächst die wissenschaftliche Lehrmeinung und im Anschluß eine journalistisch gefilterte und aufbereitete Version der Vergangenheit, die über die Massenmedien im öffentlichen Geschichtsbewußtsein verankert wird.

So legt sich Schicht um Schicht über die ursprünglichen Quellen und in jeder Schicht wird die Vergangenheit auf der Basis dessen transformiert, was von der unmittelbar darunter liegenden Schicht verstanden und für relevant erachtet worden ist. Die Rudimente, die sich schließlich in unserem Alltagsbewußtsein halten, sind stark vereinfachte Schemen, die in ihrer Funktion oft kaum von Mythologien zu unterscheiden sind.

Wenn ehemals das Sprichwort „Geschichte wird von den Siegern geschrieben“ in dem Sinne galt, daß eine Siegermacht den im Krieg Besiegten ihre historische Perspektive aufzwang und imstande war, sie an nachfolgende Generationen zu überliefern, sind es heute vor allem die Sieger im medialen Diskurs und die hinter ihnen stehenden Interessengruppen, die das öffentliche Geschichtsbewußtsein bestimmen.

Doch diese offizielle oder journalistisch geprägten Geschichtswahrnehmungen sind immer tendenziös. Ihr Anspruch auf Objektivität ist absurd, denn ihr Fundament ist und bleibt heuristischer Natur, ihre Datenbasis ist in ständiger Bewegung, weshalb sie immer hypothetisch sein muß!

Ein weiterer Trugschluß besteht darin zu glauben, diese Art der Geschichtsschreibung könne dazu dienen, die subjektive Gegenwart begreifen und meistern zu lernen. Dieser Ansatz ist von vorn herein zum Scheitern verurteilt, denn das Mysterienspiel der großen Namen, Daten und Ereignisse berührt die individuelle Geschichte fast immer nur am Rande und macht nicht begreifbar, wie und warum die Vergangenheit ihre Spuren unbestreitbar und unwiderruflich in das persönliche Realitätskontinuum eingeschrieben hat. Denn dieses individuelle Realitätkontinuum speist sich immer nur aus dem subjektiven Erlebnis und schreibt sich nur auf diese Weise im interpersonalen Rahmen fort.

Die gewaltigste Einschreibungen, die mit ihren Nachbeben bis in unsere Gegenwart wirksam sind, sind durch die Katastrophe des Nationalsozialismus, des Holocausts, des 2. Weltkriegs entstanden. Doch für die nach dem Krieg Geborenen ist diese Katastrophe zunächst nur etwas Schwarz-Weißes, etwas, über das Guido Knopp im Fernsehen doziert, etwas, mit dem man in der Schule ausführlich malträtiert worden ist, und vor allem etwas, über das die Eltern und Großeltern meist hartnäckig schweigen, das sie verdrängen und kleinreden.

So ist diese Traumatisierung zwar Teil des öffentlichen, aber nur selten Teil des persönlichen Geschichtsbewußtseins, da sie immer nur öffentlich und vermeintlich objektiv, fast nie aber subjektiv thematisiert und aufgearbeitet worden ist. Die Schutzmechanismen, die durch das Trauma hervorgerufen wurden, sind entsprechend unbewußt von Generation zu Generation weitergegeben worden. So leiden die Spätgeborenen unter den ererbten neurotischen Verhaltensmustern, ohne sie mit dem Trauma ihrer Eltern oder Großeltern in Verbindung zu bringen. Ihr Ursprung bleibt also fast immer im Verborgenen. Für die Generation der „Kriegsenkel“ sind diese Verhaltensmuster Normalität, denn sie wurden ihnen als „normal“ vermittelt, nicht als krankhaftes Symptom!

Diese Diskrepanz schafft die Rahmenbedingungen, innerhalb derer Angela Breidbach künstlerisch agiert. Mit den Arbeiten unter dem Ausstellungstitel „Eine einzige Katastrophe“ versucht sie, eine subjektive Schneise durch das vielschichtige, vermeintlich objektive Dickicht der öffentlichen Bilder und Interpretationen zu schlagen, um sich den Ursprüngen der Erschütterung und der Traumatisierung zu nähern, die sich in ihr subjektives Realitätskontinuum eingeschrieben haben.

Eine wichtige Prämisse ist dabei die Transzendierung der Täter/Opferdebatte, die sich bereits in dem Ausstellungstitel zeigt. Es geht nicht um die Katastrophe von Coventry, die Operation Gomorrha oder den Feuersturm von Dresden. Das Thema ist vor allem die Verwüstung des Menschen durch den Dialog der Grausamkeiten.
Angela Breidbach nimmt den Blickwinkel von Benjamins Engel der Geschichte ein, der in allem nur eine „einzige“ Katastrophe sieht, die er heilen möchte.

Ausgangspunkt und Zielort dieses Versuchs sind Fotografien, die Breidbachs Vater, der als Kindersoldat zum Flak-Dienst eingezogen wurde, im Schützengraben während der Bombardierung Aachens aufgenommen hat. Nach Angela Breidbachs Umzug von Aachen nach Hamburg kamen als eine zweite wichtige Quelle Fotografien hinzu, die Hamburger Feuerwehrleute von der ausgebrannten Stadt nach dem Feuersturm aufgenommen haben.

Diese und andere Bilder hat sich Angela Breidbach durch den subjektiven Akt des Zeichnens angeeignet, die privaten und öffentlichen Fotos durch die Transformation des Zeichnens zu eigenen inneren Bildern gemacht. Als Zeichenmaterial wählte sie dazu intuitiv die Kohle. Kein anderes Zeichenmedium könnte den verkohlten Ruinen und den durch das Feuer in all seinen Erscheinungsformen vernichteten Lebenswelten gerechter werden.
Die Bilder wiederum sind mit fremden und eigenen Kommentaren überlagert; ein Hinweis auf die Schichten versuchter Deutung, die sich bereits über das Vergangene gelegt haben.

Das Ergebnis ist eine als Folge lesbare zeichnerische Aneignung in 43 Bildern. An ihrem Anfang stehen die Zerstörungen von Coventry und London, kommentiert von Hitlers größenwahnsinnigen Racheandrohungen. Doch schon bald stoßen wir erstmals auf das Gesicht des Traumas: das Portrait eines englischen Jungens vor der verkohlten Ruine seines Elternhauses.
Die weitere Folge der Bilder führt durch die Ruinen zerstörter Städte und Faksimiles von Abschussprotokollen aus dem Besitz des Vaters der Künstlerin. Wir sehen den „Arbeitsplatz“ des Vaters, der als Richtschütze die feindlichen Flugzeuge anvisierte und das Feuer frei gab. Und schließlich stehen wir vor dem zweifachen Portrait des Vaters an der Flak, das wie eine Spiegelung des Jungens aus London wirkt. Das Trauma des Opfers und das Trauma des Täters verschmelzen zu einer Wunde. Daneben wird ein Brief der Schwester des minderjährigen Flak-Helfers gezeigt, der die komplexe Eingebundenheit des Jugendlichen in die Strukturen des Krieges veranschaulicht. Zwar wird er von seiner Schwester als „Lieber Spatz“ angeschrieben und dadurch als Kind gekennzeichnet, doch gleichzeitig wird er gefragt, ob ihm denn auch die Ehre teil würde, wie ein echter Soldat gegrüßt zu werden, denn er hätte doch genauso Teil an den „Erfolgen“ der Wehrmacht, wie „richtige“ Soldaten. Die Früchte dieser angeblichen Erfolge werden auf den Zeichnungen überdeutlich.
Schließlich sehen wir die zweifach phallische Erscheinung eines SS-Mannes, umschwärmt von jungen Frauen, wie das Licht von den Motten. Eine von ihnen könnte die Schwester des jungen Flak-Helfers sein.



Ein Mittel auf das wir in der Bilderserie mehrfach stoßen ist die Spiegelung und der Versuch, die unsichtbare Grenze dieses Spiegels, dieser Polarität sowohl der Kriegsdialektik, als auch der künstlerischen Perspektive zu überschreiten.

Neben der offensichtlichen Spiegelung von traumatisiertem Opfer und traumatisiertem Täter finden wir auf den Blättern immer wieder Textpassagen, die in Spiegelschrift geschrieben sind. Sie sind Spuren des Versuchs, in die innere Wirklichkeit des Gezeigten einzudringen, so als betrachte man das Dargestellte nicht von außen, sondern als blicke man aus dem Dargestellte heraus und sei Teil des subjektiven Erlebnisses, das dem Betrachter aus den Bildern entgegentritt.

Andere kommentierende Textpassagen sind in gewöhnlicher Schrift gehalten und stammen aus Büchern von Jonathan Safran Foer und W.G. Sebald. Der Amerikaner Foer ist Enkel eines Holocaustüberlebenden. Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler W.G. Sebald hingegen ist ein Deutscher, Sohn eines Wehrmachtsoffiziers, der Deutschland verließ, sobald es möglich war, in der Schweiz studierte und anschließend nach England, das Land des ehemaligen Kriegsgegners, zog, wo er bis zu seinem Tod lehrte und schrieb.
In beiden Fällen wird die Seite gewechselt, der Spiegel durchschritten. Indem die Sprache des ehemaligen Kriegsgegners gewählt wurde, um die Bilder zu kommentieren, wird sein Blickwinkel auf das Geschehen eingenommen. Und in beiden Fällen sind es indirekt Traumatisierte, die, wie die Künstlerin selbst, versuchen, sich der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs auf subjektivem Weg zu nähern - Sebald in der zweiten, Foer in der dritten Generation.

Diesen Wechsel in die Sprache des ehemaligen Gegners vollzieht auch die Künstlerin selbst, wenn sie auf die Kirche ihrer Kindheit hinweist, deren Umriss auf einem der Bilder zu erahnen ist. Bei dem Versuch, die traumatische Welt des Krieges und die behütete Welt ihrer Kindheit, die so erschreckend nah beieinander liegen, auch weiterhin, wie in der Kindheit erlebt, voneinander geschieden zu wissen, floh sie aus dem Deutschen in die Sprache des Gegners und späteren Befreiers. Denn sich in dem Zeit- und Bildkontext des Nationalsozialismus der Sprache des Kriegstreibers zu bedienen, um auf die eigenen Wurzeln hinzuweisen, wäre für sie gleichbedeutend gewesen, sich mit den Deutschen von damals gemein zu machen und auf ihrer Seite der Grenze zu verharren, sich und die eigene Vergangenheit vereinnahmen zu lassen.

So folgen wir der Künstlerin in einem steten Grenzgang zwischen dem Innen und Außen, zwischen Aneignung und Abgrenzung und können daran die Spur ablesen, die sich in einem subjektiven Realitätskontinuum eingeschrieben und so die Wirkmächtigkeit des Traumas erkennen, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat.
Wir können durch eine subjektive Schneise, die die Künstlerin durch das Dickicht öffentlicher Geschichtswahrnehmung geschlagen hat, einen erschreckend unmittelbaren Blick auf die große, schwärende Wunde werfen, an der unsere Gegenwart noch immer leidet.

Montag, 5. August 2013

"Eine Einzige Katastrophe..." Ausstellung von Angela Breidbach mit einer Eröffnungsrede von Dr. Thomas Piesbergen


In ihrer Ausstellung "Eine einzige Katastrophe" zeigt Angela Breidbach im Einstellungsraum zum Jahresthema "Schneisen" eine Folge von 43 Kohlezeichnungen, in denen sie sich mit dem Trauma des Luftkriegs auseinandersetzt. Ein zentrales Anliegen dabei ist die Überwindung der Täter/Opfer-Debatte zugunsten einer Subjektivierung, die die unzureichenden Schemen journalistischer Geschichtskonstruktionen durchbricht.
Dabei greift sie auf historische Dokumente und Aufnahmen zurück sowie auf Fotografien ihres Vater als Flakhelfer im Schützengraben, die sie sich durch den zeichnerischen Akt und vielschichtige Kommentierung aneignet.

Die Einführungsrede hält Dr. phil. Thomas Piesbergen

Vernissage
8. August 2013
19:00

Einstellungsraum
Wandsbeker Chaussee 11
22089 Hamburg

Dienstag, 4. Juni 2013

"Alles könnte ebenso ein großer leerer Bluff sein" Ausstellung der Ateliergemeinschaft Breite Straße 8. und 9. Juni 2013


Im Rahmen der Offenen Ateliers des BBK am 08./.9. Juni 2013 lädt die Ateliergemeinschaft Breite Straße  zu einer Ausstellung aktueller Arbeiten.

Birgit Bornemann (Fotografische Installation, Collagen)
Thomas Piesbergen (Text- und Klanginstallation)
Claudia Rüdiger (Malerei, Objekte)
Adriane Steckhan (Fotografische Installation)
Silke Storjohann (Fotografie, Zeichnung)
Kathrine Uldbaek Nielsen (Fotografie)


Samstag 08.06.
Öffnungszeiten: 12:00 - 20:00 Uhr

Brunch ab 12 Uhr

Führung:
15:00 Uhr mit Thomas Piesbergen
17:00 Uhr mit Claudia Rüdiger

Sonntag 09.06. 
Öffnungszeiten: 12:00 -19:00 Uhr

Führung:
13:00 Uhr mit Silke Storjohann
16:00 Uhr mit Adriane Steckhan

Atelierhaus Breite Straße 70
22767 Hamburg
www.breitestrasse.com