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Dienstag, 2. Mai 2023

Vom Krieg gegen den Körper - Das dualistische Denken als Werkzeug patriarchaler Unterdrückung - Dr. Thomas Piesbergen über die kulturhistorische Bedingtheit des Textes „Das Zimmer des Dichters“ von Hilka Nordhausen, 1987

Anläßlich einer Ausstellung in der Berliner Hotel-Pension Nürnberger Eck und offenbar inspiriert von dem Zimmer, in dem sie dort untergebracht war, schrieb Hilka Nordhausen 1987 eine kurze Geschichte mit dem Titel „Das Zimmer des Dichters“.
Man kann den Text wohl am besten als eine Skizze bezeichnen, eine rasch hingeworfene, nachlässig formulierte Zusammenfassung mit szenischen Elementen; eine surreale Collage von Motiven aus trivialen Agenten-Thrillern und dystopischer Science-Fiction. 

Hilka Nordhausen, Illustration zu "Das Zimmer des Dichters", 1987


In der rasanten, ins Groteske überzeichneten Handlung tummeln sich Figuren wie Dr. Mabuse und der Ölprinz und betreiben kubanische Soldaten Geheimlabore in der Mongolei. Die zwei Protagonisten kommen einer internationalen Verschwörung auf die Spur, die versucht, den Halley’schen Kometen umzulenken, um die Welt ins Chaos zu stürzen und die Herrschaft an sich zu reissen. Im Zentrum der Handlung steht ein Kontrollgerät, das die Protagonisten entwendet haben, und das die verschiedenen beteiligten Parteien versuchen an sich zu bringen.
Schließlich laufen die Ereignisse ins Leere. Der Tonfall, vorher schludrig-umgangssprachlich, entwickelt eine karg poetische Anmutung. Während die Welt im Chaos versink, vegetiert die Erzählerin, davon unberührt, in Berlin unter falscher Identität vor sich hin. Sie wirkt betäubt, hilflos, abgeschnitten von der Welt. Nur noch ein paar lose Farbimpressionen scheinen von Bedeutung zu sein.
Illustriert sind die wenigen Seiten mit herausgerissenen Zeitungsannoncen, Fotos und zusammenhangslosen Skizzen, z.B. von einer Eidechse oder einer Anleitung, wie man einen Haschklumpen ohne Tabak, Blättchen oder Pfeife rauchen kann.


Hilka Nordhausen, Illustration zu "Das Zimmer des Dichters", 1987


Thematisch behandelt der Text vor allem Macht- und Kontrollwahn, Gier, Täuschung und Kontrollverlust - und schließlich Apathie. Alle Figuren der Handlung, bis auf das nicht definierte erzählende Ich, sind männlich, und bis auf den Begleiter dieses Ichs sind alle Figuren antagonistisch. Die Welt wird dargestellt als das Schlachtfeld kapitalistischer, männlicher Allmachtsphantasien.

Formal findet eine Zerstörung der meisten Konventionen des Erzählens und der Dramaturgie statt, auch läßt die Erzählung jeden stilistischen Anspruch vermissen. Man kann darin die Einflüsse der amerikanischen Underground- oder „Anti-Literatur“ vermuten, die sich meist grober Umgangssprache bedient und z.T. bewußt Genres ausschlachtet, die in der Regel als „Schundliteratur“ verfemt werden(1), (2).
Viele Leserinnen und Leser werden dem Text deshalb kaum zubilligen, er sei ein Stück Literatur, aber gerade deshalb fordert er uns mit seiner ungeschliffenen Radikalität als ein kulturelles Symptom heraus.

In welchem Millieu entsteht so ein Text? Und welche großen kulturellen Bewegungen sind dafür verantwortlich? Um den Antworten auf diese Fragen näher zu kommen, möchte ich einen großen kulturhistorischen Bogen schlagen und mich zunächst dem Problem sozialer Differenzierung und Kontrolle zuwenden. Dabei möchte ich mein Augenmerk vor allem auf das Spannungsverhältnis zwischen den Geschlechtern richten.
Ich möchte mich an dieser Stelle entschuldigen, daß ich mich dabei des hetero-normativen, binären Konzepts von Geschlechtlichkeit bediene, doch andere Geschlechtsidentitäten sind für die Epochen, die ich dafür zunächst heranziehe, kaum oder gar nicht fassbar.
Ebenso möchte ich um Verständnis dafür bitten, aufgrund der Komplexität des Themas viele seiner Aspekte nur streifen zu können. Aber es ergibt sich bestimmt die Möglichkeit, das eine oder andere in anschließenden Gesprächen zu vertiefen.

Wo beginnt also das Phänomen sozialer Ungleichheit und Kontrolle? Und wie kann man sich diesem Aspekt der menschlichen Geschichte überhaupt nähern?

Vor allem für die Frühzeit des Menschen sind soziale Strukturen und geschlechtsspezifische Differenzierungen extrem schwer zu fassen und die meisten Rekonstruktionen fußen lediglich auf Annahmen, denen entweder Vergleiche aus der Ethnographie zugrunde liegen, oder die unseren unbewußt projizierten Konventionen entspringen - unserem kulturellen blinden Fleck.

Ein Komplex des menschlichen Lebens jedoch bildet hier eine Ausnahme: die Mythologie. Hier kann die Urgeschichtsforschung nicht nur auf eine breite Basis  primärer Quellen zurückgreifen; als methodisches Werkzeug kann neben dem ethnographischen Vergleich zudem die systematische Retrodiktion als effektives Werkzeug genutzt werden.

Tatsächlich stellt die Mythologie eine ausgesprochen aussagekräftige Quelle für die Rekonstruktion gesellschaftlicher Verhältnisse dar. Denn über weite Strecken der Menschheitsgeschichte wurden alle Strukturen des menschlichen Miteinanders auf mythische Strukturen zurückgeführt. Die Ereignisse im menschlichen Leben galten als korrelierende Repräsentationen mythischer Vorgänge. Alles Handeln hatte seine Entsprechung im Mythos und wurde von ihm terminiert. So fanden auch alle Formen von Hierarchie, Ungleichheit und Kontrolle ihre Entsprechungen in mythischen und religiösen Ordnungen.

Gerade heutzutage tritt diese Verknüpfung wieder überdeutlich zutage, wenn in einigen Regionen der Welt unter Berufung auf religiöse Vorstellungen ganze Bevölkerungsgruppen nur aufgrund des Geschlechts entmündigt und unterdrückt werden. Doch selbst unsere säkulären politischen Systeme und Vorstellungen haben schließlich einen religiösen Hintergrund oder mythologische Strukturmerkmale.
So ist der Wirtschaftsliberalismus nicht denkbar ohne sein calvinistisches Menschen- und Gottesbild und der Kommunismus nicht ohne sein eschatologisches Geschichtsverständnis, das mit einem Goldenen Zeitalter beginnt und mit dem irdischen Paradies endet.

Wo liegt also der Ursprung der gesellschaftspolitischen Situation unserer spätkapitalistischen, und leider noch immer misogynen Welt verborgen? Wo begann die Entwicklung, die zu dem derzeitigen Status Quo geführt hat?

Wenden wir uns zunächst den Quellen zu, die Rückschlüsse auf die älteste fassbare ökonomische Ordnung zulassen:
Ging man ehemals noch davon aus, daß die Männer der Vorgeschichte jagten, während die Frauen sammelten und sich um die Kinder kümmerten, legen moderne Analysen von Knochenbau und DNA (3) sowie Analysen der Grabbefunde (4) nahe, daß in der Altsteinzeit weder geschlechtsspezifische Arbeitsteilung noch ein sozio-ökonomisches Ungleichgewicht zwischen einzelnen Gruppenmitgliedern oder den Geschlechtern bestanden hat.
Die Quellen zum ideellen Komplex hingegen lassen andere Schlüsse zu. Vor allem für die jüngere Altsteinzeit mit ihrer Explosion künstlerischer Gestaltung, die uns besonders in Form der Höhlenmalereien bekannt ist, liegt reichlich Material vor.
In der sog. Plakettenkunst des Magdalenien (ca. 18.000-12.000 v. Chr.) werden auf kleinen, realistischen, manchmal karikaturesken Kratzzeichnungen sowohl Männer als auch Frauen in der gleichen Stellung gezeigt, die als Adorantenhaltung bezeichnet wird, also in einer anbetenden Stellung (5). Beide Geschlechter werden nackt dargestellt. Hier begegnet uns womöglich erstmals der Topos der rituellen Nacktheit, die uns vor allem aus dem Antiken Griechenland bekannt ist.

In ihrer Rolle als Akteur*innen im Vollzug ritueller Handlungen erscheinen beide Geschlechter also zunächst als gleichwertig. Die Kleinplastiken des Jungpaläolithikums zeigen aber ein weit weniger ausgewogenes Bild. Hier dominieren die Abbildungen von Frauen mit stark betonten Geschlechtsteilen und deutlichen Kennzeichen der Schwangerschaft. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es sich bei diesen Figurinen um die ersten Darstellungen einer universellen Muttergottheit handelt, um das Prinzip der Fruchtbarkeit, die nicht nur das Fortbestehen der Menschen sichern sollte, sondern das Fortbestehen des Lebens schlechthin (6).


Venus von Willendoorf (open source)

Diese Muttergottheit beherrscht zehntausende von Jahren weltweit das religiöse Denken und sie reicht bis an den Rand unseres historischen Horizonts.
Im jungsteinzeitlichen Catal Hüyük in Anatolien begegnet sie uns als die große Herrin der Tiere, die die Wildnis gezähmt hat und den Mondstier zur Welt bringt. Die Architektur- und Grabfunde aus Catal Hüyük deuten zudem auf eine gesellschaftlich deutlich privilegierte Stellung der Frau. Deshalb wird oft davon ausgegangen, daß der neolithische Komplex Vorderasiens matriarchalisch geprägt ist (7).

Minoische Schlangengöttin, Kreta (open source)


Ein Symbol, das der Muttergottheit im weiteren Verlauf zugeordnet wird, ist die Schlange als Symbol der Wiedergeburt und des ewigen Lebens. In dieser Kombination tritt die große Göttin vor allem im Nahen Osten und im Mittelmeerraum auf. Sie begegnet uns als Ereškigal in Sumer, als Arescha in Ugarit, als das weibliche, schlangenförmige Ur-Meer Tiamat in Mesopotamien, und sie ist die Schlangengöttin des minoischen Kreta, die mit großer Wahrscheinlichkeit identisch ist mit der pelasgischen Ur-Göttin Eurynome. Im Alten Ägypten erscheint sie als Qadesch, die Göttin der Heilung und der sexuellen Extase.
Sie ist die hellenistische Demeter und die römische Ceres, die nicht nur mit Getreideähren sondern ebenfalls häufig mit Schlangen abgebildet wurden.
Außerhalb Europas begegnen uns Göttin und Schlange als hinduistische Devi, die Gemahlin des Shiva mit ihrem Avatar der Kundalini-Schlange. In China erscheint sie als Nuwa, Schwester und Gemahlin des Urkaisers Fu Xi. Bei den Maya war sie bekannt unter dem Namen Ixchel, die Göttin von Mond, Fruchtbarkeit und Wasser. Bei den Inuit schließlich ist sie Sedna, die Urmutter tief unten im Meer.


Virgo Ceres, röm. Relief (photograph by Jyotrmoy Barman)


Neben der Schlange ist die explizite Zurschaustellung der Brüste ein weiteres wichtiges Merkmal der Göttin. Sie ist besonders auffällig bei den paläolithischen Figuren und später den minoischen Darstellungen. Für die minoischen Frauen ist die Selbstentblößung ganz offenbar Teil ihres Alltags gewesen, denn auf allen bekannten Darstellungen sind ihre sonst langen Kleider nur für diesen Zweck bis zur Gürtellinie ausgeschnitten.

Für den Mittelmeerraum kann als sehr wahrscheinlich angenommen werden, daß die Frauen im Rahmen dieser Traditionslinie bis in die frühe Bronzezeit eine mindestens gleichberechtigte sozio-politische Rolle gespielt haben, wenn sie nicht sogar das gesellschaftliche und religiöse Leben dominierten. Zudem gibt es keinerlei Hinweise darauf, daß die Schöpfer der genannten Darstellungen Männer gewesen sein müssen.
Die Entscheidung, den weiblichen Körper zu entblößen und abzubilden, wird also mit der größten Wahrscheinlichkeit von Frauen gefällt worden sein, ebenso wie der Blick auf den weiblichen Körper ein weiblicher gewesen sein wird.
Die Selbstentblößung kann entsprechend gelesen werden als ein religiös legitimierter Akt, in dem sich Selbstsicherheit und Stolz auf die eigene Geschlechtlichkeit und deren soziopolitische Machtfülle ausdrücken. Zeigte im minoischen Kreta oder im frühen Mykene eine Frau ihre Brüste, präsentierte sie selbstbewußt das, was ihre unantastbare gesellschaftliche Stellung legitimierte.

Minoisches Fresko, Kreta (open souce)


Die mythologische Entwicklungslinie der Großen Göttin wurde schließlich durch den  indoeuropäischen Einfluß aus Zentralasien langsam aber erbarmungslos zurück gedrängt (8). Im mykenischen Griechenland konnte die Frau ihre gesellschaftliche Rolle noch eine zeitlang mit Rückgriff auf die minoische Kultur und Tracht bewahren, doch die politische und ökonomische Macht ging mehr und mehr in die Hände der Männer über (9), während die Frauen Hüter der heiligen Riten blieben; ein Prozess, der sich Jahrhunderte später wahrscheinlich bei den römischen Vestalinnen wiederholte.
Die Darstellungen von Priesterinnen und Göttinnen wurden langsam von männlichen Figuren ersetzt, so z.B. von Zeus, der in der mykenischen Frühzeit noch eine unbedeutende Nebengottheit war (10).

Im klassischen patriarchalen Athen schließlich war die Macht gänzlich in die Hände der Männer übergegangen. Die öffentliche, rituelle Nacktheit war nur noch Männern vorbehalten, während sie für Frauen jetzt als anstößig galt. Tatsächlich wurde der Frau nicht nur vorgeschrieben, ihren Körper verhüllt zu halten, sondern ihr ganzes Leben sollte sich bestenfalls in den Mauern des Hauses abspielen, das sie nur zu rituellen Festen und in Begleitung verlassen durfte (11). 

Gaia bittet Athen um die Verschonung ihrer Söhne, Pergamonaltar, Berlin (open source)


Selbst in der Kunst, die nun nachweislich nur noch von Männern geschaffen wurde, galt die gänzliche Entblößung der Frau als skandalös, wie im Falle der knidischen Aphrodite des Praxiteles. Diese berühmte Plastik wurde später vor allem Vorbild für die Abbildung von Hetären, also Prostituierten am Rande der Gesellschaft, deren Nacktheit alles rituellen Kontextes beraubt war (12). Ihre Nacktheit ist nicht mehr als weibliche Selbstentblößung anzusprechen, sondern als männliche Zurschaustellung des sonst unzugänglich gehaltenen weiblichen Körpers, sie kann also durchaus als pornographisch bezeichnet werden.


Knidische Aphrodite des Praxiteles (open source)

Wir können im Verlauf der frühen europäischen Antike beobachten, wie die Frau ihre soziale Stellung verliert - und mit ihr das Recht, über die Präsenz und Darstellung des eigenen Körpers in der Öffentlichkeit zu verfügen. Indem der Mann den weiblichen Körper und dessen Sichtbarkeit kontrollierte, etablierte er seine unangefochtene gesellschaftliche Dominanz.

Ein weiterer interessanter Aspekt, der mit dem gesellschaftlichen Einfluß der Frau korreliert, ist die wirtschaftliche Organisation menschlicher Gruppen. Während in matrisch geprägten Gesellschaften das Wohlergehen der Kommune priorisiert wird, ist es in patrisch geprägten Gesellschaften vor allem der individuelle Haushalt, der ökonomische Macht akkumuliert. Entsprechend fand die kommunalistische Tempelwirtschaft in Mykene mit der zunehmenden Macht der Männer ihr Ende. Das sozialdarwinistische Konzept der Konkurrenz und der ökonomischen Hierarchie, wie es im Kapitalismus herrscht, ist genuin patriarchalisch. Was könnte schließlich den Kampf um Prestige und Ressourcen mehr erleichtern, als 50% der möglichen Konkurrenz lediglich aufgrund des Geschlechts von vornherein auszuschalten?

Doch bleibt die Frage, was sich im Kern der Kultur verändert hat, daß ein so grundlegender Wechsel der Vorzeichen stattfinden konnte?

Während die mythogenetischen Zentren der Großen Göttin meist in tropischen und subtropischen Gunsträumen lagen und mit Pflanzerkulturen assoziiert sind, die die Möglichkeit hatten, ortsfest zu siedeln, stammten die asiatischen Invasoren, die in der frühen Bronzezeit aus dem Nordosten nach Indien, Mesopotamien und in die Levante einfielen, aus weniger freundlichen Regionen, in denen das Nomadentum und die Jagd eine sehr viel größere Rolle spielten. Diese Umstände begünstigten offenbar die Rolle des Mannes in der Gesellschaft.
Wo diese gegensätzlichen kulturellen Kontexte aufeinander stießen, die Kulturträger aber nicht ausgelöscht, sondern kolonisiert wurden, wurden die ursprünglichen mythologischen Vorstellungen und Symbole einfach umgedeutet (13).

Um das zu illustrieren, möchte ich zwei Beispiele heranziehen:

Im akkadisch-babylonischen Enūma eliš wird die sumerische Urmutter Tiamat, „Die, die alle Götter gebar“, und die mit Schlange und Meer identifiziert wird, zu einem trägen, rachsüchtigen Seeungeheuer umgeformt. Zwar wird sie noch immer als Mutter aller Götter bezeichnet, doch als ihr Mann Apsu von den neuen Göttern getötet wird und sie mit elf von ihr erschaffenen Dämonen seinen Tod rächen will, wird sie von ihrem Enkel Marduk, dem Stadtgott Babylons, umgebracht. Anschließend zerteilt Marduk ihren Körper und schafft daraus Himmel und Erde (14).
Die ursprüngliche Schöpfung von einer weiblichen Gottheit wird also zur Makulatur, ihr Kontext wird zerstört und sie wird durch eine Neuschöpfung ersetzt, ausgeführt von einem kriegerischen, männlichen Gott, der aber dennoch auf das bereits Vorhandene angewiesen ist.

Marduk und Tiamat, babylonisches Rollsiegel (open source)

Mit dem zweiten Beispiel betreten wir einen mythologischen Raum, dessen Strukturen noch sehr viel weitreichendere Auswirkungen hatten und haben. Seine Überlieferung finden wir aufgezeichnet im Alten Testament bzw. in der Tora.
Die Schlange ist, wie in der babylonischen Umdeutung, zur Antagonistin geworden. Die vorherige Verbindung von Schlange und Urmutter wird zu einem Pakt mit dem Bösen.

Der Sünndenfall aus dem Codex Vigilanus, 11 Jhd. n Chr. (Quelle: Deutsche Bibelgesellschaft, 2008)


Die Motivation Evas vom Baum der Erkenntnis zu essen, erscheint uns heute völlig legitim, stellt sie doch ein Streben nach Emanzipation und Mündigkeit dar. In der Genesis heißt es: „An dem Tage, an dem ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und das Weib sah, daß von dem Baum gut zu essen wäre und verlockend, weil er klug macht.“(15)
Doch Selbstbestimmung und Erkenntnis, vor allem die der Frau, haben keinen Platz in einer patriarchalen Ordnung. Statt dessen treten mit diesem Versuch der Selbstermächtigung bloß die Stigmatisierung der Nacktheit und das Konzept der Sünde in die Welt. Die weibliche Sexualität wird von nun an als verführerisches Instrument des Bösen diffamiert. Die verlangende Sexualität des Mannes wird erst durch sie hervorgerufen, um ihn vom rechten Pfad abzubringen. Die Frau ist also nicht mehr Quelle einer omnipräsenten heiligen Lebendigkeit, sondern sie gilt als die Ursache, aufgrund derer der Mann von seiner unmittelbaren Teilhabe am Heiligen abgeschnitten worden ist.

Doch durch diese Abschaffung der weiblichen Schöpfungsgottheit und der Verteufelung von Körper und Sinnlichkeit gerieten die mythologischen Systeme nun in die Verlegenheit zu erklären, wie es denn einer männlichen Schöpfungsgottheit überhaupt möglich sei, Leben hervor zu bringen. Die Große Mutter konnte gebären, die Schlange konnte sich häuten und zu neuem Leben erwachen. In beiden Fällen war der Ort, an dem sich die Schöpfung abspielte, der Körper. Doch wie sollte ein Mann gebären, dessen Körper dazu nicht imstande war - zumal dem Körper im alttestamentarischen Zusammenhang von nun an der Makel der Sündhaftigkeit anhaftete?

Um diesem Dilemma zu entgehen wurden vor allem zwei Lösungswege beschritten: Den einen finden wir in dem bereits beschriebenen babylonischen Enūma eliš. Zwar gebiert Tiamat alles Leben, Marduk jedoch tötet sie. Er zerstört die bisherige Ordnung der Welt und nimmt eine gewalttätige Revision vor, in dem er das vorhandene umformt.

Ähnlich verfahren der homerische und der olympische Schöpfungsmythos. Hier gebären zunächst Thetys bzw. Gaia alles Leben, müssen aber zuerst von Okeanos bzw. Uranos befruchtet werden (8). Entscheidend jedoch ist die darauf folgende Vernichtung der alten Götter durch die nächste Generation. So wie Marduk Tiamat und ihre Dämonen besiegt, so bringen Zeus und die olympischen Götter die Titanen um.
Ein ähnliches Muster begegnet uns in der indogermanischen Rigveda. Dort nimmt das Universum seinen Anfang mit Purusha, dem Ur-Menschen. Purusha bringt aus sich selbst Viraj, das weibliche Prinzip, hervor. Sie wiederum gebiert Purusha erneut, der anschließend von jüngeren Göttern geopfert wird. Aus seinem Körper formen sie nun die gegenwärtige Welt und all ihre Dinge (16). Auch hier wird also eine ältere Generation von Schöpfungsgottheiten von einer jüngeren vernichtet, um die Welt zu schaffen, bzw. neu zu gestalten, zugleich wird die Frau zu einer funktionalen Notwendigkeit reduziert, zu einer Durchgangsstation des männlichen Schöpfungswillens. Sie selbst spielt keine weitere Rolle mehr.

Die erste Variante der männlichen Weltschöpfung besteht also in erster Linie darin, eine vorangegangene Schöpfung zu zerstören, um aus ihren Trümmern etwas neues aufzubauen. Die reinste Form dieses Denkens ist im tanzenden Shiva verkörpert, der unentwegt zerstört und neu erschafft.

Shiva Nataraja, Chola Bronze, 11. Jhd. (open source)


Die zweite Variante, die sich bereits in der Befruchtung der Thetys durch Okeanos bzw. die Selbsterzeugung Purushas durch den Leib der Viraj ankündigt,  schlägt einen anderen Pfad ein.
In der indischen Samkhya-Philosophie, die stark von den Veden beeinflußt wurde, wird Purusha als männlicher ewiger Weltgeist verstanden. Sein dualistisches Gegenstück ist die weibliche Prakriti, die physische Natur. Wir erleben hier also eine Trennung von Geist und Welt, Geist und Körper.
Während in der Samkhya der weibliche, körperliche Aspekt der Wirklichkeit noch eine gewisse Bedeutung bewahren kann, erleben wir im levantinischen Komplex, aus dem die großen Offenbarungsreligionen hervorgegangen sind, eine weitgehende Abwertung des Körpers. Statt dessen ist es nur noch der Geist, der die Welt hervorbringt. In der Genesis heißt es: „Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! (17)“
Hier genügt, in Ermangelung eines zum Gebären geeigneten Körpers, das Wort, die Idee, das reine Abstraktum, um Wirklichkeit und Dinglichkeit hervorzurufen. Und wie in der Rigveda erleben wir schließlich im neuen Testament den weiblichen Körper nur als funktionale Durchgangsstation in Gestalt der Maria. Gott, der aus der Trinität Vater-Sohn-Heiliger Geist besteht, gebiert sich durch Maria selbst, so wie sich der vedische Purusha durch Viraj selbst geboren hat.
Um dem Geist den alleinigen Anspruch auf die Fähigkeit zut Schöpfung zu sichern, muß der Körper, der in realiter Schauplatz dieses Wunders ist, folgerichtig diffamiert werden

Durch die Diffusion dieser Idee eines erschaffenden Geistes, der selbst nicht Körper ist, also jenseits der körperlichen Welt wirkt, entstand das dualistische Substrat, aus dem unser bis heute wirksames Konzept der Wirklichkeit hervorgegangen ist.
Es begegnet uns nicht nur im Kontext von Judentum, Christentum und Islam, auch im klassischen Griechenland brachte es Vorstellungen und metaphysische Konzepte hervor, die später wiederum ins Christentum zurück wirkten. Die Kopfgeburt der Athene durch Zeus, der sie sich im wörtlichen Sinne aus dem Kopf schlug, ist nur ein anekdotischer Verweis.
Das prominenteste und folgenschwerste Beispiel ist Platons Höhlengleichnis, das allen physischen Erscheinungen jegliche Relevanz abspricht, da diese nur ein Schatten der ewigen, göttlichen Idealbilder wären.
Unter dem Einfluß des levantinischen und platonischen Dualismus entstanden im spätantiken Vorderasien religiöse Systeme wie der Manichäismus oder die Lehren der Gnostiker, deren Wirkung auf das europäische Christentum so stark waren, daß sie im Mittelalter mächtige weltverneinende und körperfeindliche Bewegungen wie die der Katharer oder der Flagellanten und Geißler hervorbrachten.

Geißler, Konstanzer Weltchronik, 15. Jhd. (open source)

 Allen dualistischen Religionen, die den göttlichen Geist zur einzigen Wahrheit erheben, ist die Abwertung der Frau und des Körpers gemeinsam. Denn wenn nur der Geist von Bedeutung ist, können Körper und Natur niemals Quelle der Erkenntnis sein, wie es sich noch in vielen östlichen Religionen erhalten hat. Erkenntnis kann niemals vom Einzelnen in der Anschauung der Dinge, die sind, gewonnen werden, denn sie sind nichtig.  Ebenfalls wird die körperliche Erfahrung der Geburt, die bis in die Bronzezeit als Teilhabe am großen Geheimnis der Welt galt, bedeutungslos. Erkenntnis wird nur wenigen männlichen Propheten und Heiligen zuteil, denen sich der Geist Gottes aus eigenem Antrieb offenbart. Dem gewöhnlichen Menschen bleibt nur beschieden, sich einem jenseitigen Gott, seinem Propheten und seinen offenbarten Gesetzen zu unterwerfen, ohne sie zu hinterfragen. Und wer die Gesetze, die Steuerungsmechanismen der Gesellschaft in Händen hält, hat auch die Kontrolle. Eine eigene Erkenntnis von Gut und Böse, eine autonome Klugheit, wie sie Eva anstrebte, ist nicht erwünscht und wird deshalb als unmöglich oder sogar blasphemisch gebrandmarkt.

Ein weiteres, kennzeichnendes Phänomen, das mit der Stigmatisierung des Körpers einhergeht, ist die Verwerfung der Emotionalität. Im Hauptstrom unserer abendländischen Tradition, von Sokrates bis Descarte und darüber hinaus, galt als wichtigstes Werkzeug der Entscheidungsfindung und als einzig legitimer Handlungsimpuls immer nur die Vernunft, niemals das Gefühl, der Affekt.

Doch die Abwertung von Gefühlen zugunsten einer kontrollierenden Vernunft führen zwangsläufig auch zu einer Beeinträchtigung der Empathie. Schlimmstenfalls wird das Mitgefühl als „weibische Schwäche“ diffamiert. Ohne Mitgefühl jedoch sind die patriarchalen, auf Konkurrenzkampf und Kontrolle ausgerichteten Strukturen noch sehr viel besser zu etablieren. So verstärkt sich das entstandene System stetig selbst.

Die negativen Folgen der Verdrängung der Emotionalität sind uns erst seit den Forschungen von Sigmund Freud und seinen Nachfolgern in ganzem Umfang bekannt. Je stärker die Emotionalität verdrängt wird, desto bedrohlicher erscheint sie denen, die glauben, die Kontrolle zu haben, und desto erbarmungsloser wird sie bekämpft. Das gleiche kann für Aspekte der Weiblichkeit gelten.
Dem bekannten Psychoanalytiker Arno Grün zufolge ist die Abspaltung und Verdrängung unserer Gefühle ein schwärendes Krankheitssymptom, das auf der persönlichen Ebene zum Verlust der Handlungsautonomie und zur Neurose führt, auf gesellschaftlicher Ebene schließlich zum Faschismus (18).

Nach Gefühlen, besonders nach dem sog. Lustprinzip zu handeln, gilt auch heute noch in vielen Teilen unserer Gesellschaft als etwas Minderwertiges, Schwächliches, Lächerliches und wird fast immer als weibliches Verhaltensmuster gewertet. Diese Abwertung ist jedoch nicht nur typisch für Männer, auch zahllose Frauen haben sie internalisiert.
In den USA z.B. ist noch immer das Erziehungsmuster weit verbreitet, demzufolge sich Mütter von ihren Söhnen mit dem Eintritt in die Pubertät gezielt emotional und körperlich zurückziehen sollen, damit die Männer ihre Rolle als prägende Bezugsperson geltend machen können. Dieser Wechsel der Einflußsphären soll verhinden, daß die Jungen unter dem weiblichen Einfluß „verzärtelt“ werden (19). Statt dessen sollen sie lernen, ihre Gefühle zu unterdrücken, um in dem gottgefälligen Konkurrenzkampf einer sozialdarwinistischen Gesellschaftsordnung bestehen zu können. Nahezu identische Ansätze finden wir in dem nationalsozialistischen Erziehungsratgeber Die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind von Johanna Haarer, das mit nur geringen Veränderungen bis 1987 aufgelegt worden ist. Auch ihr galt das lustvolle Verlangen und die Empfindsamkeit des Kindes als zentraler Störfaktor, den man zu disziplinieren hatte.

Heute können wir zum Glück beobachten, wie sich das Verhältnis zu Gefühl und Körper langsam verändert.

Diese Umwertung begann mit Denkern wie Spinoza, der Geist und Materie nur als zwei Aspekte ein und derselben Substanz ansah, über die hinaus nichts existierte (20), und später Charles Fourier, der argumentierte, Gott hätte uns doch sicher nicht die Lust eingepflanzt, wenn ihr zu folgen nicht klug sei. Für ihn bedeutete das Lustprinzip den goldenen Weg zur Befreiung der Frau und einer sozialen Utopie (21).
Auch Nietzsche hatte erkannt, daß der Verstand ohne den sinnlichen Körper nur wenig Bedeutung habe. Er schrieb:

Leib bin ich ganz und gar, und Nichts ausserdem;
und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe.
Der Leib ist eine grosse Vernunft, eine Vielheit
mit Einem Sinne
(22).

Welche tatsächliche Wirkmächtigkeit und Bedeutung die Gefühle für unser Bewußtsein und die Gesellschaft haben, dringt aber erst seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts vermehrt an eine breite Öffentlichkeit, maßgeblich durch die psychologischen Publikationen von Daniel Goleman, der 1995 den Begriff der „emotionalen Intelligenz“ prägte (23).
Gleichzeitig mit der Erkenntnis, daß Gefühle der Prime Mover des Menschen sind und die logische Vernunft nur ihr Werkzeug, ergaben neurologische Untersuchungen zudem, daß Geist und Körper tatsächlich untrennbar miteinander verbunden sind, wie Spinoza postulierte, die kartesische Trennung also nichts anderes gewesen ist, als eine heute unhaltbare Spekulation.

Seit den 2000er Jahren wissen wir, ohne einen aus lebendigen Zellen aufgebauten Körper können Gefühle nicht entstehen, und ohne Gefühl für die eigene Befindlichkeit können keine Handlungsimpulse und kann kein Bewußtsein hervorgebracht werden (24). Die Leiblichkeit und die aus ihr hervorgehenden Affekte und Gefühle sind also unabdingbare Voraussetzung für alle Entwicklungen und alle Bewegungen des Lebendigen, des Menschen und seiner Kultur.

Interessant ist, daß wir parallel zu diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen eine gesellschaftliche Entwicklung beobachten können, die darum bemüht ist, die soziale Bewertung anhand von Geschlechtsidentität oder sexueller Orientierung, die über Jahrtausende geherrscht hat, abzubauen. Der Körper soll aus der Herrschaft einer normierten Zuschreibung befreit werden; die Macht der Ideen über das, was physisch tatsächlich ist, soll gebrochen werden, damit die Individuen die Verfügungsgewalt über den eigenen Körper und dessen Darstellung zurückerobern können. Durch die Befreiung des Körpers wird den patriarchalen Strukturen eines ihrer wichtigsten Kontrollinstrumente entrissen.
Es scheint also, daß die starren Systeme mit ihrer dualistischen Abwertung des Körpers, der Emotion und der Weiblichkeit nun doch endlich ein Ende finden könnten.

Doch blicken wir nur ein paar Jahrzehnte zurück, in die 80er Jahre. Dort sah die Lage noch deutlich weniger ermutigend aus. Das noch unmittelbar erfahrene Trauma des zweiten Weltkriegs und der Nazi-Diktatur war erfolgreich verdrängt worden und wirkte deshalb umso zerstörerischer im kollektiven Unterbewußten.
Schon 1952 sagte Konrad Adenauer im Bundestag: „Ich meine, wir sollten jetzt mit der Naziriecherei mal Schluss machen. Denn verlassen Sie sich darauf: Wenn wir damit anfangen, weiß man nicht, wo es aufhört.
Der emotional-körperliche Komplex wurde abgespalten und betäubt mit Arbeit, um das Unerträgliche nicht ertragen zu müssen. Denn genau das hätte man freigelegt, hätte man mit der von Adenauer gescholtenen „Naziriecherei“ weitergemacht.
Als Reaktion auf die Katastrophen der Shoa und des zweiten Weltkriegs, die nur durch eine vollständige Abspaltung der Gefühle entstehen konnten, wie Arno Grün beschrieb, wurden in der Nachkriegszeit Gefühle ein weiteres mal massiv diffamiert, um sie nicht zulassen zu müssen (25), (26). Konsequenterweise waren die 50er Jahre in Deutschland gleichzeitig ein herausragend frauenfeindliches Jahrzehnt.Die Gegenreaktion der 68er brachte zwar neue Ansätze, doch war der politische Widerstand oft nur ein maskierter Generationenkonflikt. Von der verkündeten sexuellen Befreiung profitierten meist nur die Männer und viele der politisch linken Akteur*innen migrierten später ins bürgerliche oder sogar ins rechte Lager. Was noch an Veränderungswillen geblieben war, wurde in den reaktionären, kapitalistischen Millieus unter Kohl, Reagan oder Thatcher erstickt, die mit dem Narrativ vom „freien Westen“ und ihrer patriarchalen sozial-darwinistischen und später neo-liberalen Ideologie alle kollektivistischen Ansätze bekämpfte, deren zugrundeliegende Maxime das Mitgefühl ist. Es herrschte weiterhin der gefühllose, perfide Stumpfsinn der männlich geprägten Ideologie der „ökonomischen Vernunft“. Denn der dualistischen Tradition zufolge ist ja die Vernunft, vor allem die ökonomische, eine Männerdomäne. Das zeigt sich auch heute noch z.B. in der Ungerechtigkeit, die bei der Vergabe von Bankkrediten herrscht. Frauen werden Geschäftskredite nicht nur sehr viel häufiger verweigert, sie zahlen dafür auch deutlich mehr Zinsen (27).

Wie agiert man nun aber in einem solchen Umfeld, wenn man sich mit den Gegebenheiten nicht abfinden will, wenn man in einer Welt männlicher Logik ernst genommen werden will, wenn zudem aber das dualistische Denken, wenn die patriarchalen Strukturen als kulturell bedingter blinder Fleck internalisiert worden sind?
Ein Beispiel für das Handeln unter dem Einfluß dieser internalisierten Strukturen gibt die deutsch-türkische Autorin Lale Akgün. Bei ihr heißt es:
Jedes Betonen der Weiblichkeit war für Mama daher ein abscheuliches Vergehen, jede noch so kleine Geste, die als weibliches Verhalten hätte durchgehen können, tadelte sie als weibisch und prophezeite ‚eine freudlose Zukunft unter der Knute eines Mannes‘.“ (28)
Als eine Gegenreaktion auf die Herrschaft des Mannes sehen wir hier eine aggressive Verleugnung der Weiblichkeit - durch eine Frau. Um in der Auseinandersetzung mit männlicher Macht bestehen zu können, schien als einzige Lösung nahe zu liegen, sich männliche Verhaltensweisen anzueignen. Wohin diese Strategie schlimmstenfalls führen kann, zeigt uns das Beispiel Margret Thatchers, die der ebenfalls reaktionäre Ronald Reagan als „Englands besten Mann“ bezeichnete (29).

Margret Thatcher und Helmut Kohl (Quelle: Frankfiurter Rundschau)


Auch im Nachkriegsdeutschland blieb, um gegen die patriarchalen, reaktionären Strukturen anzugehen, aus Mangel an schöpferischer Perspektive und ohne Zugang zu den eigenen Gefühlen, meist nur die männlich geprägte, aggressive Lösung:
Die Ideologie oder die Zerstörung all dessen, was als untragbar erkannt wurde. Da die antikapitalistischen Ideologien im Laufe der 80er Jahre ihre Kraft aber weitgehend verloren hatten, blieb zuletzt nur die Zerstörung.

Ton Steine Scherben, "Macht Kaputt, was Euch kaputt macht!", Selbstverlag, 1970 (Quelle: discogs.com)

Jedoch war die Tatsache der Internalisierung patriarchaler Verhaltensweisen ebenso untragbar, wie die Verhältnisse selbst, gegen die aufbegehrt wurde. Also richtete sich dieser destruktive Impuls ebenso nach innen und wurde zur bewußten Selbstzerstörung.
Die Schlachtrufe der Widerständigen in den späten 70ern und 80er Jahren waren entsprechend „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ (Ton, Steine Scherben), „Total destruction, the only solution“ (Bob Marley) oder „No future“ (Sex Pistols).


Sex Pistols "No Future", 1977, (Quelle: Jonathan Maurice)

Und so sehen wir in dem Text „Das Zimmer des Dichters“ nicht nur die literarischen Konventionen im Sinne einer Anti-Literatur zerstört, wir sehen auch die Figuren und das ganze Szenario in einer Situation, die von männlichen Handlungsmustern und destruktiven Lösungen gekennzeichnet ist:
Zwar gelingt es den Protagonist*innen auf dem Schlachtfeld kapitalistischer Interessen den Patriarchen den Schlüssel zur Macht zu entreissen - in diesem Fall das alles entscheidende Kontrollgerät - wodurch sie die Welt ins Chaos stürzen, doch wissen sie selbst mit diesem Gerät, das ihnen absolute Macht verleihen könnte, nichts anzufangen. Der Akt der Selbstermächtigung führt noch ins Leere und die Figuren bleiben der internalisierten und der im Außen wirksamen männlichen Machtlogik unterworfen.
„I don´t know what I want, but I know how to get it!“ (Sex Pistols)

Dennoch gibt es im Text eine Ahnung von dem, was fehlt, eine diffuse Idee, daß da etwas ist, das in den Körper, in die Lebendigkeit und in die Welt zurückführen könnte.

Als die Hauptfiguren der Geschichte durch das vom Halley´schen Kometen zerstörte Mexiko City stromern, heißt es: „Ich kann den Steinbruch nicht vergessen. Ich weiß, es hat eine Bedeutung, daß wir dort nach dem Erdbeben gelandet sind. In der riesigen, verwitterten Steinwand hatte ich weit oben geheime Türen entdeckt, hinter denen etwas passierte. Ich habe es mehr gespürt als gesehen. Längst sind wir zurück in der Stadt und ich spüre es immer noch. Irgendetwas ist mit uns.“ (30)
Doch diese Ahnung, die Empfindung von etwas Verborgenem, das auf die Erzählerin einwirkt, kann sich nicht entfalten. Zu sehr haben die internalisierten Strukturen die Erzählerin von ihrem Körper und ihren Emotionen entfremdet, zu sehr ist sie gefangen in einem System kapitalistischer Verwertung und ökonomischer Vernunft. Aber selbst in der tiefen, körperlosen Apathie, die sich daraufhin einstellt, zeigen sich zuletzt doch noch zaghaft die sinnlichen Impulse einer Welt, die nicht nur aus kalten, körperlosen Ideen besteht, sondern aus realer Erfahrung.
Eigentlich geht es mir gut. Aber eigentlich gehts mir gar nicht. Eigentlich bin ich erledigt. Die Tage gehen vorbei. Filme werden gewechselt, manchmal kriege ich eine andere Schicht. Hauptsächlich sitze ich in der Küche am Fenster. Ich existiere nicht.
Ich weiß selbst nicht, was es mit mir zu tun hat. Die Schatten der Gelblosen kleben mir an den Hacken. Dazwischen ist das Resedagrün vom Küchentisch. Das Land auf dem ich stehe ist grünlich-weiß wie Rauhreif und leer. Sehr leer.
Kein Charly, kein Dr. Mabuse, und Kairo meldet sich nicht.


Hilka Nordhausen, Illustration zu "Das Zimmer des Dichters", 1987


© Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, April 2023

 

(1) Alexander Kluy, Mythen, Dreck und Schlacke - 100 Jahre Charles Bukowski, Wiener Zeitung, 16.8.2020

(2)  R.D. Brinckmann, R.R. Rygulla, Acid - Neue Amerikanische Szene, März Verlag, Darmstadt, 1969

(3)  Marylène Patou-Mathis, Weibliche Unsichtbarkeit. Wie alles begann, Verlag Carl Hanser, München 2021

(4)  Hermann Parzinger, Die Kinder des Prometheus, C.H. Beck, München, 2014

(5) ebd. S.85

(6)  Joseph Campbell, Mythologie der Urvölker, Heinrich Hugendubel Verlag, München 1992

(7)  James Mellaart, Catal Hüyük - A neolithic town in Anatolia, Hudson & Thames, London 1967

(8)  Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie Bd. 1, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1960

(9)  Manuela Wagner, Frauen im mykenischen Griechenland, Naturhistorische Gesellschaft Nürnberg, docplayer.org

(10)  Bettany Hughes, Mykene, in: Metropolen der Alten Welt, Köhler & Amelang, Leipzig, 2014

(11)  Elke Hartmann, Frauen in der Antike. Weibliche Lebenswelten von Sappho bis Theodora, C.H. Beck, München 2007 

(12)  Dietrich Willers, Nacktheit in: Der Neue Pauly, Enzyklopädie der Antike. Band 8, Metzler, Stuttgart 2000

(13)  Joseph Campbell, Mythologie der Urvölker und Mythologie des Westens, Heinrich Hugendubel Verlag, München, 1992

(14)  Der babylonische Weltschöpfungsmythos Enuma Elisch. Eingeleitet, neu übersetzt und kommentiert von Adrian Cornelius Heinrich, Beck, München 2022

(15) Große Lutherbibel, Deutsche Bibelstiftung, Stuttgart, 1975

(16)  Karl Friedrich Geldner, Rig-Veda. Das Heilige Wissen Indiens. Band II. 1923 

(17)  Große Lutherbibel, Deutsche Bibelstiftung, Stuttgart, 1975

(18)  Arno Grün, Der Verrat am Selbst. Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau, Causa, München 1984 

(19)  William F. Pollack, Jungen - Was sie vermissen, was sie brauchen, S. Fischer, Frankfurt, 2009

(20)  Baruch de Spinoza, Die Ethik nach geometrischer Methode dargestellt. (1677) Felix Meiner Verlag, Hamburg 1976

(21)  Charles Fourier, Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen, Hrsg. Theodor W. Adorno, Suhrkamp, Frankfurt 1966

(22)  F. Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Insel Verlag, München , 1976, S. 37

(23)  Daniel Goleman, EQ. Emotionale Intelligenz. dtv, 1997

(24) Antonio Damasio, Der Spinoza Effekt, List, Berlin, 2007 und Im Anfang war das Gefühl, Siedler, München, 2017

(25)  Sabine Bode, Kriegsenkel, Klett-Cotta, Stuttgart 2013 und Bettina Alberti, Seelische Trümmer, Kösel, München 2010

(26)  Arno Grün, Der Verrat am Selbst. Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau, Causa, München 1984

(27) mlk/dpa, Frauen werden bei der Kreditvergabe benachteiligt, spiegel.de, 4.3.2022 und Kredite: Frauen werden bei Anleihen und Darlehen diskriminiert, welt.de, 05.03.2019

(28)  Lale Akgün, Tante Semra im Leberkäseland. Geschichten aus meiner türkisch-deutschen Familie, Krüger Verlag, Frankfurt 2008

(29) Gerhard Volkery, Die Eiserne, spiegel.de, 08.04.2013

(30)  Hilka Nordhausen, Das Zimmer des Dichters, Selbstverlag, Berlin, 1987, 2. Auflage 1988








Mittwoch, 8. Februar 2023

Schreibwerkstatt: Neuer Kurs ab dem 6. März 2023, Modul 1

Am 6. März 2023 beginnt ein neuer Kursabschnitt 1 der Schreibwerkstatt "Das Textprojekt".

Der Kursabschnitt 1 "Von der Idee zum ersten Entwurf" wendet sich vor allem an Schreibanfänger, aber auch an Schreibende, die ihre handwerklichen Fertigkeiten verbessern wollen.

Inhaltlich werden wir uns mit literarischen Grundkonflikten beschäftigen, mit der Gestaltung lebendiger Charaktere und dem Entwurf überzeugender und packender Handlungsverläufe und deren Struktur sowie allgemeinen dramaturgischen und handwerklichen Problemen.

Die Unterrichtseinheiten werden begleitet von Hausaufgaben, in denen die Teilnehmer die erlernten Techniken ausprobieren können - gerne auch im Rahmen eigener, bereits bestehender Projekte. Die so entstandenen Texte werden in der Gruppe besprochen. Alles darf, nichts muss...


ANMELDUNG per E-Mail: thomas.piesbergen (at) gmx.de

Die Themen im Einzelnen:

• Schreibmotivationen
• Authentizität und Fiktion
• Schreibmethoden
• Literarische Reduktion: Themen und Prämissen
• Konflikte und Transformation
• Charaktere: Protagonist und Antagonist
• Charaktere: Nebenfiguren und Dritte Kraft
• Charaktertiefe
• Charakterisierung
• Konflikte und ihre Entwicklung
• Akute Konfrontationen und verdeckte Konflikte
• Entwurf des Handlungsverlaufs: „Schicksalskurven“
• Gliederungsschemata: Dreiakter, Heldenreise, Regeldrama u.a.
• Struktur: Szenen, Schwellen, Spiegelungen, Motive
• Mechanismen der Eskalation
• Plot und Gegenplot
• Spannung erzeugen
• Das Setting
• Schauplätze
• Schreibhemmungen

Ort: Atelierhaus Breite Straße 70
Kursdauer: 2 Monate (8 x 2 Stunden)
Teilnahmegebühr: 200,- € / ermäßigt 160,- €
Zeit: Montags 19:30 - 21:30




Montag, 19. Dezember 2022

Neuer Kurs der Schreibwerkstatt ab dem 9. Januar 2023

Am Montag, den 9. Januar 2023, startet die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" mit einem neuen Kursabschnitt: „Modul 2 - Die Textarbeit:  Eine Geschichte wird lebendig“.
Neueinsteiger und Schreibanfänger sind ausdrücklich willkommen!



Die inhaltlichen Schwerpunkte des Kurses sind

- die Strukturierung von Texten 
- der richtige Einsatz der unterschiedlichen Textarten  
  (Beschreibung, akute Handlung, narrative Zusammenfassung, 
  narrative Schilderung, Innenschau, Dialoge), 
- Szenendramaturgie 
- der richtige Umgang mit verschiedenen Perspektiven 
  (1. Person, 2. Person, Personal, Auktorial, Neutral) 
- Rückblenden 
- Varianten der narrativen Chronologie 
- Zeitstufen des Erzählens 
- Erzähltempo 
- Überleitungen 
- Resonanz 
- metaphorische Ebenen 
- sinnliche Elemente

und andere Mittel und Handgriffe, um eine Geschichte zu einem lebendigen Leseerlebnis zu machen.



Leitung: Dr. Thomas Piesbergen

Kursdauer: 2 Monate (8 Doppelstunden)
Termin: Montag 19:30 - 21:30

Teilnahmegebühr: 200,- / 160,- € ermäßigt

Teilnehmerzahl: max. 10

Atelierhaus Breite Straße 70
 (Hamburg - Altona, oberhalb des Fischmarkts)


Anmeldung: thomas.piesbergen (at) gmx.de
 

 


Montag, 21. November 2022

"Von Selbstentblößung und Zurschaustellung: Der nackte Körper und die Macht" Dr. Thomas Piesbergen zur Ausstellung „Auto No Me!“ von Pachet Fulmen

Pachet Fulmen, Auto No Me!, Einstellungsraum e.V. 2022

 
Um das Verhältnis des modernen Mannes zur Sexualität zu erläutern, schrieb der amerikanische Dramatiker Edward Albee in seinem Theaterstück „The Zoo Story“ über Spielkarten mit pornographischen Abbildungen: „It’s that when you're a kid you use the cards as a substitute for a real experience, and when you're older you use real experience as a substitute for the fantasy.

Übersetzt heißt das ungefähr: „Als Kind hast du die Spielkarten als Ersatz für das wirkliche Erlebnis benutzt, und jetzt, wo du älter bist, benutzt du die wirkliche Erfahrung als Ersatz für deine Phantasie.“(1)

Nach Edward Albee benutzen also Männer, die noch keine Möglichkeit haben, ihr Begehren im realen Zusammenhang auszuleben, zunächst visuelle Projektionsflächen, anhand derer sie ihre Phantasien entwickeln können. Dadurch entsteht ein so wirkmächtiger, von vorgegebenen Bildmaterialien definierter Komplex des Verlangens, daß die so geprägten Männer später nicht imstande sind, unmittelbare reale Erfahrungen zu machen.

Natürlich geht es bei den Abbildungen, von denen Albee spricht, um pornographische Darstellungen von weiblichen Körpern. Wenn also ein durch Pornographie geprägter Mann mit einer Frau schläft, wird er nicht ihr in ihrem Körper begegnen, sondern in ihrer Körperlichkeit Anlässe suchen, die stimulierenden Bilder und die damit verbundenen Phantasien herauf zu beschwören.
Die Pornographie ist also nicht mehr Ersatz für die Begegnung mit der Frau, sondern die Frau nur noch ein Stimulanz pornographischer Vorstellungen, die zum eigentlichen, verinnerlichten Objekt des Verlangens geworden sind. Mit seiner Denk- und Handlungsweise ordnet der Mann die Frau mittels der pornographischen Bilder seinen sexuellen Phantasien unter, wodurch ein hierarchisches Machtgefüge entsteht.

Das so entstandene Verhältnis läßt sich gut durch die strukturalistische Theorie über das Verhältnis von Mensch und Welt beschreiben. Nach Claude Levi-Strauss ist jeder menschlichen Kultur eine Struktur von Bedeutungen zu eigen, die alle Verhältnisse zwischen Menschen und Dingen terminiert, also auch allen Dingen ihren Wert und ihre Bedeutung zuordnet.
Auf diese Weise wird nicht nur der Wert aller Dinge bestimmt, sondern auch die Bedeutung von Menschen. Will also ein Mensch für einen anderen relevant sein, so muß er dessen Werteschema entsprechen.
In unserem speziellen Fall muß sich also die Frau an die pornographische Bildlogik des entsprechend geprägten Mannes anpassen, um für ihn relevant zu werden. Sie muß sich dem männlichen, pornographisierten Blick unterwerfen.
Dieser Blick wiederum verlangt die Herrschaft über den weiblichen Körper, vor allem die Kontrolle über dessen visuelle Zugänglichkeit. Demzufolge ist eines der großen Werkzeuge des Mannes zur Beherrschung der Frau, seine Verfügungsgewalt über die Entblößung oder Verhüllung des weiblichen Körpers.

Dieser Gedankengang basiert zunächst auf dem oben genannten Zitat aus den späten 50er Jahren in den USA. Es bleibt die Frage nach Macht und Nacktheit im Spannungsfeld der Geschlechter in anderen Epochen. Dazu möchte ich mich zunächst den Ursprüngen der menschlichen Kultur zuwenden.

In welchem Verhältnis Mann und Frau in der Altsteinzeit zueinander standen, ist nur sehr vage zu fassen. Aktualistische Vergleiche lassen vermuten, daß mit einer weitgehenden Gleichberechtigung zu rechnen ist. Die Befunde von Knochen legen eine homogene Arbeitsteilung nahe, da sowohl Männer als auch Frauen über einen sehr viel kräftigeren Körperbau verfügten, als heute, und auch bei Frauen Abnutzungserscheinungen auftraten, die man dem Speerwerfen zuschreibt, einem Aspekt der Jagd, die bislang als männliche Domäne galt.(2) Auch Grabbefunde, die sonst ein guter Indikator gesellschaftlicher Differenzierung sind, geben ein homogenes Bild (3).
In der sog. Plakettenkunst des Magdalenien (ca. 18.000-12.000 v. Chr.) werden auf kleinen, realistischen, manchmal karikaturesken Kratzzeichnungen sowohl Männer als auch Frauen in der gleichen Stellung gezeigt. die als Adorantenhaltung bezeichnet wird, also in einer anbetenden Stellung (4).
Beide Geschlechter werden nackt dargestellt. Hier begegnet uns womöglich erstmals der Topos der rituellen Nacktheit, die uns vor allem aus dem Antiken Griechenland bekannt ist.
Die Kleinplastiken des Jungpaläolithikums zeigen aber ein weit weniger ausgewogenes Bild. Hier dominieren die Abbildungen von Frauen mit deutlichen Kennzeichen der Schwangerschaft und stark betonten Geschlechtsteilen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es sich bei diesen Figurinen um Darstellungen einer universellen Muttergottheit handelt, das Prinzip der Fruchtbarkeit, die nicht nur das Fortbestehen der Menschen sichern soll, sondern das Fortbestehen des Lebens schlechthin (5).

Diese Muttergottheit begegnet uns alles beherrschend wieder im jungsteinzeitlichen Catal Hüyük in Form der großen schwangeren Herrin der Tiere auf einem Leopardenthron. Die Grabbefunde in Catal Hüyük legen wiederum nahe, daß die Rolle der Frau in der Gesellschaft dominierend war. Sie war die Herrscherin über das Haus, über die Siedlung, über die Bedrohungen aus der Wildnis (6).
Diese Große Göttin ist in der gesamten Jungsteinzeit bis in die frühe Bronzezeit ein maßgebliches Bildthema und begegnet uns im minoischen Kreta ein letztes mal in dominierender Position. Mit entblößten Brüsten hält die kretische Göttin zwei Schlangen, Symbole des ewigen Lebens, in die Höhe. So wie die Göttin werden auch alle anderen Frauen auf minoischen Vasenmalereien und Fresken mit zur Schau gestellten Brüsten abgebildet (7). Sie werden in der Regel als Priesterinnen gedeutet.

Für alle Kulturen dieser Traditionslinie gilt, daß die Frauen offenbar eine mindestens gleichberechtigte sozio-politische Rolle gespielt haben, wenn sie nicht sogar das gesellschaftliche und religiöse Leben bestimmten. Zudem gibt es keinerlei Hinweise darauf, daß die Schöpfer der genannten Darstellungen Männer gewesen sein müssen.

Die Entscheidung, den weiblichen Körper zu entblößen, wird mit der größten Wahrscheinlichkeit also von Frauen gefällt worden sein, ebenso wie der Blick auf den weiblichen Körper ebenfalls ein weiblicher gewesen sein wird. Die Selbstentblößung muß also gelesen werden als ein Akt, indem sich Selbstsicherheit und Stolz auf die eigene Geschlechtlichkeit und deren soziopolitische Machtfülle ausdrücken.
Zeigte im minoischen Kreta oder im frühen Mykene eine Frau ihre Brüste, präsentierte sie selbstbewußt das, was ihre unantastbare gesellschaftliche Stellung legitimierte.

Die mythologische Entwicklungslinie der Großen Göttin wurde schließlich von  indoeuropäischen Invasoren aus Zentralasien langsam aber erbarmungslos zurück gedrängt. Im mykenischen Griechenland konnte die Frau ihre gesellschaftliche Rolle noch eine zeitlang mit Rückgriff auf die minoische Kultur und Tracht bewahren, doch die politische und ökonomische Macht ging mehr und mehr in die Hände der Männer über (8). Die Darstellungen von Priesterinnen und Göttinnen wurden langsam von männlichen Figuren ersetzt, so z.B. von Zeus, der in der mykenischen Frühzeit noch eine unbedeutende Nebengottheit war (9).

Im klassischen patriarchalen Athen schließlich war die öffentliche, rituelle Nacktheit nur noch Männern vorbehalten, während sie für Frauen als anstößig galt. Tatsächlich wurde der Frau nicht nur vorgeschrieben, ihren Körper verhüllt zu halten, sondern ihr ganzes Leben sollte sich bestenfalls in den Mauern des Hauses abspielen, das sie nur zu rituellen Festen und in Begleitung verließ (10). Selbst in der Kunst, die nun nachweislich nur noch von Männern geschaffen wurde, galt die gänzliche Entblößung der Frau als skandalös, wie im Falle der knidischen Aphrodite des Praxiteles. Diese berühmte Plastik wurde vor allem Vorbild für die Abbildung von Hetären, also Prostituierten am Rande der Gesellschaft, deren Nacktheit alles rituellen Kontextes beraubt war (11). Sie ist nicht mehr als weibliche Selbstentblößung anzusprechen, sondern als männliche Zurschaustellung des weiblichen Körpers, der sonst unzugänglich ist, also als pornographisch.

Wir erleben in der Antike eine Inversion des Verhältnisses von Macht und Nacktheit. Während in den bronzezeitlichen Kulturen die Frauen noch die Kontrolle über die Darstellung des eigenen Körpers hatten und die Selbstentblößung als Demonstration ihres privilegierten Standes nutzten, war diese Verfügungsgewalt in der Klassik auf die Männern übergegangen und die weibliche Nacktheit nur noch Gegenstand der Zurschaustellung (12), um dem männlichen Verlangen einen Ersatz für die reale Begegnung zu schaffen.

Im levantinischen Komplex, aus dem die drei großen Buchreligionen hervorgegangen sind, erleben wir eine noch drastischere Wendung. Die Schlange, das bronzezeitliche Attribut der lebensspendenden Göttin, wird zur Widersacherin eines männlichen Gottes. Sie hat die Frau verführt, die wiederum den Mann zu Fall gebracht und mit ihrem Fehltritt die Scham und die Sünde in die Welt gesetzt hat. Die Nacktheit wird grundsätzlich tabuisiert und vor allem der Körper der Frau als initialer Reiz der Versündigung stigmatisiert. Er muß also kontrolliert werden, da er als eine stetige Bedrohung der Reinheit des Mannes gilt.

Im orthodoxen Judentum dürfen Frauen entsprechend nur ihrem Ehemann ihr echtes Haar zeigen, weshalb es üblich ist, Perücken zu tragen. Im Islam müssen Körper und Haare der Frau bedeckt sein, nach radikalen Auslegungen sogar ihre gesamte Haut, während der Mann lediglich seine Unterarme zu bedecken hat. Nicht die Frau verfügt über die Sichtbarkeit ihres eigenen Körper, sondern ihr Mann. Es bleibt sein unumschränktes Privileg, sie nackt zu sehen, ebenso wie nur er gestatten darf, daß sie ihr Haar schneidet (13).
Gerade angesichts der gegenwärtigen Ereignisse im Iran wird deutlich, wie sehr die Kontrolle der Sichtbarkeit des Körpers vor allem ein Instrument der Unterdrückung sein kann (14). 

Im Gegenzug kann die weibliche Selbstentblößung, sei es die der Haare, des Gesichts oder der Brüste, als Akt des Protestes gegen die männliche Kontrolle verstanden werden.
1968 schockierten drei Studentinnen die Öffentlichkeit mit dem sog. „Busenattentat“ auf Adorno während einer Vorlesung (15). Seit 2008 protestiert die in Kiew gegründete feministische Gruppe „Femen“ programmatisch mit dem Mittel der Selbstentblößung. Und gegenwärtig protestieren die persischen Frauen gegen die patriarchalische Unterdrückung, in dem sie ihre Kopftücher verbrennen und die Haare schneiden.

Auch die rituelle Nacktheit, die in vielen Zirkeln des Wicca-Kults, also des modernen Hexentums, praktiziert wird, kann man als eine Revolte gegen die patriarchalen und prüden Buchreligionen verstehen, die die Frauen über 2000 Jahre systematisch entrechtet haben (16).

In den säkularisierten, westlichen Gesellschaften allerdings erleben wir die Nacktheit in der Regel nicht als Selbstentblößung, sondern als verlangt und erzwungen vom männlichen, pornographisierten Blick, dessen Zustandekommen Edward Albee in dem eingangs erwähnten Zitat beschrieben hat.
Bis in das frühe 21. Jhd. wurde also die Frau unter anderem beherrscht durch die Kontrolle des Grades der Entblößung, entweder in Form der Verhüllung oder der ausbeuterischen Zurschaustellung. Die Stigmatisierung des weiblichen Körpers und die daraus resultierende Dichotomie „Heilige oder Hure“ blieb die gleiche.

Doch in den letzten 20 Jahren haben sich die Wege der Bilder in die Öffentlichkeit paradigmatisch verändert. Gab es im 20. Jhd. noch eine überschaubare Anzahl von Massenmedien, die meist von Männern kontrolliert wurden, und die alle Inhalte nach eigenem Gusto streng filterten, steht es heute jedem Menschen mit einem digitalen Endgerät offen, seine Beobachtungen, seine Meinung und vor allem sich selbst der Weltöffentlichkeit zu präsentieren.

In seinem Essay „Transparenzgesellschaft“ erörtert Byung-Chul Han ausführlich die neuen Mechanismen und Bedingungen dieses Systems der Selbstentblößung. Nicht mehr die Einzelnen sind es, die mit ihrem Habitus, mit ihrer bewertenden Perspektive die herrschende Struktur aufrecht erhalten, sondern die Struktur hat begonnen, sich in einem kommunikativen Netzwerk zu dessen Bedingungen zu verselbständigen.

In den sog. Sozialen Netzwerken werden das Gesicht, der Körper, Lebensführung und Identität nur noch nach ihrem Ausstellungswert bemessen, der sich in anonymen Klicks zeigt. In dem Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und Einbettung unterwerfen sich die Nutzer*innen den Forderungen und Vorlieben einer nicht näher definierten Öffentlichkeit. Alle Äußerungen des Lebens werden auf eine Maximierung des Publikums und dessen Zuspruch abgestimmt.
Es geschieht eine Anpassung an das statistische Mittel der Werte, Bedürfnisse und Begierden - eine Anpassung an den Mainstream.
Und es geschieht eine entsprechende Umwertung des eigenen Lebens nach dessen Ausstellungswert. Befriedigung wird erzielt, indem der Blick der Öffentlichkeit befriedigt wird, und der ist noch immer geprägt von der männlichen, pornographisierten Perspektive. Selbst wenn eine intentionelle Selbstentblößung im Sinne der Selbstermächtigung im Physischen oder Psychischen stattfindet, muß sie sich, um wahrgenommen zu werden, den Herrschaftsstrukturen des öffentlichen Blicks unterwerfen, um überhaupt eine Öffentlichkeit zu generieren. Dazu wiederum müssen mögliche Makel beseitigt werden (17).

Um vermeintliche Fehler des Körpers zu beseitigen wurde bis vor kurzem vor allem auf Make Up und plastische Chirurgie zurückgegriffen, heute sind es in erster Linie digitale Filter für Fotos und Videos, die jedem zur Verfügung stehen und die Körper und Gesicht nach Wunsch digital optimieren. Zudem wird ein Muster bereits erfolgreicher Posen und Bildzitaten reproduziert, die mögliche Unsicherheiten mit der eigenen Körperlichkeit oder deren individuelle Züge verdecken.

Auf der Ebene der Persönlichkeit drückt sich die Anpassung an den Mainstream vor allem durch die Übernahme von Phrasen, Floskeln und aktuellen Sprachmoden und -regularien aus. Auch diese Umformung sprachlicher Äußerungen dient vor allem dazu, eine Persönlichkeit zu verbergen, die im Auge der Öffentlichkeit als mangelhaft erscheinen könnte.

Zwar zielen all diese Handlungsweisen und Verhaltensmuster auf eine Anerkennung in einem zwischenmenschlichen Zusammenhang ab, tatsächlich aber begegnet man, unter Vorspiegelung einer Wunschpersönlichkeit und idealer Körperlichkeit, ebenso nur anderen Vorspiegelungen. In dem die Individuen versuchen, ihre soziale Isolation zu überwinden, findet durch die Mechanismen der digitalen Öffentlichkeit de facto eine zunehmende Trennung und Vereinzelung statt. An die Stelle des Sichtbar-Werdens ist eine das Individuum verschleiernde Pornographisierung getreten.

Die Selbstentblößung wird, sobald sie den Bedingungen der digitalen Öffentlichkeit angepaßt ist, paradoxerweise also zur Selbstverhüllung. Dementsprechend ist auch die Suche nach sich selbst in einer unmittelbaren Begegnung mit dem Anderen nicht mehr möglich.

Das ist das kulturelle Bedeutungsfeld, das Pachet Fulmen mit ihren Bildern befragt. Es geht in ihnen um den weiblichen Körper, dessen Selbstwahrnehmung und die Bedingungen seiner Sichtbarkeit in einer Welt sich wandelnder Macht- und Medienstrukturen.

Pachet Fulmen, Auto No Me!, 2022 (foto: Maik Gräf)


Ein Merkmal vieler Bilder ist die Fleischlichkeit der Körper, die ihrer Haut beraubt scheinen. Es scheint, als wäre der Versuch unternommen worden, den Körper wieder unmittelbar erfahrbar zu machen, indem man ihm die Haut, die vorrangige Projektionsfläche des pornographisierten Blicks, abzieht.
Was bleibt sind Muskulatur, Gefäße, Blut, Nerven, das Gefäß unserer Gefühle und Selbstempfindungen - und es bleiben Verweise auf Prozesse, die dem weiblichen Körper vorbehalten bleiben, wie Geburt und Menstruation. Man darf diesen Aspekt der Bilder wohl lesen als ambivalente Chiffre für die Verletzlichkeit, die Selbsterkundung und schließlich Rückeroberung des eigenen Körpers, ebenso wie als stolze Selbstentblößung weiblicher Körperlichkeit im Sinne der minoischen Entblößung der Brüste.

Pachet Fulmen, Auto No Me!, 2022 (foto: Maik Gräf)

 Zwei andere Aspekte zeigen sich auf einem Selbstportrait der Künstlerin, das angelehnt ist an ein Portrait des Journalisten Egon Erwin Kisch von Christian Schad aus dem Jahr 1928. Auf Schads Bild sieht man Kisch mit nacktem Oberkörper posieren; deutlich dabei zu sehen sind dessen Tatoos, die sich einer eindeutig rassistischen und sexistischen Bildsprache bedienen. Wir finden auf diesem Bild die stolze Selbstentblößung des Mannes, sowie seinen hierarchischen, bildgebenden Blick auf die beherrschten Gesellschaftsgruppen, in diesem Fall Frauen in pornographisierten Posen, Afro-Amerikaner als Witzfiguren und Asiaten als Mordopfer.

Männliche Selbstdarstellungen dieser Art sind für uns nichts Ungewöhnliches, doch sobald eine Frau sich in diese selbstentblößende Pose der patriarchalen und kolonialen Machtdemonstration versetzt, sind wir irritiert. Wir werden notgedrungen zu der Frage gezwungen, wem wir, unserem unreflektierten Empfinden nach, diese Selbstinszenierung zubilligen.


Pachet Fulmen, Auto No Me!, 2022 (foto: Maik Gräf)

Andere Bilder verweisen auf rituelle Nacktheit. Sie zitieren sub- und popkulturelle Bildthemen, die ihren Ursprung im Wicca-Kult haben. Die dargestellten Frauen werden in einen mystischen und märchenhaften Kontext überführt, in dem ihre Nacktheit Ausdruck ihrer übernatürlichen Macht ist. Ganz bewußt wird in diesem Zusammenhang auf ein gegebenes visuelles Repertoire zurückgegriffen, das vom Kitsch des femininen Mainstreams geprägt ist. Diese digitalen Bildwelten spielen wiederum eine wichtige Rolle bei der Selbstverortung und der Identitätsbildung junger Frauen und Mädchen.
Eine großformatige Arbeit zeigt eine nackte, bzw. gehäutete Frau, die sich ein Handy vor die Brust hält - fast scheint es mit ihrem Körper verwachsen und an die Stelle ihres Herzens getreten zu sein. Es bleibt offen, ob sie sich selbst, oder den Betrachter damit fotografiert. 

Pachet Fulmen, Auto No Me!, 2022 (foto: Maik Gräf)


Doch während sie das Kommunikationsmedium in den Mittelpunkt ihrer Selbst rückt, ist sie völlig isoliert. Nur ihr Körper leuchtet roh und rot und präsent in einer weißen Leere, die sie von allen Seiten umschließt. Das Fleisch lebt, aber es bleibt allein in einer digitalen Welt.


Pachet Fulmen, Auto No Me!, 2022 (foto: Maik Gräf)

Ein letztes Bild, auf das ich hinweisen möchte, zeigt ein Liebespaar in inniger Umarmung. Doch während die Frau erneut in ihrer ganzen Fleischlichkeit anwesend ist und dafür bereit scheint, ihrem Partner unmittelbar zu begegnen, ist er nur ein schwarzer Schemen, ausgefüllt von Kürzeln und Parolen aus dem Repertoire der Chats und Kommentare auf Facebook, Whatsapp & Co.
Von ihm ist nichts geblieben als diese sprachliche Maskerade, hinter der er sich verbirgt und die er zudem als Machtinstrument nutzt.
Denn während man als Betrachter*in der weiblichen Figur eine Nacktheit zugesteht, die nicht vom männlichen Blick befohlen, sondern selbst frei gewählt ist, migriert von der männlichen Figur lediglich das Wort „Slut“, also „Schlampe“ aus seinem anonymen Inneren auf ihren Körper über, und unternimmt damit den Versuch, sie dem patriarchalen Herrschaftsmuster „Heilige oder Hure“ und dem pornographisierenden Blick zu unterwerfen.

Und damit tritt uns wieder der Entwurf des Mannes in Edward Albees Theaterstück vor Augen, der dadurch geprägt wurde, die Bilder als Ersatz für die Wirklichkeit zu nehmen, und der deshalb später nur noch imstande ist, die Wirklichkeit als Anlass zu nehmen, die verinnerlichten Bilder zu beleben und auf den fremden Körper zu projizieren.


© Dr. Thomas Piesbergen / VG Wort, November 2022


Pachet Fulmen, Auto No Me!, 2022 (foto: Hülser)

Verwendete Literatur:

(1) Edward Albee: The Zoo Story, Gardners Books, 2004

(2) Marylène Patou-Mathis: Weibliche Unsichtbarkeit. Wie alles begann,Verlag Carl Hanser, München 2021 

(3) Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus, C.H. Beck, München, 2014, S. 65

(4) Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus, C.H. Beck, München, 2014, S. 85, 86

(5) Joseph Campbell: Mythologie der Urvölker, Heinrich Hugendubel Verlag, Munchen 1992

(6) James Mellaart: Älter als Babylon - Die Geschichte der Entdeckung von Catal Hüyük, einer Stadt aus der Steinzeit, Mannheimer Forum, Mannheim 1972

(7) Hermann Müller Karpe: Grundzüge früher Menschheitsgeschichte Bd. 2, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1998

(8) Manuela Wagner: Frauen im mykenischen Griechenland, Naturhistorische Gesellschaft Nürnberg, docplayer.org

(9) Bettany Hughes: Mykene, in: Metropolen der Alten Welt, Köhler & Amelang, Leipzig, 2014

(10) Elke Hartmann, Frauen in der Antike. Weibliche Lebenswelten von Sappho bis Theodora, München 2007 

(11) Dietrich Willers: Nacktheit, in: Der Neue Pauly, Enzyklopädie der Antike. Band 8, Metzler, Stuttgart 2000

(12) Rolf Hurschmann, Ingomar Weiler: Nacktheit: A. Mythos; B. Kult; C. Alltag und Sport. In: Der Neue Pauly, Enzyklopädie der Antike, (DNP). Band 8, Metzler, Stuttgart 2000, ISBN 3-476-01478-9, Sp. 674–675.

(13) Shaikh Muhammad Salih al-Munajjid, https://islamqa.info/ge/answers/139414/der-frau-ist-es-erlaubt-ihr-haar-zu-kurzen-um-sich-zu-verschonern-und-es-gibt-nichts-dagegen-einzuwenden

(14) Abdel-Hakim Ourghi: Das Kopftuch ist kein religiöses Symbol, Rheinische Post online, 6. August 2018

(15) Anne Lemhöfer: Hörsaal VI - Busenattentat im Raum für Ideen. In: Frankfurter Rundschau. 30. April 2008, abgerufen am 24. August 2019.

(16) Gerald Gardner: Witchcraft Today. Einleitung von Margaret Murray. Rider and Co., London u. a. 1954. Neuausgabe: Citadel Press, New York NY 2004,

(17) Byung-Chul Han: Transparenzgesellschaft, Matthes & Seitz, Berlin, 2013

 


Montag, 24. Oktober 2022

Die unscharfe Grenze zwischen Körper und Welt - Dr. Thomas Piesbergen zur Ausstellung „Acceleration Time of Desire" von Sophia Latysheva

Die Ausstellung "Acceleration Time of Desire" von Sophia Latysheva in der Galerie des Einstellungsraum e.V. findet statt im Rahmen des Jahresthemas "Autonom?"
 
 
Sophia Latysheva, "Acceleration Time of Desire", Einstellungsraum, 2022


Eines der grundlegenden Konstrukte unserer Wahrnehmung ist die Opposition von Selbst und Welt. Wenn der Akt einer Wahrnehmung stattfinden soll, so setzt das voraus, daß Etwas ist, während ein Anderes außerhalb von ihm ist, etwas, das es nicht selbst ist und deshalb wahrgenommen werden kann. Karl Jaspers bezeichnet diesen Sachverhalt als Subjekt-Objekt-Spaltung.
Allen (…) Anschauungen ist eines gemeinsam: sie erfassen das Sein als etwas, das mir als Gegenstand gegenübersteht, auf das ich als auf ein mir gegenüberstehendes Objekt, es meinend, gerichtet bin. Dieses Urphänomen unseres bewußten Daseins ist uns so selbstverständlich, daß wir sein Rätsel kaum spüren, weil wir es gar nicht befragen. Das, was wir denken, von dem wir sprechen, ist stets ein anderes als wir, ist das, worauf wir, die Subjekte, als auf ein Gegenüberstehendes, die Objekte, gerichtet sind.“ (1)

Diese Spaltung, die mit dem Erwachen des menschlichen Bewußtseins, das immer auch ein Selbstbewußtsein ist, einhergeht, bringt die grundlegende Dichotomie von Welt und Mensch hervor.

In der abendländischen Kulturgeschichte hat sich diese Opposition unter dem maßgeblichen Einfluß der dualistischen Buchreligionen mit ihrer Trennung von Gottheit und Welt, zu dem Konzept einer grundlegenden Trennung von Geist und Welt entwickelt. Die philosophiegeschichtlich bis heute wirksamste Formulierung in diesem Zusammenhang stammt von Descartes, der die Grenze zur Außenwelt um das wahrnehmende Subjekt zog. Definierend für die Innenwelt seien die res cogitans, die Dinge des Denkens, das Außen bezeichnet er als die res extensa, das Darüber-Hinausgehende. Descartes betonte: „Die Außenwelt könnte ein bloßer Traum sein.

Descartes definiert Geist und Welt also anhand ihrer Inhalte. Was er nicht beschreibt ist die Beschaffenheit der Grenze zwischen beiden Sphären, ebenso wenig berücksichtigt er den Prozess, in dem das eine in das andere übergeht. Er bezeichnet das Denkende als das „Ich“, aber den Prozess des Denkens selbst, den Prozess der Wahrnehmung, aus dem die Subjektivität ursprünglich hervorgeht, behandelt er nicht.
Die Unterlassung diese Grenze zwischen Selbst und Welt genauer zu untersuchen, ist dem geistigen Milieu des frühen 17. Jhd. anzulasten. Da Geist und Welt als unvereinbar miteinander galten und die Körperlichkeit der profanen Sphäre zugeordnet wurde, konnte die Grenze zwischen dem  Körperlichen und dem Geistigen, wenn überhaupt, nur Gegenstand metaphysischer Spekulationen sein, andernfalls hätte man zugeben müssen, es sei möglich, den Geist, also auch das Göttliche, sofern man seine Grenzen kenne, mit Mitteln der Vernunft zu erfassen oder sogar zu messen.

Erst in den letzten zwei Jahrzehnten wurde diese unüberwindlich scheinende Grenze zwischen Selbst und Welt, die Karl Jaspers ein unbefragtes Rätsel nennt, und die noch im Umfeld des radikalen Konstruktivismus der 1970er  als absolut galt, zusehends zum Gegenstand neurobiologischer, empirischer Forschung.
Allen voran hat sich der Neurowissenschaftler Antonio Damasio in seinen Untersuchungen über das Zustandekommen von Gefühlen auch mit dem Zustandekommen von Bewußtsein und Subjektivität auseinandergesetzt und das derzeit maßgebliche Modell vorgelegt, das die Grenze zwischen Innen- und Außenwelt nicht als digitalen Übergang beschreibt, sondern als ein Kontinuum.

Eine zentrale Rolle spielt dabei der Körper. Auch wenn diese Bedeutung auf der Hand zu liegen scheint, so haben wir dennoch ein tief verankertes kulturbedingt schizophrenes Verhältnis zu unserer Körperlichkeit. Denn wir betrachten den Körper einerseits als Teil der Dingwelt, die wir wahrnehmen können. Unserer abendländischen Denktradition zufolge ist er etwas Weltliches, Fleischliches,  und, dem christlichen Dogma folgend, etwas per se Sündhaftes, das von unserem geistigen Selbst geschieden ist.
Diese Vorstellung hat eine lange, persistente Tradition und liefert schließlich auch das ideologische Substrat für solche Konzepte wie den Posthumanismus, der den menschlichen Geist als von der Materie geschiedene Software begreift, die man irgendwann schließlich verlustfrei in Supercomputer hochladen könne.

Andererseits lehrt uns die Alltagserfahrung, daß es unmöglich ist, unser körperliches Befinden von unserem seelischen zu trennen. Denn jede Beeinträchtigung des Körpers schlägt sich auch seelisch nieder und jede seelische Regung zeitigt einen körperlichen Effekt, der uns ermöglicht, diese Regung als Gefühl zu erleben. Wir erfahren unseren Körper also nicht nur als etwas von uns Getrenntes, sondern zugleich als den Ort, an dem sich unser Selbst ereignet.

Nach Antonio Damasio ist die Wahrnehmung des eigenen körperlichen Zustands auch für das Zustandekommen von Subjektivität und schließlich des Bewußtseins essentiell.  Seinen Untersuchungen zufolge entsteht die Subjektivität aus den Bildern, die wir uns von unserem Körper als Ganzem machen, während er Sinneseindrücke aus der Außenwelt aufnimmt und zu Gegenständen des inneren Erlebens verarbeitet.
Diese sog. Körperkartierung schließt sowohl die Wahrnehmung des Rezeptionsvorgangs selbst ein, als auch unsere körperlichen Reaktionen darauf. Bewußtsein bedeutet also einerseits die Wahrnehmung wahrzunehmen, sowie die dadurch ausgelösten physischen Vorgänge, die wir in psychische Stimmungen übersetzen. Voraussetzung dafür ist jedoch die Selbstwahrnehmung der Zellen und ihrer jeweiligen Milieus. (2)

Hier transzendiert Damasios Modell bereits die herkömmliche Vorstellung, das Selbst sei im Gehirn oder im Nervensystem eingeschlossen. Wir wissen inzwischen nicht nur von dem sog. zweiten Gehirn, also den deutlich älteren dichten Nervengeflechten im Darmbereich, sondern auch von den Wechselwirkungen zwischen Nervenimpulsen und ihrem Transit-Milieu, von denen die neutralen Primärimpulse modifiziert werden.

Ebenfalls sind uns die epigenetischen Effekte bekannt, mit denen unsere Darmflora maßgeblich auf körperliche und seelische Zustände einwirkt. In diesem Zusammenhang stellt sich also nicht nur die Frage, inwiefern unser Selbst das Gehirn oder das Nervensystem transzendiert, sondern ob unser Selbst überhaupt einer Entität, die einer bestimmten Spezies angehört, zugeordnet werden kann, oder ob das, was wir als „Ich“ bezeichnen nicht vielmehr eine symbiotische Konstruktion ist, an der über vier Milliarden verschiedenste Bakterien in unserem Verdauungssystem beteiligt sind.

Doch auch in einem für uns viel konkreter erfahrbaren Zusammenhang offenbart sich der Charakter der Grenze zwischen Subjekt und Welt als der einer unscharfen Überganszone. Laut Damasio entsteht die Subjektivität vor allem aus der Wahrnehmung der Wahrnehmung, also einer Verbindung des Wahrgenommenen mit den wahrnehmenden Organen, was nur durch das sog. Körperschema möglich ist, also durch unser Konzept und unser Empfinden des eigenen Leibes. Dieses Körperschema jedoch, ist keineswegs statisch.

Der Neurologe Oliver Sacks beschrieb z.B. Menschen mit neurologischen Schäden, die Teile ihres eigenen Körpers nicht mehr als zu sich gehörend empfanden (3). Genauso kennen wir alle das Gefühl eines erweiterten Körperschemas, z.B. beim Hantieren mit einem Werkzeug oder Sportgerät, dessen Maße wir nicht bei jeder Aktion neu bedenken müssen. Wir entwickeln durch Gewöhnung ein Gefühl für die Erweiterung unseres Körpers. Diese Transzendierung des ursprünglichen Körperschemas kann soweit gehen, daß Autofahrer*innen ein Gefühl für den eigenen Wagen mit seinen Ausmaßen, seinen Eigenarten und Macken entwickeln, das ihnen ermöglicht, damit intuitiv zu manövrieren, ohne auf eine stark verzögerten Abgleich mit dem Logos zu warten.

Dem Paläoneurologen Emiliano Bruner zufolge ist dafür die Entwicklung des Parietallappens verantwortlich, in dem unter anderem die Koordination von Hand und Auge angelegt ist, die wiederum einen wichtigen Baustein für das Zustandekommen des Körperschemas bildet (4).

Anhand zahlreicher Gipsabgüsse der Gehirne von Hominiden konnte er eine kontinuierliche Vergrößerung dieses Hirnareals beobachten, die parallel zu der Entwicklung von Steingeräten verlief. Gleichzeitig konnte er spezifische Wechselwirkungen zwischen Werkzeug und dieser Region des Gehirn sfeststellen. Sobald ein Werkzeug richtig in der Hand liegt, ändert sich nicht nur die Leitfähigkeit der Haut, sondern es werden im Parietallappen Areale aktiviert, die für die damit ausgeführten Tätigkeiten sowie die Erinnerungen daran verantwortlich sind (5).


Im Laufe der Evolution bildete der Mensch also ein Hirnareal aus, das sich gezielt an die Anforderungen des Werkzeuggebrauchs angepasst hat und Objekte intuitiv auf ihre Eignung als Werkzeug untersucht.
Die Kognitive Archäologin Miriam Haidle schreibt zu diesem Phänomen: „Der Mensch wird nicht nur durch körperliche und geistige Eigenheiten charakterisiert, sondern wird erst verständlich durch seine unauflösliche Verknüpfung mit unbelebten Objekten, die durch ihn zu Teilen von Handlungen und dadurch der menschlichen Welt werden. Die Verbindung zwischen dem bewusst handelnden Subjekt Mensch und einem Objekt wird durch kognitive Prozesse geschaffen. Das Objekt wird dadurch als Werkzeug zu einer zeitlich begrenzten Erweiterung des Subjekts.“ (6)

An anderer Stelle weist Haidle darauf hin, daß Werkzeuge nicht nur unlösbar mit dem Menschsein verbunden sind, sondern auch unsere Wahrnehmung selbst beeinflussen. Durch sie lernen wir Qualitäten und Aspekte der materiellen Umwelt kennen, die uns ohne sie nur schwer oder gar nicht zugänglich wären. Zugleich verändern die durch sie gewährten Möglichkeiten den Blick auf die Dinge, die uns umgeben. Wer schon einmal Holz mit einer Axt gespalten und mit diesem Werkzeug dessen Materialität wahrgenommen hat, entwickelt eine andere Vorstellung davon, ein anderes Gefühl dazu. Werkzeuge erweitern also auch unsere kognitiven Sinne und damit unseren subjektiven Zugang zur Welt.

Es scheint also, daß der Mensch eine Evolution durchlaufen hat, während der er sich neurologisch an eine von ihm geschaffene Technosphäre angepasst hat. Er hat sich genetisch so verändert, daß er ebenso wenig ohne Werkzeuge denkbar ist, wie ein Einsiedlerkrebs ohne Schneckenhaus oder eine Köcherfliegenlarve ohne ihren Köcher. Werkzeuge sind Teil des Menschseins.

Betrachten wir vor diesem Hintergrund erneut das Selbst und forschen nach dessen Grenzen, müssen wir uns also die Frage stellen, wie weit es in die Sphäre der uns umgebenden Dinge hinein reicht? Wie die Grenze zwischen Selbst und Welt beschaffen ist? Und ist das, was wir als unser Selbst bezeichnen, nicht viel eher ein interaktives oder symbiotisches System organischer und anorganischer Elemente? 

Sophia Latysheva, "Acceleration Time of Desire", Einstellungsraum, 2022

Diese Fragen sind auch Ausgangspunkt der Arbeiten des aktuellen Werkkomplexes von Sophia Latysheva.

Dazu hat sie sich einem gesellschaftlichen Feld zugewandt, auf dem dieser Themenkomplex immer wieder sichtbar und öffentlich verhandelt wird: der Leistungssport. In jeder Saison werden neue Regularien erarbeitet, die bestimmen, wie Sportgeräte beschaffen sein dürfen, welche technischen und biochemischen Mittel zur Steigerung der Leistung legitim, und welche körperlichen Modifikationen zulässig sind.

Dem liegt die Vorstellung zugrunde, allen Sportler*innen die gleichen Voraussetzungen zu bieten, damit schließlich die rein individuelle Leistung beurteilt werden kann.
Doch schon bei minimalistischen Sportarten wie dem Skisprung beeinflussen bereits etliche technische Faktoren die erbrachte Leistung, wie z.B. Schnitt und Material des Anzugs, der Ski, das Wachs, die Bindung, der Schuh, der Helm etc.. Da sich zu diesem technischen Komplex auch noch zahllose körperliche und psychische Aspekte gesellen,  wird unter den Skispringer*innen meist nur noch von einem System gesprochen. Die Aufgabe der Athlet*innen besteht also vor allem darin, alle disparaten Elemente zu bündeln, sich zu eigen zu machen und mit ihnen zu einem System zu verschmelzen. Die Leistung wird also nicht nur von den Sportler*innen erbracht, sondern durch das synergetische Zusammenwirken verschiedenster organischer und anorganischer, materieller und immaterieller Bausteine, aus denen eine Entität jenseits der herkömmlichen Definitionen des Individuums hervorgeht, ein Ganzes, das mehr ist, als die Summe seiner Teile.

Sophia Latysheva, "Acceleration Time of Desire", Einstellungsraum, 2022


Noch deutlicher wird die unlösbare Verbindung von Mensch und Technik im Motorsport, in dem nicht nur die Sportler*innen miteinander konkurrieren, sondern auch die Ingenieur*innen, die für die Technik verantwortlich sind. Zugleich können wir eine maximale Anpassung der Maschine an die jeweiligen Pilot*innen beobachten. Die Gestalt der Maschinen wird perfekt auf die Körpermaße der Fahrer*innen zugeschnitten, damit Körper und Gefährt zu einer Einheit verschmelzen können.

Doch selbst wenn die Sportler*innen während eines Wettkampfes ihr  Sportgerät perfekt in ihr Körperschema intergrieren und es Teil ihres subjektiven Erlebens wird, glauben wir in der Außensicht noch klar trennen zu können zwischen Subjekt und Objekt, da diese Integration, selbst wenn sie , wie wir inzwischen wissen,neurologisch verankert ist, nur temporär stattfindet.

Sophia Latysheva, "Acceleration Time of Desire", Einstellungsraum, 2022


Wie sieht es allerdings im Falle der Prothetik aus, die z.B. im Para-Sport eingesetzt wird und die nicht nur vorübergehend genutzt wird? Wie sehr ist ein künstliches Hüftgelenk oder ein künstlicher Unterschenkel Teil unseres Selbst? Sind die gelaserten oder künstlichen Linsen von Golfspieler*innen, mit denen  sie ihre Sehkraft verdoppeln, Teil ihres Selbst oder Hilfsmittel, die die Forderung nach Fairness unterlaufen? Wenn Sportler*innen sich ohnehin unterscheiden durch Knochenbau und Muskeldichte, dürfen sich nicht auch ihre dauerhaften künstlichen Gliedmaßen voneinander unterscheiden, oder darf man nur mit normierten Prothesen an Wettkämpfen teilnehmen? Was ist Teil des Selbst und was nur ein körperfremdes Hilfsmittel? Und darf man die Entscheidung darüber Sportfunktionären überlassen?

Auf diese Kontexte bezugnehmend bestehen die Objekte der vorliegenden Ausstellung Sophia Latyshevas einerseits aus Teilen von Fahrrädern, Motorrädern und anderen hochtechnischen Sportgeräten, andererseits aus Glasfasern und Epoxidharz, wie sie in der Prothesenherstellung verwendet werden.

Sophia Latysheva, "Acceleration Time of Desire", Einstellungsraum, 2022


Die Form der Fahrrad- und Motorradelemente ist meist an den menschlichen Körper angepasst, um die Verschmelzung mit dem Körper, die Integration ins Körperschema und dadurch die bestmögliche Kontrolle des Geräts und die organischste Übertragung kinetischer Energie zu erreichen - die innige Umschlingung eines Sportmotorrads durch seine Fahrer*in haben wir alle vor Augen.
Die Geräte sind also so konstruiert, daß sie bestmöglich ins Körperschema integriert werden können und Teil des subjektiven Erlebens der Athlet*innen werden. In ihrer Form ist also das Konzept der Erweiterung des Körpers und der Selbstwahrnehmung evident.

Ergänzt werden diese Objekte durch Körperabformungen, die mit orthopädietechnischen Verfahren hergestellt werden. Doch auch wenn Herstellung und Ästhetik an künstliche Gliedmaßen gemahnen, sind die Elemente nicht von versehrten Körpern abgeformt, um etwas Fehlendes zu ersetzen und einen Mangel auszugleichen, wie es sonst für die Prothetik gilt. Vielmehr stammen sie von vollständigen, unversehrten Körpern.

Sophia Latysheva, "Acceleration Time of Desire", Einstellungsraum, 2022

Die Körperabformung sind also nicht gedacht als Ersatzteile, wie es Prothesen in der Regel sind, sondern machen die Objekte ganz im Gegenteil lesbar als Hinweise auf eine gleichwertige Erweiterung des organischen Körpers, die weder mit dem organischen Körper in Konkurrenz tritt, noch mit der an den Menschen angepaßten Technik.

Wir erkennen in den so entstandenen Objekten offene Systeme, die aus dem menschlichen Körper, seinen Dimensionen und Bewegungsmustern hervorgegangen sind und die ohne ihn bedeutungslos wären.
Wir sehen vor uns Systeme, in denen wir, entsprechend unserer evolutionären Adaption des Parietallappens, instinktiv nach einem ergonomischen Zugriff suchen, damit wir sie in unser Körperschema integrieren können, um in einem synergetischen Prozess unseren Wirkungsgrad, unsere Interaktion mit der Welt und in diesem erweiterten Handeln schließlich auch unser Selbst, unsere Subjektivität zu erweitern. Dadurch untergraben die gewohnte Vorstellung einer kartesischen Grenze zwischen Selbst und Welt, zwischen Geist und Körper.

Sophia Latysheva, "Acceleration Time of Desire", Einstellungsraum, 2022

Es wäre zu viel verlangt, von der künstlerischen Position Sophia Latyshevas Antworten zu erwarten. Aber das, was sie in jedem Fall leistet ist, um bei der Begrifflichkeit von Karl Jaspers zu bleiben, das unbefragte Rätsel unseres bewußten Daseins, die Grenze zwischen Subjekt und Objekt, schließlich doch zu befragen.

© Dr. Thomas Piesbergen / VG Wort, Oktober 2022

 

Literaturverweise

(1) Karl Jaspers: Einführung in die Philosophie. R. Piper, München 1953 / 1986, S. 24 f.

(2)  Antonio Damasio: Im Anfang war das Gefühl, Siedler, München, 2017, S.173

(3)  Oliver Sacks: Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 2003 

(4)  Niels Birbaumer & Robert F. Schmidt: Biologische Psychologie, Springer, Berlin, 2010

(5)  Dirk Husemann: Wie die Hand das Hirn formte, Bild der Wissenschaft 7, 2019

(6)  Miriam Haidle: How to think tools? A comparison of cognitive aspects in tool behavior of animals and during human evolution, Universität Heidelberg, Print-on-Demand, 2006