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Dienstag, 16. November 2021

Zwischen Licht und Schatten - Dr. Thomas Piesbergen zur Ausstellung "Overcoming the Embrasure" von Elke Suhr

Die Ausstellung „Overcoming the Embrasure“ von Elke Suhr ist vom 13. - 28. November 2021 im Künstlerhaus Sootbörn zu sehen.


Licht und Schatten sind für den Menschen nicht nur Begriffe, mit denen ein optisches Phänomen beschrieben wird, das uns hilft unsere visuelle Welt zu strukturieren. Vor allem sind sie zu einer der grundlegenden Metaphern geworden, um die seelische Befindlichkeit auszudrücken - und um ausgehend davon die Beschaffenheit der Welt jenseits des Sichtbaren in Form von Religion und Metaphysik zu entwerfen.

In nahezu allen Religionen wird das Licht gleichgesetzt mit der Anwesenheit des Göttlichen, dem Paradies, der Erleuchtung, während das Reich der Schatten vor allem gleichgesetzt wird mit dem Tod. Diese Verknüpfung von Dunkelheit und Tod kann zurückverfolgt werden bis in die mittlere Altsteinzeit, aus der die ältesten Kulthöhlen stammen. In ihre Dunkelheit stiegen die paläolithischen Jäger hinab, um dort die Wiedergeburt der von ihnen getöteten Jagdtiere zu bewirken und ihre Seelen aus dem Reich des Todes auferstehen zu lassen.

Zwar waren Tod und Dunkelheit mit Erschütterung und auch mit Angst verbunden, gleichzeitig aber waren sie die Quelle neuen Lebens. Diese Verknüpfung bleibt über lange Zeit ein zentraler mythischer Komplex - im Neolithikum z.B. versinnbildlicht durch die lebensspendende Herrin der wilden Tiere aus Catal Hüyük, die uns zwar als Muttergöttin entgegentritt, aber begleitet ist von tödlichen Raubtieren. In den orientalischen Hochkulturen ist es der babylonische Gott Ea, der Herr des unterirdischen, lebensspendenden Urozeans.

Auch in der europäischen Antike lebte die Einheit von Dunkelheit, Tod und Geburt zunächst weiter, z.B. im Mysterium der Demeter von Eleusis, in der die Mysten viele Stunden in absoluter Dunkelheit verbringen mußten, bevor Demeters Tochter Persephone, die Frau des Unterweltgottes Hades, als Kore, das wiedergeborene Mädchen, zwischen ihnen, umgeben von hellem Lichtschein, erschien, um das Leben und den Frühling zu bringen. Und in Indien gilt die schwarze Göttin Kali bis heute nicht nur als Göttin des Todes sondern auch als Symbol der Fruchtbarkeit und Erneuerung und als die lebensspendende Energie des Shiva.

Doch spätestens im persischen Zoroastrismus wurde die Dunkelheit nicht mehr nur mit dem Tod, sondern auch mit dem Bösen identifiziert, in Gestalt des schwarzen Angra Mainyu, der dem Schöpfer- und Lichtgott Ahura Mazda entgegentritt, um mit ihm um die Vorherrschaft über die Welt zu ringen. Auch im Alten Testament begegnen uns Dunkelheit und Finsternis immer wieder als Synonyme für Qual und Marter (Ps. 107).
In der Mythologie des Christentums schließlich wird der vormalige „Lichtträger“ Luzifer in die Tiefe, unter die Erde zu den Toten gestoßen (Jesaja 14; Hesekiel 18) und dadurch zum Herren über die verfehmte dunkle Seite des Menschen. In seiner gehörnten Gestalt jedoch klingt nicht nur die Erscheinung des paläolithischen Herrn der Tiere an, der über die Tiergeister im Jenseits herrscht und sie wieder ins Licht und damit ins Leben führt, sondern auch die Verkörperung des Babylonischen Ea als Steinbock oder „Ziegenfisch“.

Die Metapher des Lichts ist uns bereits aus vorchristlicher Zeit in Form verschiedener Sonnengottheiten, aber vor allem aus dem Alten Testament und aus Platons Höhlengleichnis bekannt.
In den Psalmen heißt es: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“ (Ps. 27) und „Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“ (Ps.36).  Im Höhlengleichnis wirft das Licht, das von außen in die Höhle dringt, die Schatten, die wir für die Wirklichkeit halten, an deren rückwärtige Wand, bringt also unsere Dingwelt hervor, die aber nur Täuschung ist.
Im neuen Testament sagt Jesus von sich „Ich bin das Licht der Welt.“ Für die Neuplatoniker, in deren Denken sich die antike Philosophie mit dem Christentum verbindet, wurde das göttliche Licht zum einzigen, weltbegründenden Prinzip erhoben. Existent sind nur die Dinge, die in seinen Schein treten.
Diese Betonung der Lichtmetapher bei gleichzeitiger Diffamierung der Dunkelheit setzt sich ungebrochen bis in die europäischen Aufklärung fort, mit dem einzigen Unterschied, daß an die Stelle des göttlichen Lichts nun das Licht der Vernunft gesetzt wird. Die vormals sündenbehaftete, satanische Dunkelheit wird nun zum Reich der Unvernunft, des Emotionalen, Wilden und Unkontrollierbaren, das es zu beherrschen gilt. Auf politischer Ebene schlug sich diese Denkstruktur unter anderem nieder in Form von Suprematie und Kolonialismus, die sich unter anderem auf die Fahnen schrieben, den zwar sonnendurchglühten, aber dennoch „dunklen“ afrikanischen Kontinent zu unterwerfen, um ihm das „Licht“ der Zivilisation zu bringen.

Erst mit der literarischen Romantik kehren die Dunkelheit und der Schatten als differenzierter Topos in das abendländische Bewußtsein zurück, vor allem im Motiv des Doppelgängers, wie wir es bei E.T.A. Hoffmann, Jean Paul oder später bei Edgar Allen Poe finden.
Der Doppelgänger stellt die abgespaltene dunkle Seite des Menschen dar, vor allem seine im christlichen Zusammenhang als sündig diffamierten Begierden und Triebe. Das plastischste Beispiel einer solchen Repräsentation der dunklen Seite schuf R.L. Stevenson mit seiner Novelle Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde von 1886.

Vor diesem Hintergrund entwickelte schließlich Sigmund Freud seine Theorie des Unterbewußten. Das in das Dunkel Verdrängte wurde erstmals als maßgeblicher Impulsgeber aller menschlicher Handlungen benannt. In der Psychologie von C.G. Jung wurde es zum kollektiven Unterbewußten erweitert und individuell mit dem Archetypus des Schattens identifiziert. Das Dunkle wurde als integraler Bestandteil des menschlichen Geistes anerkannt und seine Erforschung gilt seitdem als ein Weg der Selbsterkenntnis und Heilung.

Mit diesem Schritt wurde auch das sog. Böse, das zuvor im Reich der Religion noch als konkrete und ursächliche Größe existierte, als bloßes Symptom entlarvt. Doch obwohl seit Freuds „Traumdeutung“ von 1899 die Polarität von Gut und Böse sowie von Licht und Schatten in Kunst und Literatur systematisch dekonstruiert worden ist, überlebte sie im populären und populistischen Zusammenhang unbeschadet das 20. Jhd., und tritt im 21. Jhd. noch immer im alten sowie in einem neuen Gewand in Erscheinung.
So erlebten wir nach dem 11. September einerseits das Postulat von sog. „Schurkenstaaten“ und die Auferstehung des Narrativs vom „bösen Mann“ als Wurzel allen Übels, der mal in Form von Gaddafi, Saddam Hussein oder Osama Bin Laden zur Strecke gebracht werden muß, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Andererseits sind wir Zeuge einer neuen Inkarnation der Lichtmetapher geworden, die unter dem Begriff der „Transparenz“ unsere Gesellschaft durchdringt und etwas hervorgebracht hat, für das der Philosoph Byung-Chul Han unter anderem die Bezeichnung „Positivgesellschaft“ gefunden hat.
„Transparent werden Dinge, wenn sie jede Negativität abstreifen, wenn sie geglättet und eingeebnet werden, wenn sie sich widerstandslos in glatte Ströme des Kapitals, der Kommunikation und der Information einfügen. Transparent werden die Handlungen, wenn sie operational werden, wenn sie sich dem berechen-, steuer- und kontrollierbaren Prozess unterordnen. (…) So manifestiert sich die Transparenzgesellschaft zunächst als Positivgesellschaft.“

In dem alles menschliche Denken, Fühlen und Handeln „durchleuchtet“ werden soll, um im Sinne einer reibungslosen Kommunikation alle vermeintlichen Fehlerquellen auszuschalten, wird alles Dunkle und Unverständliche erneut diffamiert und deshalb verdrängt - oder vor der Öffentlichkeit verborgen. Denn der Zweifel, das Verharren, die Angst, das Begehren, alles Irrationale stehen dem erfolgreichen ökonomischen Prozess im Wege - aber nur der ist heute von Bedeutung. In dem vom Menschen verlangt wird, sein Handeln und sich selbst transparent zu machen, wird er unausgesprochen dazu gezwungen, seine dunkle, unerwünschte Seite zu leugnen.
Denn „Der Mensch ist nicht einmal sich selber transparent. Freud zufolge verneint das Ich gerade das, was das Unbewußte schrankenlos bejaht und begehrt. Das ,Es‘ bleibt dem Ich weitgehend verborgen. Durch die menschliche Psyche geht also ein Riß, der das Ich nicht mit sich selbst übereinstimmen läßt.“

So gerät der Mensch, von dem in unserem post-industriellen Zusammenhang eine utopische Übereinstimmung mit sich selbst, eine Nachvollziehbarkeit und Sichtbarmachung aller Regungen und Vorgänge gefordert wird, unter einen permanenten Optimierungsdruck, der nicht nur seine öffentliche, sondern auch seine private Person belastet.
Als Beleg müssen wir uns nur vor Augen halten, wie viele Menschen sich daran gewöhnt haben, das eigene Leben nicht nur anhand seines Ausstellungswerts zu beurteilen, der ihm bei permanenter Zurschaustellung auf sog. sozialen Netzwerken zugemessen wird, sondern es schließlich sogar im Sinne dieses Ausstellungswertes zu gestalten.

Doch was geschieht mit all den Vorgängen im Dunkeln, all den Ereignissen und Regungen, Gedanken und Begierden, derer wir uns im Licht der Öffentlichkeit schämen müßten, da sie sich nicht in den fließenden Prozess einfügen mögen?
Sie erleiden das gleiche Schicksal wie unter dem Regime christlicher Moral, abgesehen von dem Detail, daß sie nicht mehr als „Sünde“ bezeichnet werden: Sie werden verdrängt und erzeugen das von Freud als „Unbehagen in der Kultur“ bezeichnete Gefühl, das sich vor allem in der Ausbildung von Schuldkomplexen, aber auch von Aggression zeigt.

In seinem Hauptwerk „Lanark“ gibt der schottische Schriftsteller Alasdair Gray diesem psychosozialen Problem eine manifeste Form: In einer Art Limbus wächst dem Protagonisten Lanark, weil er ständig bemüht ist, seine inneren Vorgänge von der Außenwelt abzuschirmen und gleichzeitig um sich vor Verletzungen zu schützen, eine Drachenhaut. Dieser Panzer wird zusehends fester, und ihm steht schließlich eine vollständige Erstarrung bevor, während der steigende innere Druck droht, diesen endgültig verhärteten Panzer in einer tödlichen Detonation zu sprengen.

Was Alasdair Gray vor vierzig Jahren beschrieb, erleben wir in der Zeit der Pandemie und nach der Erfahrung des Lockdowns in besonders drastischer Weise. Vor allem in der Zeit der häuslichen Isolation sind große Teile der Bevölkerung in Alltagsmuster verfallen, deren Ausstellungswert gegen null geht und in denen sich Negativität und Irrationalität entfaltet haben. Das Spektrum dieser Verhaltensweisen reicht von gemütlicher Verwahrlosung über Depression bis hin zu häuslicher Gewalt.
Die Folge ist eine Abschottung dieser seelischen und faktischen Zustände von einer Öffentlichkeit, die ihrerseits z.B. via Zoom-Konferenz immer mehr einfordert in unsere Privatsphäre Einlass zu finden.
Doch der Rückzug hinter einen verbergenden Verteidigungswall ist nur eine der möglichen Reaktionen. Eine andere ist die aggressive Projektion der dunklen, gesellschaftlich diffamierten und deshalb Schuldgefühle erzeugenden Aspekte unseres Selbst. Um das Gefühl der Schuld und Mangelhaftigkeit von uns selbst abzuwehren, wird es auf andere projiziert, auf unsere dunklen Doppelgänger, die als Sündenböcke attackiert werden können - ein klassisches, schon von C. G. Jung beschriebenes Muster.

Dieser Zusammenhang führte Elke Suhr zu der Raumgestaltung ihrer Ausstellung „Overcoming the Embrasure“, was übersetzt werden kann mit „Die Schießscharte überwinden“.
In der Mitte des Raumes befinden sich zwei angedeutete Trennwände, die trapezförmig aufeinander zulaufen und sich schließlich wieder weiten, ganz so, wie es Schießscharten in mittelalterlichen Wehranlagen tun. Diese Schießscharten dienten aber nicht nur zum Abschießen von Pfeilen oder Bolzen, sondern wurden auch genutzt, um heißes, schwarzes Pech auf die Feinde zu gießen. Die architektonischen Metapher steht entsprechend sowohl für das Verteidigungsbollwerk, das wir um unser Selbst errichten, als auch für den Auslass der dunklen Aggression.

Die Zeichnungen, Aquarelle und Objekte im Inneren der Struktur thematisieren entsprechend das verworrene Dunkel, das sich hinter unseren Verteidigungsanlagen aufstaut und seine Negativität akkumuliert, in all seinen Facetten.

Auf den umgebenden Malereien sehen wir es jedoch meist wieder in einer Bezogenheit auf das Licht. Mal fungiert es als Fundament für aufstrebende Bildelemente, auf denen leuchtende Farben und spielerische Ordnung herrschen, mal fügt sich es im Zusammenspiel mit hellen Zonen zu integralen Momenten der Bildarchitektur.

Die nachempfundene Grundform der Schießscharte öffnet sich auf die rückwärtige Wand des Ausstellungsraums. Dort finden wir ein Schlüsselsymbol zu Elke Suhrs Werk, das altgriechische Theta. Es wird geschrieben als Kreis mit einer horizontalen Linie. Alternative Schreibweisen aus der Antike zeigen es auch mit einem Kreuz oder Punkt in der Mitte, die die symbolische Bedeutung des Thetas als Weltganzes nahelegen. Geblieben ist schließlich nur der Kreis, unterteilt von einem Strich in zwei Sphären.
Doch ist diese Grenze bei Elke Suhr nie absolut, denn sie ist als Schwelle gestaltet, die das Überschreiten der Grenze, den Übergang von der einen in die andere Sphäre bereits impliziert.

Dieses Zwiefältige durchzieht als roter Faden fast alle Arbeiten Elke Suhrs, häufig auch in Form von Richtungsvektoren, die z.B. gebildet werden von den Bildecken der um 45° gedrehten Leinwände, deren Flächen zudem fast immer in eine obere und untere Zone unterteilt sind.

So erleben wir in der gegenwärtigen Ausstellungen zahlreiche Variationen der unabdingbaren Verbindung von Licht und Dunkelheit, deren Opposition nie zu einem zoroastrischen Krieg zwischen Gut und Böse ausufert. Vielmehr wird ihre Polarität als ein Zusammenspiel gezeigt, durch das sie sich gegenseitig hervorbringen und konstituieren, ganz ähnlich dem ursprünglichen Dunkel der paläolithischen Jäger, das sowohl der Ort des Todes, als auch der Ort der Wiedergeburt war.

Als Schlußwort möchte ich ein Zitat des japanischen Schriftstellers Tanizaki Jun‘ichirō wählen, das aus seiner ästhetischen Schrift „Lob des Schattens“ stammt.
Zwar nennt er ein ganz konkretes Beispiel, um die Bedeutung des Zusammenwirkens von Licht und Schatten in der Dingwelt zu erläutern, doch kann man es auch als einen Fingerzeig lesen, wie auch wir unser inneres Dunkel als notwendigen Bestandteil unseres Erfahrungsraums wahrnehmen können, nämlich als einen Ort oder Zustand, in den wir gegebenenfalls hinabsteigen müssen, um dort eine Erneuerung und Vervollständigung des Lebens zu bewirken: eine Notwendigkeit, um das Licht in Erscheinung treten zu lassen.

„Wie ein phosphoreszierender Stein, der im Dunkel glänzt, aber bei Tageshelle jeglichen Reiz als Juwel verliert, so gibt es ohne Schattenwirkung keine Schönheit.“

© Dr. phil. Thomas Piesbergen / VG Wort, November 2021


Literatur:

• Die große Lutherbibel, Stuttgart, 1975
• Joseph Campbell, Die Masken Gottes Bd.2, Mythologie des Ostens, Nördlingen 1996
• Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, in: Gesammelte Werke, Köln, 2014
• Alasdair Gray, Lanark, Rogner & Bernhard, 1992
• Brigitte Groneberg, Die Götter des Zweistromlandes, Stuttgart, 2004
• Byung-Chul Han, Transparenzgesellschaft, Matthes & Seitz, Berlin 2012
• Tanizaki Jun’ Ichirō, Lob des Schattens, Manesse, Zürich, 1987

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