Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an.
März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3
Oktober-Dezember: Kursabschnitt 1 / Januar-Februar: Kursabschnitt 2
Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de


Sonntag, 22. Mai 2011

Die Überarbeitung literarischer Figuren und ihrer charakterlichen Kontinuität

Es wird oft davon gesprochen, daß sich literarische Figuren während der Entstehung eines Textes verselbständigen und anfangen, ein Eigenleben zu führen. Sie tun plötzlich Dinge, mit denen ihre Schöpfer nicht gerechnet haben. Das ist leider - und zum Glück! - sehr wahr.

Im Laufe des Schreibprozesses, vor allem in Plot-orientierten Geschichten, kommt es häufig vor, daß sich die Figuren unmerklich verändern. Der Autor lernt seine Figuren meist erst während des Schreibens richtig kennen. Er hat zunächst nur eine vage Vorstellung von ihnen. Ihren wahren Charakter zeigen sie erst, wenn sie in Aktion treten und mit Situationen konfrontiert werden, in denen sie kohärent und überzeugend agieren müssen.
Das kann durchaus positiv sein, wenn sie im Laufe der Geschichte z.B. kraftvolle und „publikumswirksame“ Charakterzüge entwickeln, die zu Beginn des Textes nur undeutlich angelegt waren.
Die Figur (und mit ihr der ganze Text!) kann aber auch erheblichen Schaden nehmen, wenn sich im Laufe der Handlung zu viele unterschiedliche Charakterzüge zeigen oder sich zu viele Einfälle für ihre Vorgeschichte eingeschlichen haben. Die Figuren wirken dann verschwommen und uneinheitlich. 
Oft sind Geschichten auch so konzipiert, daß wichtige Charakterzüge erst spät im Handlungsverlauf zum Tragen kommen, die Figur bis dahin jedoch schon eine ganz andere, ebenfalls interessante, aber gegenläufige Entwicklung durchgemacht hat.

Für eine Revision der Figuren und ihrer charakterlichen Konstanz ist es wichtig, daß man zunächst einen gesunden Abstand zu dem eigenen Text bekommt. Man sollte ihn wenigstens drei Monate in der Schublade liegen lassen. Dieser oft gegebene Ratschlag hat im Falle der Charakterrevision folgenden sinnvollen Effekt: Das menschliche Gedächtnis hat die Eigenschaft, Vorgänge und Zusammenhänge in der Erinnerung zu kohärenten Muster zu vereinfachen. Auch literarische Charaktere werden auf diese Weise schematisiert und auf ihre markantesten und bedeutendsten Wesenszüge reduziert.
Beginnt man also mit der Revision einer Figur, sollte man zunächst aus der Erinnerung die wichtigsten Eckwerte festlegen. Das sind:

1. Die herausragende positive Eigenschaft
2. Die markanteste Schwäche
3. Eine charakterliche Besonderheit (optional)
4. Eine Marotte (optional)


1. Die herausragende positive Eigenschaft

Die herausragende positive Eigenschaft trägt den Charakter. Sie sollte das Bild des Protagonisten von der ersten Seite an prägen! Gemeint ist damit eine charakterliche Stärke wie z.B. Tatkraft, Einfühlsamkeit, Hilfsbereitschaft, Mut, Zuverlässigkeit, Aufrichtigkeit, Uneigennützigkeit, Herzensgüte, Unrechtsbewußtsein,  Verantwortungsgefühl, Gutmütigkeit, Loyalität, Gewissenhaftigkeit etc.
Die herausragende positive Eigenschaft muß Sympathie für den Protagonisten hervorrufen und  dadurch die Identifikation mit ihm erleichtern. Außerdem sollte sie, unabhängig von dem Plot der Geschichte, der maßgebliche Handlungsimpuls der Figur sein.

Bei der Überarbeitung einer Figur sollte man sich folgende Fragen zu der herausragenden positiven Eigenschaft stellen:

Wird die herausragende positive Eigenschaft früh genug und deutlich genug eingeführt?
Blitzt sie in jeder Szene der Figur auf?
Motiviert sie das Handeln der Figur durchgehend und maßgeblich?


2. Die markanteste Schwäche

Die markanteste Schwäche sollte bestenfalls die Kehrseite der herausragenden positiven Eigenschaft sein. Der Widerpart von Tatkraft kann Aktionismus sein, Mut kann in eitle Tollkühnheit umschlagen, Unrechtsbewußtsein kann in Rachsucht münden, Gewissenhaftigkeit kann mit Pedanterie einhergehen, Zuverlässigkeit kann sich zu Halsstarrigkeit wandeln, Aufrichtigkeit geht oft Hand in Hand mit Naivität und von Umsichtigkeit zu Feigheit ist es nur ein kleiner Schritt.
In jedem Fall muß die Schwäche aber eine organische Verbindung mit der positiven Eigenschaft eingehen! Eine Figur, die von großer Entschlußkraft und von Tatendrang geprägt ist, gleichzeitig aber opportunistisch agiert, ist unglaubwürdig. Ein Idealist, der mit einem starken Unrechtsbewußtsein ausgestattet ist, aber bei jeder kleinen Gelegenheit lügt, daß sich die Balken biegen, funktioniert nicht als Figur, es sei denn, er ist schizoid.
Bei Protagonisten und anderen positiv besetzten Figuren sollte man darauf achten, daß sich die markante Schwäche nicht zu früh zeigt. Sie sollte einer anfänglichen Identifikation nicht im Wege stehen und der Figur erst nach einer Weile mehr Tiefe und Konfliktpotenzial geben.
Die markanteste Schwäche sollte dementsprechend auch eine zentrale Rolle im persönlichen Konflikt der Figur spielen. Sie sollte zu einer langfristigen Eskalation führen und im Kleinen immer wieder dazu beitragen, angespannte und kritische Situationen und Konfrontationen zu verursachen oder zu verschärfen.

Bei der Überarbeitung sollte man sich folgende Fragen zu der markanten Schwäche stellen:

Tritt die markante Schwäche zu einem geeigneten Zeitpunkt auf?
Wird ihr Konfliktpotenzial deutlich genug?
Wird das Konfliktpotenzial der Schwäche dramaturgisch auch wirklich ausgenutzt?


3. Eine charakterliche Besonderheit

Besonderheiten und ungewöhnliche Aspekte können Figuren farbiger machen. Es kann sich dabei um eine ungewöhnliche Vorliebe, eine Abneigung, eine ärgerliche Angewohnheit, eine Krankheit, eine besondere Lebenssituation oder ähnliches handeln. Die charakterliche Besonderheit wird vor allem in Krimis überdeutlich genutzt, um die Ermittler interessant und lebendig zu gestalten. Fast kein Kommissar oder Detektiv, der nicht gerade aufhört zu rauchen, spielsüchtig ist, in Scheidung lebt, ein absonderliches Hobby oder eine skurrile Phobie hat... Hier droht jedoch die Gefahr, daß man zugunsten dieser publikumswirksamen Kennzeichen den eigentlichen Charakter vernachlässigt.
Die Besonderheit sollte gut auf die zentralen positiven und negativen Eigenschaften abgestimmt sein. Sie sollte sich nie zu sehr in den Vordergrund drängen. Manchmal können verschiedene Besonderheiten nebeneinander bestehen, man sollte sich aber niemals in einem unübersichtlichen Netz aus Skurrilitäten verstricken!

Folgende Fragen sind bei einer Überarbeitung zu beachten:

Ist die charakterliche Besonderheit wenigstens einmal mit der Handlung verflochten? Provoziert oder verschärft sie einen Konflikt, leitet sie eine dramaturgisch kluge Verzögerung oder Ablenkung ein oder führt sie eine unvorhergesehene Wendung herbei?
Überlagert sie zu keinem Zeitpunkt die Hauptmerkmale der Figuren? Oder drängt sie sich zu sehr in den Vordergrund?


4. Eine Marotte (optional) 

Die Marotte dient vor allem dazu, eine Figur durch markante Signale schneller gegenwärtig zu machen und zu visualisieren oder durch einen unauffälligen Fingerzeig auf bestimmte Charakterzüge zu verweisen.
Eine Marotte kann z.B. eine nervöse Angewohnheit sein, wie das Kauen auf den Fingernägeln, das Zupfen an der Unterlippe, das Saugen am Schnurrbart oder stetes Räuspern. Eine Marotte kann auch eine auffällige Mimik, ein schiefes Grinsen, Augenbrauensträuben oder auch eine bestimmte Art zu reden sein, ein bestimmter Jargon, auffällige Auslassungen, doppelte Verneinungen, Füllwörter etc.

Hat man Marotten eingesetzt, sollte man bei der Überarbeitung auf folgende Aspekte achten:

Ist die Marotte früh und deutlich eingeführt?
Wird sie lediglich an Stellen eingesetzt, wo der bezweckte Effekt erwünscht ist?
Hat keine andere Figur die gleiche Marotte? Wenn eine Figur sich bei Anspannung an die Nase fäßt, darf keine andere Figur im Text sich an die Nase fassen! Wenn jemand hüstelt oder sich immer wieder räuspert, darf es keine andere hüstelnde Figur geben!


Ganz allgemein gilt für die Revision von Charakteren und ihrer Konstanz, daß die Eigenschaften, Besonderheiten und Marotten in allen Situationen, in denen sie von den Gegebenheiten abverlangt werden, auch tatsächlich in Erscheinung treten!
Wenn z.B. eine Figur Höhenangst hat, muß sie sich immer fürchten, wenn sie großer Höhe ausgesetzt ist, nicht nur, wenn es gerade dramaturgisch paßt! Denn oft geschieht es, daß sich gerade solche Eigenheiten erst im Laufe eines Textes ergeben und der Autor nicht bedenkt, die Figuren auch im vorangegangen Text entsprechend agieren zu lassen.

Besonders wenn man das Gefühl hat, einzelne Figuren werden im Laufe eines Textes immer wieder undeutlich, sollte man ihre charakterliche „Checkliste“ vor jeder Szene, in der sie auftreten, noch einmal durchgehen, bevor man sich an die Arbeit macht.

Freitag, 29. April 2011

Neue Veröffentlichung: Hühnerhaus Volksdorf.Kunst


Mit Beiträgen von: 
Dr. Thomas Piesbergen, Dr. Johannes Lothar Schröder, Dr. Undine Eberlein, Andreas Kohlschmidt, Doris Cordes-Vollert, Adriane Steckhan et.al.

Erschienen im April 2011
Hyperzine Verlag

ISBN 978-3-938218-54-9
Ladenpreis 10,- €

Mittwoch, 23. März 2011

Neue Veröffentlichung: HYBRID

HYBRID - Künstlerinnen und Künstler reflektieren das Hybride des Hybriden
Dokumentation des Jahresprojekts 2010, Einstellungsraum e.V., Kunst im Straßenverkehr

Mit zwei Beiträgen von Thomas Piesbergen. Ebenfalls beteiligt: Elke Suhr, Norbert Wilting, Marnie Moldenhauer, Antje Bromma, Hans Brückner, Katsuya Murano, adapter | Nicole Schuck, Claudia M. Kochsmeier, Peter Guttenhöfer, Johannes Lothar Schröder, Gabriele Künne, Juro Grau, Carsten Benger, Yann-Vari Schubert, Das Kombinat PSP, MalteSteiner




Erschienen im Februar 2011
Hyperzine-Verlag

ISBN 978-3-938218-55-6
Ladenpreis 9,- €

Donnerstag, 10. März 2011

Sechs Frühlings-Haiku

Thomas Piesbergen


Im Morgenwind schwankt
schwer von tauendem Eis
ein Kirschblütenzweig


Noch unordentlich
in erster Frühlingssonne
ungeschnittenes Gras


Ein Baum, weiß beflockt -
Oh, welche Überraschung!
Blüten statt Neuschnee!


Der knospende Zweig
Er wagt kaum sich zu rühren
aus Angst vor dem Frost


Verschatte den Blick.
Viel zu hell in der Sonne
das Weiß der Blüten


An dem dunklen Teich
spähend nach Blütenschiffchen
Kind und Großvater

Dienstag, 11. Januar 2011

17 Strategien gegen Schreibhemmungen

Link zum aktuellen Kursangebot Oktober 2020: KLICK
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Die Schreibhemmung und ihr großer Bruder, die Schreibblockade, sind ein Mythos - wenn man sich entschieden hat, nicht an sie zu glauben. Und Mythen, an die man nicht glaubt, suchen einen nicht heim. Geht man derart gewappnet an die Arbeit und begreift das Schreiben als einen gewöhnlichen Arbeitsprozess mit all seinen Höhen und Tiefen, der wie jedes Tagwerk bewältigt werden muß, wird man mit großer Sicherheit niemals von dem horror vacui heimgesucht werden und das Leiden am Scheitern vor dem Text nie kennen lernen. Denn Schriftsteller sollten im Prinzip ebensowenig Schreibhemmungen haben, wie Bäcker Backhemmungen oder ein Busfahrer Fahrhemmungen.
Sollte man aber durch einen dummen Zufall in ein Paralleluniversum rutschen, in dem es diese verflixten Schreibhemmungen doch Schreibhemmungen gibt, sind, genau wie beim Schreiben, klar definierte Strategien nötig, um den stumpfen, unkreativen Zustand zu überwinden.

Jede Schreibhemmung hat andere Ursachen. Zunächst ist es also unbedingt notwendig, sich zu vergegenwärtigen, warum man mit dem eigenen Text nicht mehr vorankommt. Erst dann kann man sinnvoll Gegenmaßnahmen einleiten.



1. Wortfeldersuche

Oft sind es nur Kleinigkeiten, über die man in eine Schreibhemmung hineinstolpert. Die richtigen Worte fehlen. Man bekommt nicht auf den Punkt, was man zu sagen hat. Hier kann schon ein kurzer Blick in ein Synonymlexikon helfen. Ich selbst bevorzuge dabei Online-Lexika wie das Wortschatzprojekt der Uni Leipzig oder das Woxikon, die auch Antonyme, Dornseiff- Bedeutungsgruppen etc. anbieten. Nicht selten kommt mir während der Suche ein noch viel treffenderer Ausdruck in den Sinn, als der, nach dem ich vergeblich gesucht habe. In jedem Fall hilft es, mit einem erweiterten Wortschatz die Langeweile, die man vielleicht angesichts des eigenen Textes verspürt, zu vertreiben.


2. Erst schreiben, dann korrigieren

Oft wirkt der Anspruch, auf Anhieb etwas Großartiges schreiben zu wollen, hemmend. Hier hilft es, wenn man sich Hemingways Diktum vom ersten Entwurf in Erinnerung ruft: „Der erste Entwurf ist immer Mist.“ Es ist nicht nötig, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Alles, was man schreibt, kann später überarbeitet und verbessert werden. Es ist bedeutend einfacher, sich einen schlechten Text vorzunehmen, die Fehler zu analysieren und den Text zu reparieren, bis er schließlich überzeugt, als auf Anhieb etwas zu schreiben, das über jeden Zweifel erhaben ist.
Mit diesem Trick kann man den eigenen Leistungsdruck und die Erwartungshaltung an das eigene Können aushebeln. Man wird lockerer.


3. Vorangegangenes überarbeiten

Wenn der Zugang zum Textfluß, dem Konflikt oder den Figuren fehlt, da man zu lange pausiert hat oder leicht durch Alltagsprobleme abgelenkt wird, ist es ratsam, den schon fertiggestellten Text zu überarbeiten. Einerseits gewinnt man  den rechten Abstand zum ersten Entwurf, denn man bekommt während der Überarbeitung wieder ein Gefühl dafür, wie aus halbgaren Passagen großartige Szenen werden können. So hat man weniger Angst, neue Abschnitte in Angriff zu nehmen. Andererseits bekommt man wieder ein Gefühl für den eigenen Text, kann sich in die Figuren hineinversetzen, die verschiedenen Handlungsfäden wieder in den Griff bekommen und aus der Logik des Textes heraus weiterarbeiten, in dem man charakterlichen und dramaturgischen Notwendigkeiten folgt.


4. Rituale etablieren

Oft schafft man nicht den Sprung aus der Alltagsrealität in die Buchrealität und kann das Hintergrundrauschen nicht abschalten. Dann ist es sinnvoll, Rituale zu etablieren, die das Schreiben klar vom Alltag abgrenzen: Feste Uhrzeiten einhalten, den Schreibtisch aufräumen, Teekochen, Lichtverhältnisse ändern etc. Auf diese Weise fokussiert man sich und es fällt leichter, wieder im Text Fuß zu fassen.


5. Atmosphärische Bedingungen schaffen

Wenn sich trotz Ritualen nicht die richtige Atmosphäre einstellen will, kann man für einen entsprechenden assoziativ unterstützenden Rahmen sorgen. Krimi-Autorin Beate Maxian z.B.  teilt jedem Kapitel eine bestimmt Musik, einen Soundtrack zu. Um zu schreiben, stimmt sie sich mit dem jeweiligen Soundtrack ein. Ich selbst stimuliere mich mit Hintergrundbilder auf meinem Computer, die zu dem Setting der Geschichte oder der Szene, an der ich arbeite, passen. Sobald der Monitor angeschaltet wird, kehren die Gedanken automatisch zu der gerade bearbeitete Situation zurück. Man kann vor der eigentlichen Arbeit Bildbände o.ä. zum Thema anschauen, um das gewählte Setting besser visualisieren und die nötige Atmosphäre besser etablieren zu können.


6. Ungestörte Arbeitssphäre schaffen

Damit man sich nicht selbst permanent ablenkt oder leicht abgelenkt werden kann sollte man:
- den Arbeitsplatz so frei machen, daß nichts mehr darauf ist, das nicht mit dem Schreiben in Verbindung steht: keine Familienfotos, keine Rechnungen, keine Zeitschriften, keine Terminkalender, keine Briefe, keine anderen Projektmaterialien etc. !
- Zeiten mit der Familie vereinbaren, zu denen man absolut ungestört bleiben soll. Dadurch fühlt man sich zudem sich selbst gegenüber verpflichtet, die Zeit zu nichts anderem zu nutzen, als zu schreiben.
- alle anderen Medien und Störfaktoren verbannen: Telefon leise schalten, Mobiltelefon aus, E-Mail-Programm aus, Radio & Fernsehen aus, Klingel abschalten.
- wenn nötig das Zimmer abdunkeln.
In manchen Fällen ist es auch hilfreich, sich ein „kontrollierendes Umfeld“ zu schaffen, d.h. sich in eine Situation oder an einen Ort begeben, an dem erwartet wird, daß man ruhig und konzentriert arbeitet, wie z.B. in einer Bibliothek. Hier kann man sich auch mithilfe seines Selbstbilds überlisten: Man hat sich vorgenommen ein Buch zu schreiben und so soll man auch in den Augen der anderen erscheinen.  


7. Durchlüften

Wenn man mit der Entwicklung einer Szene, der Auflösung eines Konflikts und anderen dramaturgischen Problemen nicht zurande kommt, kann es sehr hilfreich sein,  lange Spaziergänge zu machen, um sich das Problem gedanklich vorzunehmen. Damit ist nicht Joggen gemeint!
Es gibt kaum etwas, das das Gehirn so ganzheitlich anregt, wie ein Spaziergang. Der Gehrhythmus entspannt, das stete, ruhige Fluten der Eindrücke inspiriert und die Absichtslosigkeit läßt Spielraum, Gedanken zu entwickeln. Selbst wenn sich auf der Oberfläche nichts Markantes ereignet, arbeiten die Gedanken im Hinterkopf weiter und formieren sich oft unbemerkt zu etwas Neuem. Um keine Eingebungen und Texteinstiege unterwegs zu vergessen ist es ratsam, ein Diktiergerät oder ein Notizbuch dabei zu haben.
Wichtig: Mobiltelefon abschalten! Den Spaziergang keinesfalls mit einem Zweck verknüpfen (Einkaufen o.ä.)! So zeitig zurückkehren, daß man anschließend sofort weiter arbeiten kann!


8. Ortswechsel

Wenn einem zuhause die Decke auf den Kopf fällt oder es nicht möglich ist, sich abzuschotten und Ablenkungen zu vermeiden, sollte man an einen Ort gehen, an dem man konzentriert arbeiten kann. Ganz nach Veranlagung kann es eine Bibliothek sein, ein Cafe, die U-Bahn, ein Park etc. Manchen fällt die Konzentration an Orten leichter, die in keinem Zusammenhang mit ihrem Projekt stehen. Der Text kann dann als „Fluchtort“ genutzt werden, z.B. wenn man an einem historischen Liebesroman in einem Waschsalon schreibt. Andere Schriftsteller profitieren wiederum davon, an Orten zu schreiben, deren Atmosphäre sich unmittelbar im Text niederschlagen soll. Es kann z.B. hilfreich sein, Passagen eines gotischen Horrorthrillers in einer alten Kirche zu schreiben.
Wie immer gilt: alle Kommunikationsmedien ausschalten!


9. Referenzmaterial suchen

Oft kommt es vor, daß einzelne Szenen Probleme bereiten, da man keinen richtigen Ansatzpunkt findet. Man weiß, was die Szene transportieren soll, aber man weiß nicht, wie man es am besten anstellt. In diesem Fall kann ein Griff in das Bücherregal Lösungswege eröffnen. Überlegen Sie, wie die Szene verlaufen soll, welche Stimmung in ihr vorherrscht, was für ein Konflikt und welche Entwicklung thematisiert wird. Dann fragen sie sich, wie ähnliche Situationen in Büchern gelöst worden sind, die sie schon gelesen haben. Suchen und lesen Sie die entsprechenden Passagen. Wichtig dabei ist, nur in Büchern zu stöbern, die sie bereits gelesen haben. (Neues lenkt zu sehr ab, fordert die Neugier heraus und tauscht ein unbekanntes Terrain gegen ein anderes aus.) Bestenfalls sollte man mehrere Referenzen heranziehen.
Diese Vorgehensweise kann wie eine Frischzellenkur wirken. Man vergißt zu oft, wie eigenständig der „Sound“ und  Stil anderer Schriftsteller ist, wie andersartig man Dinge ausdrücken und wie elegant man dramaturgische Probleme lösen kann. Hat man das eigene Problem im Hinterkopf, können selbst Passagen, die sich eigentlich mit einer anderen Problematik beschäftigen, unerwartete Impulse geben. Der Mensch hat die Angewohnheit, in allem nach Mustern zu suchen, deshalb sieht man meist nur das, wonach man sucht. Andererseits findet man das, was man sucht, fast überall in anderem Gewand, da man das Gelesene im Sinne des eigenen Themas umdeutet. So entstehen häufig neue, unerwartete Zugänge zum eigenen Problem.


10. Vorbeugen: Überhang lassen

Eine Technik, die die Schriftstellerin Ursula Krechtel empfiehlt, besteht darin, immer an Punkten der Handlung abzubrechen, an denen die weitere Entwicklung feststeht und sich notwendig aus der aufgebauten Spannung ergibt. Bestenfalls bricht man also auf dem Höhepunkt einer Szene ab. In der nächsten Arbeitseinheit hat man sofort einen Ansatzpunkt und kann das beenden, was das letzte mal liegen geblieben ist. Ist das erledigt, ist man in der Regel so gut im Tritt, das man die nächste umfangreiche Szene problemlos angehen kann.


11. Arbeitsschritte definieren

Wenn einzelne Szenen, die man angehen will, übermächtig erscheinen und man dazu neigt, sich in seiner eigenen, vielschichtigen Imagination zu verfransen, sollte man zunächst genau analysieren, was man mit der nächsten Szene erreichen will. Ausgangspunkt, Endpunkt und Entwicklung von A nach B sollten erneut exakt formuliert werden. Es sollte genau geklärt werden, welche Elemente und Figuren nötig und welche überflüssig sind. Ist das geschehen, sollte die Szene in einzelne Akte oder Teilschritte unterteilt werden, die eine klar definierte Funktion haben (z.B. 1. atmosphärische Beschreibung des Schauplatzes / 2. Auftritt von X, X charakterisieren bzw. Konfliktpotenzial deutlich machen / 3. Auftritt von Y, Konfrontation einleiten / 4. verdeckte Konfrontation / 5. Eskalation / 6. offene Konfrontation / 7. unerwartete Wendung durch infame Enthüllung / 8. Kapitulation von X / 9. Triumph und spannungsreicher Handlungsausblick von Y). Anschließend werden die einzelnen Abschnitte  Schritt für Schritt abgearbeitet. Das klingt sehr starr, kann aber ausgesprochen hilfreich sein, um wenigstens die erste Fassung einer Szene zuende zu schreiben. Und die erste Fassung ist ja nur eine erste Fassung...


12. Ansatz neu strukturieren

Wenn man wieder und wieder bei einer Szene ansetzt und es einfach nicht gelingen will, sie in Gang kommen zu lassen, stimmt vielleicht etwas mit der Szene nicht.
Nun muß man klären, ob die Szene wirklich notwendig ist. Kann man nicht alles, was in ihr transportiert werden soll, anders unterbringen? Kann man mit einer Umstellung der Chronologie etwas erreichen? (Die Szene fängt z.B. nicht mit Situation A an, sondern mit C. Die Situationen A und B werden später in Rückblenden geliefert.) Hat man die Entwicklung der Szene vielleicht so angelegt, daß sich der Protagonist seinem Charakter unangemessen verhält? Sind Figuren überflüssig oder fehlen welche? Kann man durch eine Änderung der Perspektive Leben hinein bringen? Kann man das, was man transportieren möchte nicht auch - oder sogar viel besser - in einer völlig neuen, alternativen Szene umsetzen?


13. Ebene wechseln

Wenn die Arbeit am Text einfach nicht gelingen will, kann es sehr hilfreich sein, darüber in Form eines Journals, eines Briefes oder eines Tagebuches zu schreiben: Was man eigentlich machen will, wie die Figuren sich entwickeln sollen, woher die Idee kam, warum man nicht damit klarkommt etc. Dieses Vorgehen ist auf mehreren Ebenen effektiv:
1. Man schreibt immerhin und setzt dadurch das Räderwerk wieder in Gang
2. Man gewinnt dadurch sehr wahrscheinlich eine neue Perspektive auf den eigenen Text, da man gezwungen ist, das Vorhaben und die Probleme genau zu formulieren
3. Es können spontan und nahezu absichtslos neue Abschnitte des eigentlichen Textes entstehen.


14. Projekt vorübergehend wechseln

Egal wie gut oder schlecht ein Text ist: Jeder Text, der entsteht, ist besser als der Text, der nicht entsteht. Wenn ein großer Roman nichts werden will, warum nicht einfach eine kleine Nebenidee zu einer eigenständigen, kurzen Erzählung ausbauen? Warum nicht ein paar Gedichte oder einen Songtext schreiben? Warum nicht ein paar Schreibübungen machen? z.B. eine Figur nur durch die Beschreibung ihres Wohnzimmers charakterisieren; den ersten Absatz eines spannenden, fiktiven Romans schreiben; einen Streit zwischen zwei Liebenden in 10 Sätzen durchspielen; eine Figur nur durch die Beschreibung ihres Äußeren und ihrer Handlungsweise charakterisieren; aus 3 zufällig gewählten Begriffen aus einem Lexikon eine Szene konzipieren etc.pp.
Durch Nebenprojekte und Übungen bleibt man am Ball und beschäftigt sich mit dem Schreiben. Da man sich meist mit einem sehr ähnlichen Themenkomplex beschäftigt, ergeben sich oft ganz neue Ansätze oder Szenen für das langfristige Projekt. Vielleicht kann man ja sogar die gleiche Geschichte aus einer völlig anderen Perspektive, mit anderen Mittel erzählen? Schließlich sammelt man handwerkliche Erfahrungen und gewinnt Abstand, um sich dem eigentlichen Text kritisch zu nähern und aufzuspüren, was nicht mit ihm stimmt.
Solche Nebenprojekte können außerdem eine wahre Labsal sein, wenn man sich in der Arbeit an einem umfangreichen und langfristigen Projekt verbissen hat. Kennt man seit zwei Jahren nichts anderes, als die Arbeit an einem großen Roman, hat man ein umwerfendes Erfolgserlebnis, wenn es gelingt, eine kleine Erzählung von 5 Seiten innerhalb einer Woche abzuschließen und so zu überarbeiten, daß man mit dem Ergebnis zufrieden ist. Zudem erinnert es daran, daß selbst die größten Bücher irgendwann fertiggeschrieben werden müssen. Man kann nicht immer in ihnen leben und sie müssen nicht für alle Ideen, die man hat, herhalten!


15. Austausch mit anderen Schreibenden

Auf jeden Fall sollte man, ob man an Schreibhemmungen leidet oder nicht, den Kontakt zu anderen Schreibenden suchen und sich mit ihnen austauschen. Durch die Notwendigkeit, seine eigenen Gedanken formulieren zu müssen, wird vieles deutlich, was vorher nebulös war, ganz im Sinne des Aufsatzes „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ von Heinrich v.Kleist.
Zudem haben andere SchriftstellerInnen andere Ansätze, Strategien und Lösungsmöglichkeiten. Besonders im direkten Gespräch lernt man, seine eigenen Ansätze damit abzugleichen bzw. sie gegen andere Standpunkte zu verteidigen. Je schwerer das fällt, desto eher sollte man seine eigene Herangehensweise in Frage stellen und Anregungen von außen ausprobieren.


16. Grundsätzliche Voraussetzungen prüfen

Oft kann man nicht schreiben, weil der Grund, auf dem man sich bewegt, unsicher ist: die Handlung erscheint zu konstruiert, man weiß nicht so recht, wo es hingehen soll, man spürt die eigenen Figuren nicht, die Konflikte sind einem durch ihre Entwicklung fremd geworden. Dann heißt es: Zurück zu den Figuren! Was wollen sie? Warum wollen sie es? Was sind ihre grundsätzlichen Charakterzüge? Wie würde ein Abend mit ihnen in der Kneipe verlaufen?  Wie würden sie reagieren, wenn man sie mit dem Fahrrad auf der Straße anfährt? Durch welche persönliche Eigenschaft werden sie ihr Ziel erreichen bzw. woran werden sie scheitern? Welche Elemente, Kräfte, Ereignisse bestimmen die Geschichte im Kern?
Alles andere ist in dieser Situation Ballast und muß abgeworfen werden! Die Figuren und Ziele erneut klar formulieren! Alles Beiwerk - die Gegenplots, sie Subplots, die Resonanz, die sinnlichen, atmosphärischen Beschreibungen etc. - auf später vertagen! Nun geht es erst einmal nur darum, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und den Konflikt für sich selbst und andere eindringlich spürbar zu machen!


17. An der Textperipherie arbeiten

Und selbst wenn alle Inspiration flöten geht, kann man immer noch an seinem Projekt arbeiten. Nach dem Pareto-Prinzip entstehen 80% eines Projekts in 20% der Zeit, die man in es investiert. Die restlichen 20% des Projekts verbrauchen 80% der Zeit. Warum also nicht in aller Ruhe an diesen restlichen 20% herumpulen und darauf warten, daß Zeiten kommen, in denen man effektiver und inspirierter arbeitet?
Man kann z.B. alte Notizen lesen, die man zum Text gemacht hat, sie sortieren und ausmisten, die Aufnahmen auf dem Diktiergerät durchhören und sie in die richtigen Ordner im Computer einsortieren,  Rechtschreibung und Grammatik des bisher Geschriebenen überprüfen, Hintergrundmaterial recherchieren etc. Zum einen erledigt man Arbeit, die ohnehin irgendwann getan werden muß, zum anderen wird man dadurch nicht selten unmerklich zurück in den Text gezogen, bekommt neue Ideen, erkennt Linienführungen die man einmal angelegt und fast schon wieder vergessen hat oder ein deutlicheres Gefühl gegenüber den Charakteren. Texte müssen gehegt, gepflegt und gehätschelt werden. Manchmal ist es langweilig, aber wenigstens erhält man so eine Nähe, die es möglich macht, sofort und effektiv weiter zu schreiben, sobald die abgestumpfte Zeit vorbei ist.