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Donnerstag, 13. August 2020

Kohlenstoff, Flimmerhärchen und die Evolution der Sinne - Dr. Thomas Piesbergen zur Ausstellung „Rauschen“ von Monika Schröder

 Die Ausstellung „Rauschen“ von Monika Schröder wird gezeigt im Einstellungsraum e.V. im Rahmen des Jahresthemas „Sprit und Spirit“, Hamburg, August 2020

Monika Schröder: Rotation, 2020 - Foto: Claus Sautter

Vor etwa 400 Millionen Jahren, nach der Ordovizischen Eiszeit, als der C02-Gehalt der Erdatmosphäre noch etwa zehnmal so hoch war, und die Durchschnittstemperatur etwa 6 Grad mehr als heute betrug, erlebten die höheren Mikroorganismen in den Weltmeeren einen vorher nie da gewesenen Boom.

Bis zum Silur und frühen Devon waren es vor allem die Bakterienkolonien der Stromatolithen, die für die Bindung des Kohlenstoffs aus der Luft verantwortlich waren. Diese Funktion übernahmen nun komplexere ein- und mehrzellige Eukaryoten wie zunächst die Rugosa, später ab etwa 250 Mio. v.u.Z. die Korallen, und vor allem das Phyto- und Zooplankton, das sich in den oberen Wasserschichten in einem nie da gewesenem Ausmaß vermehrte und eine unüberschaubare Zahl skurriler Erscheinungsformen hervorbrachte.

Starben diese Algen und Kleinstlebewesen ab, sanken sie zum sauerstoffarmen Grund der Ozeane und bildeten mächtige Schichten von Biomasse. Da sie sich dort aufgrund des Sauerstoffmangels nicht zersetzten, wandelten sie sich in kohlenstoffreichen Faulschlamm um, der unter weiteren Sedimentschichten begraben wurde. Unter dem entstehenden Druck wurde das organische Material immer mehr verdichtet und bildete schließlich langkettige Kohlenstoffverbindungen, die von organischen Lösungsmitteln nicht mehr zu lösen sind. Es entstanden die sog. Kerogene.
Die ansteigende, durch den Druck entstandene Wärme trieb bei Temperaturen über 60°C zunächst das Methan aus. Bis etwa 120°C verflüssigten sich die Kerogene zu Erdöl, bei noch höheren Temperaturen wandelten sie sich in Erdgas um.

Während die Bakterien der frühesten Erdzeitalter zunächst eine Atmosphäre schufen, die komplexeres Leben überhaupt möglich machte, und dabei gigantische Massen von Kalk- und Sedimentgestein aufschichteten, waren es die unvorstellbaren Massen des ein- und mehrzelligen Planktons, die über Hundertmillionen von Jahren durch die Bindung von Kohlenstoff ein Klima schufen, das die Erde zu einem Lebensraum machte, der eine ungeheuere Vielfalt höheren Lebens hervorbrachte - nach neuesten Schätzungen gegenwärtig etwa 8,7 Millionen Arten, zu denen auch unsere Spezies, der Homo Sapiens gehört.

Betrachtet man die Evolution der Lebensformen, kann man sie auch als eine Evolution der Sinne begreifen.

Am Anfang standen wahrscheinlich einfache Photorezeptoren wie die Phytochrome, mit denen bereits Cyanobakterien, die sog. Blaualgen, ausgestattet sind. Durch die Fähigkeit Licht zu registrieren, waren erstmals aktive Reaktionen auf die Umwelt möglich, um die bestmöglichen Bedingungen für Ernährung und Vermehrung zu nutzen.
Vor etwa 1,8 Milliarden Jahren tauchten die ersten Eukaryoten auf, also Lebewesen, die einen regulären Zellkern und eine komplexe Struktur aufweisen. Sie waren erstmals mit Cilien ausgestattet, den sogenannten Flimmerhärchen oder Geißeln. Die Cilien ermöglichten einerseits eine Fortbewegung, andererseits konnten sie als Rezeptoren für Berührungen oder Gerüche dienen. Diese Erweiterung der Wahrnehmungsfähigkeit durch Ertasten und Wittern der Umwelt, war ein gewaltiger Entwicklungssprung, der die Operationsmöglichkeiten der frühen Eukaryoten maßgeblich erweiterte, und ihnen schließlich eine Vormachtstellung bei der Besiedlung der Meere sicherte, die im späten Devon und Karbon ihren Höhepunkt erreichte.

Monika Schröder, Rotation, Ausstellungsansicht, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder

Zwar entwickelten sich auch die motorischen Möglichkeiten der immer komplexer werdenden Lebewesen, doch die Entwicklung der Sinne, zu denen sich schließlich, in Form spezialisierter Sinneszellen, auch der komplexere Gesichtssinn und die auditive Wahrnehmung gesellten, waren die entscheidenden Faktoren evolutionären Fortschritts. Je umfassender die Umwelt wahrgenommen wurde und je komplexer diese Informationen verknüpft werden konnten, desto überlebensfähiger war der jeweilige Organismus.
Als das am weitesten entwickelte Sinnesorgan kann aus dieser Perspektive das Gehirn gelten, allen voran das menschliche Gehirn, das zu vielschichtigenRepräsentationen der Außenwelt sowie der Selbstwahrnehmung fähig ist und damit eine selbstreflexive Innenwelt geschaffen hat: ein Bewußtsein - einen umfassenden Realitätsinn.

Monika Schröder, Rotation, Ausstellungsansicht, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder
An der Aufgabe der Sinne hat sich allerdings nichts geändert: sowohl die primitiven Sinne der einfachen Protozoen sowie die komplexeren Sinneszellen der Eukaryoten bis hin zu der Erkenntnisfähigkeit des Menschen dienen einer sinnlichen Erforschung der Umwelt und der Orientierung darin, um das eigene Überleben und die Homöostase, also das ideale organische Gleichgewicht, zu sichern.

Dieser Handlungsimpuls führte unter anderem den Frühmenschen Homo Erectus vor ungefähr 1 - 1,5 Mio. Jahren zur Beherrschung des Feuers, eine Fertigkeit, die den vielleicht wichtigsten Entwicklungsschritt in der Menschwerdung darstellt, denn sie gilt als der wirkmächtigste Faktor bei der weiteren Entwicklung von Gehirn und Bewußtsein.

Durch das Garen der Nahrung wird weitaus mehr Energie zugänglich gemacht, als rohe Nahrung sie bietet. Dadurch konnte sich das Größenwachstum des Gehirns mit seinem enorm hohen Energieverbrauch fortsetzen. Andererseits mußten die Frühmenschen nicht mehr, wie zuvor, bis zu 8 Stunden mit Sammeln, Jagen und Kauen der Nahrung verbringen, sondern etwa nur noch die Hälfte der Zeit, wodurch sich ungekannte Handlungsfreiräume öffneten.
Auch setzte die Dunkelheit dem menschlichen Tun kein natürliches Ende mehr. Anstatt zu schlafen, versammelten sich die Menschen nun abends am Feuer und entwickelten in einem noch nie dagewesenen Maße ihre kommunikativen Fähigkeiten und erste mündliche Traditionen: Sie tauschten Erfahrungen aus und es entstanden die ersten mythische Narrationen, um die Erscheinungen der Welt und die Conditio Humana zu erklären.

Monika Schröder, Vernissage "Rauschen" unter Corona-Beschränkungen, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder
Dem Homo Sapiens gelang es rund 1 Mio. Jahre später, die fossilen Lagerstätten des gebundenen Kohlenstoffs, die die frühen Eukaryoten gebildet hatten, zu erschließen. Im Jungpaläolithikum, um 12.000 v. Chr. wurde nur das oberflächlich austretende Bitumen nachweislich als Mittel zum Abdichten von Booten genutzt. Aber schon in den frühen Hochkulturen Mesopotamiens ist es als Brennstoff für Lampen nachgewiesen. Mit Hilfe des Feuers brach der Mensch, wenn auch zunächst nur in sehr bescheidenem Umfang, aus dem nachhaltigen Kohlenstoffkreislauf der Biosphäre aus.

Während Steinkohle in China und Mitteleuropa schon seit dem 13. Jhd. in überschaubaren Kontingenten, ab dem 17. Jhd. dann in immer größerem Maße als Brennstoff abgebaut wurde, erlebte das Erdöl erst seit 1859 mit den Bohrungen von George Bissel und Edwin Drake in Pennsylvania seinen kometenhaften Aufstieg. Es löste in Form von Petroleum rasch den Walrat als Lampenöl ab. Mit der Entwicklung des Verbrennungsmotors wurde die Dynamik des Erdölhandels schließlich zu dem maßgeblichen Vektor von Weltwirtschaft und - politik.

Derselbe Urimpuls des Lebens, der im Erdaltertum zur Evolution und Vermehrung der Mirkoorganismen führte, ist derselbe wie der, der heute in uns wirkt und in der jüngeren Geschichte dazu geführt hat, daß wir den fossil gebundenen Kohlenstoff wieder freisetzen und damit die von den frühen Eukaryoten in hunderten von Millionen Jahren geschaffenen Lebensbedingungen wieder zerstören: Es ist dies der Impuls, die Wirklichkeit so umfassend wie möglich wahrzunehmen, um anschließend so auf sie einzuwirken, daß wir homöostatische Bedingungen für uns schaffen können, in denen wir uns so schmerzfrei und bequem wie möglich ernähren und vermehren können. Und dazu bedienen wir uns, nach wie vor, des mächtigsten Werkzeugs und des effektivsten kulturellen Katalysators, den sich der Mensch jemals nutzbar gemacht hat: des Feuers.

Paradoxerweise liegt aber gerade in diesem Impuls, der uns in die gegenwärtige Krise geführt hat, auch die einzige Möglichkeit, dem kollektiven Selbst- und Massenmord, den der anthropogene Klimawandel bewirkt, Einhalt zu gebieten. Denn mit der Evolution der Erkenntnisfähigkeit und Selbsterkenntnis des Menschen ist ihm auch die Fähigkeit zu eigen geworden, in seiner Innenwelt ein Modell der Innenwelt anderer Menschen und Wesen zu schaffen: Spiegelneuronen ermöglichen uns, die Empfindungen und Emotionen anderer Menschen nachzuvollziehen und darauf empathisch zu reagieren, so wie uns die entwicklungspsychologisch übergeordnete „Theory of Mind“ ermöglicht, uns in die Gedankenwelt und auf den Erkenntnisstand anderer zu versetzen.

Und schließlich hat der Mensch, dem genannten Impuls folgend, die Evolution seiner Sinne selbst in die Hand genommen und sie um die Prothese der digitalen Netzwerke erweitert, die ihm nun ermöglichen, mit Menschen auf der ganzen Welt in Verbindung zu treten und Vorgänge auf der ganzen Welt zu verfolgen. Er hat begonnen, als jüngsten Schritt in seiner Evolution, ein globales Bewußtsein auszubilden, das ihm ermöglicht, durch empathisches und vernunftgeleitetes Handeln so zu agieren, daß nicht nur eine kurzfristige, individuelle Homöostase erreicht wird, sondern auch eine globale und nachhaltige Homöostase angestrebt werden kann, von der schließlich auch sein individuelles Wohlergehen und Überleben abhängt.

Wenn wir also nicht auf einer bereits überkommenen Entwicklungsstufe verharren wollen, bietet uns die stetig voranschreitende Evolution der Sinne, unser sich weitendes Bewußtsein für die Außenwelt, die Möglichkeit, die zerstörerischen Aspekte unseres Handelns zu erkennen, zu antizipieren, zu korrigieren und die angerichteten Schäden wenigstens teilweise zu heilen.

Ein Werkstoff, auf den Monika Schröder immer wieder zurückgreift, da er auch im Zusammenhang des Heilens eine große Rolle spielt, ist der Gips. Während sie ihn bei ihren sog. „Taktilos“ tatsächlich noch benutzte, um gebrochene Hölzer wieder zusammenzufügen, bleibt dieser Aspekt in ihrer neuen Werkserie, den „Rotationen“, als subtile Konnotation bestehen.

Monika Schröder, Rotation, Ausstellungsansicht, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder
Aus feinen Drahtnetzen, kleinen Streifen von Gipsbinden und zarten Latexmembranen hat sie filigrane, durchlässige, fast schwerelose Objekte geschaffen, deren Formen mitunter stark an Wimperntierchen erinnern, an Eukaryoten, deren Oberfläche mit einer Vielzahl von Flimmerhärchen bedeckt ist. Manche von ihnen schweben im Raum, wodurch die Anmutung von Plankton verstärkt wird. Doch im Gegensatz zu den Mikroorganismen, deren Körper um ihren Verdauungsapparat aufgebaut ist, sind die Objekte von Monika Schröder körperlos. Sie sind reduziert auf das Drahtgespinnst ihrer Außenhülle mit den hautartigen Latexpartien und den Cilien aus Gipsbinden, die vorsichtig in die Umgebung ausgreifen, als wollten sie sie abtasten. Sie stehen für eine Schnittstelle mit der Außenwelt, eine behutsame, physische Kontaktaufnahme, und wecken in uns das Gefühl für den Prozess des sich Einfühlens, des Betastens und Erfahrens der Umwelt. Dergestalt drängen sie sich als Metapher sinnlicher und empathischer Wahrnehmung auf.

Monika Schröder, Rotation, Ausstellungsansicht, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder
Gleichzeitig vermitteln sie den Eindruck großer Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit, manche scheinen auch schon von Auflösungserscheinungen gezeichnet zu sein. Tatsächlich wirkt die globale Erwärmung, zumal die Erwärmung der Ozeane, die wir hervorrufen, indem wir fossilen Kohlenstoff freisetzen, zuerst auf die Mikroorganismen, die entweder durch den entstehenden Sauerstoffmangel absterben, oder als von Cyaniobakterien ausgelöste Algenpest, die alle anderen höheren Organismen bedroht.

Die Vernichtung der vermeintlich schwächsten Kreaturen wird auch von einer weiteren bewußten Materialwahl aufgegriffen: Monika Schröder verwendet neben Gips  und Drahtnetzen mit Wabenstruktur bevorzugt Bienenwachs und thematisiert damit das für uns sichtbarere und in seinen Konsequenzen konkretere anthropogene Sterben der Bienen und Insekten.

Monika Schröder, Rotation, Ausstellungsansicht, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder
Eine weiteres Objekt, zu sehen im Keller des Einstellungsraums, erinnert stark an das hohle Kalkskelett einer Koralle. Gleichzeitig hat es auch die Anmutung eines gebeugten, menschlichen Torsos. Seine schneeweiße, durchbrochene Oberfläche ist gespickt mit den Enden schwarzer Kabelbinder aus Plastik, die sowohl als Stacheln, wie auch als Tasthärchen gelesen werden können. Darauf wird in Intervallen ein loderndes Feuer projiziert.

Monika Schröder, Rotation, Ausstellungsansicht, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder
Hier prallen die antagonistischen Kräfte am plastischsten aufeinander und ihre gegenseitige Abhängigkeit wird am deutlichsten: Es durchdringen sich die Korallen, die noch heute gewaltige Mengen an Kohlenstoff aus der Atmosphäre binden könnten, mit dem gebeugten, menschlichen Körper und der unbändigen Kraft des Feuers, die für uns Segen und Fluch in einem ist. Die Borsten aus Plastik, selbst ein Produkt der Petrochemie, vereinen die ambivalenten Anmutungen von Tasthaaren oder drohend aufgerichteten Stacheln, von Kontaktaufnahme und Aggression. Der Wechsel von den Phasen, in denen das Objekt rot-orange flackert, zu denen, die seine blendend weiße Oberfläche entblößen, ruft Assoziationen mit der Algenbleiche hervor, die derzeit weltweit Korallenriffe bedroht und ebenfalls menschlichen Einwirkungen anzulasten ist.
Und dann sind da ein weiteres mal die Borsten oder Härchen, die sowohl an Abwehr denken lassen, wie an tastende Fühler oder Antennen, die in die Welt hinaus gesreckt sind.

Setzt man diese komplexen Zusammenhänge von Form, Material und projizierter Bildebene in den Kontext des Jahresthemas „Sprit und Spirit“, ließe sich der ausgestellte Werkkomplex auf folgende Weise lesen:

Daß unser Antrieb zum Handeln sich nicht darauf beschränkten sollte, sich der von uns in Gang gesetzten Dynamik der fossilen Energiewirtschaft unterzuordnen, die sich als überkommener Irrweg der Evolution erwiesen hat, als Enantiodromie, also als ein Aspekt, der vorübergehend einen Vorteil geboten hat, sich aber schließlich in sein Gegenteil umkehrt.

Monika Schröder, Rotation, Ausstellungsansicht, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder
Vielmehr sollte der „Sprit“ unserer Kultur die Dynamik unserer Erkenntnisprozesse sein, so wie es der Evolution organischen Lebens schon immer zu Eigen gewesen ist.

Unser „Spirit“, unser empathisches Bewußtsein, dessen Grenzen sich immer mehr öffnen, darf sich dem nächsten Entwicklungsschritt, einem globalen Bewußtsein und einer daraus resultierenden globalen Verantwortung nicht verschließen, denn nur dieses Bewußtsein wird es uns ermöglichen, uns auch weiterhin dem Zustand der Homöostase anzunähern, der nur erreicht werden kann, wenn wir ihn nicht auf unsere Spezies beschränken, sondern ihn für alles Leben auf diesem Planeten als relevant erachten; wenn unsere Empathie nicht nur Freunden, Verwandten, Gesinnungsgenossen oder Landsleuten gilt, sondern jedem Lebewesen der 8,7 Millionen Spezies, bis hin zum Plankton in den Weltmeeren, dem wir dadurch hoffentlich noch die Chance geben, uns ein zweites mal Bedingungen zum Überleben zu schaffen.

Monika Schröder,  Vernissage "Rauschen" unter Corona-Beschränkungen, Hamburg 2020, Foto: Monika Schröder

Hinweise zur inhaltlichen Vertiefung:
• www.oekosystem-erde.de/html/geschichte_erdoel.html
• Stefanie Groll et.al., Kohleatlas, Heinrich Böll Stiftung, 2015
• Madeleine Böhme, Wie wir Menschen wurden, 2019
• Wilfried Westheide et.al. (Hrsg.), Spezielle Zoologie. Teil 1: Einzeller und Wirbellose Tiere.

© Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, August 2020

Samstag, 25. Juli 2020

Neues Literatur Magazin Queer*Welten sucht Beiträge

Die ehemalige Teilnehmerin des TEXTPROJEKTS Lena Richter ist nach einigen erfolgreichen Veröffentlichungen unter die Herausgeber gegangen: zusammen mit Judith Vogt und Kathrin Dodenhoeft gibt sie Queer*Welten heraus, ein Magazin, das sich vierteljährlich der queeren Seite von SF und Fantasy widmet.

Dafür suchen Sie stets nach neuen Beiträgen, die sich in phantastischen Zusammenhängen mit marginalisierten Lebensentwürfen, feministischen Themen und diversen gender-relevanten Aspekten beschäftigen.

Alle weiteren Informationen findet Ihr unter folgendem Link:
https://queerwelten.de/wir-suchen-dich/


Dienstag, 5. Mai 2020

Die unsichtbaren Götter - Dr. Thomas Piesbergen zu der Ausstellung „Fosylcanruun“ von Bernhard Schwank

Die Ausstellung "Fosylcanruun" von Bernhard Schwank findet im Rahmen des Jahresthemas "Sprit und Spirit" im Einstellungsraum e.V. statt. Aufgrund der aktuellen Beschränkungen ist sie als Schaufensterpräsentation zu sehen.

Bernhard Schwank "Fosylcanruun", Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V. Mai 2020 

Auf unserem Planeten gibt es abertausende von Ethnien, deren Gesellschaftsstrukturen, Sprachen, Ideologien und kosmologischen Konzepte unterschiedlicher kaum sein könnten. Eines jedoch teilen die meisten von Ihnen, unabhängig wie weit voneinander entfernt sie leben und wie unterschiedlich ihre  kulturelle Genese auch gewesen sein mochte: Ihre Eigenbezeichnungen bedeuten fast immer in wörtlicher Übersetzung „Mensch“, während ihre Fremdbezeichnungen und die Bezeichnungen, mit denen sie selbst Zugehörige anderer Ethnien bedenken, meist ausdrücklich negative Konnotationen haben. 
Die Eigenbezeichnung „Inuit“ bedeutet ebenso „Mensch“ wie „Diné“, der eigentliche Name der Navajo. Die Navajo bezeichnen andere Menschen als „Anaa´i“, was sowohl „Fremder“ als auch „Feind“ bedeutet. Die Selbstbezeichnung „Hmong“, eine Ethnie im Goldenen Dreieck, lautet übersetzt „freie Menschen“, während sie von ihren Nachbarn als „Miao“, als Barbaren bezeichnet werden. Buschleute nennen sich selbst „Khoikhoi“, die „wahren Menschen“ oder „Kwe“, was ebenfalls „Mensch“ heißt, während sie von anderen Gruppen als „San“ bezeichnet werden, was gleichbedeutend ist mit „Fremder“ und „Bandit“. Die Tuareg, die von den Arabern „Tawariq“, das „von Gott verlassene Volk“ genannt werden, nennen sich selbst, je nach Herkunft, Imajeghen, Imuhagh oder Imushagh, was jeweils „Mensch freier Abstammung“ bedeutet. Auch die Eigennamen der sibirischen Nenzen und Nganasanen bedeuten jeweils „Mensch“. Ihre russisch-sprachigen Nachbarn nennen sie jedoch „Samojeden“, die „Selbstverzehrer“, also Kannibalen.

Diese wenigen Beispiele verschiedenster Provenienz sollen genügen, um die Haltung zu verdeutlichen, die Menschengruppen in der Regel bei der Beurteilung der eigenen und fremder Kulturen an den Tag legen. Die eigene Kultur stellt dabei den Normzustand dar, das „wahre“ Menschsein, alle Zugehörigen anderer Ethnien können also nur Verbrecher, von Gott Verlassene, Feinde oder Kannibalen sein. Die Besonderheiten der eigenen Kultur werden nicht gesehen, lediglich die davon abweichenden Merkmale bei anderen beobachtet, verschmäht, bespöttelt oder stigmatisiert. Die eigene kulturelle Praxis bleibt unser blinder Fleck, der Standpunkt, von dem aus wir andere beurteilen, der aber selbst unsichtbar bleibt.

Die Legitimation, die wir in der sogenannten westlichen, aufgeklärten Kultur dafür heranziehen, unterscheidet sich auf den ersten Blick sehr von den ahistorischen und historischen Traditionen. Während die ahistorischen Kulturen davon ausgehen, daß ihre mythische Ordnung die allgemeingültige Ordnung einer zyklischen, unwandelbaren Welt darstellt, deren Teil sie sind, nur sie also durch ihre Riten den Erhalt der Welt gewährleisten können, denken und handeln die meisten großen historischen Religionen teleologisch, also zielgerichtet in einer linearen Welt, an deren Ende ein Himmelreich steht, um dessen Verwirklichung sie mit den „irrgläubigen“ und „rückständigen Heiden“ konkurrieren. Aus dieser Vorstellung einer linearen Entwicklung, die zuerst zu immer mehr Gottesnähe und schließlich aber zu Erkenntnisgewinn und dadurch zur fortschreitenden Verwirklichung des Menschen führt, ging schließlich über die Etappen der Renaissance und der Aufklärung ein Konzept der Welt als geschichtlicher Prozess hervor, der am Ende alle mythologischen und transzendenten Erklärungen negiert.

Das Primat der Vernunft, das wissenschaftliche Denk- und Weltmodell, das nach unseren Vorstellungen am Ende einer „Evolution“ der menschlichen Kultur stehen muß, erhebt sich über alle anderen Kulturen, die ihre Überlegenheit „nur“ mythologisch, also irrational legitimieren. Der rationale, nicht von Mythen und Religionen verblendete Mensch erhebt sich über den „noch“ irrationalen Menschen, der die Welt nicht vernünftig, also „objektiv“ betrachten kann. 
Doch gerade in dem der Mensch der „westlichen Zivilisation“ sich selbst von einer irrationalen, mythisierenden kognitiven Verzerrung freispricht, fällt es ihm um so schwerer, den sog. Bias seiner eigenen Weltwahrnehmung zu erkennen. Denn natürlich ist nur die abendländische Zivilisation der Ort, an dem sich der „wahrhaft freie Mensch“ entfalten kann, weshalb nur sein Blick der wahrhaftige, rationale und objektive sein kann. Hier fällt das Muster der Selbstwahrnehmung unserer vorgeblich rationalen Zivilisation also wieder mit dem der archaischen Kulturen zusammen.

Gleichzeitig ist aber aus dem mythischen Erbe die Aufforderung „Erkenne Dich Selbst“ durch unsere Kulturgeschichte gegangen und hat schließlich über die metaphysische Philosophie auch Eingang in die Wissenschaft gefunden. 
Für den Kontext der ethnologischen Wissenschaftsgeschichte kann Jonathan Swift mit den „Feldstudien“ Gullivers als literarischer Pionier der Bemühungen gelten, den fremden Blick auf uns selbst nachzuvollziehen. In China hat Li Ju-Tschen 1827 mit seinem Roman „Im Land der Frauen“ ebenfalls den Blick auf die eigene kulturelle Praxis im Spiegel einer fiktiven Ethnie gerichtet. Ebenfalls ein prominentes Beispiel dieser Perspektivumkehr ist das Buch „Papalagi“ (1920) von Erich Scheurmann, in dem ein Südseehäuptling von seiner Reise zu den grotesken Europäern berichtet. Neuere Beispiele sind „Traumatische Tropen“ und „Traurige Insulaner“, in denen der Ethnologe Nigel Barley zuerst von seinem am Bias gescheiterten Versuch einer Feldforschung berichtet, anschließend von seinem ethnologischen Blick auf die seltsamen Engländer.

In der ethnologischen Wissenschaft hat diese Gedankenlinie der Selbstreflexion und Perspektivumkehr schließlich zu der Aufarbeitung der eigenen Geschichte geführt, vor allem vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte; so kommt es z.B., daß das Museum für Völkerkunde in Hamburg, das etwas sperrig umbenannt worden ist in „Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt“, in manchen Räumen seiner klassischen Sammlungen die Geschichte ihres Zustandekommens, die Biographien seiner vergessenen Mitarbeiterinnen oder aus Unsicherheit über den eigenen Standpunkt auch einfach mal gar nichts ausstellt.

All diese Versuche, durch Perspektivverschiebung oder -umkehr einen Blick auf den eigenen blinden Fleck zu erhaschen und unsere eigene kulturelle Praxis tatsächlich „objektiv“ wahrzunehmen, enthüllen, wie es tatsächlich um unsere eigene, vorgebliche Rationalität bestellt ist. Denn auch in der aufgeklärten, wissenschaftsgläubigen westlichen Zivilisation treffen Menschen ihre Entscheidungen fast immer irrational und ihrem sozio-kulturellen Habitus entsprechend.

Prof. Hermann Knoflacher arbeitete auf diesem Feld beispielhaft über die Irrationalität des Autofahrens, für das jeder Automobilist zahllose, völlig vernünftige und nachvollziehbare Gründe angeben könnte - solange er sich innerhalb der Konventionen unserer etablierten Alltagsrealität bewegt. Tatsächlich aber treiben ihn fast ausschließlich archaische Mechanismen an sein Lenkrad, in einer Welt, die konstant im Sinne der Automobilität, nicht im Sinne der Menschen, also eigentlich irrational, umgestaltet wird.

Der Begriff des Auto-Fetischismus ist inzwischen weit verbreitet. Er bezeichnet im Volksmund aber nicht mehr als eine besondere Begeisterung für das Automobil. In der ethnologischen  Religionsforschung hingegen bezeichnet der Begriff des Fetischismus den Glauben an übernatürliche Geister oder Mächte, die sich an bestimmte Gegenstände binden und in ihnen verehrt werden. Indem man einem solchen Gegenstand Opfer und Geschenke bringt, erhöht man die hilfreiche Macht des an ihn gebundenen Geistes, man lädt sozusagen seine übernatürliche Batterie auf, damit er wieder in unserem Sinne magisch auf unsere Umwelt einwirkt, was ohne weiteres als Metapher für das Verhältnis der meisten Autofahrer zu ihrem Wagen dienen kann. Denn die Funktionen, die Automobile erfüllen, gehen deutlich über die reine Fortbewegung hinaus. Sie sollen vielmehr tief in unsere gesellschaftlichen und persönlichen Beziehungen hinein wirken und uns als Verkörperung hilfreicher Mächte dienlich sein.

Bernhard Schwank "Fosylcanruun", Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V. Mai 2020
Der Künstler Bernhard Schwank beschäftigt sich in seinem langfristigen Projekt „Die ethNokonstruktivistische Sammlung“ schon seit langer Zeit mit der Inversion der ethnologischen Perspektive und überträgt unsere Alltagsroutinen aus ihrem rationalistischen, linearen Zusammenhang in eine hypothetische, nicht-lineare Kultur. Was wäre, wenn unsere kulturelle Entwicklung, trotz wissenschaftlicher Fortschritte, niemals ihre archaische, mythologische und zyklische, also ahistorische Struktur verlassen hätte? 

Im Stil einer klassisch musealen Präsentationen zeigt Schwank Objekte, die unsere „normalen“ Handlungen transformiert zu heiligen Ritualen in einer zyklischen, mythisch geordneten Realität erscheinen lassen. Durch diese Verschiebung und Überzeichnung gelingt es, das volle Ausmaß der Irrationalität unseres Alltags freizulegen. Denn selbst wenn wir vorgeben zu wissen, daß unsere kollektive Wirklichkeit linear voranschreitet, handeln doch die meisten von uns so, als könne man den derzeitigen Status Quo bis in alle Ewigkeiten erhalten, als gäbe es keine linearen, unumkehrbaren historischen Prozesse, als könne man wider besseres Wissen immer so weiter machen wie bisher - eine Einstellung, die nicht nur offenkundig irrational ist, sondern die zudem auch die Grundzüge einer zyklischen Weltvorstellung aufweist, nicht die einer linearen, worin sich die Schizophrenität unseres kulturellen Selbstverständnisses offenbart.

Dem Jahresthema des Einstellungsraums „Sprit und Spirit“ entsprechend hat Bernhard Schwank sich in seinem aktuellen Werkkomplex vor allem auf die Aspekte der Automobilität und der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen konzentriert. 
Es werden Objekte gezeigt, die während der fiktiven „Fosylcanruun“-Zeremonie genutzt werden. Diese Zeremonie, die von den fiktiven, archaischen Völker Europas praktiziert wird, dient, ähnlich wie der nordamerikanische „Potlach“, dem sozialen und ökonomischen Austausch und Ausgleich sowie der Verehrung der „Fossilen Ahnen“. 

Bernhard Schwank "Fosylcanruun", Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V. Mai 2020
Dabei spielen die sog. „Libomi“-Figuren oder Ölgeister eine besondere Rolle. Durch sie wird der Beschleunigungsgott Libomi heraufbeschworen, der den Menschen in Form des Geschwindigkeitsrauschs transzendente Erlebnisse ermöglicht. 
Besonders auffällig ist eine aus einem Baumstumpf modellierte Libomi-Figur, aus deren Wurzelausläufern rot lackierte, phallische Tankpistolen hervor wuchern. Hier wird einerseits exemplarisch der irrationale Kult-Charakter des Autofahrens und seiner Begleiterscheinungen hervorgehoben sowie seine Assoziation mit männlicher Potenz, andererseits liefert diese Libomi-Figur  durch die formelle Präsenz des Materials - nämlich Holz - einen gegenläufigen Subtext: 
Es werden keine Objekte ausgestellt, die eine akute Beschleunigung und Freisetzung von CO2 hervorrufen, sondern Objekte, die diese Beschleunigung nur in Form eines mystisch-rituellen Erlebnisses hervorrufen sollen, gleichzeitig aber Kohlenstoff binden, nicht freisetzen. So hat Bernhard Schwank ausgerechnet, daß das CO2, das in den Ausstellungsstücken gebunden ist, umgerechnet etwa der Ausstoß wäre, den er auf einer Strecke von 1300 km mit dem Auto freigesetzt hätte.

Bernhard Schwank, Suprema-Ideogramm "Alte weisse Männer" 
Bernhard Schwank, Suprema-Ideogramm, "Throwaway"

Die Suprema-Ideogramm-Tafeln, die sich der Ästhetik zeitgenössischer Piktogramme bedienen, aber komplexere, gesellschaftliche Zusammenhänge verbildlichen sollen, nutzen wiederum die Unmittelbarkeit, mit der in archaischen Gesellschaften die konzipierte Struktur und die akute Praxis zueinander stehen. Während in unserer vorgeblich aufgeklärten und rationalen Zivilisation stetig die wahren Absichten und Beweggründe gesellschaftlicher Akteure beschönigt, verschleiert oder geleugnet werden, und maßgebliche wirtschaftliche und politische Motive wie die Habsucht und Machtgier offiziell nicht zu existieren scheinen, gibt es in zyklisch denkenden Gesellschaften diese Trennung oder sogar den Widerspruch zwischen dem Faktischen und dessen öffentlicher Präsentation nicht. In diesem Sinne werden auf den Tafeln unverblümt ökonomische und soziale Tatbestände in Ideogrammen gebündelt, die weder die Obszönität noch die Albernheit oder Naivität scheuen. Wir werden Zeugen der sexualisierten Gewaltphantasien der „Alten weissen Männer“. Wir werden hingewiesen auf Produkte aus Mineralöl, die von vornherein für den Mülleimer hergestellt werden, wie ein großer Teil der schnelllebigen, sinnfreien Trendartikel aus Plastik, gerne als Werbegeschenke verwendet, die in dem vorliegenden Zusammenhang jedoch nicht euphemisiert als „Giveaways“, sondern unbeschönigt als „Throwaways“ bezeichnet werden. Und wir erkennen die hierarchischen Systeme wieder, die die Kontrolle fossiler Energiequellen als legitimen Grund für Kriege anführen. 

Bernhard Schwank, Suprema Ideogramm, "No Blood for Oil"

In dem uns Bernhard Schwank unsere eigene Gesellschaft im Spiegel einer fiktiven archaisch-zyklischen Kultur vorführt, hat er nicht nur einen markant eigenständigen ästhetischen Weg gefunden. Er kann zudem höchst effektiv unsere durch den blinden Fleck versperrte Sicht auf die Irrationalität unserer Gesellschaft öffnen, gleichzeitig erschließt er uns die Aufrichtigkeit einer archaischen Denkstruktur, in der Ursachen und vorgebliche Gründe nicht auseinander driften, sondern eine ehrliche, wenn auch oft grausame Eindeutigkeit haben. Eine Eindeutigkeit die uns helfen kann, den Problemen, die uns tatsächlich bevorstehen, mit unverstelltem Blick zu begegnen.


Bernhard Schwank "Fosylcanruun", Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V. Mai 2020
© Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, Mai 2020


  

Mittwoch, 29. April 2020

Ins Blaue hinein - Dr. Thomas Piesbergen zum Werkkomplex "Continuum" von Sigrun Jakubaschke

Die Ausstellung "Continuum" von Sigrun Jakubaschke ist im Mai 2020 zu sehen in Hamburg in der Galerie W.  des Künstlers und Magiers Wittus Witt.


Spricht man von einer Fahrt ohne klares Ziel, nennt der Volksmund sie gerne eine „Fahrt ins Blaue“. Auch das „Reden ins Blaue“ ist eine Wendung, die bereits bei Immanuel Kant belegt ist. Heinrich von Kleist schreibt hingegen von einem Urteil, das „ins Blaue geschossen“ ist.
Immer gemeint ist damit ein Vorstoß in das Ungewisse, das Ungreifbare, gefaßt in der Metapher des Himmelsblaus oder dem Blau der Ferne. Beiden wird die Eigenschaft des Grenzenlosen zugeschrieben; die Bewegung ins Blaue umfaßt also auch immer die Transzendenz von bisher bestehenden Grenzen.

In der Frühzeit und Antike war der Himmel der Bereich absoluter Unerreichbarkeit, also lag es nah, daß in fast allen Kulturen der Himmel als die Sphäre der göttlichen Kräfte galt. Zudem zogen dort die Gestirne ihre Bahnen, in deren Bewegungsmustern und Zyklen die grundlegende Ordnung der Welt gewähnt wurde. Die Identifikation von Gottheiten und Gestirnen, die uns vor allem durch die griechischen und römischen Gottheiten geläufig ist, geht in unserem Kulturkreis zurück auf die altorientalischen Astralgottheiten. Und auch in mythogenetischen Zonen, die keine Planeten oder Sterne mit Gottheiten gleichsetzten, gab es immer eine Vergöttlichung von Sonne und Mond, deren Bahn zuerst den Himmel, dann die Unterwelt durchmaß, um aus ihr wiedergeboren zu werden.

Um in diesen vergangenen kulturellen Kontexten zu einer absoluten Erkenntnis und Gewissheit zu gelangen, war es also nötig, die Grenzen der profanen menschlichen Sphäre zu übertreten, und in das Unbekannte, das Jenseitige des blauen Himmels vorzudringen. In der Antike waren es die Mysterien, die die entsprechenden mentalen Techniken hüteten und so transzendente Erfahrungen möglich machten. In der Vorzeit hatten Schamanen diese Aufgabe.
Alle Ereignisse auf der menschlichen Ebene hatten eine Entsprechung auf der Ebene der Geister und Götter. Wenn man also Mißstände auf der mensschlichen Ebene beheben wollte, mußte der Schamane zum Himmel aufsteigen, um dort die Ursachen für die hiesigen Probleme zu beseitigen. Was ihm den Aufstieg ermöglichte war meist ein symbolischer Weltenbaum, der als axis mundi im Zentrum der Welt steht, dessen Wurzeln bis in die Unterwelt reichen und dessen Krone sich bis in die Sphäre der Götter erhebt. Diese Vorstellung war von Europa über Asien bis nach Nordamerika verbreitet. Als Stellvertreter für den Weltenbaum diente dem Schamanen oft der hölzerne Mittelpfosten seiner Hütte, oft auch ein großer, aufgepflanzter Ast oder tatsächlicher Baum davor.


Ein anderes Symbol, daß ebenfalls mit dem Ort des mystischen Aufstiegs entlang der Weltenachse assoziiert wird, ist das Labyrinth und die damit eng verbundene Spirale. Die sogenannten „Trojaburgen“ waren wenigstens von Finnland und Norwegen bis zum Weißen Meer in Russland und im Mittelmeer bis nach Sardinien und Kreta verbreitet. Man nimmt an, daß sie für rituelle, von Mysten abgeschrittene Prozessionen genutzt wurden. Trotz eines verwirrenden Wechsels der Richtung führte der Weg zwangsläufig in das Zentrum und anschließend wieder heraus, was meist interpretiert wird als Abstieg in das Totenreich und die anschließende Wiedergeburt, die, neben dem Aufstieg entlang der Weltachse, das zweite zentrale Motiv der Schamanenreise darstellt. 


Trifft diese Deutung zu, dienten die Labyrinthe also einem spirituellen Akt, der mit der Schamanenreise nahezu identisch ist: die Transzendenz und der Weg in himmlische oder unterweltliche Gefilde (die als zwei Aspekte desselben mythologischen Topos gelten können), sowie die Rückkehr aus dem Labyrinth als Wiedergeburt und Überwindung des Todes.



Im vorliegenden Werkkomplex von Sigrun Jakubaschke finden wir all diese Elemente wieder: das kosmische Blau des Himmels, mittels Schwarzlicht zu einer scheinbar aus sich selbst heraus leuchtenden, körperlosen Präsenz gesteigert, darin die Sterne und andere vom Himmel geholte Objekte, und sogar der Baum, aus dem die grell leuchtende axis mundi hervor ragt. Der Ausstellungsraum wird zu einem Ort, der zu vibrieren scheint unter dem Eindruck eines magischen, grenzüberwindenden Ereignisses, das gerade stattgefunden hat - oder noch immer im Gange ist.


Begleitende Arbeiten zur Rauminstallation zeigen Labyrinthe und Spiralen, die wie Paraphernalia schamanistischer Extasetechnik wirken, Hilfsmittel, um sich in einen Seelenzustand zu versetzen, der den Aufstieg ins Blaue, in die jenseitigen Bezirke der Wirklichkeit ermöglicht.


Ebenfalls blaue Zyanotypien mit eingestanzten Sternbildern können in diesem Ensemble als symbolische Orientierungshilfen in den höheren Sphären gelesen werden. Ein interessantes Detail: sie entsprechen in ihrer Machart einer antiken Vorstellung des Sternenhimmels, nach der die Sterne Öffnungen im Firmament seien, aus der das göttliche Licht des Paradieses strahle.


In der Ausstellung „Continuum“ von Sigrun Jakubaschke wird auf wunderbare Weise eine Gedanke realisiert, den der große Anthropologe Joseph Campbel kurz vor seinem Tod anregt hat: Er glaubte, daß in einer rationalistischen Welt, in der die Religionen und Mythen als Modelle der Weltdeutung ausgedient haben, es schließlich, wie zur Zeit der Höhlenmalerei, die Künstler sein werden, die den Menschen wieder Erfahrungen ermöglichen, mit denen sie ihre profane Weltsicht transzendieren können, und sie in ein Erfahrungskontinuum überführen, in dem das Magische und Spirituelle als große Metaphern der Welterfahrung erneut zugänglich sind.


ⓒ Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, April 2020

Sonntag, 5. April 2020

Die Faszination des Bösen - Gedanken zur Ausstellung "Sigrun Jakubaschke - Viren im Labor" von Dr. Thomas J. Piesbergen

Die Ausstellung „Viren im Labor“ von Prof. Sigrun Jakubaschke ist zu sehen im Einstellungsraum  e.V. im Rahmen des Jahresthemas "Sprit und Spirit"

Sigrun Jakubaschke, Viren im Labor, 2020


Im 4. Kapitel der Poetik von Aristoteles heißt es: „Denn von denselben Gegenständen, die wir mit Unlust betrachten, sehen wir besonders sorgfältig angefertigte Abbildungen mit Wohlgefallen an, wie z.B. die Formen von ganz widerwärtigen Tieren und selbst von Leichnamen.“ (nach Alfred Gudemann, 1921)
Diese Lust an dem Grotesken und Schrecklichen erklärte Aristoteles mit der generellen Freude an der Mimesis, also der Nachahmung, und der Eigenschaft des Menschen durch Nachahmung zu lernen. Nach Aristoteles besteht also der Reiz in der Nachahmung selber, ungeachtet des Gegenstandes, der nachgeahmt wird.

Über das Dramatische hingegen, das immer mit dem Bedrohlichen für Leib und Seele einhergeht, heißt es im 6. Kapitel der Poetik, es bewirke „durch die Erregung von Mitleid und Furcht die Reinigung (Katharsis) von derartigen Gemütsstimmungen“ (ebd.). Durch das Anteilnehmen an heftigen Affekten auf der Bühne wäre der Mensch dadurch also imstande, sich selbst von ihnen zu befreien, um geläutert und leidenschaftslos Entscheidungen zu fällen, die nunmehr von Moral und Vernunft geleitet sind.
Auch hier wird der Anziehungskraft, die solche erregenden Impulse wohlmöglich ausüben können, keine weitere Beachtung geschenkt.

Dieser antike Ansatz, der noch von Opitz und Lessing in dieser Form weitgehend für gültig erachtet worden ist, wurde in der Romantik, in der man das Schreckliche und Erregende als Faszinosum thematisierte, zu einer Perspektive erweitert, die über das „Wohlwollen“ angesichts besonders gelungener Nachbildungen, also die aristotelische Mimesis, weit hinaus geht.
Doch erst im Laufe des 20. Jhd.  hat das Schreckliche unter dem Einfluß der Tiefenpsychologie eine signifikante Umdeutung erfahren. Ihm wurde erstmals eine grundlegende und essentielle Bedeutung zugebilligt. Eine Beschäftigung mit den negativen Seiten der menschlichen Kultur und Seele wird seit Sigmund Freud sogar als notwendig erachtet, um sich über individuelle und kollektive menschliche Gegebenheiten Klarheit zu verschaffen; dieser Paradigmenwechsel, der unsere moderne Gesellschaft maßgeblich mit geformt hat, wurde vor allem von den Künsten schnell aufgegriffen und in seiner ganzen Tiefe ausgelotet.

In seinem experimentellen Roman „Meteor“ von 1934 schreibt Karel Capek, über die Arbeit des Schriftstellers reflektierend: „Die Phantasie an sich erscheint immoralisch und grausam wie ein Kind; sie gefällt sich in Schrecken und Lächerlichkeiten. (…) Ich versuche, die Literatur wegen ihrer Vorliebe für Tragik und Spott zu entschuldigen. Beides sind nämlich Umwege (…), um eine Illusion von der Wirklichkeit zu schaffen.(…) Mitgefühl und Gelächter sind lediglich Erschütterungen, mit denen wir die Ereignisse außerhalb von uns begleiten und kommentieren. Rufen sie wie auch immer diese Erschütterungen hervor, so erwecken sie zugleich den Eindruck, außerhalb von ihnen habe sich etwas Wirkliches abgespielt, desto wirklicher, je stärker dieser gefühlsmäßige Schlag ist.“
Die konkrete Zielsetzung des Schriftstellers sei es, so Capek, die „verknöcherte Seele des Lesers gehörig und unbarmherzig zu erschüttern.
“
Der Moment der Katharsis zielt bei Capek also in erster Linie nicht mehr darauf ab, den Rezipienten zu läutern und von Affekten zu befreien, sondern zunächst genau diese Affekte in ihm wachzurufen, um ihm das Gefühl zu geben, mit der menschlichen Wirklichkeit in Berührung zu kommen.

Auch Alberto Manguel sieht darin die Aufgabe der Literatur. In „Eine Stadt aus Worten“ von 2007 schreibt er: „Geschichten nähren unser Bewußtsein und können uns zu der Erkenntnis darüber führen, wenn schon nicht WER, so wenigstens DASS wir sind,…“
Capek und Manguel postulieren also nicht die leidenschaftslose Vernunft als Ziel der Künste, sondern das Erlebnis des Lebendigseins durch emotionale Reize, die in all ihren Erscheinungsformen, den negativen wie positiven, integraler Bestandteil unseres Lebens sind.

Diese Perspektive wird auch von dem Kulturanthropologen Joseph Campbell gestützt, der durch seine Mythenforschung entscheidende Erkenntnisse über die Anfänge darstellender und erzählender Kunst gewonnen hat. Laut Campbell entstanden die ersten Mythen und Geschichten aus dem Bedürfnis heraus, problematische Lebensabschnitte und Krisen geistig so zu bearbeiten und zu vermitteln, daß es leichter fällt, sie zu überstehen. Vor allem geht es um Krisen, in denen sich in unserem Körper Dinge ereignen, die uns erschrecken: Pubertät, Liebe, Krankheit, Tod.
Diese Aspekte sollen als lebendiger Bestandteil des Lebens erfahrbar gemacht werden. Durch Geschichten und Bildern, in denen diese Krisen „nachgeahmt“ werden, soll der Mensch lernen, Dinge benennen zu können, mit ihnen umzugehen, und vor allem die Erfahrung des Lebendigseins machen, in dem er auch die negativen Ereignisse und Erschütterungen als sinngebend annimmt.

Im Umkehrschluß kann man daraus folgern, daß nicht nur der Künstler versucht, die verknöcherte Seele seines Rezipienten zu erschüttern, wie Capek es ausdrückt, sondern daß auch der Rezipient, geleitet von seinem Bedürfnis, sich lebendig zu fühlen, aktiv nach solchen Erschütterungen sucht.
Das scheinen die Statisktiken aus den Bereichen Film, Fernsehen und Literatur zu belegen. Während im Kino und den Streamingdiensten Thriller und Horrorfilme die ehemals dominierenden Genres Western, Action und Krimi ablösen, die sich ebenfalls schon mit den Feldern der Gewalt und der seelischen Abgründe beschäftigt haben, sind es auf dem Buchmarkt schon seit Jahren unverändert Krimis und Thriller, die zusammen fast zwei Drittel aller gelesenen Bücher ausmachen. Auch im Fernsehen dominiert der Krimi unangefochten.

Aber genauso wie uns erschreckende und aufwühlende Fiktionen anziehen und durch das kathartische Mitleiden ein Gefühl von Lebendigkeit vermitteln können, so tun es auch die Inhalte der medialen Welt. Denn auch die wirklichen Ereignisse dringen immer nur reduziert zu uns und werden durch die Reduktion, bewußt oder unbewußt, in narrative Strukturen überführt, mal als bloße Narrative, mal als vollständige Narrationen.
So ist es ein offenes Geheimnis, daß alle Medien von Katastrophen profitieren. Der 11. September 2001 ist eines der krassesten Beispiele dafür, wie die ganze Welt für Tage in eine Public Viewing Area verwandelt wurde. Auch die mediale Präsenz der Despoten der Weltgeschichte und der Tagespolitik illustriert dieses Phänomen sehr anschaulich. Denn selbst wenn man ihren Charakter und ihre Politik zutiefst ablehnen mag, haben sie als Medienfiguren, gefiltert durch mediale Reduktion, zweifellos einen hohen, wenn auch fragwürdigen Unterhaltungswert. Allein die zahllosen Dokumentationen über Hitler seien als Beleg angeführt.

Das Bedürfnis nach emotional erregenden Reizen hat auch die Entwicklung des Internets in eine Richtung getrieben, die vor 20 Jahren in kaum einer Prognose bedacht worden ist. Statt des Szenarios eines fruchtbaren Austauschs von wissenschaftlichen Fakten und Nachrichten ist ein Zustand eingetreten, in dem die weltweite digitale Vernetzung vor allem primitive Empfindungen und emotionale Bedürfnisse bedient. Wir versuchen über die „Social Media“ in Kontakt mit der Welt zu treten, ihr unser Wunsch-Selbst zu zeigen und es mittels „Like“-Streicheleinheiten von ihr bestätigen zu lassen.
Die Meinungsbildung, auf der anderen Seite, findet auf eben diesen Plattformen meist nicht durch objektive Information statt, sondern durch affektive Gruppenbildungen, befeuert von polarisierenden Narrativen, emotional aufgeladene Bilder, Shitstroms und entsprechende Gegenreaktionen. Die emotional aufgeladenen „Aufreger“ bestimmen online die Stimmung und die politischen Kommentare.

Gleichzeitig erleben wir in unseren postindustriellen Kontexten immer weniger öffentliche Gewalt und sind immer weniger akuten Gefahren ausgesetzt. Unser Leben ist zu einem meist ereignislosen Dahintreiben im Strom der technischen und sozio-ökonomischen Entwicklung geworden. Eugen Roth faßte die emotionale Erfahrung einer eintönigen Lebenswirklichkeit in seiner Lyriksammlung „Mensch und Unmensch“ sehr schön in einem kleinen Vers zusammen:

Der Mensch würd` sich zufrieden geben
damit, daß tragisch wird das Leben.
Das Schwierige liegt mehr an dem:
es wird auch fad und unbequem.

Wir leben also zusehends in einem faden und unbequemen Kontinuum, das uns die unmittelbar erfahrbaren Reize, die uns ein Gefühl von Lebendigkeit vermitteln könnten, vorenthält, während wir glauben, uns ohne weiteres in ein Leben voller Erschütterungen fügen zu können, wenn die zugefügten Verletzungen unserer Seele nur gestatten würden, zu wachsen und Größe zu beweisen. Doch diese tragische Größe bleibt eine Phantasie.

Zwar sind die „inneren“ Wege, die uns Achtsamkeit und Sensibilität lehren und uns so aus der zähen und bedeutungsarmen Alltäglichkeit führen könnten, oberflächlich bekannt, doch laufen sie all unseren kulturell sanktionierten Handlungsroutinen zuwider. 
Die „äußeren“ Auswege, die sich bieten, sind faktische Simulationen emotional aufrüttelnder Erlebnisse in gesichertem Rahmen, wie z.B. im Extremsport, beim Bungee-Jumping oder ähnlichen Freizeitbeschäftigungen, in denen der Körper unmittelbar einbezogen wird. Ein anderer Weg besteht in der die mißbräuchlichen Umdeutung von kulturell sanktionierten Handlungsoptionen, wie dem Ausleben von Macht- und Gewaltaffekten im Straßenverkehr. Der am häufigsten beschrittene Weg aber besteht eben in dem Konsum von „Nachahmungen“ emotional erschütternder Ereignisse.

Im letzten Fall sind unsere Spiegelneuronen von zentraler Bedeutung. Sie werden aktiv, wenn wir andere beobachten, und vermitteln uns das Gefühl, die beobachteten Handlungen selbst vollzogen  oder die beobachteten Emotionen selbst durchlebt zu haben. Nur aufgrund dieser bemerkenswerten Eigenschaft der Spiegelneuronen sind wir überhaupt erst in der Lage, Empathie und Mitgefühl für unsere Mitmenschen zu entwickeln, da wir uns in sie und ihren Gefühlshaushalt hineinversetzen können. Sie ermöglichen uns ein mittelbares, zwischenmenschliches und manchmal sogar ein zwischenkreatürliches Lebendigsein.

Die Attraktion, die das Schreckliche, Erregende oder Abstoßende ausübt, hat ihre Wurzeln also offenbar in unserem Bedürfnis, am eigenen Leben und einer gemeinsamen Erfahrung des  Lebendigseins teilzuhaben, von der wir uns in unseren gesellschaftlichen Gegebenheiten zusehends abgeschnitten fühlen. Und je mehr das der Fall ist, je „verknöcherter“ unsere Seelen geworden sind, desto stärker müssen die gefühlsmäßigen Schläge sein, um uns das Gefühl der Lebendigkeit zurück zu geben. Das Phänomen der Abstumpfung, das bei dieser Reaktionskette ganz sicher eine bedeutende Rolle spielt, sei an dieser Stelle ausgespart.

Wenden wir uns vor diesem gedanklichen Hintergrund der Installation von Sigrun Jakubaschke zu. Der Ausstellungsraum des Einstellungsraums ist, genau wie unsere Vorstellung, unsere Computer und die Medienlandschaft, bevölkert von Viren. Sie bestehen aus amorphen Körpern in grellbunten Farben und sind gespickt mit hölzernen Stacheln und gläsernen Splittern und Scherben. Einige liegen in Glasvitrinen, andere sind auf Stangen gespießt, die meisten aber sind vor und auf Spiegeln aufgestellt.

An einer Wand hängt ein Arbeits-Overall, der, gemeinsam mit dem Ausstellungstitel „Viren im Labor“ eine nicht erzählte Narration andeutet. Es geht nicht nur um die Zurschaustellung der Objekte, sondern es wird ein Interieur geschaffen, das einen Handlungsverlauf antriggert: Ein Labor, gerahmt ihm Schaufenster, in dem Krankheitserreger untersucht werden, vielleicht um einen Impfstoff zu entwickeln. Es deutet sich eine klassische, narrative Handlungsstruktur an.

Auch die Viren selbst sind weit davon entfernt, nur naturgetreue „Nachahmungen“ im aristotelischen Sinn zu sein. Vielmehr sind es überzeichnete, skulpturale „Illustrationen“ zum reduzierten Narrativ der Viren, die mit ihren grellen Farben und dem glitzernden Glas ein Blickfang sind, eine nach Aufmerksamkeit heischende Attraktion.
Die Scherben, mit denen sie gespickt sind, wirken zwiefältig: Berührte man sie, verletzte man sich - eine akute Gefahr, die von den messerscharfen Glaskanten ausgeht, gebändigt durch den narrativen, ästhetischen Rahmen. Zu der Faszination, die diese Bedrohung ausübt, tritt der Glanz, das Funkeln, dem Aldous Huxley in seinen „Pforten der Wahrnehmung“ (1954) zuschreibt, es sei, ausgehend von Juwelen, Edelsteinen, Gold und Glas, seit jeher das Vehikel der mystischen Erfahrung gewesen. In allen Weltreligion wird das Paradies als ein Ort des Juwelenglanzes und des darin aufleuchtenden Licht der Göttlichkeit beschrieben.

Joseph Campbell sieht in der mystischen Erfahrung wiederum den Inbegriff der Erfahrung des Lebendigseins, das Erlebnis der Verbundenheit mit allem Seienden.
Dieser Verknüpfung eingedenk, kann man die vordergründigen Objekte der Ausstellung lesen als eine Verbindung des Aufmerksamkeit erregenden Spektakels, der offenkundigen physischen Bedrohung und einer wahrhaftigen Erfahrung der Conditio Humana.

Doch auf dieser Bedeutungsebene verharrt die Installation nicht. Denn die Spiegel, die nicht nur die Unterlage der Viren bilden, sondern auch entlang der Wände des Ausstellungsraums aufgestellt sind, öffnen nicht nur den Blick, sondern auch eine Meta-Ebene.

Zunächst wird unsere Umwelt von ihnen eingefangen: der Himmel, die Häuser, die auf der B75 stoisch vorbei rasenden Autos, die ebenfalls Faszination und Bedrohung in sich vereinen - schließlich starben im vergangenen Jahr 3059 Menschen auf deutschen Straßen und etwa 1,35 Millionen weltweit. Alles wird in den Rahmen der Ausstellung gezogen und damit zu etwas transformiert, das wir mit weitaus größerer Aufmerksamkeit betrachten, als gingen wir im Alltag daran vorbei. Es wird Teil der Narration.

Und dann treten wir selbst ins Bild. Wir betrachten uns selbst als Betrachter innerhalb des Betrachteten, auch wir sind von der Installation gerahmt und unsere Rezeptionshaltung wird uns vor Augen geführt: unsere Lust an dem Spektakel, unsere Faszination angesichts der zur Schau gestellten Gefahr und schließlich unser Bedürfnis, durch den Glanz, das Funkeln und den Schmerz mit dem Lebendigen in Kontakt zu treten, selbst wahrhaft lebendig zu sein in einer Welt, die uns dieses Gefühl nicht mehr zubilligen möchte.

ⓒ Thomas J. Piesbergen / VG Wort, April 2020