Ich freue mich auf Ihre Anmeldungen unter: thomas.piesbergen (a) gmx.de
Schreibwerkstatt in Hamburg - Literarische Projekte - Privates Lektorat und Coaching - Einführungsreden und Katalogtexte zu zeitgenössischer Kunst
Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an.
März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3
Montag, 25. April 2022
Montag, 16. August 2021
Neue Veröffentlichung: Thomas Piesbergen "Entscheidung am Pilatus Creek" in der Literaturzeitschrift Do!Pen 17
Es ist schon eine Weile her, daß meine Kurzgeschichte "Entscheidung am Pilatus Creek" mit dem Do!Pen-Award ausgezeichnet worden ist. Aufgrund interner Schwierigkeiten hat sich die Veröffentlichung des 17ten Heftes der Literaturzeitschrift Do!Pen immer wieder verzögert - bis jetzt!
Ich freue mich entsprechend, die Veröffetnlichung endlich ankündigen zu dürfen!
In der Nummer 17 dreht sich alles um Trash und Groschenhefte. Deshalb ist auch meine Adaption der biblischen Ostergeschichte als kruder Rachewestern bestens darin aufgehoben. Außer mir sind noch folgende Autoren im Heft vertreten: Heinrich Beindorf, Andreas Neuenkirchen, Ralf Thenior, M. Nolte, Johannes Witek, Alan Scribe, Martin Görlitz, Stephan Gräfe & Annika Weertz, Alexander Bach, Tobi Katze, Michael Steffens, Thomas Tonn, Carsten Hein
Zu beziehen ist das Do!Pen 17 unter folgendem Link: (KLICK)
dO!PEN 17
Literaturzeitschrift
82 S., 7,50 EUR
ISBN 978-3-937821-07-8
Donnerstag, 10. Dezember 2020
Diesseits und Jenseits der Grenzen - Dr. Thomas Piesbergen zur Ausstellung "Gehäuse" von Jeannette Fabis
Die Ausstellung „Gehäuse“ von Jeanette Fabis im Rahmen des Jahresthemas "Sprit und Spirit" ist noch bis zum 18.12. 2020 in der Galerie des Einstellungsraum e.V. zu sehen.
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Jeannette
Fabis, ohne Titel, aus einer fortlaufenden Serie von
Modellen (seit 2013),
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Die Kategorien des „Innen“ und „Außen“ und ihr essentieller Zusammenhang mit der kulturellen Identität des Menschen sind wahrscheinlich so alt wie die menschliche Kultur selbst.
Noch in den heute beobachtbaren archaischen Kulturen, in denen Mensch und umgebende Natur als in einem kontinuierlichen Kreislauf befindlich gedacht werden, wie z.B. bei den Buschmännern, gibt es trotz der Vorstellung einer kosmischen Einheit eine räumliche Ordnung, die das Innen vom Außen, wenigstens als vorübergehende Erscheinungen, unterscheidet.
Der innere, von Hütten umgebene Kreis der Buschmann-Siedlungen ist dem Feuer und der sozialen Interaktion vorbehalten. Er wird umgeben von einem Ring, in dem gröbere Arbeiten verrichtet werden und Aktivitäten stattfinden, die nicht die ganze Gruppe einbeziehen. Jenseits dieses Rings, außerhalb der Siedlung, erstreckt sich die Welt der „anderen“ Buschmänner, die keinen menschlichen Körper haben, wie z.B. Bäume, Tiere und diverse Naturerscheinungen. Das „Innen“ ist die Welt des Menschen, das „Außen“ die nichtmenschliche Sphäre. Der Bereich dazwischen ist eine Übergangszone.
Kennzeichnend für das Innere ist einerseits das Feuer, eine ursprünglich besonders bedrohliche Erscheinung, die in ihrer gezähmten Form das mächtigste Werkzeug des Menschen darstellt. Entsprechend wird, nach Claude Levi-Strauss, die innere Sphäre des Menschen auch mit dem „Gekochten“ assoziiert, während die äußere, wilde Sphäre mit dem „Rohen“ verbunden wird.
Andererseits ist die innere Sphäre gekennzeichnet durch die Kommunikation, mittels der die Gruppenidentität gestiftet wird. Wer an dieser Kommunikation Teil hat, ist Mensch. So bedeutet auch häufig die Eigenbezeichnung vieler Ethnien schlicht und ergreifend „Mensch“, ein Status, der Zugehörigen anderer Ethnien abgesprochen werden kann.
Da trotz der Trennung in Innen und Außen die Welt als Einheit verstanden wird, gibt es in archaischen Gesellschaften auch immer eine Methode, um die beiden Sphären zusammenzuführen, und zwar durch eine Passage durch das Zentrum des Inneren, den „Nabel der Welt“. In der Regel sind es Schamanen, die sich in ihr eigenes Inneres versenken, in Trance geraten und so Zugang zu den unsichtbaren Kräften haben, die sich in der äußeren Welt verbergen. Diese Transitionen finden an einem symbolischen Mittelpunkt entweder im Zentrum der Siedlung oder des Hauses statt, seltener in der Wildnis, niemals aber in der Übergangszone.
Die Sphäre des Menschen wird also durch zwei Grenzen eingefasst, eine äußere und eine innere, doch im Zentrum des Innenraums berühren sich Innen- und Außenraum und erweisen sich schließlich als identisch.
Mit dem Beginn dessen, was wir Zivilisation nennen, also mit dem Neolithikum, ist die Bedeutung der inneren, ideellen Grenze zum „Unsichtbaren“ zusehends geringer geworden, zugunsten einer zunehmend essentiellen räumlichen Abgrenzung vom Außen. Sie spiegelt sich einerseits in der Wirtschaftsweise wider, mit der sich der Mensch begann, von der Natur zu emanzipieren, in dem er Pflanzen und Tiere domestizierte und sie damit aus der Sphäre der Wildnis in die des Menschen überführte. Andererseits spiegelt sich diese Trennung von „gezähmt“ und „wild“, die gleichbedeutend mit „Innen“ und „Außen“ ist, in den religiösen Vorstellungen wider, wie sie z.B. auf den Wandmalereien von Catal Hüyük repräsentiert sind. Die noch kleine Welt des Menschen mußte gegen das Wilde, Ungezähmte und Todbringende um ihn herum geschützt werden, ebenso wie die domestizierten Tiere und Pflanzen, in die sich keine Wildformen einkreuzen durften. Gleichzeitig definierte sich die menschliche Sphäre durch eben diese Abgrenzung.
In diese Zeit datieren auch die ersten belegten kriegerischen Auseinandersetzungen der Menschheit, bei denen sich offenbar die wenigen wehrhaften Großsiedlungen und nomadisierende Gruppen gegenüberstanden: die zivilisierten „Menschen“ und die „Wilden“.
In den frühen Hochkulturen schließlich waren die Mauern der Stadt die Grenze zwischen der Welt des Menschen und der fremden Wildnis, wie im über 4000 Jahre alten Gilgamesch-Epos eindrucksvoll dargestellt. Alles, was innerhalb der Mauern stattfand, war zivilisiert und menschlich, alles, was außerhalb der Mauern stattfand, war wild und konnte abqualifiziert werden.
Diese Haltung hat sich fortgesetzt bis in die Neuzeit und ist noch bei großen Denkern wie Montesquieu oder Hegel zu finden, die beide davon überzeugt waren, Afrikaner hätten keine Seele.
In der westlichen Welt kehrte die Inversion des Blickes, also die Besinnung auf die Grenze in uns selbst sowie eine Einheit von Innen und Außen zwischenzeitlich mit den griechischen Mysterien zurück, am bekanntesten in der Aufforderung „Erkenne dich selbst!“, die im Giebel des delphischen Orakeltempels eingemeißelt war. Das Unsichtbare und Unerkannte, das Numinose wurde als etwas gedacht, das allem innewohnt, nicht als etwas ausschließlich Jenseitiges.
Christentum, Judentum und Islam wiesen diese Vorstellung und den damit verbundenen Erkenntnisweg jedoch wieder weit von sich, da er einer pantheistischen und deshalb heidnischen Haltung entsprang. Für die drei großen Buchreligionen gilt Gott als etwas unbedingt Jenseitiges, das nicht der Welt innewohnt. Eine Offenbarung des Göttlichen wurde nur den Propheten zugebilligt, und in seltenen Fällen einzelnen privilegierten Würdenträgern, denen jedoch immer drohte, der Ketzerei bezichtigt zu werden, wie es z.B. Meister Eckhart widerfuhr.
Erst im Laufe des 19. Jhd., während die Wildnis und das Unbekannte der Welt unwiderruflich verschwanden, kehrte das Bewußtsein für die innere Grenze, das Unbekannte in uns wieder. Zunächst war es kaum mehr als eine Ahnung, ein poetischer Entwurf, eine Sehnsucht nach dem Verhüllten und Geheimnisvollen, die vor allem von den Romantikern kultiviert wurde, schließlich nahm das Konzept in den Schauergeschichten von R.L. Stevenson und E.A. Poe in Form von Doppelgängern und gespaltenen Persönlichkeiten immer konkretere Formen an, bis schließlich Sigmund Freud zur Jahrhundertwende seine Theorie vom Unterbewußten formulierte.
Heute ist in der aufgeklärten Welt allgemein anerkannt, daß die Angst vor dem Fremden lediglich eine Projektion ist, mit der wir die Angst vor unseren eigenen, verdrängten Trieben auslagern. Gleichzeitig ist die bedrohliche Wildnis verschwunden. Fast alle essentiellen Bedrohungen stammen aus der menschlichen Sphäre, und die Wendung homo homini lupus trifft mehr denn je zu. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, denn Wölfe jenseits einer äußeren Grenze gibt es nicht mehr.
Im Originalzitat des römischen Dichters Maccius Plautus wird die Aussage ergänzt durch den Zusatz „solange er nicht weiß, von welcher Art der andere ist.“ Diese Haltung greift Sartre in Geschlossene Gesellschaft auf, wenn er Garcin sagen läßt: „Die Hölle, das sind die anderen.“ , denn im Gegensatz zu Plautus lebt Sartre in einer Welt, die von dem verborgenen Unterbewußten weiß. Und wie sollte man die anderen kennen, wenn man sich nicht einmal selbst kennen kann, da der Mensch oft gegen seinen Willen von den dunklen Trieben seiner eigenen inneren Wildnis gesteuert wird? So muß, nach Sartre, der Mensch dem Menschen ein Wolf bleiben.
Nach Georg Simmel, Walther Benjamin und Byun Chul Han ist aber gerade dieses Nicht-Erkennbare, Dunkle auch essentiell für die sinnhafte Erfahrung der Lebendigkeit. Han schreibt dazu: „Das ´Es` bleibt dem Ich weitgehend verborgen. Durch die menschliche Psyche geht also ein Riss, der das Ich nicht mit sich selbst übereinstimmen läßt. Dieser fundamentale Riss macht die Selbsttransparenz unmöglich. Auch zwischen Personen klafft ein Riss. So läßt sich unmöglich eine interpersonale Transparenz herstellen. Sie ist auch nicht erstrebenswert. Gerade die fehlende Transparenz des anderen erhält die Beziehung lebendig.“ (Byun Chul Han, Transparenzgesellschaft, 2013)
In der Philosophiegeschichte wiederum hat Descartes im frühen 17. Jhd. die Grenze zur Außenwelt um das wahrnehmende Subjekt gezogen. Das Innen sind die res cogitans, die Dinge des Denkens, das Außen die res extensa, das Darüber-Hinausgehende. Er betonte: „Die Außenwelt könnte ein bloßer Traum sein.“
Diese Auffassung, die seit dem immer wieder als metaphysischer Solipsismus aufgetaucht ist, hat im Kontext der neurologischen und erkenntnistheoretischen Forschung des 20. Jhds. als radikaler Konstruktivismus neue Gestalt angenommen. Laut dieser Position konstruiert sich jedes Individuum aus einem eng begrenzten Ausschnitt äußerer Impulse ein inneres Bild der Welt, das niemals deckungsgleich sein kann mit den Bildern, die sich andere machen, geschweige denn, daß es die tatsächliche Wirklichkeit repräsentieren kann. Unser Bewußtsein entspräche nach dieser Auffassung auf Gedeih und Verderb der Höhle Platons, in der wir nur die Schatten einer Wirklichkeit betrachten können, die sich hinter uns abspielt, und wir diese Schatten mit der äußeren Wirklichkeit verwechseln.
Inzwischen haben die aktuellen Forschungen auf dem Gebiet der evolutionären Erkenntnistheorie und der Neurologie zwar überzeugende Modelle dafür geschaffen, auf welche Weise die Welt in unserem Inneren repräsentiert wird und sogar die Entstehung der Subjektivität und des Bewußtseins nachvollziehen können, doch bleiben es immer nur Beschreibungen der Prozesse, nicht der Inhalte und deren Qualität, die im Dunkel des subjektiven Empfindens verborgen bleiben.
Andererseits ist es gelungen, die sog. cartesianische Grenze, die zwischen Welt und Bewußtsein postuliert worden ist, die den Körper vom Geist trennen soll, als unzureichendes Modell zu erkennen. Vielmehr kann man von einem kontinuierlichen Übergang sprechen, einer Zone der Transformation von äußeren Dingen zur inneren Repräsentationen der Dinge, von dem Sichtbaren zum Unsichtbaren, von der Materie zum Geist, womit die Trennung überwunden und die Einheit von Bewußtsein und Welt, von Innen und Außen trotz ihrer Opposition wieder hergestellt wäre.
Das Innen definiert sich durch das Außen, das Außen durch das Innen, sie gehen ineinander über, wie die scheinbar einander gegenüber liegende Seiten eines Möbiusbandes oder wie die zwei Schlaufen des Unendlichkeitszeichens.
Nachdem sich Jeannette Fabis in ihrem bisherigen Werk intensiv mit den Schnittstellen von Innen- und Außenraum und deren Durchlässigkeit beschäftigt hat, vertieft sie dieses künstlerische Untersuchungsfeld in ihrer Installation „Gehäuse“ unter den Aspekten der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit.
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| Jeannette Fabis, "Gehäuse", Ausstellungsansicht, 2020 |
Der Ort ist ein Schaufenster, das explizit dazu dient, etwas sichtbar zu machen. Gleichzeitig stellt das Glas eine Grenze dar, die vorläufige Eigentumsrechte markiert. Allerdings kann diese Grenze mit entsprechenden finanziellen Mitteln durchlässig gemacht werden. Das besondere an dieser Grenze ist jedoch, daß sie nicht zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten liegt, dem wir mittels unserer Vorstellung eine Gestalt verleihen, die unseren verborgenen Ängsten oder Sehnsüchten entspricht, und wir uns so wiederum durch das, was wir jenseits der Grenze wähnen, selbst definieren.
Im Gegenteil: Das bestmöglich Sichtbar-Gemachte widersetzt sich solch einer Aneignung, da es keine Leerstellen für unsere Projektionen läßt und nicht umformbar ist. Es verliert, so Byun Chul Han, seine hermeneutische Tiefenstruktur und errichtet eine „Tyrannei der Sichtbarkeit“. Es wirkt sogar umgekehrt auf unsere verborgenen Ängste und Sehnsüchte ein und formt sie so um, daß wir glauben, das so gestaltete Begehren entspräche unseren primären Sehnsüchten, und wir überzeugt sind, wir bräuchten das Gesehene, um unser Selbst zu definieren.
Durch die Reduktion auf Oberfläche und ihre Sichtbarkeit kann das, was jenseits der äußeren Grenze im grellen Licht liegt, nicht dem entsprechen, was im Dunkel jenseits der inneren Grenze liegt. Solange beides im Verborgenen bleibt und wir die Inhalte des dunklen Unterbewußtseins jenseits der inneren Grenze auf das Fremde, Ungestaltete jenseits der äußeren Grenze projizieren können, ist es möglich, die unsichtbaren Inhalte des Inneren und Äußeren in Deckung zu bringen. Zwingt die Sichtbarkeit jedoch zu einer Umkehr der Projektion, und erhebt das sich selbst Projizierende Anspruch auf totale Objektivität, kann es nur eine vermeintliche Übereinstimmung geben, da nicht wir es sind, die den nur erahnten res extenses eine Form geben, die uns entspricht, sondern es die grell ausgeleuchteten res extenses sind, die sich von außerhalb den res cogitans aufdrängen, sie an sich binden und vorübergehend eine Gestalt aufzwingen, die eine Übereinstimmung von Innen und Außen suggeriert. Diese kann jedoch nur solange erhalten bleiben, bis sie sich, durch faktische Aneignung und Überschreitung der Grenze, als Illusion erweist.
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| Jeannette Fabis, "Gehäuse", Ausstellungsansicht, 2020 |
Das, was Jeannette Fabis hingegen ausstellt, ist kein Objekt, kein Ding, das auf diesem Wege unser kurzfristiges Begehren wecken soll, wie es sonst Dinge in Schaufenster tun. Denn sie stellt jenseits der sichtbar machenden Grenze eine unsichtbar machende Grenze aus. Sie lenkt den Blick explizit auf eine Trennung zwischen unserem Raum und dem, der jenseits des Schaufensters verborgen bleibt. So wie das Schaufenster durchlässig ist, ist auch die ausgestellte und sichtbar gemachte Grenze durchlässig, doch ist ihre Durchlässigkeit subtil. Das einzige, was von der einen zur anderen Seite dringt, sind Lichtpunkte, die jeweils den Raum dahinter erahnen lassen, ihn aber nicht zeigen. Der Raum jenseits der Grenze ist wieder ein Raum des Ungestalteten, offen für unsere Projektionen, womit die Migration der Bilder, die sich sonst vor einem Schaufenster ereignet, in ihrer Richtung umgekehrt wird. Das aus dem Raum dringende Licht, das nichts über den Raum verrät, läßt eine Repräsentation des Raums in unserem Inneren entstehen, die vor allem dem entspricht, was sich jenseits der inneren Grenze, also in unserem Unterbewußtsein abspielt. Nur so ist es möglich, unser Inneres wieder in Übereinstimmung zu bringen mit dem, was uns umgibt, bzw. daß wir uns über das, was wir nicht sind, was wir in unser Unterbewußtsein verdrängen und in die äußere Welt projizieren, definieren.
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| Jeannette Fabis, "Gehäuse", Ausstellungsansicht, 2020 |
Erst wenn dieser Austausch von Innerem und Äußerem, dieses Zusammenfallen von den dunklen Bereichen jenseits der inneren und der äußeren Grenze stattfindet, kann der Mensch seine Identität schließlich wieder an der Grenze vom Sichtbaren zum Unsichtbaren entlang modellieren und sich in der Welt beheimatet fühlen, dank des Unsichtbaren, Ungestalteten und Fremden, das uns erst ermöglicht, wirkliche Lebendigkeit zu erfahren.
© Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, Dezember 2020
Dienstag, 15. September 2020
Neuer Kurs der Schreibwerkstatt: Modul 1 ab dem 19.10.2020
Montag, 8. April 2019
Ab 6. Mai 2019: Neuer Kurs der Schreibwerkstatt in Hamburg - Altona
Freitag, 8. Februar 2019
Die Schreibwerkstatt in Hamburg-Altona: Neuer Kurs ab dem 11. März 2019
Montag, 10. Dezember 2018
Schreibwerkstatt in Hamburg-Altona: Neuer Kurs ab dem 7. Januar 2019
Montag, 24. September 2018
Dienstag, 18. September 2012
Schreibwerkstatt in Hamburg Altona: Neuer Kurs ab dem 23. Oktober 2012
Link zum aktuellen Kurs Mai 2022: (KLICK)
Der erste Abschnitt des Textprojekts "Von der Idee zum ersten Entwurf" beschäftigt sich vor allem mit dem Entwickeln guter Geschichten, der Gestaltung lebendiger Charaktere und dem Entwerfen von glaubwürdigen, aufregenden Konflikten sowie allgemeinen dramaturgischen und handwerklichen Problemen.
Die Unterrichtseinheiten werden begleitet von Hausaufgaben, in denen die Teilnehmer die erlernten Techniken ausprobieren können - gerne auch im Rahmen bereits bestehender, eigener Projekte. Die so entstandenen Texte werden in der Gruppe besprochen.
Die Tehmen im einzelnen:
• Schreibmotivationen
• Schreibmethoden
• Literarische Themen
• Charaktere: Protagonist und Antagonist
• Charakterisierung
• Charaktertiefe
• Konflikte und ihre Entwicklung
• Entwurf des Handlungsverlaufs
• Konfrontationen
• Plot und Gegenplot
• Spannungsbögen
• Das Setting: Zeit und Ort der Handlung
• Schauplätze
• Der Anfang
• Schreibhemmungen
Ort: Atelierhaus Breite Straße 70
Kursdauer: 2 Monate (8 x 2 Stunden)
Teilnahmegebühr: 120,- €
Zeit: Dienstags 19:30 - 21:30
Bei großer Nachfrage kann ein weiterer Kurs (Mo. oder Do.) eingerichtet werden.
Anmeldung unter: (siehe Kontaktdaten auf dem unten stehenden E-Flyer)
Freitag, 12. August 2011
Die horizontale und die vertikale Wirklichkeit
• Die horizontale Wirklichkeit
Die Automobilisierung ist im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einem lebensbestimmenden Faktor geworden; nicht nur aufgrund ihrer ökonomischen Bedeutung, sondern vor allem dadurch, wie räumliche Beziehungen und die Muster der Bewegung neu definiert worden sind.
Die Funktion des Automobils ist das Davonstreben in der Fläche, das Verlassen des einen Ortes, um einen anderen zu erreichen. Doch werden durch die horizontale Bewegung von A nach B nicht nur die beiden Orte miteinander verbunden. Durch sie wird vor allem die Entfernung zwischen ihnen manifest.
Die durch das Automobil determinierten, auf zwei Dimensionen reduzierten Bewegungsmuster formen zudem unsere Vorstellung von Ordnung und Regulation und dadurch unsere Wahrnehmung. Auf diesem Umweg ist das Automobil zum dominanten Faktor der Gestaltung des Lebensraums selbst geworden. Seine Funktionsweise etabliert Wahrnehmungsschablonen und verlangt spezifische Strukturen, denen sich die Lebensführung und unsere Weltwirklichkeit auf Gedeih und Verderb unterzuordnen hat. Es sind Systeme entstanden, die in der Kulturanthropologie als „strukturierende Strukturen“ bezeichnet werden.
Lebendige urbane und dörfliche Kontexte sind geprägt von Multifunktionalität, d.h. Konzentration verschiedenster Funktionen an einem Ort. Dazu gehört auch eine starke Durchmischung verschiedener sozialer und ökonomischer Gruppierungen. Im Zuge der Automobilisierung wurden diese multifunktionalen Kontexte zusehends auseinander gerissen.
Amerika erlebte vor der Weltwirtschaftskrise einen wahren Bauboom, eine direkte Folge der Automobilisierung. Durch das Auto war es möglich, außerhalb der Stadt zu wohnen und dennoch im Stadtzentrum zu arbeiten. Entsprechend wurden an den Rändern der Großstädte idyllische Einzelhaussiedlungen aus dem Boden gestampft. Bauwirtschaft und Immobilienspekulanten setzten einen ideologisierenden Werbefeldzug ohne gleichen in Kraft, der die wohlhabenden Bürger aus den Stadtzentren weglocken sollte. Dieser Trend, der sich bis heute fortsetzt, hatte eine ganze Reihe von drastischen Konsequenzen für die sozio-ökonomischen Gefüge der Städte: die Verödung der Zentren, die Konzentration von sozial schwächer gestellten Gruppen, die räumliche Trennung von Bevölkerungsteilen verschiedener Herkunft, den Beginn der Slum-Bildung, die Verschärfung sozio-ökonomischer Konflikte durch Fragmentierung der Gesellschaft und schließlich fortgesetzte Finanzkrisen gewaltigen Ausmaßes durch Immobilienspekulationen.
Ein in den deutschen Innenstädten seit langer Zeit besonders gut zu beobachtender Effekt dieser Entwicklung, ist der Tod des lokalen Einzelhandels zugunsten großer, spezialisierter, überregionaler Kaufhäuser und eine entsprechende Akkumulation von Kapital. In jüngster Zeit erleben wir außerdem eine Verdrängung sozial schwacher Gruppen aus den wieder attraktiv gewordenen Stadtzentren in leblose, durch den ÖPNV angebundene Trabantenstädte.
Das Ergebnis dieses Siegeszuges der horizontalen Wirklichkeit sind die weitgehende Monofunktionalisierung des Lebensraums, also die Trennung von Wohnen, Konsumieren und Arbeiten, sowie die Trennung von sozialen und ethnischen Gruppen. Die Gemeinwesen, die ehemals trotz sozio-ökonomischer Hierarschisierung wenigstens eine räumliche Identität teilten, wurden nahezu vollständig zerschlagen. Denn die Straßen zwischen den sozial unterschiedlich markierten Stadtteilen und Wohnvierteln verbinden sie nicht nur miteinander, sondern sie definieren auch die Entfernung zwischen ihnen. Sie machen das „Hier, nicht dort“ manifest und für jedermann erlebbar. Sie konkretisiert das Nicht-Zueinander-Gehören. Die Denkungsart, die von einem Leben in der horizontalen Wirklichkeit erzwungen wird, führt zu einer Fragmentierung des Lebens, zu einer Zerstörung des Gefühls einer Einheit des Lebensganzen.
• Die vertikale Wirklichkeit
Was bedeutet es hingegen, im Bewußtsein einer „vertikale Wirklichkeit“ zu leben? Natürlich sind die „Treppen“ des Jahresthemas nicht im wortwörtlichen Sinne zu verstehen. Sie stehen für keine profane, sondern vielmehr für eine metaphorische oder spirituelle Aufwärtsbewegung, die Bewegung auf eine Meta-Ebene, eine Bewegung, die durch ihre Nichtlokalität gekennzeichnet ist!
Die wichtigsten Aspekte der vertikalen Perspektive kann man sehr gut durch die zwei verschiedenen Blickrichtungen illustrieren, die durch sie ermöglicht werden, nämlich den Blick hinauf und den Blick hinunter:
Betrachten zwei voneinander getrennte Liebende im selben Moment den Mond, überwinden sie das horizontale Voneinander-Getrennt-Sein und sind in Gedanken beieinander. Die lokale Trennung wird aufgehoben durch das nichtlokale Ereignis, durch die Bewegung in die vertikale Wirklichkeit, das gedankliche Am-Selben-Ort-Sein.
Die Bedeutung des Blickes hinunter wird deutlich, wenn man sich eine Katze vorstellt, die versucht, das Muster eines Teppichs, auf dem sie sitzt, nachzuvollziehen, und nichts als ein regelloses Durcheinander einzelner Fäden erkennen kann. Erst wenn sie auf den Schrank gesprungen ist, fügt sich das scheinbare Chaos zu einem in sich geschlossenen Muster. Der verlorengegangene Überblick ist wieder hergestellt worden. Die Wirklichkeit, die durch das horizontale Auseinanderstreben zerrissen worden ist, wird wieder zusammengefügt.
Die Idee der nichtlokalen, vertikalen Wirklichkeit findet sich in nahezu allen Religionen der Erde als Idee des Weltmittelpunkts, der Weltachse oder der Himmelsleiter wieder, die den Aufstieg in eine übergeordnete Wirklichkeit ermöglicht, um von dort aus die gestörte Ordnung wieder herzustellen. Vor allem im nordasiatischen und nordamerikanischen Schamanismus ist diese Denkungsart exemplarisch zu beobachten.
Der Anthropologe Joseph Campbell, dessen Untersuchungen auf diesem Gebiet, neben denen von Mircea Eliade, bahnbrechend gewesen sind, zitiert in seinem Werk „Die Kraft der Mythen“ den Sioux Schamane Schwarzer Hirsch:
»Ich sah mich auf dem Berg in der Mitte der Welt, der höchsten Stelle, und ich hatte eine Vision, denn ich schaute die Welt auf heilige Art. [...] Doch der Berg in der Mitte ist überall.‹
Das ist eine wirklich mythologische Erkenntnis. Sie unterscheidet zwischen dem lokalen Kultbild, Harney Peak, und seiner Konnotation als Zentrum der Welt. Das Zentrum der Welt ist die Axis Mundi, der Mittelpunkt, der Pol, um den sich alles dreht« (Campbell 1989, 97).
Der Punkt, an dem der Übergang von einer Bewegung in der horizontalen Wirklichkeit zu einer Bewegung in die vertikalen Wirklichkeit stattfindet, ist nicht-lokal. Er ist ideeller Natur. Der Übergang kann sich immer und überall ereignen.
• „Kreuzungen und andere Gebilde“
Der Titel, den Elke Suhr für ihre Ausstellung gewählt hat, verweist zunächst auf die Kreuzungen in der Horizontalen. Von dem sich Bewegenden aus gesehen, sind Kreuzungen vor allem Orte des Konflikts. An ihnen gilt es, seine eigenen Interessen, das Streben in eine bestimmte Richtung, mit den Interessen anderer Verkehrsteilnehmer abzustimmen, sonst würde es zum Unfall kommen. Will man keinen Zusammenstoß riskieren, muß also der Raserei der horizontalen Wirklichkeit Einhalt geboten werden. Deshalb sind Kreuzungen Orte, an denen man zum Stillstand kommt - entweder an einer Ampel oder durch einen Unfall.
Doch gibt es auch die Kreuzung der horizontalen und der vertikalen Bewegungsrichtung. Auch für diesen Richtungswechsel muß die horizontale Raserei unterbrochen werden. Das Innehalten an der Kreuzung im Straßenverkehr ist immer existentiell und deshalb unterschwellig mit der Frage nach Transzendenz und der vertikalen Wirklichkeit verbunden. Man hält an, um nicht in einem Unfall zu sterben oder andere umzubringen. Kreuzungen zwingen den Menschen, sich mit dem eigenen Tod, der Sterblichkeit sowie der Endlichkeit der horizontalen Wirklichkeit und ihren Davonstreben auseinander zu setzen.
Es ist den Beharrungskräften geistiger Trägheit und dem menschlichen Konservativismus anzulasten, daß der Richtungswechsel in die vertikale Wirklichkeit meist erst durch einen Unfall erzwungen werden muß. Es muß eine schockartige Erweckung aus der horizontalen Raserei stattfinden. Neben dem alltäglichen Tod auf unseren Straßen bieten die Nachrichten zahllose grausame Beispiele solcher Unfälle im großen Maßstab, wie z.B. die Ölkatastrophe von Deep Water Horizon, die erschreckend wenig Konsequenzen gezeitigt hat, oder die Auswirkungen des Klimawandels und das Atomdesaster von Fukushima, die weltweit ein lange überfälliges, neues Denken anregen.
Man kann nicht ungebremst, bis in alle Ewigkeiten weiter rasen. Die fixe Idee des unendlichen Wachstums ist illusorisch und gefährlich. Automobiler Eskapismus ist kein Ausweg. Das horizontale Modell der Wirklichkeit hat abgewirtschaftet.
Aus diesem Grund thematisiert Elke Suhr in ihren Bildern immer wieder den Unfall, den Kataklysmus, der die Raserei zu einem jähen Stillstand bringt und einen erhöhten Blick auf eine auseinander gerissene Wirklichkeit erzwingt.
• Die Bildleiter
Die Bildleitern Elke Suhrs bestehen jeweils aus drei übereinander angeordneten, durch zwei seitlich angebrachte Leisten miteinander verbundenen Fotografien.In ihnen werden zunächst die Prinzipien „Straße“ und „Leiter“ einander gegenüber. Die Straße macht räumliches Getrenntsein von zwei Orten manifest. Die Leiter hingegen überwindet diese Trennung auf quasi-dialektischem Weg, denn sie braucht zwei voneinander getrennte Standpunkte, um eine Bewegung in die vertikale zu ermöglichen. Durch das Zusammenwirken der voneinander getrennten Standpunkte wird das horizontale Getrenntsein transzendiert.
(Bildleitern im Atelier Elke Suhrs, copyright E. Suhr, 2011)
Wie weiter oben schon erwähnt, ist die Leiter in zahlreichen Kulturen Symbol für spirituellen Aufstieg. Dieser Aufstieg beschreibt den Weg von einer profanen, stofflichen, horizontalen Wirklichkeit hinauf in eine geistige, umfassendere Wirklichkeit der Ideen, der Geister oder Götter. Diese Bewegung wird in den Bildelementen der Leitern nachvollzogen.
Auf den meisten Bildleitern von Elke Suhr wird im unteren Bereich das Konkrete, Irdische, oft auch ein Akt der Zerstörung abgebildet, z.B. das Aufbrechen einer Straßendecke, das wiederum ein Innehalten in der Raserei erzwingt. Die aufsteigenden Bilder gehen Schritt für Schritt den Weg in die Abstraktion, oft in Form digitaler Auflösungen. Auf der obersten Stufe finden wir nur noch die luftige Skizze, die gegenstandslose Geste, die reine Idee.
Auf einer anderen Bildleiter sehen wir eine menschliche Figur bei der mühevollen Überquerung der horizontalen Straße. Sie ist zwischen zwei Asphaltflächen eingespannt, deren querlaufende Mittellinien selbst wie Leiterholme wirken. Man gewinnt den Eindruck, als beobachte man den versuchten Aufstiegs eines orientierungslosen Menschen aus einer profanen, endlosen Ödnis hinauf in eine höhere Wirklichkeit; eine Konstellation, die an das Menschenbild des Thomas von Aquin erinnert, der den Menschen als ein Wesen begriff, das sich abmüht, von einem tierischen Zustand in einen engelsgleichen überzugehen, doch sich erst auf halben Wege dahin befindet.
• Die Malerei
Um die Malereien Elke Suhrs zu lesen, muß man zunächst verstehen, daß sie sich nicht mit der diskursiven Frage nach dem Bild an sich und seiner medialen Kontextualität beschäftigen, auch wenn sie sich verschiedener Zitate aus anderen Medienkontexten bedienen. Von Bedeutung sind in erster Linie die semantischen Inhalte, die inneren Bilder, die sie repräsentieren.
Die augenscheinlichste Besonderheit der Malereien ist die überraschende Wahl des Formats: das auf die Spitze gestellte Quadrat. Die Ecken der Bilder wirken dadurch wie Bewegungsvektoren. Das konventionelle und statische „Oben“ und „Unten“ ist einem dynamischen, drängenden „Hinauf“, „Hinunter“ und „zur Seite“ gewichen.
Als Bildinhalte sind immer wieder Kataklysmen gewählt, die die horizontale Raserei unterbrechen oder das Sinnlose des Glaubens an den eskapistischen Fetisch des Automobils deutlich machen. Man sieht Wagen, die wie Riesenspielzeug von der Gewalt des Tsunamis durcheinander geworfen sind, oder Autos, die in einen gewaltigen Strudel gezogen werden, hinab zum Nadir.
Man sieht ein einzelnes Wrack, wohl in einer Kollision umgeworfen, das schon zu Linien aus Staub zerfällt und dadurch in seine existentielle Unwirklichkeit und Bedeutungslosigkeit überführt wird. Aus dem Wrack steigt eine Treppe auf. Die Farben ihrer Stufen entsprechen den yogischen Chakren und den ihnen zugeordneten kosmischen Elementen. Sie beschreiben den Aufstieg von Erde über Wasser, Feuer, Wind und Äther bis zum Geist und schließlich zum allumfassenden Universum, der wiederhergestellten Einheit.
Auf einem anderen Bild tritt uns Dürers „Nemesis - Das große Glück“ entgegen, eine Allegorie in Anlehnung an ein Gedicht des Renaissancedichters Angelo Poliziano, der die kataklystische Rachegöttin Nemesis gleichsetzt mit der Glücksgöttin Fortuna, die zwar Glück schenkt, aber gleichzeitig für die, die das rechte Maß nicht kennen, Vernichtung bringt.
Zwischen all diesen Kräften, die Elke Suhrs Bilder in alle Richtungen zu zerreissen scheinen, entdeckt man erst nach einigem Betrachten ein weiteres Element, das allen zu eigen ist: Es ist eine gestische Schleife, die alle anderen kompositorischen Elemente durchwirkt, als ob mit ihr die auseinander strebenden Vektoren, die von selbstverschuldeten Katastrophen zerrissene Wirklichkeit zusammengehalten werden soll. Etwas in den Bildern ringt, allem Wahnsinn zum Trotz, um die Wiedererlangung der verlorenen gegangenen Einheit.
In der alchimistischen Symbolik, auf die Elke Suhr in ihrem Werk immer wieder referiert, findet sich ein analoges Zeichen: das Bild der in sich verschlungenen Schlangen. Es steht für den verbindenden, schöpferischen Akt, für den Ausgleich zwischen dem männlichen und weiblichen Prinzip. Die Schlangen, gleichwohl wie die gestischen Schleifen, erfüllen dieselbe, oben angesprochen Funktion der Leiterholme: sie überwinden das lokale (auch sozio-ökonomische) Getrenntseins zugunsten nichtlokaler Transzendenz. Sie ermöglichen den Aufstieg in eine höhere, vertikale Wirklichkeit, die den Blick für die verloren gegangen Einheit öffnet.
Dr. Thomas J. Piesbergen, Mai/August 2011
Literatur:
• Thomas von Aquin, Über die Einheit des Geistes, Stuggart, 1987
• Joseph Campbell, Die Kraft der Mythen, Zürich, 1989
• Mircea Eliade, Schamanismus und archaische Extasetechniken, Frankfurt a.M., 1975
• Anthony Giddens, Central Problems in Social Theory: Action, Structure and Contradiction in Social Analysis, London, 1979
• James Howard Kunstler, Geography of Nowhere, New York, 1993
• Hans A. Pestalozzi, Nach uns die Zukunft, München, 1982
• Thomas Piesbergen, Der kontextuelle Raum, Oxford, 2007
• Thomas Piesbergen, Ein Modell zur Genese kosmologischer Konzepte und ihrer Repräsentation im Raum, in:
Müller-Scheeßel (Hg.), Der gebaute Raum, Münster, 2010
• Matthias Rösener, Dialektik der Kontrolle, Münster, 1998
• Richard Sennet, Verfall und Ende des öffentlichen Lebens, Frankfurt, 1986






