Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an.
März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3
Oktober-Dezember: Kursabschnitt 1 / Januar-Februar: Kursabschnitt 2
Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de


Donnerstag, 30. August 2012

St.Pauli Folk Festival 2012: Programm

13. - 15. September 2012
Fools Garden
Lerchenstraße 113

Seit nun 6 Jahren bricht das St.Pauli Folk Festival eine Lanze für den Homegrown- und Handmade-Sound an der Elbe und stemmt sich wacker gegen den Geschmack der Massen und die großen Konkurrenten. Tummelplatz des akustischen Aufgebots wird zum dritten mal die wunderbar schummrige Bühne des Fools Garden im Hamburger Schanzenviertel am Nordrand von St.Pauli sein.

Nachdem die Genregrenzen beim Festival 2011 zum Jazz und Avantgarde geweitet wurden, steht in diesem Jahr der Americana-Sound wieder ganz im Vordergrund: Bluegrass, American Folk, Honkytonk, Blues, Old-Time Music und Alternative Country. Und das, wie auf dem St.Pauli Folk Festival üblich, frei von abgehangenen Klischees und gewürzt mit Abseitigem, Skurrilem und Unerwartetem.

In der Tradition der „Basket Shows“ ist der Eintritt - wie immer - frei.

Donnerstag, 13.9.2012 / 20:30


- malinamoon
- Strange Moon
- The High Road
- House on a Hill
- Mono Lüüd

Freitag, 14.9. 2012 / 20:30


- The Memory Four
- Jesco Schneemann
- Honey & Steel
- R. J. Schlagseite & The Thin Ice Stompers
- Hasty Medicine

Samstag15.9. 2012 / 20:30

- Marvel at Elephants
- Jan Warda
- Tennis
- Strange Country
- Im Wohnzimmer

Programmdetails siehe unter:
St.Pauli Folk Festival - Blog

Mittwoch, 20. Juni 2012

Sieben Entscheidungen: "Entscheidung am Pilatus Creek" von Thomas Piesbergen

In den folgenden Posts stellen wir sechs der sieben Geschichten vor, die auf der ersten Lesung des Textprojekts unter dem Titel "Sieben Entscheidungen" vorgetragen worden sind.
 
Die Geschichte von Kursleiter Thomas Piesbergen, wurde bereits im April gepostet und ist unter dem folgenden Link zu finden:

Entscheidung am Pilatus Creek




Sieben Entscheidungen: "Inga" von Antonia Michael

„Peter Alexander, Haxen auseinander, Haxen wieder zam und du bist dran“

Ich sah Inga von einer Bank aus zu, wie sie auf der Schaukel saß und immer wieder den Kinderreim aufsagte. Wieder und wieder, stets mit der gleichen Betonung. Dabei stocherte sie lustlos mit einem Stock über die festgetretene Erde unter ihren baumelnden Füßen. Fünf Minuten, zehn, eine Viertelstunde – egal, denn wenn wir eines hatten, dann war es Zeit. Jedenfalls heute.

Erst als der Wind auffrischte fiel mir auf, dass die Schaukel quietschte. Ich schaute auf die Uhr – zwanzig nach elf. Es war Zeit. Zittrig stand ich auf, ignorierte den stechenden Schmerz im Rücken, kramte in meiner Handtasche, zog die Lippen nach und strich mir die Falten aus dem Sommerkleid . Nur die Ruhe. Egal wie gut ich heute aussehe, sie würden mich hassen. Menschen wie mich mag man einfach nicht.

„Inga, wir müssen los!“, rief ich und lief über den gepflegten Rasen hinüber zur Schaukel. Als Inga mich bemerkte hellte sich ihr Gesicht auf und ihre hellblauen Augen strahlten.

„Du“, sagte Inga. Es war weder eine Begrüßung noch eine Frage, sondern vielmehr eine Art Feststellung. In letzter Zeit war ihr ein kurzes „Du“ zur Gewohnheit geworden. Sie streute es bei vielen Gelegenheiten ein: morgens beim Aufstehen, beim Zähneputzen, am Mittagstisch oder abends auf der Couch. Mit diesem kleinen Wörtchen schien sich Inga zu vergewissern, dass da außer ihr noch jemand war.

„Genau“, antwortete ich, packte Inga unter einem Arm und half ihr von der Schaukel. Hand in Hand gingen wir langsam über die Wiese in Richtung Eingang. Ingas Hand war kühl und trocken und ihre Haut fühlte sich an wie Butterbrotpapier. Mit dem Daumen strich ich über ihre Finger.

Bei jedem Schritt federte der weiche Rasen unter unseren Füßen. Inga gluckste, mir wurde flau im Magen.

An der Stirnseite der Rasenfläche erhob sich ein strahlend weißes Herrenhaus. Von dem Vorplatz führte eine Freitreppe hinauf zu einer prachtvollen Flügeltür. Durch zahlreiche hohe Sprossenfenster konnte ich mintgrüne Vorhänge sehen und in den oberen Stockwerken schmiegten sich geschwungene, schmiedeeiserne Balkone an die Fassade.

Idylle, abgeschieden vom Rest der Welt, ein eigenes kleines Universum, Ruhe, Regeln, Ordnung – das war es, was Inga jetzt brauchte. Ja, genau das! Ich atmete tief durch, packte Inga fest am Oberarm und stieg mit ihr Stufe für Stufe die Treppe hinauf. Ich kam nicht außer Puste, aber mein Herz schlug mir trotzdem bis zum Hals.

Als wir durch die schwere Eingangstür traten, war es drinnen angenehm kühl. „Ahh“, machte Inga und just in diesem Moment schoss hinter einem hohen Empfangstresen ein kleiner Kopf in die Höhe. Er gehörte zu einer jungen Frau, mit strengem Pferdeschwanz und einer Spur zu viel Make-up.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie mit leicht slavischem Akzent. 

„Ähm, ich bin hier mit Inga Paulsen.“

„Ach ja. Wir haben sie schon erwartet“. Ich meinte Tadel in der Stimme hören zu können.

„Mein Name ist Magdalena und ich heiße Sie herzlich bei uns willkommen“. Dabei tänzelnde sie mit schwingenden Hüften um den Empfangstresen herum und streckte mir ihre Hand entgegen. Magdalenas Mund lächelte, ihre Augen nicht.

Da war sie also, die leise lodernde Feindseligkeit, auf die ich gewartet hatte. Schön verpackt in einem makellosen Körper, mit dickem Lidstrich und roten Lippen.

„Freut mich. Ich bin Helene.“

Kurzes Händeschütteln, beidseitiges Nicken und schon beugte sich die schöne Magdalena anmutig zu meiner Inga herunter. Die stand noch immer brav neben mir und sah sich staunend  in der Eingangshalle um.

„Du musst Inga sein“ sagte sie mit lieblich säuselnder Stimme und fuhr ihr mit langen Fingern durchs helle Haar.

Inga drehte sich zu Magdalena um und schenkte ihr ein freundliches Lächeln. Es war so offen, herzlich und unvoreingenommen, wie es nur Kinder zu Stande bringen.

„Dann wollen wir mal. Schauen wir uns zusammen das Zimmer an. Es wird dir gefallen. Es gibt ein großes Bett, einen schönen Schrank und sogar einen Balkon. Das ist doch was, oder?“ Dabei drehte sich Magdalena zu mir um und zog erwartungsvoll die Augenbrauen nach oben.

„Schön“, meinte ich und folgte den beiden die Treppe nach oben in den ersten Stock. Magdalena führte Inga am Arm und redete über irgendwelche Nachmittagsaktivitäten. Mir fiel der dunkelrote Teppich auf. Er war überall ausgelegt, in den Fluren genauso wie auf der Treppe. Weich, flauschig, dumpf. Geräusche? Fehlanzeige. Der dicke Plüschboden schluckte einfach alles. Es war fast so als sauge er auf, was nur ansatzweise Lärm gemacht hätte: kein Gemurmel, kein Lachen, kein Niesen, keine Musik und schon gar kein Getrampel. Stattdessen herrschte die angespannte Stille wie in einem Luxushotel. Bloß nicht auffallen und die anderen Gäste stören. Schön die Klappe halten, nicht aus der Reihe tanzen und brav die ungeschriebenen Gesetze befolgen.

Doch Magdalena schien sich einen Dreck um diese Gesetze zu scheren. Sie plapperte fröhlich weiter während sie Inga geschickt durch die Flure lenkte. Schließlich öffnete sie eine der vielen Türen und führte sie hinein.

Als ich das Zimmer betrat saß Inga schon auf dem großen Bett und wippte vergnügt auf der Matratze. Verschmitzt lächelte sie mich an, nur um sich dann weiter umzusehen.

Für sie war das alles ein großes Abenteuer. Wobei ich mir sicher war, dass sie so gut wie gar nichts davon verstand. Aber weiß heißt schon verstehen und was ist schon verrückt und was ist normal?
Manchmal stellte ich mir vor, dass alles in Ingas Kopf einen Sinn ergab – nur eben einen anderen als beim Rest der Welt. Einen ganz eigenen Sinn. Einen gelasseneren.

Vor ein paar Monaten saßen wir zusammen mit meinem Bruder in der Küche. Inga starrte auf ein Portrait von Till und mir und er fragte dann: „Na, kennst du die beiden auf dem Foto?“

Fast schon entsetzt schaute Inga Till an und meinte: „Natürlich, das bist doch du!“

„Und das Mädchen da?“

Überlegen. Stille. Dann: „Na, mit der bin auch irgendwie verwandt.“

Das hatte mich damals weniger getroffen, als ich erwartet hatte. Seltsam, denn ich hatte wirklich lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass ich sie anzog, sauber machte, ihr Essen kochte, ihr vorlas, hinter ihr her räumte, her putzte, hinter ihr die Haustür abschloss, wenn ich ging sie einschloss, allen Nachbarn Bescheid sagte, ihr Schmerzpflaster auf den Rücken klebte, ihr Tabletten gab, fast täglich ihre Klamotten wusch und ihre Windeln wechselte. Nein. Die Sache mit den Windeln war mir nur allzu bewusst. Die wünschte ich mir so schnell wie möglich zu vergessen.

Trotzdem – wir waren ein Team. Ich funktionierte, damit die Welt nicht aus den Fugen geriet und Inga war damit beschäftigt, die Fugen in ihrem Geist zu ignorieren und den Rissen des Vergessens auszuweichen.

Oft hatte ich schon den Eindruck, dass der Mensch im Laufe seines Lebens immer starrer würde. Der Körper wird steif, der Geist verfestigt sich und kann mit vielem nichts mehr anfangen. Nicht so bei Inga. Ihr Geist war wie der einer Fünfjährigen: quirlig, unvoreingenommen und fließend.

Sie war plötzlich so liebenswert, wie sie da auf der Bettkante saß und mit staunenden Blicken ihre Umgebung erkundete. So unschuldig und so zerbrechlich. Meine Mutter.

„Ich kann nicht“, quoll es aus mir heraus, meine Wangen wurden heiß und Tränen vernebelten mir die Sicht. Ich musste raus, verließ das Zimmer.

Als ich im Flur war bemerkte keiner, wie ich mich auf den Teppichboden setzte. Er schluckte mein Schluchzen und saugte meine tropfenden Tränen auf. Es roch nach Mittagessen und Desinfektionsmittel.

In diesem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass meine Mutter jetzt aus diesem Zimmer kam, mich in die Arme schloss und meinen Kopf an ihre warme Schulter drückte. So gerne hätte ich ihre warme Haut gespürt. So gerne hätte ich ihr von diesem schrecklichen Tag erzählt, mich von ihr trösten lassen, nur um dann mit ihr darüber zu lachen. Danach wären wir aufgestanden, in die Stadt gefahren und hätten uns bei unserem Lieblingsitaliener mit frischen Muscheln und reichlich Weißwein einen schönen Abend gemacht. Wir hätten gekichert, diskutiert und Pläne fürs Wochenende geschmiedet.

Die Zimmertür öffnete sich und Magdalena kam heraus. Langsam ließ sie sich neben mir an der Wand herunter rutschen, fasste in ihre Hosentasche und zündete sich eine Zigarette an.

„Auch?“

Wir schauten uns an und Magdalena meinte: „Hier darf man eigentlich alles. Man muss es nur machen.“ Als ich nicht reagierte, steckte sie Zigarettenschachtel und Feuerzeug wieder ein. Ich wollte mich nicht mir ihr unterhalten.

Und so saßen wir einfach nur da. Zwei Fremde in einem Flur.

„Ist doch ok“, sagte sie, als die Zigarette fast aufgeraucht war. Magdalena nahm noch einen Zug. Dann stand sie auf, öffnete die Tür und drehte sich zu mir um.

„Geh jetzt. Aber komm wieder.“

(Lektorat: Thomas Piesbergen)

Sieben Entscheidungen: "Cashback" von Frank Küppers

Die Bässe wummern marschmusikartig den Song „Reise, Reise“. Die Türen des schwarzen Mustangs erzittern. Kurt hämmert mit der flachen Hand im Takt auf das Lederlenkrad. Das kleine Rinnsal Schweiß vom Hals bis zum Bauchnabel teilt sein olivfarbenes T-Shirt in zwei Hälften. Genauso fühlt er sich, zweigeteilt. Sein über die Jahre füllig gewordener Körper vibriert vor Unruhe. Geplant hat er es tausend Mal, doch jedes Mal hatte ihn im entscheidenden Moment der Mut verlassen. Heute morgen ist es anders gewesen.
Der Weg zurück vom Supermarkt. Die Abkürzung vorbei an den heruntergekommenen Gewerbehöfen. Der hastige Biss in die Schokolade. Und plötzlich taucht sie vor ihm auf, wie eine Fatamorgana vor dem Verdurstenden: die Chance, von der er so viele Jahre kaum noch zu träumen gewagt hat. Er denkt nicht nach. Sein massiger Körper setzt sich auf den kurzen Beinen in Bewegung. Trotz der tarnenden Fettschicht hat er sich gut in Schuss gehalten, seinen Körper gepflegt wie eine Maschine, die auf ihren letzten, alles entscheidenden Einsatz wartet. Er hat dem alten Mann, der ihm seit vielen Jahren aus dem Spiegel entgegenblickt, nur oberflächlich Platz gemacht! Und es hat sich gelohnt. Er spult die Handlungen perfekt ab. Jeder Handgriff, jede Bewegung sitzt, so wie es Kurt in zahlreichen Filmen gesehen hat.
Inzwischen rauschen flachere Gebäude am leicht beschlagenen Fahrerfenster vorbei. Über ihm kreist ein Hubschrauber. Hat seine Frau etwas bemerkt? Lässt sie ihn schon suchen? Unmöglich. Trotzdem beschleunigt sich sein Puls. Keine Panik. Erinnere dich. Du hast gelernt deine Gefühle zu beherrschen, damals im Einsatz. Du hast es überstanden, dann wirst du auch das hier überstehen. Irgendwann wird dich die Schuld wohl heimsuchen, wird mit stetem Tropfen deine Träume aushöhlen. Dann entscheidet sich, wer ein Mann ist. Du wirst wahnsinnig oder kommst damit klar. Aber nicht jetzt! Ist es wirklich so einfach? Vielleicht.
Das erste Etappenziel seiner Erlösung rückt näher, der Wald. Kurt wechselt die Kassette. Sein Enkel hat ihm neumodisches Zeug auf eine, wie er es nannte, überholte Technik gespielt. „Habe ich aus dem Deutschen Museum geklaut“ hatte auf der Karte zu seinem 79. Geburtstag gestanden. Der Bengel.
Das Staccato der Hiphop-Beats pulsiert durch seine Nervenbahnen. Er fühlt sich jung, energiegeladen. Niemals den Schneid verlieren! Gegen dich ist dieser Batman eine Flasche! Kurt lächelt. Die letzten Häuser rauschen vorbei, dann drängt sich nur noch das Unterholz bis nah an die Leitplanken. Die Sirenen von Polizei und Feuerwehr, das dumpfe Dröhnen der Stadt verflüchtigen sich. Der perfekt gepflegte Traum von einem Wagen reißt routiniert die Kilometer ab. Kurt hat den Autopiloten eingeschaltet.
Sein Puls verlangsamt sich. Die Landschaft fließt gleichförmig und beruhigend an ihm vorbei. Er streichelt das narbige Leder des Beifahrersitzes. Es fühlt sich an wie neu, es riecht wie neu. Sie hasst das Auto. Hat es immer gehasst. Der Einsteigeradius ist ihr zu eng, die Sitzhöhe zu tief, die Anschnallgurte schneiden ihr in den Busen. Aber was weiß sie denn schon! Du hättest dein Alter nicht akzeptiert, sagt sie! So ein Unsinn! Nicht zugelassen hast du es. Nur weil es nun auch sie langsam einholt. Doch sie hat nur ihr Mundwerk, ihre Unzufriedenheit und ihre Herrschsucht! Wie oft hast du dir gewünscht, der Mustang hätte eine Schleudersitzfunktion. Damit ist es nun vorbei, nach 31 Ehejahren kann der Platz neu besetzt werden. Irgendein junges Ding in der Provinz wirst Du mit dem Auto doch wohl rumkriegen. Kurt Friedrich Wilhelm sieht mit den sonnenbeschienenen Wolken ein neues Leben über dem Horizont aufziehen.
Hiltrud streicht sich die geblümte Schürze glatt und kontrolliert mit einen starren Blick die desinfizierten und polierten Oberflächen ihrer Küche. Nur noch 15 Minuten bis zum Mittag und er ist noch immer nicht zurück. Wie soll sie bloß ohne Butter eine Mehlschwitze anrühren? Das kann er ihr gerne  einmal erklären! Sicher drückt er sich wieder in dieser Seitengasse beim Supermarkt herum und stopft sich heimlich mit Schokolade voll, dieser Kindskopf! Als wenn sie nichts von seinen Fresseskapaden wüsste. Ein Blick auf den Kassenbon reicht ihr. 31 Jahre hinterlassen kaum Geheimnisse. In Gedanken. Blitzeblank. Sie streift die Gummihandschuhe ab. Diese scheußlichen Altersflecken! Sie stützt ihre Hände in die schlanken Hüften, dreht sich schwungvoll auf dem Absatz und steuert Richtung Wohnzimmer.
Der Radetzki-Marsch ertönt. Eine dieser lächerlichen Ideen von Kurt, statt einer normalen Türglocke so ein modernes Ding mit Selbstaufspielmodus zu kaufen! Draußen steht ihre Nachbarin Nicole Heizinger mit ihren 2 Kindern. Sie ist bleich, außer Atem.
"Könnten Sie bitte auf die Kids aufpassen? Ich muss sofort weg! Die Bank meines Mannes ist überfallen worden!"
"Oh Gott, ist etwas passiert?"
"Sven hat einen Schock. Er musste den Tresor öffnen. Sie haben ihm eine Waffe an den Kopf gehalten! Aber die Polizei hat die Täter schon dingfest gemacht! Diese Dreckskerle!“
Sie fängt an zu weinen. Dann drückt sie Paul und Carla zum Abschied und hastet ohne eine Antwort abzuwarten los. Hiltrud schaut ihr nach. Da steckt Kurt also. Typisch! Lauert mit den anderen Gaffern auf den winzigsten Tropfen Blut, anstatt nach Hause zu kommen. Hiltrud verzieht das Gesicht und nimmt die beiden Kinder an die Hand.

Wie eine unendliche Kette von zukünftigen Versprechungen zieht sich der Mittelstreifen über das graue Asphaltband und rauscht unter ihm davon. Ein allzu bekanntes Brennen reißt Kurt aus seinen Tagträumen. Pissen! Ja, Hiltrud hasst diese Ausdrücke, aber so nennt es der Männerverein, dem du Jahrzehnte deines Lebens gedient hast, und so heißt es eben auch auf gut Deutsch! Aber dieser plötzliche, unerwartete Drang bedeutet noch etwas anderes. Kurt wird heiß und kalt: Er hat vergessen seine Tabletten zu nehmen. Da ist es wieder, das alt bekannte Gefühl der Schwäche. Wie konntest Du es nur vergessen? Kurt wird mit einem Mal unsicher. Noch könntest Du das Steuer rumreißen, nach hause fahren. Niemand würde den Ausflug bemerken. Du könntest wie immer über den lähmenden Verkehr oder die Riesenschlange an der Supermarktkasse stöhnen.
Seine Knochen werden auf einmal schwer, die Augen müde. Das Brennen im Unterleib wird stärker und sucht sich erbarmungslos seinen Weg. War dort nicht eine frisch geschlagenen Schneise? Er wendet sich um, doch sein Hals ist in den tiefen Polster steif geworden.
Im Zurückdrehen sieht er, wie sich ein Holz beladener Laster auf die Straße schiebt. Zu spät. Instinktiv löst Kurt den Sicherheitsgurt und wirft seinen Oberkörper auf den Beifahrersitz. Der Schaltknüppel bohrt sich zwischen zwei Rippen. Etwas gibt nach, bricht. Alles oberhalb der Motorhaube verwandelt sich in ein Inferno aus splitterndem Glas und Metall. Dann die Stille. Ein stechender Geruch nach Benzin, Öl und Scheibenwaschwasser schwängert die Luft. Der zweite Atemzug füllt den Brustkorb mit einem stechenden Schmerz und dem Duft nach frischgeschlagenem Holz. Nur noch ein klein wenig so verweilen. Die Schläfe ruht auf dem kühlenden Metall der 45er Magnum. Das kleine Rinnsaal aus Blut und Spuke, das nun sein T-Shirt teilt, bemerkt Kurt nicht.

Durch einen Spalt in dem zerknäuelten Blech sieht er die herbeigeeilten Waldarbeiter. Doch sie beachten das Wrack kaum. Sie sehen zum Himmel, wie Kinder, die Schnee im Sommer anstaunen. Ein Konfettiregen aus unzähligen Hundertern und Fünfzigern wie bei der Ehrenparade auf der 5th Avenue geht auf die Straße nieder. Komm, raff Dich auf! Wie diese Superhelden musst du aus dem Wrack kriechen, mit einem kalten Grinsen! Doch die alte Maschine will nicht mehr gehorchen. Jetzt kommen die Sirenen wieder näher. Kurts blutverschmierte Hand umklammert den Griff. Hättest du doch wenigstens deine Hiltrud noch einmal zum Abschied geküsst. Mit einem letzten Lächeln denkt er an die zwei Bankräuber, wie sie krampfhaft versucht haben, ihren Wagen in der dunklen Seitenstrasse zu starten. Sie haben ihn gar nicht kommen hören.

(Lektorat: Thomas Piesbergen)